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8.557918 - MARTINU, B.: Piano Music (Complete), Vol. 2 (Koukl)
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Bohuslav Martinů (1890–1959)
Sämtliche Klaviermusik • Folge 2

 

Bohuslav Martinů wurde auf dem Kirchturm der böhmischen Kleinstadt Polička geboren, das rund achtzig Kilometer nördlich von Brünn in der heutigen Tschechischen Republik liegt. Mit dem Komponieren begann er bereits im frühen Alter von zehn Jahren, nachdem er bereits zwei Jahre zuvor erstmals die Geige in die Hand genommen hatte. Er besuchte zwar das Prager Konservatorium, doch wollte es ihm nicht gelingen, das Studium zu einem gehörigen Abschluss zu bringen. Als junger Mann arbeitete er als Orchestergeiger in Prag, bevor er 1923 nach Paris ging, um bei Albert Roussel (1869–1937) zu studieren. Zu Beginn der vierziger Jahre flüchtete er in die USA, um den Nazis zu entgehen, die immer größere Teile Europas besetzten.

Martinů war ein fruchtbarer Komponist. Er schuf mehr als vierhundert Werke, darunter rund achtzig Stücke für Klavier, die allerdings, obwohl sie einen großen Teil seines Schaffens ausmachen, im Schatten seiner Orchesterwerke und Kammermusiken stehen.

Am Anfang dieser zweiten CD mit Klaviermusik von Bohuslav Martinů stehen die drei Zyklen der Marionetten (Loutky), die zwischen 1912 und 1924 entstanden. Die Numerierung der drei Sammlungen geschah entgegen ihrer chronologischen Reihenfolge: Marionetten III (H. 92) wurden 1914 als erste abgeschlossen, dann folgten 1918 die gleichfalls in Polička komponierten Marionetten II (H. 116). Zuletzt entstanden die Marionetten I (H. 137), die noch in der Heimat begonnen und 1924 in Paris beendet wurden.

Zwar hat man diese drei Marionetten-Sammlungen als Ganzes das „erste lebensfähige Werk“ (Nadace Bohuslava Martinů, 2004) des Komponisten genannt, doch es ist nicht das erste, das von Marionetten angeregt wurde. Wie Debussy, Fauré und Schönberg hatte sich auch Martinů von den Marionettenspielen des belgischen Dramatikers Maurice Maeterlinck inspirieren lassen und 1910 ein Prélude für großes Orchester geschaffen, das auf Maeterlincks kurzes Marionettenspiel La mort de Tintagiles (Tintagiles Tod) zurückging. Die Charaktere der verschiedenen Marionetten sind nach den Standard- Gestalten der Commedia dell’Arte bezeichnet, die in Europa viele traditionelle Pantomimen und Puppenspiele inspirierte; bei der Musik handelt es sich hingegen um stilisierte Tänze. So ist beispielsweise Die neue Marionette (Nova loutka) im dritten Band durch einen Shimmy dargestellt – einen Tanz, bei dem der Körper meist unbeweglich bleibt, derweil die Schultern im Wechsel nach hinten und vorn gehen. Die Backfische der zwanziger Jahre machten diesen modernen Tanz beliebt, dessen Name spätestens 1908 in der amerikanischen Popularmusik auftauchte und dessen spezifische Bewegungen in älteren Folklore-Tänzen wurzeln. Dieser zu Beginn des 20. Jahrhunderts neuartige kulturelle Einfluss über die Kontinente hinweg sollte auch weiterhin Auswirkungen auf die Musik haben, die Martinůund viele seiner Landsleute schrieben.

Der kühne, jazzige Antrieb des 1925 entstandenen Film en Miniature zeigt erneut Martinůs frühes Interesse an populären Medien, Liedern und Tanzstilen des modernen Transkontinentalismus. Der sechssätzige Zyklus beginnt mit einem energischen Tango, dann folgen ein flinkes Scherzo, eine sanfte Ukolébavka (tschechisches Wiegenlied), eine Valse, ein Chanson und als Abschluss ein leuchtend-lärmendes Carillon.

