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8.557921 - BRIDGE: Piano Music, Vol. 2
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Frank Bridge (1879–1941)
Klaviermusik • Folge 2

 

Frank Bridge studierte Violine und als Schüler von Charles Villiers Stanford Komposition am Londoner Royal College of Music. Neben seiner kompositorischen Tätigkeit war er Bratscher in verschiedenen Quartetten – zu nennen ist hier vor allem das English String Quartet –, Dirigent – oft als Vertreter von Henry Wood – und Lehrer. Sein bekanntester Schüler war Benjamin Britten. Es gibt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wohl keinen britischen Komponisten, der stilistisch eine ähnlich weite Reise unternommen hätte. Seine frühen Werke, darunter das Phantasy Piano Trio (1907) und die Orchestersuite The Sea (1910/11), folgen der spätromantischen Tradition eines Brahms oder Fauré. Danach nähert sich Bridge in seiner symphonischen Dichtung Summer (1914) der Musik von Frederick Delius. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde seine Musik wesentlich intensiver und chromatischer, was beispielsweise an der Klaviersonate aus den Jahren 1921–24 zu hören ist. Die radikale Sprache dieses Werkes spricht er auch in seiner Kammermusik der zwanziger Jahre; so steht sein 3. Streichquartett von 1926 Seite an Seite mit den frühen Werken der Zweiten Wiener Schule. Aus diesem Jahrzehnt stammen auch zwei meisterhafte Orchesterwerke: Enter Spring (1927) und Oration für Violoncello und Orchester (1930). Spätere Werke – Phantasm für Klavier und Orchester von 1931 etwa oder die Ouvertüre Rebus aus dem Jahre 1940 – verraten Anzeichen von Ermüdung; sie konnten weder beim Publikum noch bei der Kritik großen Anklang finden. Trotz Brittens Engagement mussten nach dem Tode seines Lehrers über dreißig Jahre vergehen, bevor sein erstaunliches Vermächtnis Anerkennung fand.

Bei dem zutiefst überzeugten Pazifisten Bridge hinterließ das Elend des Ersten Weltkrieges tiefe Narben. Man weiß, dass er unter den Nachrichten von der Front derart litt, dass er nachts durch die Straßen lief, um über das Gemetzel nachzugrübeln. Zudem scheint der Krieg bei ihm eine stilistische Krise und die Hinwendung zu einer harmonisch radikaleren Ausdrucksweise bewirkt zu haben. Zum ersten Mal manifestierte sich diese neue Sprache vernehmlich in seinem wichtigsten Klavierwerk, der Sonate. Die negative Konsequenz der Entwicklung war, dass sich Bridge sowohl dem Publikum als auch den konservativen Kritikern der Zeit entfremdete. Der Kritiker und Autor Frank Howes zum Beispiel warf ihm vor, dass er seine Musik hässlich gemacht habe, um modern zu bleiben. Tatsächlich brachte diese Entwicklung eine Musik hervor, die alles, was er bislang geschrieben hatte, an Tiefe und emotionaler Kraft übertraf.

Die Klaviersonate entstand zwischen Ostern 1921 und Mai 1924. Bridge hatte Harold Samuel für die Uraufführung des Werkes ausersehen, doch diesem war das Stück zu verwirrend, weshalb es dann am 15. Oktober 1925 von Myra Hess in der Wigmore Hall aus der Taufe gehoben wurde. Gewidmet hat Bridge die Sonate dem Andenken seines Komponistenkollegen und Freundes Ernest Bristow Farrar, der 1918 mit 33 Jahren gefallen war. Es war die erste Komposition, für die Frank Bridge von der Kritik Prügel bezog. So meinte der Rezensent des Daily Telegraph, das Werk „neige durch und durch zur Düsternis“, während es die Morning Post als „enttäuschend“ abtat.

Die Sonate deutet bereits die Charakteristika von Bridges Spätstil an. Man hört Dissonanzen, die aus Bitonalität und scharfer Chromatik resultieren; die Phrasenstruktur unterscheidet sich von der früheren Eleganz und spiegelt die komplexere Harmonik dergestalt, dass an Stelle ausbalancierter musikalischer Abschnitte solche von unterschiedlicher Länge stehen; Stimmung und Intensität wechseln rasch. Ferner schlägt sich hier die technische Meisterschaft nieder, mit der Bridge die übergeordneten Formstrukturen und den schöpferischen Umgang mit dem Klavier beherrscht.

Der erste Satz ist in Sonatenform gehalten und beginnt wie viele Werke von Bridge mit einer langsamen Einleitung, in der die Keime des gesamten Werkes exponiert werden. Hier sind es zwei Hauptgedanken: Der erste ist eine düstere Prozession, die aus einer von unheilverkündenden, schicksalhaften Akkorden unterlegten Ton- wiederholung entsteht; der zweite besteht aus einer tröstlichen, von einer Verzierungsnote gekennzeichneten Melodiephrase, die ihrem Wesen nach echtester Bridge ist. Man könnte diesen Gedanken für ein Motto halten, da in allen drei Sätzen auf ihn angespielt wird. Die Harmonik ist ambivalent und häufig bitonal, was zur Spannung innerhalb des schnellen Satzteils beiträgt. Während dieser Abschnitt schmerzhaft von einem Höhepunkt zum nächsten taumelt, tauchen flüchtige Augenblicke des Trostes und der Entspannung auf, die sich auf das Motto stützen; doch immer wieder beginnt die Schlacht, bis schließlich die Prozession des Anfangs aufgegriffen wird – jetzt wird die Tonwiederholung wie in grausamer Verzweiflung fortississimo herausgehämmert, bevor der Satz kurz und bündig mit einer schnellen Coda endet.

