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8.557844 - RIES, F.: Piano Concertos, Vol. 2 (Hinterhuber, Grodd) - No. 3 / Introduction and Polonaise / Variations on Swedish National Airs
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Ferdinand Ries (1784–1838)
Klavierkonzerte, Folge 2

 

Es erstaunt, dass man den Namen Ferdinand Ries heute nicht besser kennt, war er zu seiner Zeit doch einer der größten Pianisten Europas sowie ein überaus fähiger Komponist. Bedenkt man erst noch seine lange Beziehung zu Ludwig van Beethoven, so vermag man noch viel weniger zu begreifen, warum die meisten seiner großen Werke in Vergessenheit geraten sind. Hätte dies in jedem anderen Fall ein erschöpfendes Studium seiner Musik nach sich gezogen, so ist dies bei Ries aber ausgeblieben, was womöglich an den von ihm verfassten Beethoven-Erinnerungen liegen könnte, die für die Gelehrten anscheinend dermaßen interessant waren, dass sie sich eher mit dieser Publikation als mit seinen Werken befasst haben. Über seinen eigenen Lebensweg wurde denn auch vergleichsweise wenig geschrieben. Immerhin sind im Laufe der Zeit sporadisch einige seiner Kammermusikwerke aufgeführt und aufgenommen worden, und in den letzten Jahren kamen auch Einspielungen seiner durchaus eindrucksvollen Symphonien heraus. Seine Konzerte hingegen vermochten bisher eigenartigerweise kaum Interesse zu wecken.

Ries hat insgesamt neun Konzerte veröffentlicht – das erste für Violine (das nur in einem späteren Arrangement für Violine und Klavier überliefert ist), alle weiteren für Klavier. Die Werke wurden in der Reihenfolge ihrer Publikation nummeriert, was einige Verwirrung nach sich zog, da die Publikationsdaten kaum je viel mit dem Kompositionsdatum gemein haben. So beginnt die Reihe der Klavierkonzerte denn auch eigentlich mit dem Konzert Nr. 2. Und das 3. Konzert in cis-Moll ist eigentlich sein fünftes, gingen ihm doch das Violinkonzert (Nr. 1), das C-Dur-Konzert (Nr. 6), das Es-Dur-Konzert (Nr. 2) und das c-Moll- Konzert (Nr. 4) voraus. Das Konzert Nr. 2 erschien 1812 mit einer Widmung an Erzherzog Rudolph und könnte im Rahmen von Ries' Wien-Besuch im Jahr 1808 entstanden sein. Obwohl das genaue Kompositionsdatum unbekannt ist, kann man gleichwohl sicher davon ausgehen, dass es vor dem Konzert in cis-Moll, Op. 55 entstanden ist.

Die 1809 begonnene, ausgedehnte Europa-Reise, führte Ries 1811 nach Russland, wo er bis zu den dramatischen Ereignissen von 1812 blieb, die ihn dann zur Abreise bewegten. Schon seine Reise nach Russland war aufregend genug. In den im Harmonicon abgedruckten Memoiren erinnert sich Ries, dass diese Reise „von jenen Schicksalsschlägen“ gekennzeichet war, „die ihn begleitetet, wann immer er in die Nähe von Kriegsschauplätzen kam, denn das Schiff, in dem er von Schweden her übersetzte, wurde von den Engländern gekapert, die ihre Gefangenen dann acht Tage auf einer kleinen felsigen Insel festhielten.“

Über Ries' Zeit in Russland selbst ist nur wenig bekannt. Man weiß, dass er seinen alten Lehrer, Bernhard Romberg in St. Petersburg getroffen hat und beide gemeinsam nach Kiew, Riga, Revel und anderen Städten mehr reisten, in denen Ries jeweils äußerst erfolgreiche Konzerte gab. Er bereitete sich gerade auf die Weiterreise nach Moskau vor, als – wie es in den Harmonicon Memoiren heißt – „seine alten Freunde, die Franzosen, wieder einmal seine Pläne durchkreuzten“.

