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8.557861 - MARTINU: Piano Quintets Nos. 1 and 2 / Sonata for 2 Violins and Piano
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Bohuslav Martinů (1890–1959)
Klavierquintette Nr. 1 und 2 • Sonate für zwei Violinen und Klavier

 

Die Kammermusik in all ihren vielen Kombinationen – vom Nonett bis hinunter zum Duo – spielt in Bohuslav Martinůs immensem OEuvre eine bedeutende Rolle. Zwar stellen die Streichquartette, die seit 1917 über einen Zeitraum von rund drei Jahrzehnten entstanden, seine gehaltvollsten Beiträge zum Kammermusik-Katalog dar [Naxos 8.553459, 8.553782 und 8.553783]. Doch es gibt nur wenige Formationen, deren Möglichkeiten er nicht erkundet hätte. Dazu gehört nicht zuletzt auch das Klavierquintett, eine Gattung, die auf die Komponisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts eine beträchtliche Anziehungskraft ausgeübt hatte und deren spätromantisch-expressive Untertöne Martinů für durchaus vereinbar mit der entschieden nachromantischen Ästhetik hielt, die er in seiner Reifezeit bevorzugte.

Schon 1911 hatte er ein Klavierquintett geschrieben, doch die beiden numerierten Werke entstanden viel später. Das Klavierquintett Nr. 1 erschien 1933, mithin zu einer Zeit, als Martinů die hitzigen Exzesse der zwanziger Jahre mit ihrer Vorliebe für den Jazz und die Tanzmusik hinter sich gelassen (und ausgelotet) hatte. Jetzt konzentrierte er sich auf klarer umrissene Stilelemente, zu denen ein neues Interesse an der Folklore und der traditionellen Musik der böhmischen bzw. tschechoslowakischen Heimat hinzukam. Das formal kompakte, in seinem Ausdruck zurückhaltende Werk ist ein schönes Beispiel für den Neoklassizismus, der Martinůs Instrumentalschaffen während der dreißiger Jahre beherrschte. Bezeichnenderweise gehorchen alle vier Sätze klassischen Prinzipien, ohne sie je bloß zu imitieren.

Der erste Satz beginnt mit einem energischen Gedanken, in den sich alle fünf Instrumente teilen. Darauf spielt das Klavier einen imponierenden Übergang zum zweiten Hauptthema, das im Wechsel verhalten und kapriziös ist. Es entwickelt sich der eigentliche Höhepunkt des Satzes, worauf das Klavier eine eher zurückhaltende Überleitung zu dem lebhafteren Gedanken ausführt. Danach wechseln die Themen einander auf dem Weg zu einem überraschend leidenschaftlichen Schluss ab. Der zweite Satz beginnt mit einem fließenden, hymnischen Thema der Streicher, das vom Klavier übernommen wird, so dass ein nachdenklicher Dialog entsteht. Ein kraftvollerer Mittelteil liefert den nötigen Kontrast, bevor das Hauptthema in einer deutlichen tonalen Distanz zum Voraufgegangenen wieder aufgegriffen wird. Nach einer intensiven Steigerung verklingt es wie bedauernd in den Streichern. Eine kurze Coda, in der beide Themen vorkommen, schließt den stimmungsvollen Kreisbogen. Der dritte Satz ist ein Intermezzo, dessen oft lebhaft synkopierte Rhythmen für Martinů typisch sind. Das Trio steht im Zeichen eines volksliedartigen Themas, das zu einer tonal mehrdeutigen Begleitung erklingt; anschließend nimmt das erste Thema seinen lebendigen Kurs wieder auf. Der vierte und letzte Satz beginnt mit einem ausdrucksvollen Thema, das vom Quintett energisch diskutiert wird, worauf ein marschartiges zweites Thema von eher ironischem Tonfall exponiert wird. Diese beiden Themen prägen die intensive Durchführung, die von dem zweiten Thema abgebrochen wird. Dieses erklingt in verkürzter Form und lässt das erste Thema wieder ins Spiel kommen, worauf ein entschieden gesteigerter Schluss erreicht wird, der beim ersten Hören allerdings recht überraschend kommt.

