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8.557811 - STRAUSS, R.: Alpensinfonie (Eine) (Weimar Staatskapelle, Wit)
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Richard Strauss (1864-1949)
Eine Alpensinfonie op. 64

 

Der Komponist und Dirigent Richard Strauss ging in den symphonischen Dichtungen, die er zu Beginn seines Schaffens schrieb, weit über die Werke Liszts und Wagners hinaus. In seinen Opern zeigt er einen nicht minder bemerkenswerten Umgang mit der spätromantischen Orchestersprache. Strauss wurde als Sohn eines hoch angesehenen Hornisten in München geboren und erhielt dort eine gründliche Allgemeinbildung, während er bei ausgezeichneten Lehrern Musik studierte. Schon bevor er 1882 die Schule verließ, hatte er einige kompositorische Erfolge errungen, und an diese konnte er während seiner kurzen Zeit an der Münchner Universität mit seinen Konzerten für Violine und für Horn sowie einer Sonate für Violoncello und Klavier anknüpfen. Hans von Bülow berief den 21-Jährigen als seinen Assistenten an die Meininger Hofkapelle, und ein Jahr später wurde Strauss der Nachfolger seines Mentors.

1886 legte Strauss seinen Posten in Meiningen nieder und begann mit der Komposition einer Folge von Tondichtungen, in denen er den außermusikalischem Inhalt dieser Form bis zu den äußersten Grenzen erweiterte. Die Reihe begann mit der Symphonie Aus Italien, worauf Macbeth, Don Juan, Tod und Verklärung sowie nach einer mehrjährigen Pause Till Eulenspiegel, Also sprach Zarathustra, Don Quixote und Ein Heldenleben folgten. Inzwischen festigte Strauss seinen Ruf als Dirigent: Eine Spielzeit leitete er die Berliner Philharmoniker, dann ging er an die Opernhäuser von München und Berlin.

Zu Beginn des neuen Jahrhunderts begann sich Strauss erneut für die Oper zu interessieren, eine Gattung, die ihm anfangs keinen großen Erfolg eingebracht hatte. Der 1905 in Dresden uraufgeführten Salome folgte 1909 Elektra auf ein Libretto Hugo von Hoffmannsthals, mit dem er im Laufe der nächsten zwanzig Jahre zusammenarbeitete. Der Rosenkavalier, eine romantische Oper aus dem Wien der Mozart-Zeit, kam 1911 an der Dresdner Hofoper heraus. Darauf entstanden zehn weitere Opern – am Ende stand das 1942 an der Bayerischen Staatsoper in München uraufgeführte Capriccio. In den Augen einiger kompromittierte sich Richard Strauss durch seine scheinbare Ergebenheit dem nationalsozialistischen Regime gegenüber. Nach 1945 zog er sich für einige Zeit in die Schweiz zurück; erst vier Monate vor seinem Tode im Jahre 1949 kehrte er in sein Haus nach Garmisch zurück.

1911 begann Strauss mit der Komposition der Alpensymphonie. An dieser seiner letzten Tondichtung arbeitete er etappenweise bis 1915. Das Werk – noch weniger eine Symphonie als die 1903 entstandene Sinfonia Domestica – wurde ursprünglich durch eine Bergwanderung angeregt, an der Strauss in seiner Schulzeit teilgenommen hatte. Die Teilnehmer hatten sich irgendwann verlaufen, waren bei ihrem Abstieg in ein Gewitter geraten und bis auf die Haut durchnässt worden. Eine ebenso wichtige Inspirationsquelle des Werkes war Friedrich Nietzsche. Strauss hatte dessen Philosophie voller Begeisterung aufgenommen und war besonders von der polemischen Schrift Der Antichrist: Fluch auf das Christentum beeinflusst. Die Alpensymphonie steht in der Nachfolge des 1896 entstandenen, gleichfalls auf Nietzsche zurückgehenden Tongedichts Also sprach Zarathustra; Strauss hatte einige Jahre sogar erwogen, dem Stück den Titel Der Antichrist zu geben und bei der musikalischen Anlage der literarischen Vorlage weitaus genauer zu folgen. 1902 hatte Strauss mit dem Entwurf einer symphonischen Dichtung namens Künstler-Tragödie begonnen, die ebenfalls in den Alpen spielen sollte. Die Idee entsprang dem traurigen Schicksal des recht erfolgreichen Schweizer Malers Karl Stauffer-Bern, der von einem wohlhabenden Schweizer Ehepaar aufgenommen wurde. Die Affaire mit der Frau seines neuen Mäzens endete damit, dass Stauffer und später auch seine Geliebte sich das Leben nahmen. Der erste Teil der geplanten „Künstler-Tragödie“ wurde neun Jahre später zum Anfang der Alpensymphonie. In diesem neuen Werk verbinden sich Nietzsches Gedanken von der Freiheit in der Natur und von der Befreiung aus den überkommenen Zwängen des Christentums mit früheren Interessen: dem Abenteuer in den Alpen und – mit dem unglücklichen Stauffer – frühem Glück in den Bergen.

