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8.557883 - BACH, J.S. / PURCELL / HANDEL: Stokowski Transcriptions
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Leopold Stokowski (1882–1977)
Bach-Transkriptionen

Lange vor Leopold Stokowski war es im 19. und frühen 20. Jahrhundert üblich, die Cembalo- und Orgelwerke Johann Sebastian Bachs auf das moderne Symphonieorchester zu übertragen. Gustav Mahler, Edward Elgar und Hans von Bülow instrumentierten Bachs Musik, Ferruccio Busonis Einrichtungen für das moderne Klavier wurden zum festen Bestandteil des Repertoires. Im 19. Jahrhundert hat Franz Liszt immer wieder die Werke anderer Komponisten für Klavier arrangiert – selbst ganze Opern, die er in Paraphrasen vorstellte. Häufig haben Komponisten ihre eigenen Werke für verschiedene Ensembles eingerichtet. Schönberg arrangierte in seinen frühen Jahren mehrere kammermusikalische Werke spätromantischer Komponisten. Ich selbst habe Werke von Tschaikowsky (Andante Cantabile), vierzehn Lieder von Grieg sowie – im Auftrag der Familie Gershwin – die Three Piano Preludes und das Lullaby orchestriert. Überdies habe ich symphonische Synthesen aus Bizets Carmen (Carmen Symphony) und Janáčeks Die Sache Makropoulos hergestellt.

Ich fühle mich bei Stokowskis Bach- Transkriptionen sehr wohl – und das nicht nur, weil ich aufgrund meiner Arbeit bei Stokowski mit ihnen aufgewachsen bin, sondern auch, weil sie so aufrichtig und tief empfunden sind. Es gibt keinen Grund, sich für diese außergewöhnlichen Orchestrierungen zu entschuldigen, dank derer ein weit größeres Publikum als sonst hat Musik von Bach hören können.

Als Stokowski seine Tätigkeit am Pult des Philadelphia Orchestra aufnahm, erschien Bach noch selten in den Orchesterkonzerten. Viele Jahrzehnte nach dem Tod des Komponisten brachte Mendelssohn die seinerzeit beinahe vergessene Musik wieder zur Aufführung, womit der Prozess der Wiederentdeckung begann, der von Busoni und später auch von Stokowski weiter vorangetrieben wurde. Vor kurzem dirigierte ich in Israel eine Konzertreihe, bei der im ersten Teil originale Werke wie die Brandenburgischen Konzerte und die Orchestersuiten erklangen, worauf dann moderne Orchestrierungen von Mitropoulos und Stokowski folgten. Dieses Nebeneinander erwies sich als eine wunderbare Idee. Stokowski ist es mit seinen Orchesterfassungen auf prachtvolle Weise gelungen, jene Orgelstücke nachzuzeichnen, die er in jungen Jahren als Kirchenorganist in London und New York gespielt hatte. Dergestalt vergrößerte er das Repertoire für Orchester ähnlich wie es Liszt für das Klavier getan hatte, und er brachte die herrliche Musik einem neuen, weitaus größeren Publikum nahe.

Der zweite Satz aus Bachs dritter Orchestersuite ist ein reines Streicherstück und eine seiner poetischsten, bildhaftesten Kreationen. Er verselbständigte sich, nachdem ihn der Geiger August Wilhelmj im Jahre 1871 als Air auf der G-Saite arrangiert hatte. In dieser und ähnlichen Fassungen wurde der Satz zu Beginn des 20. Jahrhunderts etliche Male aufgenommen, wodurch er den Status eines Schlagers erreichte. Im Original wird die Melodielinie durchweg von den ersten Geigen getragen, und jeder der beiden Formabschnitte wird zweimal in identischer Weise gespielt. Stokowski schuf nun veränderte Wiederholungen, indem er sehr geschickt die Stimmführung änderte und die Melodie hauptsächlich den Celli übertrug. Das Ergebnis ist märchenhaft. Stokowski schrieb: „Nach Bach hat Mendelssohn 1838 die erste Aufführung in Leipzig dirigiert. Während der 88 Jahre, die seit Bachs Tod vergangen waren, war dieses Meisterwerk, so weit wir wissen, nie öffentlich gespielt worden. Heute aber kennt und liebt fast jeder Musikinteressierte diese Melodie.“ Ich nehme oft beide Fassungen aufs Programm, von denen jede ihre eigenen Vorzüge hat. In meinem Konzert in Israel spielten wir Stokowskis Arrangement der Air auch als Zugabe.