Das zweite Klavierquintett entstand 1944, ist also ein Werk der Kriegsjahre, die Martinů in oder bei New York zubrachte. Zwar hatte er sich an seine amerikanische Umgebung leichter angepasst als mancher seiner Zeitgenossen; ein Element der Ungeduld, ja: der Sorge, lässt sich in der Musik, die er damals komponierte, kaum verbergen. Das gilt auch für das Quintett, das größer angelegt und in formaler Hinsicht innovativer ist als sein Vorgänger. Martinů schrieb das Werk zwar direkt vor seiner dritten Symphonie [Naxos 8.553350], doch gehört es mit seinem vorsichtigen Optimismus und seiner oft intrikaten, transparenten Instrumentation eher in die Nähe der nachfolgenden vierten Symphonie [Naxos 8.553349].

Der erste Satz gewinnt durch eine wogende Bewegung des Klaviers und der Streicher hindurch allmählich an Schärfe, wobei das robuste Hauptthema erst jetzt Gestalt annimmt. Wie bei anderen Instrumentalwerken der damaligen Zeit verwendet Martinů auch hier zahlreiche Nebengedanken, die allerdings miteinander verwandt sind und dem Hauptthema schärfere Konturen verleihen – nicht zuletzt ein geheimnisvolles Motiv im Zentrum des Satzes, wo der Anfang in veränderter Gestalt wieder aufgenommen wird. Anschließend kommt einer der nachdenklichsten Adagio-Sätze, die Martinů je geschrieben hat: Er entsteht aus wenigen einfachen Phrasen, die in einem edlen Dialog erklingen und durch einen jenseitigen, ostinat vorangetriebenen Gedanken ergänzt werden – fast ein Prototyp gewisser minimalistischer Werke, die etliche Jahrzehnte jünger sind. Darauf erklingen in der Violine eine strahlende Variante des ersten Themas sowie eine forschende Passage der Streicher, bevor der Anfang des Satzes auf dem Wege zu einem zarten Schluss wiederholt wird. Der dritte Satz ist ein ausgewachsenes Scherzo, dessen Hauptthema zu einer lebhaften Klavierbegleitung nonchalant zwischen den Streichern hin- und hergeht, die sich am Ende zu einer hektischen Verfolgungsjagd steigern. Demgegenüber ist das Trio sparsamer, beinahe zurückhaltend komponiert, ohne dass es rhythmisch weniger munter wäre. Das Scherzo wird weitgehend identisch wiederholt, dieses Mal aber findet die „Verfolgungsjagd“ ein entschiedeneres Ende. Der vierte Satz beginnt mit einer langsamen, verhalten intensiven und tonal freien Einleitung, wie sie in dieser Art sonst nirgends zu finden ist. Das anschließende Allegro ist ein wahres Schmuckstück, dessen flinke Energie und entspannte Haltung auf halber Wegstrecke durch die intensivierte Wiederkehr der Einleitung unterbrochen wird. Danach folgt eine stark abgekürzte Version des Allegro, die das Werk zu einem atemlosen Schluss bringt.

Die Stilmerkmale und Verfahrensweisen des Barock waren Martinů nicht minder wichtig als jene der Klassik, wie seine Sonate für zwei Violinen und Klavier zeigte, die er 1932 (zwei Jahre nach einer Sonatine für dieselbe Besetzung) komponierte. Dabei handelt es sich um ein freieres, entspannteres Werk als die beiden Quintette. Der Kopfsatz beginnt mit einem lebhaften Thema, das einen entschieden rustikalen Eindruck macht. Ein zweiter Gedanke ist von schwermütigerem Ausdruck, ohne dass dadurch aber der essentiell gutmütige Tonfall des Satzes unterminiert würde, der kurz danach einem lebhaften Schluss zusteuert. Im zweiten Teil sind langsamer Satz und Finale miteinander verbunden. Das Andante ist nachdenklich, wenngleich nicht übermäßig tragisch, erreicht aber einen Höhepunkt von gebührendem Ernst. Der gedankenschwere Schluss ist unverkennbar provisorisch und markiert den Beginn des entschiedenen Allegro-Finales. Der deutlich dunklere Mittelteil ist zu kurz, als dass er die Ausgelassenheit zerstören könnte, die schon bald wiederkehrt und das Werk zu einem schäumenden Abschluss bringt.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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