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8.557847 - LISZT: Symphonic Poems, Vol. 4
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Franz Liszt (1811–1886)
Hungaria • Héroïde funèbre • Le Triomphe funèbre du Tasse

 

Franz Liszt wurde 1811 im damals ungarischen Raiding im Burgenland geboren. Sein Vater Adam war Amtmann im Dienste der Fürstenfamilie Esterházy, deren Kapellmeister Joseph Haydn einst gewesen war. Schon früh wurde Franz vom ungarischen Adel gefördert, so dass er 1822 in Wien bei Carl Czerny Unterricht nehmen konnte. Damals kam es auch zu der berühmten Begegnung mit Beethoven. Von Wien ging Liszt nach Paris. Luigi Cherubini verweigerte ihm, dem Ausländer, zwar die Zulassung zum Konservatorium, doch konnte der Jüngling das Publikum mit seinen Darbietungen beeindrucken. Unterstützt wurde er jetzt durch die Klavierbauer-Familie Erard, für deren Produkte er bei seinen Konzerttourneen Werbung machte. 1827 starb der Vater, worauf seine Mutter nach Paris kam. Franz Liszt unterrichtete, studierte und profitierte von den intellektuellen Kreisen, mit denen er in der Seine-Metropole Kontakte pflegte. Ein neues Interesse am virtuosen Klavierspiel entstand, als er den großen Geiger Niccolò Paganini hörte, dessen technische Fertigkeiten er nun nachzuahmen begann.

In den nächsten Jahren schuf Franz Liszt zahlreiche virtuose Kompositionen für den eigenen Gebrauch – darunter auch Lieder und Opernfantasien. Seine Beziehung zu der verheirateten Comtesse Marie d’Agoult veranlasste ihn, Paris für einige Jahre den Rücken zu kehren. Er lebte zunächst in der Schweiz, kam dann nach Paris zurück, um endlich nach Italien, Wien und Ungarn zu reisen. 1844 endete die Beziehung zu der Geliebten und Mutter seiner drei Kinder. Seine Konzertkarriere dauerte noch bis 1847: In diesem Jahr begann sein Verhältnis zu der polnischen Fürstin Caroline zu Sayn-Wittgenstein, die vor ihrem ungeliebten russischen Gemahl geflohen war und sich 1848 mit Liszt in der Goethe-Stadt Weimar niederließ. Hier beschäftigte sich Franz Liszt nun mit einer neuen Form der Orchestermusik, der symphonischen Dichtung; außerdem widmete er sich der Revision und Publikation früherer Werke.

1861 ging der inzwischen fünfzigjährige Franz Liszt nach Rom, wo Fürstin Caroline bereits seit dem Vorjahr lebte. Nach ihrer Scheidung schien der Weg zur Eheschließung offen, doch lebten die beiden fortan in getrennten Wohnungen. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und lebte abwechselnd in Weimar, wo er jüngere Künstlergenerationen unterrichtete, in Rom, wo er seinen geistlichen Interessen nachging, und in Pest, das ihn als Nationalhelden feierte. Er starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima residierte und damit beschäftigt war, die Musik ihres drei Jahre früher verstorbenen Ehemannes Richard Wagner zu verbreiten.

 

Weimar hatte Franz Liszt 1842 zum „Kapellmeister in außerordentlichen Diensten“ ernannt. Damit war er alljährlich zu einer kurzen Anwesenheit verpflichtet, ohne dass er den eigentlichen Kapellmeister ersetzt hätte. Als er sich dann aber im Jahre 1848 auf Dauer in der Stadt niederließ, konnte er weitgehend über die Kapelle verfügen, und so wandte er sich der Komposition von Orchesterwerken zu. Seine symphonische Dichtung Ce qu’on entend sur la montagne (Was man auf dem Berge hört) [Naxos 8.557846] war diesbezüglich sein erster Versuch. Die Urfassung wurde 1849 vollendet und von seinem Protegé Josef Joachim Raff (1822–1882) instrumentiert, der auch die zweite Version des Jahres 1850 orchestrierte. Die letzte Version von 1857 hat Liszt dann selbst instrumentiert. Raff behauptete später, selbst einen beträchtlichen Teil dieser symphonischen Dichtung komponiert zu haben; diese Behauptung reflektiert jedoch mehr Raffs Selbstverständnis als die Tatsachen. Eindeutig hat Franz Liszt aufgrund der Weimarer Erfahrungen gelernt, für Orchester zu schreiben. Der Gattungsbegriff Symphonische Dichtung setzte sich allmählich als Bezeichnung für Orchesterwerke durch, die von Malerei, Literatur oder andern Kunstdisziplinen inspiriert sind, und fand für neuere – teils begrüßte, teils missbilligte – Kompositionsformen Verwendung.