Das neue Tongedicht erforderte beträchtliche Mittel. Die Partitur verlangt ein riesiges Orchester: doppeltes Holz nebst acht Zusatzspielern, eine vierzehnköpfige Blech-bläsergruppe (mit vier Tenortuben), dazu vier Harfen, eine große, reich besetzte Schlagzeuggruppe mit Donner- und Windmaschine, zwölf Hörner, zwei Trompeten und zwei Posaunen hinter der Bühne, rund fünf Dutzend Streicher und – ein Element von besonderer Wichtigkeit in der Sturmszene – eine Konzertorgel. Strauss war inzwischen Kapellmeister am preußischen Hof geworden. Die Uraufführung des neuen Werkes fand im Oktober 1915 in der Berliner Philharmonie durch das Dresdner Hoforchester statt, dem Strauss besonders verpflichtet war: Seine Opern Feuersnot, Salome, Elektraund Der Rosenkavalier hatten ihre Premiere an der Dresdner Hofoper unter Ernst von Schuch erlebt, dem Strauss die Alpensymphonie gewidmet hätte, wenn Schuch nicht plötzlich im Jahre 1914 gestorben wäre. Widmungsträger wurde statt dessen der Dresdner Intendant Graf Nicolaus Seebach.

Die Alpensymphonie besteht aus 22 miteinander verbundenen Episoden, von denen jede eine Station der Klettertour in die Alpen bezeichnet. Die Expedition beginnt in der Nacht; dann geht die Sonne auf, es tagt, und mit dem Einbruch der Nacht endet das Stück. In ihm sind Elemente einer symphonischen Struktur zu erkennen: Die beiden ersten Abschnitte, Nacht und Sonnenaufgang, lassen sich als langsame Einleitung hören, die zu dem Aufstieg führen, einem als Sehr lebhaft und energisch markierten Allegro.

[1] Nacht beginnt mit einem ausgehaltenen B und den absteigenden Streichern, deren einzelne Gruppen jeweils vierfach geteilt sind. Es wird ein ausgehaltener Akkord erreicht, der schließlich alle Töne der Leiter enthält und den Untergrund für die Blechbläser bildet, die ein echt Straussisches Motiv spielen. [2] Dieser Abschnitt steigert sich zum Sonnenaufgang – mit einer ähnlichen absteigenden Skalenfigur, der bald ein neues Thema folgt. [3] Der Anstieg wird durch ein lebhaftes Thema vorbereitet, dessen Anfangsfigur den Harfen und tiefen Streichern übertragen ist. Einem ausdrucksvollen Motiv der Hörner und Posaunen folgt der Klang entfernter, hinter der Bühne geblasener Jagdhörner, und das Blechbläsermotiv führt zum [4] Eintritt in den Wald, dessen Thema sich als Gegenstück zum zweiten Thema hören lässt.

