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8.557820 - RESPIGHI, O.: Suite in E Major / Symphonic Variations / Prelude, Chorale and Fugue (Slovak Radio Symphony, Adriano)
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Ottorino Respighi (1879–1936)
Suite E-dur • Symphonische Variationen • Preludio, corale e fuga

Wenn man Ottorino Respighis frühe Orchesterwerke hört, die hier allesamt zum ersten Mal aufgenommen wurden, käme man nie auf den Gedanken, dass der Komponist Italiener war. Sie entstanden zu Beginn seiner Karriere – vor dem Wendepunkt in seiner Entwicklung, den er selbst in seinem 38. Lebensjahr, mithin im Jahr der Fontane di Roma (1916) sah. Hätte Respighi nicht länger gelebt, so hätte die Nachwelt in ihm einen sehr begabten Bologneser Komponisten gehabt, der seine Ausbildung bei dem Geiger Federico Sarti sowie bei Luigi Torchi und (im Fach Komposition) bei Giuseppe Martucci erhalten hatte und eine im damaligen Italien weithin vernach-lässigte Musikform bevorzugte: die symphonische. Bologna war in der Tat der Mittelpunkt einer an Deutschland orientierten Richtung, und die gesamte musikalische Atmosphäre der Stadt, in der Respighi (wie auch Toscanini) als Orchestermusiker arbeitete, übte einen Einfluss auf ihn aus, der eine genauere Betrachtung verdient.

Die Werke deutscher und französischer Komponisten hatte Respighi zunächst noch ernsthafter studiert als die italienischen Meister, und seine damalige Musik bestand aus mehr oder minder offenkundigen Tributen an die ersteren – aus Sonaten, Quartetten, Orchestersuiten, Liedern und anderem. Diese Schöpfungen betrachtete er später als weniger wichtig. Er vernichtete sie zwar nicht, ließ aber nur sehr wenige veröffentlichen.

Einen weiteren wichtigen Einfluss auf Respighis frühes symphonisches Schaffen übte die russische Schule aus. 1900/01 und 1902 schloss er Verträge mit dem Kaiserlichen Theater von St. Petersburg und dem Bolschoi-Theater in Moskau, wo er zwei Spielzeiten lang als Bratscher in der italienischen Oper mitwirkte. So lernte er Nikolai Rimsky-Korssakoff kennen, der sogleich sein Talent erkannte und ihn fünf Monate unterrichtete. Zwischen den beiden Aufenthalten in Russland erwarb Respighi sein Komponistendiplom am Konservatorium von Bologna. Sein Prüfungsstück war Preludio, corale e fuga – sein zweites Werk für großes Symphonieorchester. Weitere wichtige Ereignisse in Respighis früher Laufbahn waren unter anderem die beiden Aufenthalte in Berlin: 1902 nahm er einigen Unterricht bei Max Bruch, der ihn etwas enttäuschte, und 1908 arbeitete er als Korrepetitor in der Gesangsklasse von Etelka Gardini Gerster. 1913 wurde er zum Kompositionsprofessor am Liceo di Santa Cecilia in Rom ernannt, wo er bis zu seinem Tode im Jahre 1936 wohnte und wirkte.

Seine Symphonischen Variationen ließ Respighi am 24. Juni 1900 im Konservatorium von Bologna uraufführen. Als er anschließend nach Russland ging, nahm er die Partitur mit, von der Rimsky-Korssakoff positiv überrascht war. Das noch in klassizistischer Form gehaltene Werk wirkt wie eine Hommage an die Romantik eines César Franck und Johannes Brahms. Es besteht aus einer Reihe passacaglienartiger Variationen, denen eine Introduktion und das tatsächliche Passacaglia-Thema in d-moll vorangestellt sind. Dieses Thema wird anschließend in verschiedenen Episoden in einen Marsch, ein Adagio und ein Scherzo verwandelt. Der Höhepunkt wird in einer von der Orgel eingeleiteten Fuge erreicht, die das Thema in einem triumphalen D-dur wiederholt. Schon hier verrät Respighi eine meisterhafte Beherrschung des Blechbläsersatzes. Das Orchester enthält ein Englischhorn, zwei Harfen, Orgel und – als einzige Schlaginstrumente – Pauken. Die Variazioni sinfoniche sind noch weit von dem Metamorfoseon aus dem Jahre 1930 entfernt, doch sie zeigen das frühe Interesse des Komponisten an der Variationsform.

Preludio, corale e fuga sind größer angelegt und von doppelter Länge, allerdings in einem ähnlichen Stil geschrieben. Das Werk wurde in Russland orchestriert und trägt das Datum „März 1901”. Es kann sein, dass Rimsky-Korssakoff selbst die Arbeit beaufsichtigte – wofür es in der Musik allerdings keinerlei Hinweise gibt. Der Entwurf des Werkes dürfte noch aus der Zeit vor dem Russland-Aufenthalt stammen. Was diese Partitur zeigt, sind gewisse Züge von Saint-Saëns, auf dessen Orgelsymphonie zu Beginn deutlich hingewiesen wird; am Schluss können wir dann eine Anspielung auf Strauss’ Tondichtung Also sprach Zarathustra vermuten. In seiner Besetzung ähnelt das Orchester dem der Variazioni sinfoniche – es fehlt zwar die Orgel, doch dafür gibt es weitere Schlaginstrumente. Anders als César Francks gleichnamiges Werk verschmilzt Respighi die drei Sätze zu einem einzigen Stück, das sich in zyklischer, beinahe symphonischer Art entwickelt. Die ursprüngliche Form des dominierenden Corale wird zu einer lyrischen Episode mit Solovioline verarbeitet, die im Schlussteil wiederkehrt. Das Preludio beginnt mit einer Reihe von Akkorden, die die Grundlage des Chorals bilden, worauf das eigentliche Thema des Präludiums mit seiner Saint-Saëns- Reminiszenz einsetzt. Dieses fungiert dann wiederum als Scherzo in der zentralen Episode und als eine Durchführung der Fuga. Martucci war so beeindruckt, dass er erklärte, Respighi sei kein Schüler mehr, sondern bereits ein Meister.

