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8.557864 - PHILIPS: Harpsichord Music
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Peter Philips (1560/61-1628)

Werke für Cembalo

 

Peter Philips wurde um 1560 als Katholik im seinerzeit protestantischen England geboren. Nach Studien bei William Byrd verliess er England 1582, um in Rom den italienischen Stil zu erlernen. Dort lebte er- gemeinsam mit anderen vor der englischen Politik und religiöser Verfolgung Geflohenen - im English College zu Douai. 1585 trat er in die Dienste von Lord Thomas Paget, einem weiteren englisch-katholischen Flüchtling, wobei er in den nächsten Jahren intensiv reiste. 1591 hatte er sich in Antwerpen niedergelassen und geheiratet. Seine Frau Cornelia starb allerdings schon im Jahr darauf, sein einziges Kind, Leonora, dann 1599. Philips, der seit 1597 am Brüsseler Hof diente, schlug später die Priesterlaufbahn ein und wurde 1609 ordiniert.

Zu seinen Lebzeiten wurde keines von Philips Werken für Tasteninstrumente veröffentlicht, obschon seine Musik recht bekannt und erst noch überaus beliebt war. Zwar liegen aus seinen späteren Jahren einige Orgelwerke vor. Nach seiner Priesterweihe allerdings hat Philips keinerlei weltliche Werke mehr komponiert - weder Consort-Music, noch weltliche Vokalmusik oder auch Cembalowerke. 19 seiner insgesamt 32 über-lieferten Werke für Tasteninstrumente finden sich im berühmten Fitzwilliam Virginal Book, einer umfang-reichen Kompilation von Cembalo-Musik des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts in England. Seine vollständigen Werke für Tasteninstrumente liegen in einer ganzen Reihe anderer Manuskripte vor, wie David Smith in seiner umfassenden Ausgabe erläutert hat (Musica Britannica lxxv, 1999).

Intavolierungen (Übertragungen) bekannter italienischer Madrigale oder französischer Chansons für Tasteninstrumente machen mit 14 Beispielen beinahe die Hälfte von Philips’ Schaffen für Tasteninstrumente aus. Diese Stücke sind gekennzeichnet durch hin-zugefügte idiomatische Auszierungen wie Triller, Läufe, und Arpeggios, die nötig waren, um den vokalen Text verständlich umzusetzen. Diese Kunstform - die musikalische Umsetzung der Bedeutung von Worten ohne die Worte selbst - vermag bisweilen den Sinn eines Vokalwerkes besser zum Ausdruck zu bringen, wie wenn es gesungen würde. Philips fertigte Intavolierungen von Werken Giulio Caccinis, Orlande de Lassus, Luca Marenzios und Alessandro Striggios an, die zu den angesehendsten und beliebtesten Komponisten ihrer Zeit zählten. Neun dieser Übertragungen sind auf der vorliegenden Aufnahme vereint, darunter auch eine Intavolierung eines seiner eigenen Madrigale.

Das vokale Repertoire dieses Genres dreht sich textlich durchweg um die Liebe: von Liebe geplagt werden, zurückgewiesen werden oder auch den doppeldeutigen Schmerz des Endes einer Liebe empfinden. In diesen wundervollen Texten wechselt die Stimmung oder der Affekt nicht selten sehr rasch. Zu solchen Stimmungsumschwüngen zählen etwa überschwäng-liche Liebesergüsse, Anbetung der Geliebten, sehnsüch-tige Seufzer, Begierde, Lachen, Weinen, Ausrufe von Schmerz, Resignation und Verlust, stilles Leiden, Verbitterung und Ironie. Philips bemüht sich in seinen Übertragungen darum, den wechselnden Affekten innerhalb der Texte durch Veränderungen des Modus, der Tonart, des Rhythmus, des Umfangs oder auch der Figuration gerecht zu werden.

