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8.557889 - FAURE: Cello Sonatas Nos. 1 and 2 / Elegie / Romance (Kliegel)
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Gabriel Fauré (1845-1924)
Musik für Violoncello und Klavier

 

Gabriel-Urbain Fauré wurde am 12. Mai 1845 im südfranzösischen Pamiers geboren. Er war das sechste und jüngste Kind eines ehemaligen Lehrers, der über einige Kontakte zur Aristokratie verfügte und seinerzeit bei der Schulbehörde arbeitete, bevor er Direktor eines Kollegiums für angehende Lehrer wurde. Die Familie förderte die frühen musikalischen Ambitionen des Knaben, der seine Berufsausbildung als Chorleiter an der École Niedermeyer in Paris erhielt, wo ihn ein gütiges Geschick mit Camille Saint-Saëns zusammenführte, der an der eben gegründeten Schule Klavierunterricht gab. Die freundschaftliche Beziehung der beiden Musiker hielt bis zum Tode von Saint-Saëns (1921).

Fauré beendete seine Ausbildung an der École Niedermeyer im Jahre 1865. Ein Jahr später wurde er Organist an der Kirche St. Sauveur in Rennes, und während dieser vier Jahre in der Provinz wandte er sein musikalisches Interesse immer mehr der Komposition zu. Nachdem er in der Folgezeit verschiedene untergeordnete Anstellungen in Paris gefunden hatte, wurde er 1871 zweiter Organist an St. Sulpice. Anschließend wirkte er als Vertreter von Saint-Saëns und dann – nachdem Théodore Dubois 1877 dessen Nachfolger wurde – als Chorleiter an der Madeleine. Nach seiner Heirat (1883) und der Geburt zweier Söhne verdiente er den Lebensunterhalt für die Familie durch weitere Tätigkeiten an der Madeleine und als Lehrer. Inzwischen komponierte er eine Vielzahl von Liedern, wobei er sich insbesondere bei der Arbeit an größeren Werken schon damals als äußerst selbstkritisch erwies.

In den letzten zehn Jahren des 19. Jahrhunderts fand Fauré größere öffentliche Anerkennung. 1892 erhielt er eine Stelle als Inspecteur de l’Enseignement musical, womit er für die Konservatorien in der französischen Provinz verantwortlich war. Vier Jahre danach stieg er schließlich zum Ersten Organisten der Madeleine auf. Damals erhielt er endlich auch eine Stelle als Kompositionslehrer am Conservatoire. Möglich geworden war diese Berufung nach dem Tode des alten Direktors Ambroise Thomas, dem Fauré für einen solchen Posten stets viel zu modern gewesen war. Die Arbeit am Konservatorium, an dem er im Laufe der Jahre unter anderem Ravel, Koechlin, Enescu und Nadia Boulanger unterrichtete, resultierte 1905 in seiner Ernennung zum Direktor des Instituts – nachdem sein Amtsvorgänger wegen des berüchtigten Skandals um Maurice Ravel, dem der Prix de Rome verweigert worden war, seinen Hut hatte nehmen müssen. Gabriel Fauré nahm das Amt bis 1920 wahr. Anfangs war seine Zeit für die eigene kompositorische Arbeit durch die administrativen Aufgaben beschränkt, doch schließlich fand er wieder mehr Zeit, um sich verstärkt mit neuen Liedern, Kammermusiken und Klavierwerken zu befassen.

Mit seiner musikalischen Sprache schloss Fauré eine Lücke zwischen der Romantik des 19. Jahrhunderts und den neuen Welten, die das neue Jahrhundert brachte. Bei aller Entwicklung und Erweiterung seines Stils hielt er jedoch an seinen persönlichen Eigenarten fest: Sein harmonisches Idiom, seine subtilen tonalen Modifikationen und die melodische Begabung verbanden sich in seiner Musik mit einem Gespür für die Möglichkeiten, die die damaligen Neuerungen in seinem ganz eigenen Schaffen boten.

Die Elégie op. 24 aus dem Jahre 1880 ist Jules Loëb gewidmet, der sie 1883 auch uraufführte. Wieder einmal sind wir nicht weit von dem Idiom entfernt, das Fauré in seinen Liedern verwandte, wenn das Cello über den Achtelakkorden des Klaviers seine Melodie anstimmt. Bewegtere Klavierfiguren begleiten das zweite Thema, das zu einer Kadenz des Cellos führt. Bei der Reprise des ersten Teils erklingt der Hauptgedanke eine Oktave höher, und am Ende kehrt noch einmal das zweite Thema zurück. Man geht davon aus, dass diese Elegie der langsame Satz einer Cellosonate hätte werden sollen.

Papillon op. 77 entstand vermutlich 1884, kam aber erst 1898 heraus. Fauré schrieb den Satz auf Ersuchen seines Verlegers Hamelle, der ein Gegenstück zu der Elégie haben wollte. Anfangs flattert der Schmetterling in einem perpetuum mobile umher, bevor sich sein Flug im zweiten Thema etwas beruhigt. Dann wird das Hauptthema wieder aufgenommen, und nach dem moto perpetuo flüstert die Melodie des Mittelteils ihren Abschluss.

