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8.557938 - YUN: Chamber Symphony I / Tapis / Gong-Hu
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Isang Yun (1917–1995)

Kammersymphonie I (1987) • Tapis für Streicher (1987) • Gong-Hu für Harfe und Streicher (1984) Der koreanische Komponist Isang Yun (Yun Yi Sang) wurde 1917 als Sohn des großen koreanischen Dichters Yun Ki Hyon geboren. Er begann sich früh für Musik zu interessieren und studierte am Konservatorium von Osaka bei dem Komponisten Tomojiro Ikenouchi, der wiederum der Sohn eines führenden japanischen Dichters und in der französischen Musiktradition ausgebildet worden war.

Da sich Isang Yun während des Krieges an antijapanischen Aktivitäten beteiligt hatte, kam er 1943 ins Gefängnis. Anschließend musste er sich einige Zeit verstecken. Nach dem Krieg war er am Wiederaufbau der koreanischen Kultur beteiligt. Er unterrichtete in Chung Mu und Pusan sowie in der Hauptstadt Seoul, wo er einen Preis erhielt, der es ihm erlaubte, von 1956 bis 1957 bei Pierre Revel in Paris zu studieren. Anschließend ging er für ein Jahr als Schüler von Boris Blacher, Josef Rufer und Reinhard Schwarz-Schilling an die Berliner Musikhochschule. Von prägendem Einfluss waren die Begegnungen bei den Darmstädter Ferienkursen, wo seine Werke ebenso aufgeführt wurden wie in Köln, Hamburg und Berlin. 1964 konnte er durch eine Einladung der Ford-Stiftung wieder nach Berlin kommen, und 1966 wurde in Donaueschingen sein Orchesterwerk Réak (Rituelle Musik) uraufgeführt – ein Ereignis, das Yuns internationalen Ruf begründete. 1967 entführten ihn Agenten des südkoreanischen Regimes von Chung Hee Park nach Seoul. Seine Inhaftierung führte zu internationalen Protesten, aufgrund derer er 1969 begnadigt wurde und als politischer Flüchtling nach Deutschland zurückkehren durfte. Er unterrichtete an der Musikhochschule von Hannover und – seit 1970 – an der Berliner Hochschule. In Deutschland genoss er ein recht hohes Ansehen, was unter anderem mehrere Auszeichnungen belegen, und in Nordkorea wurde er durch die Gründung eines Instituts geehrt, das seinen Namen trägt. Er starb 1995 in Berlin.

Isang Yun hat viel zur Förderung der Zeitgenössischen Musik in Nord- und Südkorea getan. Zu seinen Studenten gehörten auch jüngere koreanische Komponisten, die von ihm in Hannover und Berlin unterrichtet wurden. Sein kompositorisches Ziel war eine Synthese von Ost und West, wobei er essentiell koreanische Gedanken mit westlichem Instrumentarium und avantgardistischen Techniken realisierte. Seit den sechziger Jahren arbeitete er an der Verfeinerung eines eigenen Kompositionssystems, das er aus der orientalischen Heterophonie ableitete. Dieses Verfahren führt zu einer Monophonie und in Isang Yuns Musik zu den von ihm so genannten Haupttönen – einem im wesentlichen linearen Ansatz, wie er betonte. Er führte aus, dass traditionellerweise jeder Ton mit einer Verzierungsnote beginnt; wenn er erst einmal eingeführt ist, beginnt allmählich ein Vibrato, das zu einer Klangexplosion führt, worauf ein abschließendes Ornament und die Fortsetzung der Prozedur auf einem anderen Level folgen.

Gleichzeitig wurde seine Arbeit von seinen politischen Idealen und dem Wunsch nach der Wiedervereinigung Koreas wie auch durch Elemente der koreanischen und chinesischen Kultur und der taoistischen Philosophie beeinflusst. Sein umfangreiches OEuvre enthält unter anderem vier Opern, von denen die beiden ersten auf Werken des Dichters und Dramatikers Ma Chi Juan aus der Yuan-Dynastie des 12. Jahrhunderts basieren.

Gong-Hu entstand 1984 und ist der Harfenistin Ursula Holliger gewidmet, die das Werk 1985 in Luzern mit der Camerata Bern unter der Leitung des Oboisten, Komponisten und Dirigenten Heinz Holliger uraufführte, für den Isang Yun sein letztes Werk, das Quartett für Oboe und Streichtrio komponierte, das vier Tage nach seinem Tode zur Uraufführung kam. Bei dem konghou, wie man nach der modernen Umschrift des Chinesischen schreibt, handelt es sich um die chinesische Harfe, die während der Östlichen Han- Dynastie von Persien nach China gelangte, hier heute aber weniger häufig verwendet wird. Korea übernahm das Instrument von den Chinesen, und das berühmte koreanische Lied des Konghou gelangte dann wiederum während der Han-Dynastie ins chinesische Repertoire – ein Beispiel für wechselseitigen Kulturaustausch. Die Besetzung von Gong-Hu besteht aus drei ersten und drei zweiten Violinen, drei Bratschen, drei Violoncelli, einem Kontrabaß und der Soloharfe, die das Werk mit aufsteigenden Akkorden einleitet. Das Werk verlangt vom Solisten in einer kadenzartigen Passage vor dem Schlußabschnitt eine beträchtliche Virtuosität.

Tapis pour cordes entstand 1987, das heißt in dem Jahr, als Isang Yun seinen 70. Geburtstag feierte. Das Werk kann von einem Streichquartett oder – wie in der vorliegenden Aufnahme – von einem Streichorchester gespielt werden. Der Komponist verwendet hier orientalische Techniken, durch die ein dicht geknüpftes Geflecht entsteht: Die charakteristischen Elemente seiner musikalischen Sprache resultierten in einem effektvollen Stück, das den Hörer unmittelbar anzieht.

1987 schrieb Isang Yun auch die erste seiner beiden Kammersymphonien, und zwar im Auftrag der Stadt Gütersloh. Hier wurde das Werk 1988 von der Deutschen Kammerphilharmonie Frankfurt/Main unter Yoram David uraufgeführt. Mit zwei Oboen, zwei Hörnern und Streichern ist die Besetzung zwar sehr traditionell; sie wird aber vom Komponisten in seiner eigenen, individuellen Weise behandelt: Er verwendet Ornamente, Vierteltöne, geteilte Streicher und dynamische Muster, die mit seinen musikalischen Strukturprinzipien übereinstimmen. Das Werk besteht aus einem einzigen ununterbrochenen Satz.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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