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8.557855 - LINDE: Violin Concerto / Cello Concerto
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Bo Linde (1933–1970)
Violinkonzert op. 18 • Cellokonzert op. 29

„Ich schreibe in sehr schönen Dreiklängen,“ erklärte Bo Linde in einem Interview mit dem Schwedischen Rundfunk, nachdem ihn die Stockholmer Musikhochschule im zarten Alter von 15 Jahren in die Kompositionsklasse von Lars Erik Larssons aufgenommen hatte. Er war nicht nur eine frühreife Begabung, sondern hatte schon mit zehn Jahren eine klare Vorstellung davon gehabt, was er musikalisch machen wollte. So reichte er sein erstes Klavierkonzert an der Musikhochschule als Teil seines Aufnahmeantrags ein. Obwohl er ein technisch sehr begabter Pianist war, ließ er bald den Gedanken an eine Solokarriere fallen, da sich diese mit seiner kompositorischen Arbeit nicht vertragen hätte. Vor allem wollte er Musik für die Orgel und fürs Theater schreiben. Am Ende sollten allerdings nur einige kleine Orgelstücke und eine Kinderoper entstehen. Statt dessen widmete er seine schöpferische Kraft der Komposition von Orchesterwerken, der Kammermusik und nicht zuletzt dem Lied. Genau wie Benjamin Britten, den er sehr bewunderte, hatte Bo Linde ein unfehlbares Gespür für die Vereinigung von Poesie und Musik. Oft sind die Klavierbegleitungen seiner Lieder sehr lebendig und spannend.

Die frühesten Werke, die von Bo Linde erhalten sind, entstanden zwischen seinem elften und dreizehnten Lebensjahr. Damals schrieb er unter anderem beispielsweise Sonatinen für Klavier und Oboe, Klavier und Trompete sowie für Klavier und Cello. Er war seit jeher ein eifriger Gedichtleser und schrieb schon vor der Zeit an der Hochschule seine ersten Lieder. Zu seinen frühesten Liedersammlungen gehört eine solche über chinesische Dichtungen und eine weitere, die er Schwedische Anthologie nannte. Im Laufe der Jahre entstand eine beträchtliche Zahl von Kollektionen; darunter sind Fyra allvarliga sånger (Vier ernste Lieder) und Tio naiva sånger (Zehn naive Lieder), die sich bei schwedischen Sängern seit langem großer Beliebtheit erfreuen. Sein erstes großes Orchesterwerk, die Sinfonia fantasia Op. 1, schrieb Bo Linde im Herbst 1951 – noch vor seinem 19. Geburtstag.

Das Violinkonzert op. 18 ist dem Geiger Josef Grünfarb gewidmet. Vierzig Jahre nach der Uraufführung erklärte Grünfarb, dieses Werk sei anders als die Konzerte gewesen, die ihm andere Komponisten offeriert hätten: „Alles war vollständig. Es ging nur darum, das elegante Passagenwerk und die Kantilenen zu spielen. Das Konzert ist bemerkenswert geigerisch. Sein Gespür für das Instrument war für jemanden, der es selbst nicht spielte, einzigartig.“

Grünfarbs Schüler Karl-Ove Mannberg hat gefordert, Lindes Violinkonzert neben die großen Meisterwerke des Standardrepertoires zu stellen. Von allen Orchesterwerken Bo Lindes wird es am meisten gespielt, und es war auch außerhalb der schwedischen Grenzen – in den USA sowie in Deutschland und Norwegen – zu hören.

Das einleitende Andante beginnt mit einer leise aus der Stille sich erhebenden Oboe. Diese lyrisch gestimmte Einleitung wird am Ende des Werkes, in dem abschließenden Lento, aufgegriffen und führt wieder in die Stille des Anfangs zurück. Der Kadenz des Solisten folgt ein lebhaftes Scherzo mit einem melodischen zweiten Thema. Der Abschluss erinnert an das einzige Streichquartett (op. 9), das Bo Linde veröffentlichte: Auch dort verschwindet die lieblich schimmernde Lyrik in der Leere des Raums, aus deren Stille die Musik wieder emporsteigen kann. Das Violinkonzert wurde Anfang 1958 von Josef Grünfarb in Umeå uraufgeführt.