Die symphonische Dichtung Hungaria wurde 1856 in Pest unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt. Liszt hielt sich ohnehin in Ungarn auf, um die Premiere seiner Esztergomi mise (Graner Festmesse) zu dirigieren, die er zur neuerlichen Weihe des Domes von Esztergom komponiert hatte. Skizzen zu der symphonischen Dichtung reichen bis 1848 zurück – in das Jahr des ungarischen Aufstands gegen die Habsburger, die schließlich mit Gewalt obsiegten. Einiges Material entnahm Liszt dabei seinem Heroischen Marsch im ungarischen Styl (1840). Bei Hungaria handelt es sich um ein episodisches Werk, das mit einer melancholischen Einleitung (Largo con duolo) der Celli und Bässe beginnt. Bald wird ein Andante marziale erreicht, das aus dem älteren Klaviermarsch gewonnen ist und von einem Fragment des Einleitungsmaterials unterbrochen wird. Zwei Kadenzen der Solovioline führen zu einem agitato, in dem noch immer der Rhythmus des Andante marziale dominiert. Trompeten und Posaunen leiten ein Allegro eroico ein – auch dies eine Übernahme aus dem Marsch, dessen Motive das gesamte Werk beherrschen. Die musikalische Klage des Anfangs wird wieder aufgegriffen und führt zu einem Trauermarsch, in dem das Fagott ein Lamento spielt; der zweite Marschrhythmus wird indessen immer hartnäckiger. Ein Solocello leitet zu einem Allegro marziale hinüber, das die inzwischen bekannten Motive verwendet. Gekrönt wird das Werk vom optimistischen Abschluss eines Allegro trionfante.

In dem bewegten Jahr 1849, das Paris eine neuerliche Revolution und auch andernorts große Unruhen brachte – in diesem Jahr griff Franz Liszt ein Werk auf, das er bereits 1830 während des erfolgreichen Pariser Aufstands skizziert hatte, aufgrund dessen Charles X. ins Exil hatte gehen müssen. Die „revolutionäre Symphonie“ sollte aus fünf Sätzen bestehen, doch nur der erste, eben die Héroïde funèbre, wurde vollendet. 1854 überarbeitete Liszt den von Raff abgeschriebenen Satz, und drei Jahre später folgte in Breslau die Uraufführung. Am Ende seines Vorwortes zu dem Werk schreibt Liszt: Ganz gleich, welche Farben die Flaggen haben, die in diesen finsteren Spielen von aufeinanderfolgenden Kriegen und Metzeleien stolz und kühn gegeneinander aufgezogen sind – sie sind vom Blut der Helden und unstillbaren Tränen getränkt, wenn sie über beiden Lagern wehen. Es ist an der Kunst, ihren verklärenden Schleier über das Grab der Tapferen zu breiten, mit ihrer goldnen Gloriole die Toten und die Sterbenden zu umwinden, auf dass die Lebenden sie beneiden.

Héroïde funèbre beginnt mit den dumpfen Trommeln der Lento lugubre-Einleitung. Posaunen exponieren das Hauptthema, welches das gesamte Werk zusammenhält und dann am Anfang der Marcia funebre noch voller in Bratschen und Celli erklingt. Bald hört man ein anderes thematisches Element im Englischhorn und den ersten Violinen, das wiederholt wird, bevor Flöten und Klarinetten eine weitere Figur (flebile) einführen. Wieder ist der Marsch zu hören, der zu einem als lagrimoso bezeichneten Melodiefragment des Englischhorns und der Bratschen führt. Der feierliche Klang der Trommeln beendet diesen Teil des Werkes. Dann folgt ein Trio in Des-dur mit einer Melodie für Horn und Flöte, die bald einer an die Marseillaise erinnernden Trompetenfigur weicht. Das Hauptthema des Trios wird in vollerer Gestalt wiederholt und bringt bald die Töne der Marseillaise. Eine aufgeregtere Passage führt zu der emphatischen Wiederkehr des Marsches, wobei sich der als misterioso markierten Überleitung die kraftvolle Wiederkehr des Triothemas anschließt. Erneut hört man das klagende Englischhorn, bevor das ganze zu einem düsteren Schluss herabsinkt.

Die erste Fassung seiner symphonischen Dichtung Tasso. Lamento e trionfo nach einem Gedicht von Byron hatte Franz Liszt 1849 geschrieben. Torquato Tasso, der Dichter aus dem 16. Jahrhundert, war nach zwanzig Jahren im Dienste der ferraresischen Herrscherfamilie d’Este als Geisteskranker eingekerkert worden – vielleicht, so munkelte man, wegen seiner Liebe zur Schwester des Herzogs. Sein Leben und Schicksal waren Gegenstand eines Schauspiels von Goethe, dessen 100. Geburtstag Liszt einen besonderen Anlass bot, sich mit dem Stoff zu beschäftigen. Sein Tasso wurde 1849 in Weimar als Ouvertüre zu einer Vorstellung des besagten Dramas uraufgeführt. Le triomphe funèbre du Tasse entstand 1866 als Epilog der älteren symphonischen Dichtung und bildete die dritte der Trois odes funèbres von Liszt. Die Partitur ist Leopold Damrosch gewidmet, der 1877 die Konzerte der Philharmonischen Gesellschaft von New York dirigierte und das Werk dort auch aus der Taufe hob. Wie in der ursprünglichen symphonischen Dichtung verwendet Liszt auch hier eine chromatisch absteigende, melancholische Skalenfigur und ein Lied, das er von venezianischen Gondolieri gehört hatte – und er wiederholt die ersten Zeilen aus Gerusalemme Liberata, dem berühmtesten Gedicht von Tasso: Canto l’armi pietose e ‘l Capitano / Che ‘l gran Sepolcro liberò di Cristo. Der Epilog beginnt in Trauerstimmung: Hörner und Fagotte werden von düsteren Celli und Bässen beantwortet; sie führen zu einem Triumph, worauf eine zart-lyrische, von Melacholie getönte Episode folgt, die von den Tönen der langsam absteigenden, chromatischen Skala unterstrichen wird. Das Gondoliere-Lied, das Kernstück des Werkes, liefert einen großen Teil des nachfolgenden Materials. Dann verwandelt sich der Triumph in Trauer: Die Totenglocke schlägt, und zum Schluss wird noch einmal auf den Anfang des Stückes hingewiesen.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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