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8.557819 - HAYASAKA: Piano Concerto / Ancient Dances on the Left and on the Right
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Humiwo Hayasaka (1914-1955)
Klavierkonzert • Antike Tänze zur Linken und zur Rechten • Ouvertüre D-Dur

Humiwo Hayasaka wurde am 19. August 1914 in Sendai geboren, einer Stadt im Nordosten der japanischen Hauptinsel Honschu. 1918 übersiedelte die Familie nach Sapporo auf Hokkaido, der nördlichsten größeren Insel des japanischen Kaiserreichs. Hayasakas Vater war Kunstliebhaber, die Mutter spielte Klavier. Als Vierzehnjähriger erhielt Hayasaka den ersten Klavier- und Orgelunterricht und entschied sich früh für eine Musikerkarriere. Als der Vater zwei Jahre später die Familie verließ und die Mutter kurz darauf starb, musste Hayasaka die Schule verlassen, um für seinen Lebensunterhalt und den seiner jüngeren Geschwister zu sorgen. In dieser entbehrungsreichen Zeit erlahmte jedoch nie sein musikalischer Eifer: er setzte seinen Instrumentalunterricht fort, studierte Partituren und Theorielehrbücher und begann noch vor seinem zwanzigsten Lebensjahr mit ersten seriösen Kompositionsversuchen. 1934 gründete er zusammen mit Akira Ifukube und Atsushi Miura, Studenten an der kaiserlichen Universität von Hokkaido, die Musikvereinigung Shin Ongaku Renmei und gab in Sapporo ein Konzert mit Werken des zwanzigsten Jahrhunderts, bei dem er selbst Klavierstücke von Satie vortrug und gemeinsam mit seinem Violinpartner (und späteren berühmten Komponisten) Ifukube Werke von Strawinsky, Falla, Milhaud und Ferroud aufführte. 1935 erhielt er die Organistenstelle an einer katholischen Kirche in Sapporo. In dieser Zeit beschäftigte er sich eingehend mit dem Gregorianischen Choral, dem liturgischen Gesang der römischen Kirche.

Hayasaka hegte wie sein Vater eine Vorliebe für orientalische Kunst; vor allem interessierte er sich für bildliche Darstellungen mit verschwommenen Konturen und obskuren Farbschattierungen. Übertragen auf musikalische Formen fand er diese Vorliebe in der traditionellen höfischen Gagaku-Musik Japans wieder, die geprägt ist von zarten, scheinbar ohne Beginn und Ende im Raum schwebenden Melodien, von undefinierten Formen und vagen Harmonien und Klangfarben. Während seines Klavierstudiums hatten ihn besonders Komponisten wie Debussy und Satie inspiriert, in denen er orientalisches Klanggut zu erkennen glaubte. Er fand Berührungspunkte zwischen Werken der abendländischen Musik und dem Stil, den er als japanisch bzw. orientalisch empfand. Verbindungslinien entdeckte Hayasaka auch zwischen der Gregorianik und dem japanischen Gagaku. „Ich hatte plötzlich eine merkwürdige Vision, in der mir ein christlicher Heiliger mit orientalischem Aussehen erschien, der an meiner Stelle das Harmonium spielte, ohne ein Wort zu sagen. Es erstaunte mich, dass es sich dabei um einen gregorianischen Choral mit einer japanischen Harmonie handelte, etwas, wonach ich Tag und Nacht vergeblich gesucht hatte. Diese Musik war einzigartig, und nichts an ihr erschien mir fremdartig; die Harmonie, zart und fließend, trägt die Choralmelodie in einer ganz natürlichen Art und Weise.“ Aus dieser subjektiv empfundenen Berührung von Gagaku und Gregorianischem Choral zog Hayasaka den Schluss, dass Ost und West ihrem jeweiligen Ursprung nach fundamental miteinander verbunden sein mussten. Seine eigene Musik gründet daher auf flexiblen Melodien, frei kombinierbaren Drei- oder Viertonleitern, wie man sie in japanischen Kinderliedern findet, diversen pentatonischen Skalen aus der japanischen Folkloremusik, dem Gagaku und Kabuki sowie der chinesischen Musik, heptatonischen Tonleitern und den im Gregorianischen Gesang verwendeten dorischen, phrygischen oder lydischen Modi sowie hexatonischen Tonleitern als Bindeglied zwischen Penta- und Heptatonik.

