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8.557808 - Guitar Recital: David Martinez
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David Martinez - Gitarrenrecital
Scarlatti • Regondi • Bach • Aguada • Sainz de la Maza • De Lucia • Tárrega

Domenico Scarlatti (1685-1757)
Sonate K 208
Sonate K 209
Sonate K 32
Sonate K 27

Domenico Scarlatti, im selben Jahr wie J.S. Bach und Händel geboren, war Neapolitaner, ließ sich aber auf der iberischen Halbinsel nieder, zunächst in Portugal, später in Spanien, wo die Rhythmen und Klänge der Gitarre in viele seiner 555 Cembalosonaten einflossen. Diese zweisätzigen Stücke, die nichts mit der späteren Sonatenform gemein haben, lassen sich hervorragend für die Gitarre transkribieren. In ihrer urprünglichen Form bedeuten sie einen erstaunlichen Fortschritt der Cembalotechnik und sind für einen Sologitarristen so gut wie unspielbar, da eine einzige Note den Einsatz zweier Finger erfordert. Eine beträchtliche Anzahl der Scarlatti-Sonaten profitiert jedoch von dem weiten Ausdrucksspektrum, das ihnen die Gitarre angedeihen lässt.

Die Sonate K 208 ist dafür ein anschauliches Beispiel – eine Melodie, die sich nach Belieben des Interpreten mit barocken Verzierungen ausschmücken lässt, wenngleich dabei die Gefahr besteht, Scarlattis sublime Schlichtheit der Inspiration zu zerstören. Ein gewisses Maß an Verzierung war freilich auf dem Cembalo unabdingbar, das noch weniger als die Gitarre in der Lage ist, eine Note klangvoll auszuhalten. In der kontrastierenden Lebhaftigkeit der Sonate K 209 besteht dazu weniger Anlass. Die Arpeggio-Figuren, mit denen die Sonate K 32 beginnt, lassen an die heute so beliebten Flamenco-Klänge denken. Nicht nur in dieser Sonate, sondern auch in K 27 ist der Einfluss der Gitarre auf Scarlattis Kompositionsweise unverkennbar; es verwundert daher kaum, dass seine Musik bei Gitarristen als ausgesprochene Goldgrube gilt.

Giulio Regondi (1822-1872)
Introduction et Caprice op. 23

Der aus Italien gebürtige Regondi, von seinem Adoptivvater als Wunderkind ausgebeutet und später von ihm getrennt, verbrachte den größten Teil seiner späteren Karriere in England, wo er als Gitarrenvirtuose und Komponist von Sologitarrenwerken in bester romantischer Tradition eines Chopin und Schumann berühmt wurde. Verbunden ist sein Name aber auch mit einem seinerzeit neuen Instrument, der Wheatstone- Concertina, die er wie die Gitarre virtuos beherrschte und mit zahlreichen Kompositionen konzertfähig machte.

Regondis Introduction et Caprice für Sologitarre, typisch für seine besten Arbeiten, ist ein Echo der großen romantischen Komponisten der Jahrhundertmitte, aber in dem poetisch-rhapsodischen Überschwang auch ein ausgesprochen individuelles, für die Gitarre nachgerade ideales Werk. Chopin und Schumann hinterließen keine Kompositionen für dieses Instrument; umso mehr sind Gitarristen Regondi zu Dank verpflichtet, etwas von der Musiksprache dieser großartigen Meister durch seine Kompositionen gewissermaßen stellvertretend für die Gitarre zugänglich gemacht zu haben.

Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Präludium, Fuge und Allegro BWV 998

Wenn Werke von J.S. Bach heute auf der Gitarre gespielt werden, dann handelt es sich um Transkriptionen. Doch gibt es bei Bach Kompositionen, z.B. die so genannten „Lautensuiten“, deren Klangcharakter sie für die Gitarre, das moderne Äquivalent der altehrwürdigen Laute, geradezu prädestiniert, sodass man nur schwer zu glauben vermag, dass sie nicht original für Laute geschrieben wurden. Bach besaß ein sog. „Lautenwerk“, ein zeitgenössisches Tasteninstrument, dessen Klang wie beim Cembalo durch Anreißen der Saiten erzeugt wurde, aber mit Darm- statt Metallsaiten bespannt war. Der erzeugte Klang ähnelte dem der Laute, und so gilt es als wahrscheinlich, dass Bach diese lautenähnlichen Stücke für ein solches Instrument schrieb. Die drei wohlproportionierten Sätze Präludium, Fuge und Allegro BWV 998 gehören zum Standardrepertoire für Gitarre.

Dionisio Aguado (1784-1849)
Andante und Rondo

Der spanische Komponist Dionisio Aguado und sein katalanischer Zeitgenosse Fernando Sor waren während ihres Paris-Aufenthalts Rivalen um die Gunst des Publikums, was sie jedoch nicht daran hinderte, gute Freunde zu werden, die sich sogar eine Wohnung teilten. Als Interpreten bedienten sie sich zwar unterschiedlicher technischer Methoden – Aguado spielte mit den Fingernägeln der rechten Hand, Sor ohne –, erreichten aber beide höchste technische Brillanz.