Die weltliche Kantate Nr. 208 Was mir behagt, ist nur die muntre Jagd komponierte Bach zum Geburtstag seines Dienstherrn. Stokowski benutzte in seinem Arrangement eine minimale Besetzung: nur zwei Flöten, zwei Oboen und Streicher. Schafe können sicher weiden ist der bekannteste und beliebteste Teil der Kantate.

Die „kleine“ Fuge g-moll BWV 589 bezeichnete Stokowski gern als „eine der größten Schöpfungen Bachs.“ Tatsächlich kann man die einfache, einprägsame Weise schwer wieder aus dem Kopf bekommen. Was Bach mit dieser Melodie in der Orgelfassung macht, ist noch heute originell, und die Transkription folgt genau dem Klang der Orgel: Sie beginnt mit der Oboe; darauf folgt das Englischhorn; und dann werden immer neue instrumentale Kombinationen geschichtet, bis eine brillante Klimax erreicht ist. Nach Stokowskis eigenen Worten: „In ihrer Orchesterfassung beginnt sie [die Fuge] mit einer einzigen Bläserstimme. Durch den Einsatz der verschiedenen Instrumente wird das komplexe kontrapunktische Geflecht immer reicher, und die Fuge endet damit, dass alle Instrumente wie ein triumphaler Chor klingen.“

Zu Komm’ süßer Tod BWV 478 sagt Stokowski: „Diese markante, eindringliche Melodie schrieb Bach um 1736. Sie gehört zu den Melodien, die Schemelli in seinem Musicalischen Gesangbuch veröffentlicht hat. Schemelli war Kantor im Schloss von Zeitz und gewann Bach zur Herausgabe des Buches. Bach steuerte verschiedene eigene Kompositionen bei und bezifferte die Bässe der andern. Als ich dieser erhabenen Melodie orchestralen Ausdruck verlieh, versuchte ich mir vorzustellen, was Bach wohl getan hätte, wenn er über die reichen Mittel des heutigen Orchesters hätte verfügen können.“

Bald nach seiner Ernennung zum Kantor der Leipziger Thomaskirche im Jahre 1723 begann Bach mit der Arbeit an seiner Osterkantate Christ lag in Todesbanden (Kantate Nr. 4). Stokowski wählte zur Orchestrierung die Tenorarie Jesus Christus, Gottes Sohn, die mit den jubilierenden Worten endet: „Da bleibt nichts denn Tods Gestalt, den Stachel hat er verloren. Halleluja.“ Dazu sagt Stokowski: „In dieser Musik hat Bach unsern Jubel und unsere hohen Empfindungen zu Ostern ausgedrückt. Den tiefen, feierlichen Tönen des Chorals treten rasche, kontrastierende Gegenthemen entgegen, die die Erregung noch steigern. Für einen kurzen Augenblick wird die Musik gegen Ende geheimnisvoll und still wie ein Gebet. Dann steigt sie nach und nach aus der Tiefe zu den höchsten Tönen empor, um in Ekstase zu enden.“

Es ist vollbracht! ist eine Alt-Arie aus dem zweiten Teil der Johannes-Passion. Die bedeutungsvollen Worte sind: „Es ist vollbracht, o Trost für die gekränkten Seelen. Die Trauernacht lässt mich die letzte Stunde zählen.“ Die Musik wird schneller zu den Worten: „Der Held aus Juda siegt mit Macht und schließt den Kampf!“ Hier verändert auch Stokowskis Orchestrierung ihren Charakter, um voll und ganz die Wirkung des Originals zu spiegeln.