Der ruhige langsame Satz ist bogenförmig angelegt und scheint in dem Gemetzel einen Hafen der Stille zu bieten. Diese Elegie beklagt nicht nur die Verschwendung von Menschenleben, sondern die Sinnlosigkeit des Krieges überhaupt. Die Chromatik ist insgesamt weniger eindringlich als in den Ecksätzen, wenngleich in dem düsteren ersten Abschnitt noch etwas von der Finsternis des Kopfsatzes lebt. Diese macht einer zarten Melodie von trügerischer Schönheit Platz, die zunächst in sparsamer Einstimmigkeit über weichen Akkorden erklingt. Im Mittelteil wird die Musik elegischer; man hört flüchtige Hinweise auf das Motto, bevor das zarte, jetzt ausgearbeitete Thema wiederkehrt. Daran schließen sich die Musik des Anfangs sowie eine friedliche Coda an, in der wieder auf den jetzt von Akkorden verschleierten Hauptgedanken angespielt wird.

Nach einer denkbar knappen Einleitung beginnt im Finale der Kampf aufs Neue. Ein bedrohlicher Marsch der Zerstörung beschwört die Bilder der alten Wochenschauen, in denen man sieht, wie Wellen von Soldaten über Schützengräben springen und erbarmungslos niedergemäht werden. Zwischen den zwei wichtigen Auftritten des Marsches wird ein ausdrucksvolles Thema entwickelt und auch das Motto wieder aufgegriffen, das jetzt in einer zerrissenen, verdrehten Version erklingt, während der Satz auf zwei heftige Höhepunkte zusteuert. Am Ende schließt sich der musikalische Kreis mit der Wiederkehr der Prozession und pendelnden Akkorden, die an Glockengeläut erinnern. Noch einmal ist das Motto zu hören – jetzt allerdings ist der letzte Hoffnungsfunke erloschen, und die Sonate endet in einer Stimmung von ungeheurer Kälte.

Lament for Catherine ist das erste Stück, mit dem Bridge offen auf die Kriegstragödie hinweist. Es entstand an einem einzigen Tag, am 14. Juni 1915 – als Klage um ein Kind, das der Komponist gekannt hatte und das bei der Torpedierung der „ Lusitania “ ertrunken war. Dieser Lament, eine ebenso knappe wie aufrichtige Trauerbezeigung, wurde bei den Proms desselben Jahres von Henry Wood in der bekannteren Fassung für Streichorchester uraufgeführt.

Auch die Three Improvisations für die Linke Hand waren eine direkte Folge des Ersten Weltkriegs. Bridge schrieb sie von Mai bis Juli 1918 für den Pianisten Douglas Fox, der an der Front seinen rechten Arm verloren hatte. In At Dawn und A Vigil scheint man etwas von Bridges damaligem Zorn zu hören. Das erste Stück spielt auf geheimnisvolle Weise mit den flackernden Schatten des Sonnenaufgangs, A Vigil gibt sich nachdenklich, während der Triolenetüde A Revel mit ihren Skalen und Arpeggien etwas Koboldhaftes anhaftet.

Die Three Sketches (1906) sind hervorragende Beispiele für Charakterstücke, wie sie in den edwardianischen Salons beliebt waren. Hier bewegt sich Bridge noch ganz in seinem frühen Idiom. Die erste professionelle Aufführung fand im November 1910 durch Ellen Edwards statt. April ist von der sprichwörtlichen Frische des Monats und im Mittelteil von pikanten harmonischen Fortschreitungen geprägt. Der Anfang von Rosemary bringt eine bezaubernde Melodie, die in ihrer Gesanglichkeit an Fauré erinnert; das Stück enthält einen kleinen kontrastierenden Allegroteil. Valse capriceuse ist von romantischer Art und endet in einem flüsternden Presto.

Die drei letzten Stücke dieser CD wurden zu Bridges Lebzeiten nicht veröffentlicht. Sie entstanden während seiner Studienjahre am Royal College of Music oder kurz danach. Das Manuskript des Moderato trägt das Datum des 5. September 1903, entstand also fünf Monate, nachdem der junge Komponist das Institut mit einer glühenden Empfehlung seines Direktors Hubert Parry verlassen hatte. Pensées fugitives I stammt aus dem Sommer 1902, während das Kompositionsdatum des Scherzettino vom Manuskript abgerissen ist. Der Stil spricht allerdings für dieselbe Zeit. Alle drei Werke sind in erster Linie Studien über verschiedene pianistische Techniken; besonders wirkungsvoll ist dabei Pensées fugitives I mit den schillernden Triolen, die ein melancholisches Thema umranken.

Andrew Burn
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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