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8.557824 - TCHAIKOVSKY: Piano Concerto No. 2 / Concert Fantasia
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Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893)
Klavierkonzert Nr. 2 G-Dur op. 44 • Konzertfantasie G-Dur op. 56

 

Peter Iljitsch Tschaikowsky ist nach wie vor der beliebteste russische Komponist. An der Oberfläche ist seine Musik mit ihren gewinnenden Melodien und lebhaften Orchesterfarben einfach charmant. Zugleich aber reichen seine Leistungen tiefer, und sie stellen sich als eine frühe Synthese des Russischen mit dem Kosmopolitischen dar.

Tschaikowsky wurde 1840 in Kamsko-Wotkinsk als zweiter Sohn eines Bergbau-Ingenieurs geboren. Seinen ersten musikalischen und allgemeinen Unterricht erhielt er privatim von seiner Mutter und einer geliebten Gouvernante. Als Zehnjähriger kam er an die Schule für Jurisprudenz in St. Petersburg, und 1859 trat er nach dem Abschluss des Studiums seinen Dienst beim Justizministerium an. In diesen Jahren kümmerte er sich auch um die Entwicklung seiner musikalischen Fertigkeiten, und es sah ganz so aus, als sollte auch er die Musik als eine Beschäftigung neben der eigentlichen Berufslaufbahn betreiben, wie das seine Zeitgenossen Mussorgsky, Cui, Rimsky-Korssakoff und Borodin taten.

Doch für Tschaikowsky kam es anders. Die Gründung des neuen Konservatoriums in St. Petersburg durch Anton Rubinstein ermöglichte es ihm, dort seit 1863 ein Vollzeitstudium zu absolvieren. Zwei Jahre später wurde er dann selbst Lehrer, und zwar an dem Konservatorium, das Nikolai Rubinstein soeben nach dem Vorbild seines Bruders in Moskau eingerichtet hatte. Mehr als zehn Jahre lebte er nun in Moskau, bevor ihn die finanzielle Unterstützung der reichen Witwe Nadeshda von Meck in die Lage versetzte, das Konservatorium zu verlassen und sich ganz der Komposition zu widmen. Damals ging er eine unglückselige Ehe mit einer selbsternannten Verehrerin seines Werkes ein – einer Frau, die schon bald die ersten Anzeichen geistiger Labilität verriet und Tschaikowskys eigene Probleme nur noch verstärkte. Während ihm seine homosexuellen Neigungen eine Qual waren, führten seine Überempfindlichkeit, seine Schüchternheit und die körperliche Abneigung gegenüber der Frau, die er geheiratet hatte, zu einem schweren Nervenzusammenbruch.

Trotz der sofortigen Trennung von seiner Ehefrau galt es praktische und persönliche Probleme zu lösen. Die Beziehung zu Nadeshda von Meck verhalf Peter Tschaikowsky nun nicht nur zu den anfangs für die Karriere benötigten finanziellen Mitteln, sondern sie brachte ihm auch das Verständnis und die Unterstützung einer Frau, die von ihm in körperlicher Hinsicht nicht das geringste verlangte und ihm nie persönlich begegnet ist. Dieses seltsam distanzierte Verhältnis endete erst 1890, als Frau von Meck unter dem Vorwand, sie sei bankrott, die Zahlungen an ihren Protegé einstellte, derer er inzwischen freilich auch nicht mehr bedurfte – im Gegensatz zu der Korrespondenz, die ihm fehlte.

Als Tschaikowsky 1893 plötzlich in St. Petersburg starb, kam es zu zahlreichen Spekulationen, die posthum um weitere Gerüchte vermehrt wurden. Man nahm an, dass er sich dem Druck eines Ehrengerichts aus ehemaligen Kommilitonen gebeugt und Selbstmord begangen hatte, um zu vermeiden, dass eine angebliche erotische Beziehung zu einem jungen Adligen aus Hofkreisen einen offenen Skandal auslöst. Offiziell hieß es, er habe sich Durch den Genuss unabgekochten Wassers die Cholera zugezogen. Wenn das so war, bleibt die Frage, ob es Unachtsamkeit, völlige Verzweiflung oder die Herausforderung des Schicksals war, die ihm den Tod brachte. In jedem Fall wurde sein Ableben weithin betrauert.

 

Während sich Tschaikowsky im Oktober 1879 bei seiner Schwester in Kamenka aufhielt, begann er, um schöpferische Langeweile zu überwinden, mit der Komposition seines 2. Klavierkonzerts. Im Frühjahr 1880 setzte er in Paris und Rom die Arbeit daran fort, und endlich kehrte er nach Kamenka zurück, wo er die Orchestrierung abschloss. Gewidmet ist dieses op. 44 Nikolai Rubinstein. Zwar hatte Tschaikowsky dessen barsches Urteil über das 1. Klavierkonzert nicht vergessen, doch der einstige Kritiker hatte dieses Stück inzwischen selbst im Repertoire und sollte auf Wunsch des Komponisten das neue Werk uraufführen. Kritische Worte kamen dennoch: Einem Brief Tschaikowskys an Nadeshda von Meck zufolge war Rubinstein der Ansicht, der Klavierpart sei zu episodisch und höbe sich nicht deutlich genug vom Orchester ab.