Das Choralvorspiel Wir glauben all’ an einen Gott BWV 680 ist auch als „Riesenfuge“ bekannt – ein Werk von majestätischen Proportionen, das trotz seiner kurzen Dauer einen enormen Eindruck macht. Am besten beschreibt es Stokowski selbst: „Diese Musik ist nicht leicht aufzuführen, selbst mit der modernen Technik unserer Zeit nicht. In Bachs Zeiten muss sie sehr schwer gewesen sein. Bei der Übertragung auf großes Symphonieorchester habe ich versucht mir vorzustellen, was Bach mit den gewaltigen Mitteln des modernen Orchesters getan hätte. Bach improvisierte oft an der Orgel, wobei er als Themen die Choräle von Luther nahm. In einigen großen Momenten des inspirierten Extemporierens entstand vermutlich das Konzept dieser unvergleichlichen Komposition, die äußerst fortgeschrittene Charakteristika der Fuge und des Choralvorspiels mit dem freien Gegenthema im Pedal verbindet und der Welt eine neue Form gibt, die heute noch so einzigartig ist wie zu Bachs Zeit.“ Vaughan Williams hat von dem Werk eine bemerkenswerte Streichorchester-Fassung hergestellt, die heute selten zu hören ist.

Nun komm’ der Heiden Heiland, BWV 599 hatte bereits Busoni ihm Rahmen seiner zahlreichen Bach- Transkriptionen für Klavier eingerichtet; außerdem schuf Otto Klemperer eine Version für Holzbläser und Streicher, die er oft aufführte. Der Satz gehört zu den Achtzehn Chorälen und ist in Stokowskis Transkription auf erhabene Weise realisiert.

Bei den zwei Ancient Liturgical Melodies (Alte liturgische Melodien) handelt es sich um Hymnen, die Stokowski seit seinen frühen Tagen im Kirchendienst kannte. Sie lieferten ihm das Rohmaterial zu seiner eigenen Orchesterfassung von 1934. Der Hymnus Veni Creator Spiritus (Komm Schöpfer Geist) aus dem 9. Jahrhundert geht nahtlos in das mittelalterliche Veni Emmanuel über. In für ihn typischer Manier trennt Stokowski die beiden Melodien durch Glocken. Respighi verwandte das Veni Emmanuel in seinem Botticelli-Triptychon.

Neben der Sinfonia (Ouvertüre) ist die Pastorale aus Händels Messias der einzige rein orchestrale Satz dieses Oratoriums. Die Musik beschreibt die Hirten, die ihre Herden auf den Feldern hüten, und in Stokowskis Bearbeitung hat sie eine himmlisch-jenseitige Qualität. Dabei verwendet er denkbar schlichte orchestrale Mittel: Bisweilen wird den Solobläsern die Melodie zugewiesen, die im Original in den Streichern liegt. Stokowski brachte das komplette Oratorium 1909 während seiner ersten Saison in Cincinnati zur Aufführung, dirigierte es anschließend aber in seiner Gesamtheit nie wieder.

Kurz nachdem Stokowski mit den New Yorker Philharmonikern die von Sir Henry Wood zusammengestellte Purcell Suite aufgeführt hatte, kompilierte er 1949 ein eigenes Stück dieser Art, das er noch im selben Jahr vorstellte. Die Suite besteht aus einer Cembalo-Gavotte sowie Sätzen aus The Fairy Queen und Dido’s Lament, die Stokowski für Streicher eingerichtet hat. Am Ende von Dido and Aeneas, das 1689 erstmals aufgeführt wurde, steht eine mächtige Klage, der musikalische Aufschrei der Königin von Karthago. Stokowskis Fassung, eine seiner inspiriertesten Übertragungen, erhöht noch das Pathos der Musik.