Alle Intavolierungen sind ausgesprochen reich an programmatischen Effekten. In Le Rossignol steht das Aufsteigen und Herabstoßen eines Vogels im Flug für die Erinnerung eines gefangenen Vogels an seine Freiheit, nach der er sich so sehnt. in Bonjour, mon coeur wird ein überschwänglicher Kosename an den anderen gereiht, bis die Geliebte schließlich unter Verwendung merkwürdiger Chromatik und überraschender Pausen als “ma douce rebelle“ angesprochen wird. Chi farà fed’ al cielo ist von einem deutlich deklamatorischen Ton bestimmt, um der trotzigen Klage des Textes gerecht zu werden. Im repetendum Abschnitt der zweiten Hälfte von Amarilli beschwört der Dichter den zögernden Liebenden seine Brust mit einem Pfeil zu öffnen, was musikalisch von einer gleichsam pfeilschnellen Figuration umgesetzt wird, die für die Pfeile im Flug steht. Sie mag dann sehen, ob ihr Name tatsächlich auf seinem Herzen steht, was durch die dreimalige Wiederholung ihres kostbaren Namens bestätigt wird.

In der Trilogie der Madrigale Luca Marenzios kann man - angefangen bei Deggio dunque partire - eine emotionale Entwicklung von Ungläubigkeit über Wut hin zu ironischer Sanftmut beobachten. Ein sehr wirkungsvoller musikalischer Effekt ist jene schliesslich verebbende und absteigende, sich wiederholende Musik am Ende des zweiten Madrigals, Io partirò, auf die Worte “ch’io penserò restar di vita spento“. Philips’ eigenes Madrigal, Fece di voi, schlägt einen ähnlichen Ton an - “per opra d’amore“ - und beschreibt das Schicksal von Liebenden, “vivre e morir di doppia vita e morte”, mit der klugen Gegenüberstellung von zweifach duolischen und triolischen Rhythmen. Margot, labourez les vignes wechselt dann für die Schilderung der eher unflätigen Geschichte zwischen einem kraftvollen Refrain und Abschnitten von mehr rhetorischem Stil.

Auch zwei von den insgesamt drei Fantasien aus der Feder von Philips finden sich auf dieser Aufnahme. Dabei handelt es sich bei der Fantasia in F-Dur von 1582 und der Fantasia in d-Moll, deren Entstehungszeit unbekannt ist, möglicherweise ebenfalls um Intavolierungen. Ihrem Stil nach scheinen sie jedenfalls von vokalen Modellen inspiriert worden zu sein, obschon andererseits auch Stücke für Violen-Consort nicht selten für Tasteninstrumente intavoliert wurden. Doch wie auch immer es um die Quelle steht: jede Fantasie ist von reichem Affektgehalt bestimmt.

Die Pavan 1580 ist das früheste überlieferte Werk von Philips’ insgesamt zehn Tanzkompositionen, die bisweilen paarweise daherkommen. Die Paget Pavan and Galliard sind möglicherweise aus Anlass des Todes Lord Pagets im Jahr 1590 entstanden. Die Wahl der Tonart, die Verwendung alterierter Töne und Affekte von wohliger Trauer und Sehnsucht scheint jedenfalls angemessen im Rahmen einer Hommage an seinen Gönner. Philips’ Passamezzo Pavan and Galliard fußt auf der beliebten Bassfigur passamezzo antico, die auch das bekannte Greensleeves prägt.

Pavanen und Galliarden gliedern sich traditionell in drei Teile, wobei jeder dieser Teile üblicherweise von einem repetendum - einer Variante - gefolgt wird. Die Passamezzo Pavan and Galliard nun wird zu mehr als bloß einer Variationsfolge erweitert. Die Pavan besteht aus sieben Teilen, wobei die einzelnen Töne der Bassfigur jeweils sehr langsam in Einheiten von vier ganzen Noten erklingen. Die Galliard präsentiert die Töne der Bassfigur gleich zehnmal in Einheiten von jeweils zwei punktierten ganzen Noten (Semibreven). In den “Variationen“ klingen dann mannigfache Stile und Affekte an. Die Abschnitte neun und zehn sind Saltarella überschrieben und krönen diese Komposition mit Erregtheit, Vitalität und Energie.

Elizabeth Farr
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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