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8.557823 - Piano Recital: Chen, John - DUTILLEUX, H.: Piano Music (Complete)
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Henri Dutilleux (geb. 1916)
Sämtliche Klaviermusik

 

Henri Dutilleux wurde am 22. Januar 1916 in Anger geboren und wuchs in Douai auf. Am dortigen Konservatorium studierte er bei Victor Gallois Klavier, Harmonielehre und Kontrapunkt; 1933 ging er nach Paris. Am Pariser Konservatorium studierte er bei Noël Gallon (1891–1966) sowie bei Maurice Emmanuel (1862–1938) und Henri Busser (1872–1973). 1938 gewann er für die Kantete L’anneau du roi den Rompreis. Bei Kriegsausbruch kehrte er nach Frankreich zurück und arbeitete an der Pariser Oper; 1945 begann eine 18 Jahre währende Anstellung als Direktor der Musikproduktionen bei Radio France. Seit 1963 widmet er sich der Komposition; nach wie vor ist er als Gastlehrer in Frankreich und an Sommerschulen im Ausland gefragt.

Obwohl er schon lange als einer der führenden Komponisten seiner Generation gilt, beruht Dutilleux’ Reputation auf nicht mehr als einem Dutzend Hauptwerken – Ergebnis einer ebenso akribischen wie systematischen Komponierhaltung. Sein Frühwerk enthält eine Reihe von Partituren für das Theater und für Radioproduktionen, die er jedoch überwiegend zurückgezogen hat, sowie einige Lieder und Prüfungsstücke für die Bläserkategorien des Pariser Konservatoriums. Erst die Klaviersonate hielt Dutilleux für wert, als sein „Opus 1“ angesehen zu werden.

Das Stück wurde von 1946–48 für die Pianistin Geneviève Joy komponiert – die Dutilleux 1946 geheiratet hatte – und ist ihr auch gewidmet. Obwohl die ausgedehnten musikalischen Prozesse noch verhältnismäßig tonal sind – wenn auch mit einer stark modalen Einfärbung –, ist die Klaviersonate gekennzeichnet durch ihre Hinwendung zu nicht-französischen Modellen, vor allem Bartók, und ihre Anlehnung an groß angelegte klassische Formen. Mit ihrem ausgesprochen symphonischen Ansatz unterscheidet sie sich von Dutilleux’ älteren (Messiaen) und jüngeren Zeitgenossen (Boulez). Das Werk hat drei Sätze, die in sich scharf kontrastieren, aber doch ein übergreifendes Ganzes bilden. Dieses Verfahren verfeinerte der Komponist später und bereicherte es in den beiden Symphonien, die er Ende der fünfziger Jahre schrieb.

Das eröffnende Allegro con moto beginnt mit einem lebhaften Thema, bei dem Melodie und Begleitung eng ineinander greifen. Das zweite Thema, das von wiederholten Noten der linken Hand initiiert wird, ist – obwohl nachdenklicher gestimmt – so eng mit dem ersten verbunden, und zwar sowohl in seiner melodischen Kontur wie im harmonischen Charakter, das es geradezu aus diesem abgeleitet scheint. Es führt zum Höhepunkt des Satzes, wonach das erste Thema wiedergewonnen wird, das zu einem nachdrücklichen letzten Aufschwung führt, bevor es in einer kurzen Coda verklingt. Das zentrale Lent hat eine subtil verwendete A-B-A-Form: Der erste Abschnitt entfaltet sich ruhig, wenn auch zögerlich, bevor eine lebhaftere Idee in angedeutetem Marschrhythmus an Dominanz gewinnt; eine ausgefeilte harmonische Fortschreitung, durchdrungen von der Ganztonskala, führt sodann zurück zum ersten Abschnitt, der modifiziert wird und den Satz in tief kontemplativer Stimmung abschließt.

Ein „Finale“ in jeder Hinsicht, beginnen die abschließenden Choral und Variationen mit einem imposanten Thema, dass mit gebieterischen Akkorden angekündigt wird. Darauf folgen vier gehaltvolle Variationen. Die erste entfaltet sich in einem Strom schneller, tokkataartiger Figuration, die zweite ist ebenso rasch, jedoch sehr viel stärker melodisch geprägt und erreicht einen impulsiven Höhepunkt, die dritte ist ein „Nocturne“ von verträumter Introspektion, die den Ausdruckscharakter des Satzes bestimmt, und die vierte Variation ist eine Entladung von Energie, die den Satz seinem Kulminationspunkt entgegentreibt. Das Choralthema des Anfangs wird an diesem Punkt sich steigernd wiederholt, womit der Satz, eine Art „Sonate innerhalb der Sonate“, zu einem kraftvollen und entschiedenen Abschluss gebracht wird.

