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8.557848 - BUSONI, F.: Violin Sonatas Nos. 1 and 2 / 4 Bagatelles (Joseph Lin, Loeb)
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Ferruccio Busoni (1866–1924)
Violinsonaten Nr. 1 und 2 • Bagatellen

 

Ferruccio Benvenuto Busoni wurde am 1. April 1866 in Empoli bei Florenz als einziges Kind eines Klarinettisten und einer Pianistin geboren. 1874 debütierte er in Triest als Pianist und ging im Jahr darauf zum Studium nach Wien. 1885 begann er auf Empfehlung von Brahms Unterricht bei Carl Reinicke in Leipzig zu nehmen, bevor er an den Konservatorien von Helsinki und Moskau unterrichtete. Bis zur Jahrhundertwende widmete er sich vornehmlich dem Konzertieren, erst dann begann das Komponieren neue Bedeutung zu erlangen, wenn auch nicht Dominanz. Abgesehen von einigen Jahren in Zürich während des Ersten Weltkriegs lebte er von 1894 bis zu seinem Tod 1924 in Berlin.

Die Essenz von Busonis Musik ist die Synthese seiner italienischen und deutschen Abstammung: Emotion und Intellekt – Imagination und Disziplin. Trotz Beifalls von Komponisten- und Musikerkollegen blieb seine Musik lange auf einen kleinen informierten Kreis beschränkt. Weder ausgesprochen konservativ noch demonstrativ modernistisch, waren seine tonalen und harmonischen Innovationen gänzlich einem nachschöpferischen Zugang zur Musik der Vergangenheit verpflichtet, der erst in den letzten Jahrzehnten ein größeres Publikum gefunden hat.

Busoni komponierte in seiner Reifezeit so gut wie keine Kammermusik. Die meisten Werke dieser Art entstanden in den Jahren 1878–90, zwischen seinem zwölften und 24 Lebensjahr. In jener Zeit reüssierte das Wunderkind als großartiger Pianist der jüngeren Generation. Aus den späten 1870er Jahren datieren einige Werke mit Klarinette – Busonis Vater war ein Virtuose auf diesem Instrument –, während aus den 1880er Jahren drei Streichquartette und Stücke für Cello und Klavier stammen [ Naxos 8.555691]. Aus dieser Zeit kommen auch die Vier Bagatellen für Violine und Klavier. In Leipzig im April 1888 für den siebenjährigen Egon Petri geschrieben – später ein Pianist allerhöchsten Ranges –, sind diese unprätentiösen Stücke kaum für Anfänger geeignet. Die einfallsreiche Verwendung von Volksmelodien – O du lieber Augustin im dritten Stück, Schöne Minka im vierten – veranschaulicht Busonis Talent, unterschiedliche Stile und Typen von Musik in sein Werk zu integrieren.

Aus der Zopfzeit ist ein lebhaftes Stück, in dessen äußeren Abschnitten die Instrumente einander imitieren, wogegen sie im skurrilen Mittelabschnitt eigene Wege gehen. Kleiner Mohrentanz bringt ein kapriziöses Thema des Klaviers über Violinakkorden im Pizzikato mit einigen lebhaften Wechseln im Verlauf. Wiener Tanzweise ist eine charmantes Stück, in dem Violine und Klavier Melodie und Begleitung in fast zärtlicher Art und Weise austauschen. Kosakenritt rundet die Folge mit aufgeregter und spritziger Musik ab.

1890 weilte Busoni in St. Petersburg, wo er den Rubinstein-Preis für Klavier und Komposition gewann. Eines der Stücke, das er in letzterer Kategorie einreichte, war seine Erste Violinsonate, die er in Helsinki geschrieben hatte. Es ist ein auffallend sicheres Werk, dessen Dreisätzigkeit und eindringliche Manier es in die Tradition der österreichisch-deutschen Romantik stellen, die der ältere Komponist dann ablehnte. Seine musikalischen Reize sind noch immer beträchtlich.