Im Wald gibt es weitere melodische Elemente, darunter Vogelrufe, die gelegentlich an die Welt des kürz- lich verstorbenen Gustav Mahler erinnern. Das Anstiegs- Thema wird wiederholt, womit ein Formteil beginnt, den man als Durchführung verstehen kann; Kontraste der Textur entstehen, wenn die Streicher einem Solostreichquartett Platz machen. [5] Überzeugend wird ein Bergbach beschworen, wobei Reminiszenzen an frühere Themen erklingen und das Klettermotiv der Violine zu einem [6] Wasserfall führt, der bildhaft in brillanten Orchesterfarben – mit abwärtsgerichteten Harfen- und Violinglissandi – dargestellt wird; durch diesen Wasserfall hindurch erblickt man [7] eine Erscheinung, den Geist der Alpen. [8] Eine neue Melodie, zunächst im Horn, dann in den Violinen, nimmt die Bergsteiger mit auf blumige Wiesen, wobei erneut das Anstiegs-Thema erklingt. [9] Auf der Alm hören wir Kuhglocken und die Transformation des früheren, mahlerischen Vogelrufs; die ruhige Szene unterbricht eine absteigende Holzbläserfigur, die zu einem neuen Thema des ersten Horns führt. [10] Dieses Thema verschmilzt mit früherem Material, während sich die Gruppe der Wanderer durch Dickicht und Gestrüpp in komplexer Kontrapunktik verirrt, bevor sie sich zum [11] Gletscher durchschlägt. [12] Ein früheres Motiv ist jetzt im ersten Fagott zu hören; es beschwört in einer fragmentierten Textur gefahrvolle Augenblicke.

[13] Ein strahlender F-dur-Akkord bezeichnet die Ankunft auf dem Gipfel, wobei auf die Posaunen eine von Streichertremoli begleitete Oboenmelodie folgt, bevor sich die Szene voll in strahlenderen Orchesterfarben entfaltet; derweil hört man frühere thematische Elemente in diesem Abschnitt, der den zentralen Gipfel des gesamten Werkes darstellt; besonders prominent erklingt hier das Thema, das vorher zu den blumigen Wiesen geführt hatte. [14] Die Vision setzt sich in Trillerketten fort, bis die Trompeten das Sonnenthema des zweiten Abschnitts intonieren und die in Doppelgriff-Oktaven tremolierenden Geigen herabsteigen. An diesem Punkt tritt endlich die Orgel mit einem tiefen E in Erscheinung, in das zwei Basstuben und das Kontrafagott einfallen. Die Violinen steigen empor, die Blechbläser deuten eine Reprise an, indem sie – jetzt allerdings im fff – die Phrase spielen, die bereits im ersten Teil des Werkes von ihnen zu hören war. [15] Plötzlich schlägt die Stimmung um: Nebel steigen auf. Die geteilten Streicher haben die Dämpfer aufgesetzt. [16] Die Sonne scheint fahl, verdüstert sich allmählich [17] und ist in der Elegie erneut zu hören – zusammen mit einem neuen Thema, das erst den Streichern und dann, [18] in der Stille vor dem Sturm, nach einem fernen Donnerschlag der Klarinette übertragen ist. Es gibt vereinzelte Vogelrufe, bevor ein weiteres Mal das absteigende Thema des Anfangs ertönt. Gewitter und Sturm brechen donnernd und heulend los. [19] In diesem tobenden Sturm, der zwischendurch für Augenblicke schweigt, beginnen die Bergsteiger den Abstieg, bei dem sie die Stationen ihres Aufstiegs passieren. Der Sturm erstirbt, nacheinander fallen einzelne Regentropfen, und das Blech spielt sein Thema aus dem ersten Abschnitt, ein Symbol des Berges selbst. [20] Die Sonne geht unter. Ihr Thema erklingt in vergrößerten Notenwerten, während die Streicher andere Elemente wiederholen und Trompeten und Posaunen ein hymnenartiges Thema einführen. [21] Die Orgel, die in der zweiten Hälfte der Symphonie eine äußerst wichtige Rolle spielt, schlägt den Schlusston an, wobei thematisch an die Erscheinung des Berggeistes erinnert wird; ferner erscheinen Reminiszenzen an das Klettermotiv und andere Elemente in der abschließende Coda. [22] Die Nacht, also die Musik des Anfangs, kehrt wieder – und ganz am Ende eine letzte Erinnerung an die Bergwanderung selbst.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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