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8.557828 - ALFVEN: Synnove Solbakken / En Bygdesaga / Elegie
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Hugo Alfvén (1872–1960)
Synnøve Solbakken, Op. 50
En Bygdesaga, Op. 53 • Elégie, Op. 38

 

Auf internationaler Ebene hat die Musik von Hugo Alfvén zwar keine übermäßige Verbreitung gefunden, in seiner schwedischen Heimat jedoch gilt er als einer der bedeutendsten Komponisten, den das Land nach Franz Berwald (1796–1868) hervorgebracht hat. Alfvén wurde am 1. Mai 1872 in Stockholm geboren, studierte am dortigen Konservatorium und widmete sich, nachdem er zwei Jahre als Geiger im Opernorchester gearbeitet hatte, der Komposition. 1897 und 1898 erschienen zwei bedeutende Symphonien in f-moll bzw. D-dur [ Naxos 8.553962 und 8.555072], und die Stockholmer Uraufführung der letzteren bestätigte den Ruf, den er bereits in seiner Heimat genoss. Im Laufe der nächsten 25 Jahre erschien eine Reihe großer Werke. Dazu gehören die Symphonien Nr. 3 und 4 [Naxos 8.553729 und Naxos 8.557284], das Oratorium Herrans bön (Das Gebet des Herrn), die Uppenbarelsekantat (Offenbarungskantate), die Ballettpantomime Bergakungen (Der Bergkönig) und drei Schwedische Rhapsodien, deren erste mit dem Titel Midsommarvaka (Mittsommer-Wache) [ Naxos 8.553115] bis heute Alfvéns beliebtestes Stück ist. Nach 1923 konzentrierte sich sein Schaffen auf die Chormusik – eine Folge seiner Dirigententätigkeit bei dem Siljan-Chor und den Orpheus-Sängern, mit denen er häufig auf Reisen ging. In den vierziger und fünfziger Jahren war er mit seiner fünften Symphonie beschäftigt [ Naxos 8.557612], und als 85-jähriger präsentierte er sich mit seinem Ballett Den förlorade sonen (Der verlorene Sohn) im einfallsreichen Umgang mit der Volksmusik. Hugo Alfvén, der Doyen der schwedischen Musik, starb am 8. Mai 1960 in Falun.

Obwohl Hugo Alfvén seine größten Erfolge gefeiert hatte, bevor das erste „Goldene Zeitalter“ des schwedischen Kinos begann, verfasste er in den dreißiger und vierziger Jahren drei Spielfilmmusiken. Die erste entstand für Synnøve Solbakken (Synnøve von Solbakken) nach dem Roman von Bjørnstjerne Bjørnson. Der Streifen erlebte seine Premiere am 22. Oktober 1934 in Stockholm. Ursprünglich bestand die Musik aus achtzehn „Komplexen“, die Alfvén mit Hilfe von Eduard Hladisch auf eine sechssätzige Suite reduzierte, in der das Wesen des Films zusammengefasst ist. Dieser handelt von der zarten Synnøve und ihrer Liebe zu dem schwermütigen Torbjörn, der am Anfang im Kampf mit seinem Rivalen Knut eine Stichwunde erhält, die ihn lähmt. Er findet seine Beweglichkeit erst wieder, als er sieht, dass der Karren seines Vaters in einen Unfall verwickelt ist. Die verfeindeten Familien versöhnen sich, und die beiden Liebenden werden glücklich vereint. Wie in seiner fünften Symphonie verwendet Alfvén auch hier Musik aus seiner Ballettpantomime Bergakungen (Der Bergkönig) sowie norwegische Volksweisen – sehr passend angesichts des Schauplatzes, an dem der Film spielt, und der Tatsache, dass es sich um eine norwegisch-schwedische Koproduktion handelte (wenngleich die norwegischsprachige Fassung mit einer ganz anderen Besetzung gedreht wurde). Es mag verständlich sein, dass ein Rezensent, der von dem Film insgesamt nicht begeistert war, das hauptsächliche Verdienst des Streifens „in den Kühen, der Landschaft, [dem Schauspieler] Victor Sjöström und Hugo Alfvén“ erkannte.

Am Anfang der Suite steht eine zarte Darstellung des ländlichen Schauplatzes. Streicher und Flöten beschwören einen Sonntagmorgen im Wald. Das Solohorn spielt Kuckucksrufe, während das Klavier in akkordischen Unisoni mit den Streichern einen sehnsüchtigen Eindruck erweckt. Die zweite Nummer ist die ergreifende Beschreibung der Jungen Liebe, die sich zwischen Synnøve und Torbjörn entwickelt hat – am Anfang erklingt eine walzerartige Melodie, die alle Aspekte des Stückes mit seinen atmosphärischen Solo-Holzbläsern durchzieht. Der dritte Satz, Brennender Kummer, ist eine düstere Pastorale; Solostreicher imitieren die norwegische Hardanger-Fiedel, und der lebhafte, von einer traditionellen Melodie abgeleitete Holzbläser-Gedanke erinnert an ähnliche Momente bei Grieg. Der vierte Satz ist eine weitere Beschreibung von Torbjörn und Synnøve, hier in Gestalt einer warmherzig-expressiven Elegie, die zum Anfang zurückschaut und weitere folkloristische Wendungen enthält. Der fünfte Satz schlägt, wie der Titel sagt, den Ton der Sehnsucht an, der die expressive Essenz des Dramas beschwört. Eine kurze Erinnerung an den Walzer aus dem zweiten Abschnitt bereitet auf die sechste Nummer In Solbakken vor. Hier wird Musik vom Anfang des Films verwendet, die das Dorf beschreibt und die Suite in lebhafter, kerniger Weise abschließt.