Als Komponist hatte Sor, der aus der Montserrat- Schule hervorgegangen war, eine lebenslange Vorliebe für den vierstimmigen Satz und pflegte die Sonatenform seiner klassischen Vorgänger. Aguado bediente sich meist der zweiteiligen Form, in der ein schneller Satz auf einen langsamen folgt. Ein Beispiel für dieses Formprinzip ist sein Andante und Rondo. Im Gegensatz zu Regondi waren weder Aguado noch Sor echte Romantiker; ihr Leben reichte jedoch noch weit genug ins Zeitalter der Romantik hinein, um einige Einflüsse aufzunehmen.

Regino Sainz de la Maza (1896-1981)
4 Danzas Cervantinas (nach Gaspar Sanz):
Folias
Españoleta
Marizapolos
Canarios

Regino Sainz de la Maza, ein bedeutender Gitarrist, Komponist und Lehrer, hat sich nicht zuletzt als Uraufführungsinterpret des meistaufgeführten Gitarrenkonzerts, Rodrigos Concierto de Aranjuez, in den Annalen der Musikgeschichte verewigt. Viele seiner Kompositionen basieren auf dem Flamenco, aber auch von der Barockmusik ließ er sich inspirieren. So sind z.B. die vier Danzas Cervantinas eine Hommage an Gaspar Sanz (1640-1710), den Großmeister der Barockgitarre. Die Tänze lassen sich mit einigem Können effektvoll von den fünf Doppelsaiten des barocken Instruments auf die sechs Einzelsaiten des modernen Prototyps übertragen. Von einer historisch authentischen Aufführungspraxis konnte zu der Zeit, in der Sainz de la Maza diese Stücke bearbeitete, noch keine Rede sein; heute würden sie vermutlich anders klingen.

Paco de Lucia (geb. 1947)
Fuente y Caudal (Tarantas)

Kein anderer Gitarrist hat in jüngster Zeit größere Berühmtheit erreicht als Paco de Lucia. Mit seiner stupenden Technik und mitreißenden rhythmischen Brillanz hat er in der Welt des Flamenco neue Maßstäbe gesetzt. Bei einem derart grandiosen Vorbild konnte es nicht ausbleiben, dass sich sogar klassische Gitarristen an seinen spieltechnischen Möglichkeiten zu orientieren begannen.

Fuente y Caudal (Quelle und Fluss) ist der Haupttitel eines höchst erfolgreichen Albums, das Paco de Lucia 1973 produzierte. In diesem seriösen Essay in Tarantas-Form verlangen die Melodien mit ihren in sich verschlungenen Figurationen vom Interpreten größte technische Brillanz, während sie dem Hörer ein wahres Flamenco-Erlebnis bescheren. Man sollte diese Form nicht, wie es häufig geschieht, mit dem Tarantos verwechseln, einem vom Namen her fast identischen Tanz, der außer denselben harmonischen Fortschreitungen jedoch keinerlei Ähnlichkeit mit dem Tarantas besitzt.

Francisco Tárrega ( 1852-1909)
Recuerdos de la Alhambra
Lágrima

Tárrega war zweifellos der überragende Gitarrenkünstler des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts. Er war nicht nur ein gefeierter Interpret, sondern machte sich auch durch technische Neuerungen einen Namen: So entwickelte er u.a. die Torres-Gitarre (ein größeres als bis dahin gebräuchliche Instrument) und revolutionierte Spielhaltung, Sitzposition, Lagentechnik und vieles anderes mehr. (Seinem berühmten Fußhocker ist inzwischen jedoch durch andere Modelle ernsthafte Konkurrenz erwachsen.) Diese technischen Neuerungen haben vielleicht in noch stärkerem Maße als seine hochromantischen Kompositionen den großen Gitarrenmeistern des zwanzigsten Jahrhunderts die Tore geöffnet.

Als Komponist waren Schumann und Chopin seine großen Vorbilder. Daneben besaß Tárrega eine besondere Vorliebe für die Transkription von Klavierwerken seiner Zeitgenossen Albéniz und Granados. Recuerdos de la Alhambra ist womöglich das meistgespielte aller für die Gitarre komponierten Werke. Es gibt kaum einen Gitarrenschüler, der sich nicht irgendwann einmal an diesem Stück versucht hätte; dabei ist es alles andere als leicht zu bewältigen. Selbst erfahrene Berufsmusiker dürfen sich nie sicher sein, ob ihre Tremolotechnik an einem bestimmten Tag den Anforderungen genügt, kann doch die leichteste Unebenheit des Fingernagels den gesamten Eindruck verderben. Interessanterweise hatte Tárrega, der (wie Sor) nicht mit den Fingernägeln spielte, dieses Problem nicht.

Lágrima ist eine der vielen herrlichen Melodien, die Tárrega geradezu mühelos niederzuschreiben pflegte. Zwar haben sie keinen besonderen emotionalen Tiefgang, dafür sind sie in idealer Weise auf die Möglichkeiten der Gitarre zugeschnitten. Es ist kaum vorstellbar, sie auf einem anderen Instrument zu hören.

Colin Cooper
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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