Ifukube versuchte seinen Jugendfreund Hayasaka wiederholt davon zu überzeugen, dass es seiner Musik an klaren Konturen und der Kraft seines eigenen Vorbildes Strawinsky mangele. In Ifukubes Musik spiegelten sich das kühle Klima und die rauhe Natur der Insel Hokkaido wider, ganz im Gegensatz zu den vom milderen Klima der Honschu-Insel geprägten Bevölkerung mit ihrem Hang zum Subtilen und Feingeistigen. Auf Hokkaido entstand Ifukubes Vorliebe für große Kontrastwirkungen, wobei er die Verbindung zwischen Japan und Europa nicht in der Gregorianik, sondern in den urwüchsigen slawischen Volksliedern suchte. Hayasaka bemühte sich, seinen Stil dem seines Freundes anzupassen – mit dem Ergebnis, dass sich seine Musik vielfach wie Debussy anhörte, der wie Strawinsky klingen möchte.

Hayasakas offizielles Debüt als Komponist fand 1936 statt, als sein Präludium für zwei Hymnen bei einem NHK-Wettbewerb für Orchesterwerke mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Im selben Jahr erschien sein Klavierstück Nocturne in Europa und den Vereinigten Staaten im Druck. 1938 gewann er mit seinem Antiken Tanz den 1. Preis bei einem von Felix Weingartner veranstalteten Wettbewerb für japanische Komponisten. Weingartners Vorhaben, dieses Werk auch in Europa aufzuführen, wurde durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vereitelt; doch der Preis, den Hayasaka gewonnen hatte, führte ihn nach Tokyo, wo ihn die größte japanische Filmgesellschaft mit Kompositionsaufgaben betraute. Seinen Lebensunterhalt konnte er nun mit Filmmusikpartituren bestreiten; in der verbleibenden Zeit entstanden zahlreiche Werke für das Konzertpodium. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gründete er zusammen mit Yasuji Kiyose und Yoritsune Matsudaira (Naxos 8.555882) den Komponistenverband Shin Sakkyokuha Kyokai, zu dessen Mitgliedern auch der junge Toru Takemitsu zählte.

Hayasaka behielt seinen oben beschriebenen Kompositionsstil bis in die 1950er Jahre bei. Als die Musik eines Schönberg und Webern, Messiaen und Jolivet in Japan in den Mittelpunkt des Interesses rückte, begann er nach einer neuen Richtung für seinen eigenen Stil zu suchen. Indem er sich von der Gagaku- Musik und der Gregorianik verabschiedete, wandte er sich der Atonalität zu, wobei er jedoch seine eigene Ästhetik (Ambiguität, Räumlichkeit und Stille sowie Melodien, die kein Ziel zu haben scheinen) beizubehalten trachtete. In späteren Jahren sollte er diese Richtung folgendermaßen beschreiben: „Ein neuer Stil der orientalischen Musik musste entstehen als Gegengewicht zur neuen westlichen Musik. Deshalb wollte ich als japanischer Komponist Musik schreiben, in der Atonalität und japanische Charakteristiken eine Verbindung eingehen.“ Für die Ausführung seiner Pläne war Hayasaka jedoch die nötige Zeit nicht mehr vergönnt: Seit 1942 litt er an den Folgen einer Tuberkulose-Infektion, an der er am 15. Oktober 1955 starb, nur fünf Monate nach der Veröffentlichung seiner fünfzigminütigen Suite Yukara, dem eigentlichen Beginn seiner Erforschung des „neuen orientalischen Stils“. Eine Art Fortsetzung seiner Suche nach einem neuen Klangideal erfuhr Hayasaka posthum durch Toru Takemitsu, der seit 1948 als Filmmusikassistent mit ihm zusammengearbeitet hatte und später sagen sollte, dass kein japanischer Komponist ihn mehr inspiriert habe als Hayasaka.

Außer den bereits erwähnten sowie den hier eingespielten Kompositionen zählen die folgenden Werke zu Hayasakas bedeutendsten: Satz in Metamorphose für Orchester (1953), Pastorale der Nacht (1938), Capriccio (1949), Streichquartett (1950) Suite in sieben Teilen (1952), 17 Klavierstücke (1941) sowie Vier Lieder ohne Begleitung nach Gedichten von Haruo Sato. Von den über einhundert Arbeiten für den Film seien Die sieben Samurai und Rashomon – Das Lustwäldchen (Regie: Akira Kurosawa) sowie Ugetsu – Erzählungen unter dem Regenmond (Regie: Kenji Mizoguchi) erwähnt.