Mehr noch als das Violinkonzert liebte Bo Linde sein Cellokonzert op. 29, das er zu seinen besten Werken rechnete. In einem Zeitungsinterview äußerte er vor der Premiere, dass er hoffnungslos „in dieses edle und schöne Instrument verliebt“ sei. Er schrieb das Konzert für Guido Vecchi, den damaligen Ersten Cellisten des Symphonieorchesters von Göteborg, der das Werk auch 1965 in Sandviken uraufführte. Die Entstehungsgeschichte des Werkes ist recht eigenartig, da es weitgehend in Telefonaten zwischen Gävle und Göteborg komponiert wurde: Im Herbst 1964 besprachen der Komponist und der zukünftige Solist stundenlang die Details, insbesondere die Details des Soloparts, und bisweilen waren die Telefonrechnungen des jungen Linde-Haushalts beinahe nicht mehr zu bezahlen.

Das Konzert beginnt mit einem Sonatensatz, an dessen Anfang der Solist ein musikalisches Sujet präsentiert, das den größten Teil des melodischen und klanglichen Materials sowie eine Dur-Moll- Terzspannung enthält. Im zweiten Satz verwandelt sich die Musik in lebhafte, beinahe stürmische Rhythmen, bevor das wunderbare Finale mit der Tempoangabe Lento, ma tempo flessibile uns viele schöne Aspekte des Violoncellos hören lässt. Maria Kliegel, die Solistin dieser Aufnahme, meint, dass es sich bei diesem Werk um eine große cellistische Konzeption handle, deren hohe technische Ansprüche nur mit instrumentaler Virtuosität bewältigt werden könnten, dass es aber auch eine spannende Alternative zu Standardwerken wie jenen von Elgar und Dvofiák sei.

Die romantisch-warmherzige Imagination des Komponisten fängt auf glänzende Weise das ganze Wesen des Violoncellos ein. Wenn diesem Werk erst noch dasselbe Interesse entgegengebracht werden muss wie es das Violinkonzert bereits erfährt, so wird das eher an der Vernachlässigung, die Bo Lindes Musik noch immer ausgesetzt ist, als an der tatsächlichen Qualität des Werkes liegen. „Es mag ein wenig banal erscheinen,“ schrieb Bo Linde im Uraufführungsprogramm zum letzten Satz des Werkes, „doch ich habe bewusst versucht, die grundlegende Qualität des Violoncellos, seine warme Melodienseligkeit, herauszubringen.“

Zu den Werken, die Bo Linde nach der Vollendung des Cellokonzerts komponierte, gehörten seine Serenata nostalgica op. 30, die unterhaltsame und humorvolle Suite boulogne op. 32 sowie Pensieri sopra un cantico vecchi op. 35, eine Folge von Orchestervariationen über das berühmte Kirchenlied Es ist ein Ros entsprungen. Zu dieser Zeit schrieb er auch rund zehn Liedsammlungen nach schwedischen Dichtern wie Elsa Beskow, Erik Axel Karlfeldt, Edith Södergran, Gunnar Björling und Verner von Heidenstam. Einige seiner schönsten Kammermusikwerke gehören gleichfalls in seine letzten aktiven Jahre, beispielsweise sein Streichtrio H-dur op. 37 und seine Sonata a tre op. 38.

Bo Lindes letztes Orchesterwerk Pezzo concertante op. 41 ist wiederum ein Solokonzert, diesesmal für Bassklarinette und Orchester. Es ist dem Klarinettisten Lennart Stove gewidmet, der die Uraufführung des Werkes spielte – einige Wochen, bevor der Komponist daheim in Gävle starb, wo er nur 37 Jahre zuvor geboren worden war.

Neben seiner Arbeit als Komponist war Bo Linde sowohl in Stockholm als auch in Gävle als Klavier- und Kompositionslehrer tätig. Zudem schrieb er mehr als dreitausend Artikel und Rezensionen über musikalische Themen im lokalen Gefle Dagblad.

Ulf Jönsson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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