Obwohl Dutilleux seitdem kein Klavierwerk von vergleichbarer Bedeutung und Statur hervorbrachte – das Orchester wurde zum bevorzugten Medium für seine groß angelegten Kompositionen –, hat er doch mit einer Reihe von Charakterminiaturen zum Klavierrepertoire beigetragen. Die bedeutendsten sind die Drei Präludien, die – obwohl nicht eigentlich als Zyklus konzipiert und 1973, 1977 bzw. 1988 entstanden – einen Mikrokosmos der formalen und ausdrucksmäßigen Anliegen des Komponisten aus über vier Jahrzehnten bilden.

Das erste Präludium, D’ombre et de silence, blickt auf die verfeinerte Art von Debussys später Klaviermusik zurück: die Harmonien scheinen im Verlaufe des Stücks gleichsam bruchlos auseinander hervorzugehen. Das zweite Präludium, Sur un même accord, ist einfacher gestaltet, ein einzelner Akkord genügt für diese Studie über die Möglichkeiten des Klavierklangs als Mittel zur Erreichung formaler Stringenz. Das dritte Präludium, Le jeu des contraires, ist fast doppelt so lang wie die beiden ersten; es umgreift die Faszination des Komponisten für Symmetrie – sei es harmonisch, rhythmisch oder strukturell – innerhalb eines ununterbrochenen Spannungsbogens.

Eine von Dutilleux’ Aufgaben bei Radio France war die Lieferung von musikalischen Zwischenspielen zur Überleitung von Programmen. Sechs solcher Stücke sind in der Klaviersuite Au gré des ondes (1946) zusammengefasst: eine prägnante und stets unterhaltsame Sequenz, welche die Meisterschaft des 30-jährigen Komponisten in der Vergegenwärtigung älterer Stile demonstriert. Erst danach erfolgte der bewusste Aufbruch zur Entdeckung einer individuellen Musiksprache.

Prélude en berceuse ist eine ruhige Studie in transparenter Figuration über wiegender Begleitung, die an Ravel erinnert, während Claquettes schnell ist und von humorvollem Charakter. Improvisation konzentriert sich auf die einfache, jedoch effektvolle Verbindung von Melodie und Begleitung; Mouvement perpétuel erfreut durch seine robuste und prägnante Art, die der Form nicht unähnlich ist. Hommage à Bach ist ein sehnsüchtiges „Air“, dessen melodische Kontur und Figuration einen sehr französischen Zugang zu dem barocken Meister offenbaren. Etude schließt die ganze Sequenz mit unwiderstehlicher rhythmischer Verve ab.

Die übrigen sechs sind durchweg vermischte Stücke für bestimmte Anlässe oder Zwecke, die gleichwohl keinen Mangel an Können oder Qualität auf Seiten des überaus peniblen Komponisten erkennen lassen. Bergerie (1947) entstammt einer Sammlung von Kinderstücken mit dem Titel Jardin d’enfants, welcher deren harmlosen Charakter treffend wiedergibt. Blackbird (1950) ist eine lebhafte und eindringliche Vergegenwärtigung des betreffenden Vogels, der Amsel, während Tous les chemins (1961) ein anrührendes und keineswegs didaktisch gemeintes Stück ist, das für die Petite méthode de piano von Marguerite Long entstand, die 1931 als Solistin der Uraufführung von Ravels Klavierkonzert in G bekannt wurde. Inhaltlich ganz anders ist Résonances (1965) aus der Sammlung Les nouveaux musiciens, ein deutlich experimentelleres Stück aus der Reifezeit des Komponisten, das auf dessen künftige Absichten hindeutet. Petit air à dormir debout ist eine in Textur und Klang freundliche Studie, während Mini-prélude en éventail zeigt, wie Dutilleux auch einer überaus bescheidenen Miniatur seinen Stempel aufprägt.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 


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