Der Eröffnungssatz beginnt mit einem entschlossenen Thema, bei dem die Geigenmelodie und die Klavierbegleitung eng verzahnt sind. Das zweite Thema ist nachdenklicher, ohne doch die wogende Emotion der Musik zu untergraben. In der Durchführung durchlaufen die Themen einen auffallend an Brahms gemahnenden Prozess der harmonischen und rhythmischen Veränderung; schließlich wird ein Höhepunkt erreicht, bei dem das erste Thema in intensivierter Form zu hören ist. Nun wird das zweite Thema wiederholt; sein Vorläufer dominiert die rastlose Coda. Der langsame Satz beginnt mit gebändigtem Austausch, der in eine eloquente Geigenmelodie mündet, die auf Schumann und sogar Beethoven zurückblickt. Diese erhebt sich entschlossen zu einer kurzen Klimax, welche die Instrumente in noblem Zusammenklang wiederum eng miteinander verzahnt. Danach vollzieht sich bis zum Ende ein Abklingen zu gelassener Ruhe. Das Finale beginnt mit atemlosen Phrasen der Violine über fließender Klavierbegleitung. Ein zweites Thema ist weniger impulsiv und bewegt sich zu einer robusten Codetta. Die Durchführung hebt mit dem ersten Thema an, wechselt lebhaft zwischen den Instrumenten, bevor der Satz in die Reprise übergeht. Diese verweilt zunächst bei dem lyrischen zweiten Thema, führt dann aber zu dem übereilten und entschlossenen Ende.

Busonis Produktion ließ in den 1890er Jahren zusehends nach, als seine Karriere als Klaviervirtuose in Schwung kam. Gleichwohl entstand in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts eine Reihe signifikanter Stücke, deren wichtigstes die Zweite Violinsonate ist. Komponiert im Sommer 1898 – und 1900 für den Druck überarbeitet –, sorgten Viktor Nováãek und der Komponist am 30. September des Jahres in Helsinki für die Premiere. Nováãeks Bruder Ottokar war ein enger Freund Busonis; sein Tod im Februar 1900 veranlasste den Komponisten, das Werk seinem Andenken zu widmen. Er erklärte es überdies zu seinem op. 1, da er mit ihm seine wahre Stimme gefunden zu haben meinte. Das Werk ist wiederum dreisätzig, wobei die Form – teilweise inspiriert von Beethovens Klaviersonate op. 109 – hier höchst unorthodox ist: Einem vorspielartigen ersten Satz folgt ein hektisches Scherzo, sodann ein Folge von Variationen, die in einer kraftvollen Fuge gipfelt.

Der erste Satz beginnt ruhig mit dem Klavier, sodann bestätigt die Violine mit einem Thema von wehmütiger Traurigkeit die grüblerische Stimmung. Das zweite Thema, über einer wogenden Klavierphrase typisch für Busoni, hat stärker rhapsodischen Charakter und nimmt zum impulsiven Mittelabschnitt hin entsprechend zu. Mit der wieder hergestellten Ruhe des Beginns kehrt das erste Thema wieder und bringt den Satz zu einem ruhigen, jedoch eindringlichen Abschluss. Fast ohne Pause hebt der zweite Satz an. Die atemlose Tarantella ist durch ihre rasende Virtuosität das notwendige Gegenstück zum ersten Satz.

Der dritte Satz entfaltet sich als groß angelegtes Thema mit Variationen. Er beginnt mit einer zurückhaltenden Einleitung, die subtil auf Elemente der vorhergehenden Sätze anspielt, wodurch das Werk als Ganzes eine hörbar eine Einheit wird. Das Thema selbst, Bachs Choral Wie wohl ist mir aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, erklingt schlicht und ergreifend auf beiden Instrumenten. Die erste Variation ist fließend in ihrem Ausdruck; die zweite ist eine energische, marschartige Transformation und die dritte ein atemloses moto perpetuo der Violine. Die vierte Variation ist eine melancholische Moll-Studie, deren komplexe Stimmbehandlung und harmonische Finesse den reifen Stil des Komponisten vorwegnehmen. Darauf folgt eine Fuge, die ruhig beginnt, bald aber an Beredsamkeit gewinnt, wenn die Musik neue emotionale Reserven mobilisiert. Auf ihrem Höhepunkt steigt das Tempo in einer Atmosphäre zunehmender Erregung. Die Klimax ist jedoch weniger auffallend als ihr Übergang in eine Coda, die auf die Einleitung des Satzes zurückblickt mit einer ausdrucksvollen Ruhe, die gleichsam das Ende der Reise anzeigt.

Die Sonate steht an der Schwelle zu Busonis Kreativität des folgenden Vierteljahrhunderts. Doch außer dem Albumblatt für Flöte und Klavier (1916) und der Elegie für Klarinette und Klavier (1921) lieferte er – anders, als man vielleicht erwarten konnte – keine weiteren Beiträge für das Genre.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 


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