Das Autograph der vier kurzen Kinderstücke Frühling im Garten ist verschollen, und es gibt auch keinerlei Informationen über die Premiere des Werkes. Der Zyklus entstand 1920 in Prag, mithin vor der Zeit in Paris, und wurde ebendort 1948 veröffentlicht, als Martinů sich bereits längst in den USAniedergelassen hatte. Seither ist er in vielen Druckausgaben erschienen. Gleichermaßen verfügen wir über keinerlei Informationen, aus denen die ersten Aufführungen der Schmetterlinge und Paradiesvögel erhellten, des zweiten „Garten-Zyklus“, der gleichfalls 1920 entstand. Allerdings existiert in diesem Fall ein Manuskript, das im Musikarchiv des Tschechischen Nationalmuseums aufbewahrt wird und posthum veröffentlicht wurde. Die Ursprünge des Werkes sind allerdings bekannt: Es entstand während eines Be-suches bei dem tschechischen Künstler Max Švabinský (1873–1962), der eine Sammlung seltener Schmetterlinge und Vögel besaß. Švabinský, an Bekanntheit nur noch von Alfons Mucha übertroffen, schuf in der Hauptsache Blei-stift-, Kohle- und Federzeichnungen, wurde als Graphiker aber vor allem durch den Entwurf von über siebzig tschechoslowakischen Briefmarken berühmt.

Die beiden letzten hier eingespielten Klavierstücke entstanden 1948 in New York und gehören damit einer ganz anderen Zeit an als die voraufgegangenen frühen Werke Martinůs. Das zarte, emotional zerbrechliche und sentimentale The Fifth Day of the Fifth Moon mit seiner pentatonischen Skala und deren Permutationen ist Hsien-Ming Lee-Tscherepnin gewidmet, der chinesischen Pianistin und Ehefrau des russischen Komponisten Alexander Tscherepnin, der etliche Jahre im Fernen Osten unterrichtet hatte. Die beiden lernten sich in Shanghai kennen, wo sie sich bald ineinander verliebten. Möglicherweise wurde die Komposition durch die Konzerttournee angeregt, die das Ehepaar Tscherepnin 1948 unternahm. Zugleich ist das Stück aber auch durch die Gedichte von Su Tungpo (auch bekannt als Su Shi, oder Su DongPo) beeinflusst, die Lin Yutang in seinem Buch The Gay Genius: The Life and Times of Su Tungpo bekannt machte, das ein Jahr zuvor in New York erschienen war. Der „fünfte Tag des fünften Mondes“ ist seit langem ein Feiertag im chinesischen Mondkalender, der daran erinnert, dass sich der geschätzte chinesische Dichter Qu Wan im 5. Jahrhundert v. Chr. aus Protest gegen die korrupte Regierung das Leben nahm, indem er ins Wasser ging. Heute wird dieser Tag alljährlich durch ein Drachenboot-Fest begangen. Su Tungpo und andere chinesische Dichter schrieben viele Verse zu Ehren von Qu Wan.

„Meiner Frau Charlotte gewidmet“ überschrieb Martinů das an Poulenc erinnernde Stück Les bouqinistes du Quai Malaquais („Die Antiquare am Quai Malaquais“). Es ist dies ein weiterer musikalischer Schnappschuss, der im Zusammenhang mit Büchern entstand: Der Komponist erinnert sich darin an die glücklichen Tage in Paris, als er gern in den Antiquariaten am Seine-Ufer nach interessanten Büchern suchte. Obwohl Martinů die Übersiedlung in die USAzu Beginn der vierziger Jahre viele Vorteile brachte, sehnte er sich doch oft nach den Cafés, Geschäften und der Kultur seines geliebten Paris zurück.

Mark Gresham
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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