Von der Suite E-dur gibt es Manuskriptfassungen aus den Jahren 1901 und 1903. Für die erstere lassen sich keinerlei Aufführungen nachweisen, das Adagio der zweiten Fassung wurde hingegen am 23. Mai 1907 unter der Leitung von Pietro Cimini gespielt. Vermutlich wurde die zweite Fassung irgendwann auch vollständig aufgeführt, denn das originale Orchestermaterial enthält Einzeichnungen und Korrekturen der Musiker. Die erste Fassung der Suite enthält in Klammern den zusätzlichen Titel Sinfonia, eine Bezeichnung, die Respighi – dessen einzige wirkliche Symphonie die Sinfonia drammatica von 1914 ist – womöglich aus Gründen der Bescheidenheit zurückgezogen hat. Man ist versucht, die Bezeichnung „Symphonie” auch für die zweite Fassung zu übernehmen, deren Orchestermaterial andere Satztitel als die Partitur enthält: I. Nella foresta (Im Walde) II. Visione, III. Danza und IV. Eroica. Das Werk lässt sich als besonders kunstvolles Beispiel einer Symphonie betrachten, deren Sätze einem geeigneten Tonartenplan folgen (E-dur, Des-dur [Cis-dur], h-moll / H-dur und E-dur). Tatsächlich entspricht nur der zweite Satz dem Charakter einer traditionellen Suite. Dabei handelt es sich um das (tonartgleiche) Arrangement eines Liebesduetts aus dem ersten Akt der Oper Semirâma, die Respighi nach ihrer Uraufführung zurückgezogen hatte. Weitere Stücke aus Semirâma sind in dieser Suite zu hören. Von beträchtlichem musikalischen Interesse ist das Scherzo mit seinem russisch getönten Trio, wohingegen die Ecksätze deutlich der Musik von Tschaikowsky, Rimsky- Korssakoff und mehr noch der von Dvorák verpflichtet sind. Doch was auch immer Respighi diesen Komponisten verdankte – er bediente sich in der Verarbeitung einer avancierteren Technik. Vor dem affirmativen Marsch des Finales kommt es zu einem kurzen Ausflug ins Pathetische, ansonsten ist das Werk optimistisch.

In den drei Jahre zwischen der Suite und der Burlesca entstanden zwei weitere Suiten. Diese beiden schrieb Respighi für Streichorchester, wobei in der ersten eine Orgel und in der zweiten eine Soloflöte hinzutrat. Ferner komponierte er die komische Oper Re Enzo. Die stilistischen Unterschiede zwischen diesen Werken und der Burlesca sind offensichtlich, und wir könnten verleitet werden, in letztgenanntem Werk den Anfang des Respighi’schen Impressionismus zu sehen. Die Burlesca wurde im Mai 1906 in Bologna uraufgeführt. Kontrastierende Elemente in Gestalt eingefügter scherzoso-Abschnitte rechtfertigen den Titel des Werkes und tragen die Entwicklung des lyrischen Hauptthemas. Mag sein, dass sich hier weniger Anspielungen auf andere Komponisten finden, doch es zeigt sich bereits der Hang zur Symphonischen Dichtung – in den angedeuteten „Wasserklängen”, die später in den Fontane di Roma zu hören sein werden –, und es gibt Passagen, die die komische Stimmung des Belfagor vorwegnehmen. Das Werk verzichtet auf Posaunen, enthält dafür aber vier Hörner und doppeltes Holz sowie delikate Stimmen für Celesta und Harfe.

1913 trat Respighi in zehn italienischen Städten als Dirigent eigener Werke auf. Im selben Jahr begann er mit der Arbeit an der Sinfonia drammatica und seiner dritten Oper Marie-Victoire. Die Ouverture carnevalesca brachte er am 19. April desselben Jahres in Bologna zur Uraufführung. Unter allen frühen Orchesterkompositionen Respighis ist diese mit ihrem Saltarello die italienischste – auch wenn das zweite Thema russische Züge trägt. Es ist ein wunderbares Stück für ein unternehmungslustiges Orchester, dessen Partitur ein großes Orchester samt Tuba, Glockenspiel und Trommeln vorschreibt, das aber trotz seiner recht dichten harmonischen Struktur nie überinstrumentiert wirkt. Für die vorliegende Aufnahme wurde eine ältere Version des Schlusses benutzt, die den Komponisten in einer beinahe ungehörig fröhlichen Stimmung zeigt.

Gekürzte Fassung des ursprünglichen
Textes von Adriano

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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