Die erste seiner beiden Sonaten für Violoncello und Klavier komponierte Fauré im Jahre 1917. Das Werk mit der Opuszahl 109 ist dem Dirigenten und Cellisten Louis Hasselmans gewidmet und wurde noch im November 1917 von Gérard Hekking und Alfred Cortot aus der Taufe gehoben. Der Allegro-Kopfsatz in d-moll beginnt mit einem recht heftigen Einsatz des Violoncellos über abrupten Synkopen des Klaviers, das anschließend das ruhigere, expressivere zweite Thema exponiert. Nach der kontrastreichen Durchführung der beiden Gedanken folgt die Reprise, in der das Figurenwerk des Klaviers weiter modifiziert wird. Die beiden thematischen Gedanken finden auch in der abschließenden Coda ihren Platz. Das Andante g-moll arbeitet gleichfalls mit zwei Themen, die kontrastierend nebeneinander gestellt werden und im Schlussabschnitt wiederkehren. Und auch das D-dur-Finale (Allegro commodo) bringt zwei gegensätzliche Themen, deren zweites durch aufwärts gerichtete Oktavsprünge gekennzeichnet ist. Im Verlauf des Satzes erfährt das erste Thema eine kanonische Behandlung, und endlich treffen die beiden Gedanken in der Coda zusammen.

Die Berceuse op. 16 entstand 1879. Sie wurde im nächsten Jahr an der Société Nationale de Musique von dem Geiger Ovide Musin und dem Komponisten uraufgeführt. Das Werk existiert in verschiedenen Transkriptionen und gehört bis heute zu Faurés bekanntesten Miniaturen. Die Romanze A-dur für Violoncello und Klavier op. 69 datiert aus dem Jahre 1894 und war anscheinend zunächst für Violoncello und Orgel gedacht; jedenfalls zeigt der Klaviersatz trotz seiner Anpassung noch einige Spuren des ursprünglichen Begleitinstruments. Die Sicilienne op. 78 erfreut sich in einer Vielzahl verschiedener Einrichtungen großer Beliebtheit. Sie entstand 1898 für Violoncello und Klavier und ist dem englischen Cellisten W.H. Squire gewidmet. Das Stück gehörte zu der Schauspielmusik zu Molières Le bourgeois gentilhomme und wurde außerdem in der von Charles Koechlin orchestrierten Fassung bei einer englischen Aufführung von Maeterlincks Pelléas et Mélisande benutzt – in beiden Fällen also, um frühere Zeiten, sei’s Barock oder Mittelalter, zu beschwören.

Seine zweite Sonate für Violoncello op. 117 schrieb Fauré 1921. Sie ist Charles Martin Loeffler gewidmet und wurde im nächsten Mai von Gérard Hekking und Alfred Cortot an der Société Nationale uraufgeführt. Das erste Thema des sonatenförmigen ersten Satzes beginnt mit einer synkopiert begleiteten Melodie des Klaviers, in die das Violoncello sogleich imitierend einfällt. Ein zweiter, von einer absteigenden Septime eingeleiteter Gedanke führt zu dem Nebenthema (cantando) des Klaviers. Damit sind die Themen und Motive für die Durchführung exponiert. Das Hauptthema wird in der Reprise vom Cello aufgegriffen, dem nunmehr das Klavier hautnah folgt. Der g-moll-Kopfsatz endet in Gdur, und auch die anschließenden Sätze wechseln in ihrem jeweiligen Verlauf von Moll nach Dur. Das Andante c-moll geht auf einen Chant funèbre zurück, den man bei Fauré für die im Mai 1921 abgehaltenen Feiern zum 100. Todestag Napoleons bestellt hatte. Mit dem zweiten Thema hellt sich die Stimmung vorübergehend auf, wonach der Trauermarsch wiederkehrt. Das abschließende Allegro vivo beginnt im Klavier mit einer aufsteigenden Figur, auf die das Violoncello mit einer absteigenden Skala antwortet. Dann exponiert das Klavier ein zweites, akkordisches Element in einfachen, vierstimmigen Harmonien. Das Hauptthema scheint wiederkehren zu wollen, führt aber statt dessen zu einem kontrastierenden Abschnitt leiser Oktavfiguren, zu denen das Cello pizzikato-Akkorde und Repetitionen spielt. Die beiden Hauptelemente des Satzes werden vor der abschließenden Coda einer weiteren Durchführung unterzogen.

Après un rêve op. 7 Nr. 1 wird auf 1878 datiert. Das Stück geht auf die Vertonung des italienischen Gedichts Levati, Sol, ché la luna è levata in der französischen Übersetzung von Romain Bussine zurück. Die Stimmung, die die ersten Zeilen des Gedichts andeuten: „In einem Schlummer, der dein Bild verzauberte, erträumte ich das Glück, glühende Fantasie“ – diese Atmosphäre spiegelt sich in einer Musik, die auch in ihren zahlreichen Arrangements nichts von ihrem nostalgischen Charme und ihrer Wirkung eingebüßt hat. Die Sérénade für Violoncello und Klavier op. 98 wurde 1908 veröffentlicht und ist Pablo Casals gewidmet. Darin wird die Welt Verlaines beschworen, die Fauré in seinen frühen Liedern reflektierte. Die beiden kontrastierenden Themen des Satzes finden ihre Krönung, wenn der erste Gedanke noch einmal wiederholt wird.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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