Seine monumentale Passacaglia und Fuge c-moll hat Bach zunächst für Cembalo geschrieben und später für Orgel eingerichtet. Dieses Werk hat der junge Stokowski als Organist in London und New York oft gespielt, und es lieferte ihm den perfekten Gegenstand zur Bearbeitung für großes Orchester. Die Passacaglia war ursprünglich ein langsamer Tanz, aus dem schließlich eine Variationsfolge über einen gleichbleibenden Bass wurde – wie in Dido’s Lament. Dem Thema folgen bei Bach zwanzig Variationen. Die prächtige Doppelfuge, eine von Stokowskis älteren Bach-Orchestrierungen, wurde 1922 vom Philadelphia Orchestra uraufgeführt. Zu diesem Anlass schrieb Stokowski folgende Anmerkung: „Bachs Passacaglia und Fuge ist in der Musik, was ein großer gotischer Dom in der Architektur ist – dieselbe gewaltige Konzeption – dieselbe hoch auffliegende Mystik, der ewige Form gegeben ward. Ob man das Werk auf der Orgel oder dem größten aller Instrumente, dem Orchester, spielt – es ist eines der göttlichinspiriertesten kontrapunktischen Werke, die je erdacht wurden.“ Stokowski hat das Stück sechsmal aufgenommen. Ebenso grandios wie diese Bearbeitung, wenngleich weniger orgelmäßig, ist Ottorino Respighis Orchestration, die Arturo Toscanini eingespielt hat.

© 2006 José Serebrier
Deutsche Fassung: Cris Posslac

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Stokowski und Bach

Leopold Stokowskis musikalische Karriere begann in der Kirche, und als junger Organist lernte er immer mehr, Johann Sebastian Bachs Werke zu lieben. Während der 1920er Jahre begann er als gefeierter Dirigent des Philadelphia Orchestra damit, eine Reihe Bachscher Werke für modernes Symphonieorchester zu arrangieren. Auf diese Weise brachte er der allgemeinen Öffentlichkeit Musik nahe, die er früher als Kirchenmusiker in London und New York gespielt hatte. Daraus resultierte ein spektakulärer Erfolg, der Stokowski anregte, viele andere Stücke von Bach zu arrangieren. Durch diese Transkriptionen hörten damalige Musikliebhaber ungewohnte Musik in einem neuen, herrlich eloquenten Gewand. Als man Stokowski wegen dieser Bearbeitungen kritisierte, versetzte er, Bach selbst sei einer der größten Arrangeure überhaupt gewesen und habe die Werke Buxtehudes, Corellis, Vivaldis, Telemanns und vieler anderer frei bearbeitet.

Stokowski hat viele seiner Bach-Arrangements etliche Male aufgenommen, wobei seine Lesarten oft beträchtlich variierten. Es war diese Vielfalt der Interpretationen, die José Serebrier inspirierte, mit ganz neuen Ohren seine eigene Auswahl zu treffen. Einige der schönsten Bach-Arrangements von Stokowski, darunter die mächtige Passacaglia und Fuge, sind hier neben populären Favoritstücken und einigen weniger bekannten Titeln zu hören, die ihre Wiederaufführung ganz und gar verdienen. Als passende Zugaben hat José Serebrier drei Stücke aus alter Zeit gewählt, die nicht von Bach stammen; besonders dankbar wird die seit mehr als siebzig Jahren erste Aufnahme der beiden Ancient Liturgical Melodies begrüßt.

Bleibt nur festzustellen, wie gern das Bournemouth Symphony Orchestra diese Musik gespielt hat. Wir hoffen, dass sich dieses Vergnügen auch auf die Hörer überträgt. Heute sind Bachs Originale für jeden, der sie hören will, jederzeit verfügbar, doch auch Stokowskis klangvolle Realisationen bieten dem Ohr manche Vergnüglichkeiten.

Edward Johnson
The Leopold Stokowski Society
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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