Aus Briefen an seinen Freund, den Stockholmer Verleger Ulrik Emanuel Mannerhjerta, wissen wir, dass Ries darauf erpicht war, Mitglied der Königlich-Schwedischen Musikakademie zu werden, einer Institution, zu deren Ehrenmitgliedern auch Joseph Haydn zählte. Die Zulassungsbestimmungen verpflichteten Bewerber dazu, den Direktoren der Akademie ein Werk für großes Orchester zur Beurteilung vorzulegen. Ries, der von Mannerhjerta im September 1812 auf diese Bedingung hingewiesen wurde, war enttäuscht, dass seine Konzerte nicht anerkannt würden – ein Umstand, der dafür spricht, dass er tatsächlich kein passendes Werk bei sich hatte. Da Russland sich nun im Griff der französischen Invasoren befand und seine Konzerte in Moskau nicht durchführbar schienen, hat Ries seine Pläne, die Schwedische Hauptstadt zu besuchen, möglicherweise vorangetrieben und wohl auch seine derzeitigen Kompositionspläne entsprechend angepasst.

Noch während er in Russland weilte, begann Ries mit der Arbeit an einem neuen Klavierkonzert. Die autographe Partitur dieses Werkes, dem Konzert in cis- Moll, ist mit ‚Petersburg 1812' datiert, wobei der unvollständige Zustand des Manuskripts darauf hin deutet, dass Ries es entweder in großer Eile zu Papier gebracht hat – möglicherweise bei der Flucht außer Landes – oder aber von anderen Projekten unterbrochen wurde. Dafür kämen verschiedene Werke in Frage, darunter die brillanten Schwedischen Nationalweisen mit Variationen, Op. 52, die gemeinsam mit dem neuen Konzert, einer Ouvertüre und dem Sorgmarsch und Finale am 14. März in Stockholm uraufgeführt wurden. Die Sinfonie in D, Op. 23 erklang bei Ries' erstem Konzert in Stockholm am 4. März 1813 und sicherte ihm die Aufnahme in den erlauchten Kreis der Ehrenmitglieder der Königlich-Schwedischen Musikakademie.

Die Qualität des Autographs lässt zu Beginn des zweiten Satzes deutlich nach, und die Notation des Soloparts gestaltet sich mehr und mehr nur noch skizzenhaft. Wird die linke Hand meist ganz weggelassen, so besteht der größte Teil der rechten Hand nur aus Notenköpfen und -hälsen, ohne näher spezifizierte Dauer. Da diese Abschnitte nicht selten auch noch kunstvolle Auszierungen enthalten, sind die Intentionen Ries' nicht eben leicht zu entschlüsseln. Gegen Ende des Finales bricht das Autograph dann ohne jede Vorwarnung ganz ab, und die Fortsetzung der Orchesterbegleitung ist in der Handschrift eines unbekannten Kopisten. Die physische Beschaffenheit des Autographs legt nahe, dass Ries mit der Komposition 1812 in St. Petersburg begann, das Manuskript möglicherweise schon seinerzeit in der Kopfzeile datierte, und bis zum Anfang des zweiten Satzes kam, ehe ihn die dramatischen Ereignisse von 1812 zum Überdenken seiner Pläne zwangen. Es ist durchaus denkbar, dass er die Arbeit an diesem Werk zu diesem Zeitpunkt vollständig abbrach, um sich dem Werk dann erst wieder nach seiner Ankunft in Schweden, Anfang 1813, zuzuwenden. Bedenkt man die Kürze seines Aufenthalts dort (er blieb ja nur sechs Wochen in Schweden), so hatte er ohnedies wenig Zeit, das Werk zu vollenden, was erst recht noch gelten würde, wenn er auch noch andere Werke für seine Konzerte in Schweden zu komponieren hatte. All' diese Umstände mögen die ungewöhnlich schlechte Qualität der autographen Partitur erklären.

Das cis-Moll-Konzert ist ein beeindruckendes Werk. Den Schatten Beethovens mag man bisweilen in der gewagten Orchesterbehandlung Ries' wahrnehmen, wie im übrigen auch in der musikalischen Struktur an sich. Der Solopart ist dann stilistisch aber ganz eindeutig Ries. Obschon es durchaus virtuos daherkommt – es gibt verschiedene Bravourpassagen in den Außensätzen und komplexe, üppig ausgeschmückte Verzierungen der Melodielinien im zentralen Larghetto –, ist es namentlich die überaus lyrische Qualität des Werkes, die rhythmische Subtilität der Begleitung und die Art, wie Ries die Klangfarben des Solo-Instruments auskostet, die erstaunt. Dabei enthält das Werk auch Momente von großer Schlichtheit. So etwa im zentralen Soloabschnitt des Kopfsatzes, wenn das Klavier ein erlesenes neues Thema in Oktaven vorstellt, das von tremolierten Streichern untermalt wird. Der langsame harmonische Rhythmus und das zögerliche Thema im Klavier verleihen diesem Abschnitt eine ebenso unheimliche wie zeitlose Anmutung, wie wenn Ries dem Hörer einen Augenblick des Innehaltens gönnen wollte, ehe der Kampf zwischen Solist und Orchester von neuem seinen Lauf nimmt. Etwas Vergleichbares gibt es in den Konzerten Beethovens nicht, und so stellt denn auch die erste Rezension des Werkes (in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung) die Andersartigkeiten von Ries' Konzert im Vergleich zu Beethovens c-Moll-Konzert, Op. 37 heraus.