Das Klavierkonzert, begonnen im November 1946 und vollendet am 5. Mai 1948, wurde am 22. Juni desselben Jahres in Tokyo vom Toho-Sinfonieorchester (dem heutigen Tokyo Symphony Orchestra) unter Masahi Ueda uraufgeführt; der Solist war Hiroshi Kajiwara. Das im Orchster mit dreifachem Holz besetzte Werk besteht aus zwei Sätzen. In der Lento- Eröffnung des ersten Satzes wiederholen die Kontrabässe arpeggierte Figuren über einem Celloakkord – eine Art entfernte Hommage an Ravels Klavierkonzert für die linke Hand. Danach wird im Horn das Fünftonthema (D-E-F-G-A) vorgestellt; es erinnert an den dorischen oder äolischen Modus, obwohl von den fünf Tönen das G nur als Übergang verwendet wird. Die anderen Töne sind mit den ersten vier Tönen der Ritsu- Tonleiter identisch, einer vom Gagaku abgeleiteten pentatonischen Tonleiter. In den folgenden zwanzig Minuten wechselt das Thema mehrfach seine Gestalt, wobei die Zeitdauer dieser Metamorphosen ein Gefühl der Endlosigkeit erzeugt. Der Soloklavierpart lässt in seinem eher romantischen Gestus an Chopin oder Rachmaninow denken. Ein Porträt seines verstorbenen Bruders soll Hayasaka zu dem Thema inspiriert haben. Dieser erste Satz, ein Requiem für seinen Bruder und eine Elegie auf das Volk, das den Krieg verloren hatte, kulminiert in einem überwältigenden Choral, einer Bitte um Trost, bevor er in ruhigem d-Moll ausklingt.

Die Antiken Tänze zur Linken und zur Rechten entstanden 1941 und wurden am 3. März in Tokyo von Manfred Gurlitt und dem Sinfonieorchester Tokyo (dem heutigen Tokyo Philharmonic) uraufgeführt. Besetzt ist das Werk mit Celesta, Harfe, verschiedenen Schlaginstrumenten und Orchester mit dreifachem Holz. Der Titel ist von der seit dem 9. Jahrhundert am japanischen Kaiserhof und shintoistischen Kultstätten gepflegten Gagaku-Musik abgeleitet, deren Tanzmusikvariante die Bezeichnung Bugaku trägt. Bugaku besteht aus den sog. Tänzen zur Linken und Tänzen zur Rechten, d.h. dass bei den Tänzen zur Linken die Tänzer vom Publikum aus gesehen ausschließlich aus der linken Seitengasse auftreten und beim Tanz die linke Seite ihres Körpers betonen. Die Musik des Links- Tanzes ist überwiegend feierlich und elegant. Im Rechts-Tanz treten die Tänzer aus der rechten Gasse auf und betonen den rechten Körperteil. Die Musik ist hier überwiegend einfach, wobei sich die Rhythmen und Harmonien im Charakter deutlich voneinander unterscheiden. Die Gagaku-Bühne wird vor dem Thron des Tenno errichtet; dieser blickt nach Süden, sodass die linke Bühnenseite nach Osten weist, dort wo die Sonne aufgeht, und die rechte den Westen darstellt, den Mond symbolisierend. Der Tanz zur Linken könnte demnach die Würde und Eleganz des Tenno implizieren (er ist der Sohn der Sonne), während der Tanz zur Rechten die Atmosphäre weltlicher Abendfeste ausprägt. Vermutlich hat der Links-Tanz seinen Ursprung in Musik und Tanz aus West- und Zentralasien, Indien und China, während der Rechts- Tanz eher der koreanischen Halbinsel und der pazifischen Küstenregion Russlands zuzuordnen ist. In diesem Sinne integriert Bugaku Sonne und Mond, Tag und Nacht, Kaiser und Volk, Sichtbares und Unsichtbares sowie Musik aus ganz Asien.

Das Jahr 1940 fiel mit dem kaiserlichen Jahr 2600 zusammen, Anlass für die NHK, einen Wettbewerb für Orchesterwerke auszuschreiben, um das Festjahr gebührend zu begehen. Hayasakas Ouvertüre D-Dur wurde mit einem Preis ausgezeichnet und erlebte die Uraufführung am 17. März 1940 durch Kojiro Kobune und das Japanische Rundfunk-Sinfonieorchester (das heutige NHK Symphony Orchestra). Das Instrumentarium besteht aus Klavier, verschiedenen Schlaginstrumenten und Orchester mit dreifachem Holz. Der Komponist beschreibt das Werk wie folgt: Es handelt sich hier um einen Versuch in Bolero-Form. Das Stück beginnt ‚in lontano’ und kommt schrittweise näher, bevor es einen Fortissimo-Höhepunkt erreicht. Das unveränderte Thema wird von einem durchgehenden Rhythmus getragen. Die Ouvertüre ist auch ein Experiment, japanische Stimmungen ohne pentatonische Tonleitern zu erzeugen. Das Werk ist ein sinfonischer Marsch, der aus einem einzigen Thema nebst seinen Varianten besteht, Allegretto beginnend und sich in unablässiger Spannung auf ein finales Furioso zubewegend. Kein anderes Orchesterwerk Hayasakas ist Strawinsky und Ifukube näher. Dass der Komponist seine eigene Musiksprache dennoch nicht verleugnet, beweist der Ursprung der Thematik.

Nach einem Beitrag von Morihide Katayama
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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