Als Nikolai Rubinstein im März 1881 unerwartet starb, beschloss Tschaikowsky, den Klavierpart seinem einstigen Schüler Sergej Tanejew zu übertragen, und dieser gab dann auch unter der Leitung von Rubinsteins Bruder Anton im Mai 1882 in Moskau die russische Premiere des Werkes, das bereits im November 1881 in New York von der Pianistin Madeleine Schiller und dem Dirigenten Theodore Thomas uraufgeführt worden war. Nachdem Tanejew zunächst seine Zufriedenheit mit dem Konzert geäußert hatte, fand auch er nun am Klaviersatz und anderen Elementen etwas auszusetzen. Bevor der junge Pianist Wassily Sapelnikow das Werk 1888 in St. Petersburg, Prag und Moskau spielte, nahm Tschaikowsky einige Kürzungen vor. Der Pianist Alexander Ziloti, gleichfalls Schüler und Freund des Komponisten, unterbreitete weitere Änderungsvorschläge, die ihren Weg in die posthume Neuausgabe des Konzerts fanden, obwohl Tschaikowsky sie abgelehnt hatte.

Den Kopfsatz des G-Dur-Konzerts könnte man auf den ersten Blick tatsächlich für episodisch halten, wie Nikolai Rubinstein gemeint hatte. Tanejew beklagte unter anderem seine übermäßige Länge. Das kraftvolle erste Thema wird vom Orchester vorgestellt und dann vom Solisten übernommen. Nach einer solistischen Kadenz erscheint das zweite Thema überraschenderweise in Es-Dur. Eine plötzliche Pause markiert das Ende der Exposition, worauf das zweite Thema mit mächtigen orchestralen Mitteln in C-Dur wiederholt wird. Die ausgedehnte Durchführung enthält zwei weitere Kadenzen, worauf das Orchester in der Reprise das erste Thema wieder aufnimmt und der Nebengedanke in B-Dur zu hören ist. Danach wendet sich die Harmonik ins parallele g-Moll, und eine Passage in der Tonika beendet den Satz. Das auffällige Merkmal des zweiten Satzes ist der weitreichende solistische Einsatz einer Violine und eines Violoncellos. Der Mittelteil bringt Kontraste, und nach den Kadenzen der beiden Solostreicher erscheint das Hauptthema in der Solovioline, die von Pizzikati und synkopierten Klavierakkorden begleitet wird. Eine kurze Kadenz des Klaviers führt zum Schlussabschnitt, der in der vorliegenden Aufnahme mit einem der wenigen von Tschaikowsky autorisierten Striche gespielt wird. So ausgedehnt der Kopfsatz war, so knapp ist das abschließende Allegro con fuoco gehalten, das der Solist mit dem stürmischen Hauptthema beginnen darf. Das Nebenthema in e-Moll bringt die ersten Gegensätze. Ein drittes Thema meldet sich und stellt die Verbindung zur Reprise her, in der das Hauptthema wiederkehrt. Das zweite und dritte Thema werden in d-Moll bzw. F-Dur wiederholt, und der Satz endet mit dem zu erwartenden Prunk.

Die Konzertfantasie op. 56 für Klavier und Orchester wurde im März 1885 in Moskau von Sergej Tanejew uraufgeführt und im nächsten Frühjahr mit demselben Solisten in St. Petersburg wiederholt. Das Werk wurde unter anderem Durch den Pianisten und Komponisten Eugen d'Albert angeregt, der im voraufgegangenen Winter in Moskau konzertiert hatte.

Der erste Satz ist eher in Sonaten- als in Rondoform gehalten. Er beginnt mit einem ausgesprochen russischen, von drei Flöten exponierten Thema. Ein zweites Thema in h-Moll wird von einer Soloflöte eingeführt, und ein drittes, verwandtes Thema erscheint nun, wie eigentlich zu erwarten war, in D-Dur. An der Stelle einer Durchführung steht eine ausgedehnte Klavierkadenz, an die sich die Reprise anschließt. Der zweite und letzte Satz, Kontraste, beginnt mit einem Andante cantabile. Dabei bediente sich Tschaikowsky einer Skizze, die er in seiner dritten Orchestersuite nicht verwendet hatte. Das Klavier beginnt mit einem melancholischen Thema in g-Moll, worauf bald ein Solocello einfällt. Zu einer ostinaten Hornbegleitung stellten die Streicher più tranquillo ein zweites Thema vor, worauf das erste Thema wiederholt wird. Die Bratschen übernehmen das Ostinato, das jetzt ein neues, andersartiges Thema ( Molto vivace und dann Vivacissimo ) begleitet. Plötzlich kehrt das erste Thema wieder, das dem ersten Horn anvertraut ist, doch wird dieses durch eine jähe Aktivität unterbrochen, die gleichermaßen abrupt dem tranquillo- Thema Platz macht, worauf der brillante Schlussabschnitt noch einmal an den Anfang des Werkes erinnert.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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