Auch in den Schwedischen Nationalweisen mit Variationen oder in der Introduktion und Polonaise ist nicht übermäßig viel Beethoven'scher Geist enthalten. Das mag auch mit daran liegen, dass Beethovens Karriere als Interpret schon relativ früh in seinem Leben beendet war und er so diese neueren, modischeren Genres nicht weiter zu kultivieren vermochte, obwohl er ja etliche Variationszyklen für Klavier solo komponiert hat. Die ‚Schwedischen' Variationen beginnen mit einer kraftvollen, rhapsodischen Introduktion, der sich eine lose Reihe von Variationen auf drei traditionelle Melodien anschließt: Waggavisa (ein Wiegenlied), Skansk Dans (ein Bauerntanz der Schonen) und Quarndansen (Tanz des Müllers). Die Melodien unterscheiden sich untereinander in Tonart, Tempo und Metrum und auch in den individuellen Variationen kommt es zu Wechseln des Metrums und des Tempos. Die multi-thematische Grundlage der Variationen ermöglicht Ries eine sehr fließende, dynamische Struktur, in der sowohl Raum für brillant technische als auch für ausgesprochen ausdrucksstarke Solo- Abschnitte ist. Auch das Orchester wird äußerst kunstvoll eingesetzt, was nicht allein für die den Solisten begleitenden Passagen gilt, sondern namentlich für die Tutti-Abschnitte, mit denen Ries die einzelnen Variationen voneinander trennt oder miteinander verbindet.

Bei der Introduktion und Polonaise, Op. 174 handelt es sich um ein spätes Werk, das Ries 1833 während eines Rom-Besuchs komponierte. Der Titel der autographen Partitur, die sich in der Library of Congress in Washington befindet, lautet: ‚Rondo Polacca for the Pianoforte with accom. of the Full Orchestra Composed by Ferd: Ries Rom 1833' [Rondo Polacca für Pianoforte in Begleitung des vollen Orchesters, komponiert von Ferdinand Ries, Rom 1833]. Es ist dabei interessant, dass Ries das Werk englisch betitelte, war er doch beinahe schon wieder zehn Jahre zurück aus England und lebte mittlerweile in Deutschland. Es könnte darauf hin deuten, dass er beabsichtigte, das Werk in London zu veröffentlichen, obschon es dann schließlich bei Dunst in Frankfurt erschien, wo es auch als Klavierduett herauskam, das allerdings nicht mehr überliefert ist. Ungewöhnlich für Ries ist ferner, dass es keine weiteren Auflagen des Werkes gab, was als Zeichen dafür gelten könnte, dass seine Popularität bereits nachließ.

Die Titeländerung dürfte Ries selbst gestattet haben, und tatsächlich beschreibt der neue Titel die Struktur des Werkes wesentlich besser. Die Introduktion, obschon nicht übermäßig lang, besticht durch das für Ries so typische Nebeneinander von schroffer Erhabenheit einerseits und feiner Empfindsamkeit andererseits. Die Verbindung zum Rondo Polacca (den ursprünglichen Titel hat Ries für den Hauptteil des Werkes beibehalten) ist geschickt gelöst und die Schwere der Einleitung ist eigentlich sofort vergessen, wenn der Solist erst einmal das muntere Rondothema anklingen lässt. Und auch wenn das Werk eigentlich aus Ries' später Schaffensperiode stammt, unterscheidet es sich stilistisch doch nicht so sehr von seinen früheren Werken, etwa den Schwedischen Nationalweisen mit Variationen, die ja doch immerhin gut 20 Jahre zuvor entstanden sind. Dies sollte man jedoch keinesfalls bloß als Hinweis auf eine stilistische Stagnation interpretieren. Vielmehr ist es ein Beleg dafür, wie fortschrittlich bereits die früheren Werke Ries' waren. Darüber hinaus zeigt die enge formale und stilistische Verwandtschaft der Werke, dass Ries durchaus zufrieden mit seiner einmal ausgebildeten, ureigenen musikalischen Sprache war.

Allan Badley
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann

 


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