Günstig waren die Vorzeichen im Jahre 1944, als man den zehn Jahre alten Roman Mans Kvinna (wörtlich: Die Frau des Mannes) von Vilhelm Moberg verfilmen wollte, den der Autor bereits als Schauspiel eingerichtet hatte. Das Buch spielt Ende der 1790er Jahre in Värend und handelt von Märits, der Frau des Bauern Påvel, die sich zu dem jüngeren Bauern Håkan hingezogen fühlt. Eine Magd, mit der Håkan zuvor ein Verhältnis hatte, verrät die Liaison, worauf Påvel seine Frau mit der Begründung einsperrt, sie sei sein Eigentum. Schließlich gelingt den Liebenden die Flucht, und sie suchen ihre Freiheit außerhalb der Dorfgemeinschaft und der Konventionen. Wieder benutzt Alfvén Musik aus Bergakungen; die neue Partitur besteht aus 23 musikalischen Komplexen, von denen zwei dem letzten Schnitt zum Opfer fielen. Die Premiere des Films am 5. Februar 1945 brachte nicht den von vielen erwarteten Erfolg, und erneut war es Alfvéns Musik, die als eines der wenigen positiven Elemente der Produktion hervorgehoben wurde.

Die Introduktion ist de facto eine Ouvertüre zu dem Film, in der erst mit lebhaften, dann mit bewegenden Tönen das bevorstehende Drama antizipiert wird. Die zweite Nummer, Träume, ist ein ausgedehntes Stück, in dem die mit den Hauptfiguren des Films verbundenen Themen nebeneinander stehen, das aber auch Spinnrad und Webstuhl beschreibt – das ganze eine düster-zurückhaltende Rhapsodie. Noch umfangreicher ist die dritte Nummer, Sündige Liebe, die darstellt, wie sehr Märit und Håkan voneinander fasziniert sind. Bemerkenswert ist hier unter anderem ein choralartiges Motiv der Blechbläser, aus dem der Höhepunkt des Satzes entsteht und das die nachfolgenden, spannungsgeladenen Phasen des Abschnitts durchzieht. Der Schluss leitet direkt zur vierten Nummer mit dem Titel Eifersucht über, die mit kraftvollen Mitteln den zentralen Konflikt beschwört, bevor die Musik eine eher launige Stimmung annimmt, die für Entspannung sorgt. Der fünfte Satz ist ein unheilvoller Trauermarsch, in dem ein eher fließender, ausdrucksvoller Mittelteil für den nötigen Kontrast sorgt. Das Heulen der Wölfe ist die sechste und letzte Nummer. Dieses Finale mit seinen Folklore-Elementen entwickelt sich voller Impulsivität: Die Liebenden entscheiden sich trotzig für die Freiheit, wohl wissend, dass sie in Zukunft „einsame Wölfe“ sein werden, hinter denen das „Pack“ her ist.

Elégie, das letzte Werk dieser CD, hat nichts mit dem Genre des Films zu tun. Der Untertitel, Bei Emil Sjögrens Begräbnis, verrät den Hintergrund: Johan Gustav Emil Sjögren (1853–1918) war Komponist und von 1890 bis zu seinem Tode auch Organist an der St. Johanneskirche von Stockholm. Bekannt wurde er vor allem durch seine Lieder und Klavierwerke; er hinterließ aber auch etliche Orgelwerke, fünf Violinsonaten und zahlreiche Chorstücke. Alfvén schuf mit dieser Hommage eine Tondichtung, die in vieler Hinsicht die vierte Symphonie ankündigt, mit der er bald darauf begann.

Die Elégie präsentiert ein düsteres Streicherthema, das anschließend von Holzbläsern und Hörnern übernommen wird. Ein warmherziger Gedanke der hohen Streicher bringt einen Kontrast, doch dann wird das Bläserthema vom Anfang wiederholt, um auf eine ausgedehnte Klimax zuzusteuern, deren Trauerstimmung durch das tiefe Blech und das Schlagzeug noch verstärkt wird. Dann tritt das zweite Thema wieder in Erscheinung, um einen gewissen Trost zu vermitteln, der von dem Bläsermotiv wieder ausgelöscht wird. In den letzten Minuten bewegt sich das Stück dann auf einem anderen emotionalen Gebiet: Das Hauptthema wird hier verwandelt, um das Stück zumindest mit der Hoffnung auf Segen enden zu lassen.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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