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8.557960-62 - HANDEL: Hercules
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Georg Friedrich Händel (1685–1759)
Hercules

 

Nach vielstimmigem Urteil der Musikwissenschaft1 gehört das musikalische Drama Hercules, HWV 60, zu den Wunderwerken der Musikgeschichte. Entwurf und Vollendung dieser einzigartigen Komposition gelangen Georg Friedrich Händel in nur wenigen Wochen, doch die Geschichte ihrer Aufführungen stand von Anbeginn an unter einem Unstern.

Beflügelt von den Erfolgen der im Frühjahr während der Fastenzeit im Theatre Royal, Covent- Garden, aufgeführten Oratorien, hatte sich Georg Friedrich Händel eine neue Wirkungsstätte ausgesucht: Er mietete das King’s Theatre am Haymarket und kündigte für die Wintermonate von November 1744 bis April 1745 insgesamt 24 Aufführungen an, die er durch Subskriptionen zu finanzieren hoffte. Wiederholungen erfolgreicher Oratorien der vorangegangenen Saison standen ebenso auf dem Programm wie zwei Premieren – die des Belshazzar und des Hercules.

Leider aber hatte er die Eigenarten des im weiteren Sinne des Wortes „kulturellen Lebens“ in London während der Wintermonate ganz und gar falsch eingeschätzt. Im Gegensatz zur besinnlichen und stillen Fastenzeit quoll das Angebot an Unterhaltungen – Konzerte, Schauspiele und gesellschaftliche Veranstaltungen aller Art – in den Vormonaten geradezu über und erschöpfte allmählich auch das Fassungsvermögen der umtriebigen Londoner Gesellschaft. So fanden immer weniger Zuhörer den Weg zu den Aufführungen im King’s Theatre.

Eine erfolgreiche Uraufführung des Hercules – sie war für den 5. Januar 1745 vorgesehen – sollte das Blatt wenden, doch zum Unglück aller Beteiligten erkrankte die Mezzosopranistin Susanna Cibber, die für die Rolle des Lichas vorgesehen war, und mußte die Vorstellung kurzfristig absagen. Um dem Publikum den Fortgang der Handlung verständlich zu machen, entschloß sich Georg Friedrich Händel, den Bassisten Gustav Waltz zu bitten, anstelle der in London überaus beliebten Sängerin den Text der für Lichas vorgesehenen Rezitative wenigstens sprechend vorzutragen. Doch das Unglück wollte es, daß auch Gustav Waltz an diesem Abend an einer so starken Erkältung litt, daß er den Text nur wie ein Rabe krächzend vorzutragen vermochte. Sein redliches Bemühen dankte ihm das Publikum mit stürmischer Heiterkeit – er wurde einfach ausgelacht. Die Premiere war „geplatzt“!

Auch die zweite Vorstellung am 12. Januar 1745, diesmal mit Susanna Cibber, konnte den Mißerfolg des Hercules nicht mehr abwenden, und da auch die Premiere des Belshazzar am 27. März nur schwach besucht wurde und wenig Resonanz fand – wieder mußte Susanna Cibber absagen –, entschloß sich Georg Friedrich Händel, um eine noch größere finanzielle Katastrophe abzuwenden, das gesamte Unternehmen nach nur sechs Vorstellungen aufzugeben – im übrigen nicht ohne den Subskribenten der Konzertreihe ihre Auslagen zu erstatten.

Auch die weiteren Aufführungen des Hercules am 24. Februar und 1. März 1749 und am 21. Februar 1752 waren wenig erfolgreich. Die Gründe hierfür werden wohl zu Lebzeiten des Komponisten mehr oder weniger die gleichen gewesen sein, die für den geringen Bekanntheitsgrad dieses Werkes in der heutigen Zeit verantwortlich sind: Das Sujet ist nicht der Bibel entnommen, und daher mangelt es ihm nach Meinung des Publikums zwangsläufig an einer gewissen religiösen Erbaulichkeit, die seine Aufführung in Kirchen oder vergleichbar erhabenen Orten rechtfertigen könnte.

Der Textdichter Thomas Broughton, ein wegen seiner außerordentlichen Gelehrsamkeit in England hochgeschätzter Geistlicher aus Salisbury, schöpfte seine Dichtung aus mehreren poetischen Quellen der Antike. Vor allem in den kommentierenden Chören verarbeitete er sie zur Darstellung eines Helden, dessen Taten sich vor allem dadurch auszeichnen, daß sie die irdische Welt von bösartigen Tyrannen und schrecklichen Ungeheuern zu befreien suchen – zu einer Gestalt des Herkules also, der als seine eigentliche Berufung die Verwirklichung der Vision von einer freien, von gesellschaftlicher Unterdrückung und allen Lebensängsten befreiten Menschheit sieht.

Diese eher spirituelle Basis des Librettos muß Georg Friedrich Händel offenbar sehr fasziniert haben, legen doch seine wunderbaren musikalischen Schöpfungen ein hörbares Zeugnis für seine tiefe Zuwendung zu den Protagonisten seines, wie er es nannte, „musikalischen Dramas“ ab. Sie gilt allen voran Iöle, Hyllus und Lichas, aber auch der sich in blinder Eifersucht verzehrenden Dejanira und der eher treuherzig anmutenden Gestalt des Hercules. Sie alle verzaubern uns durch die Art und Weise, wie sie trotz ihrer dramatischen, unglückseligen Verstrickungen in den Wirrnissen des irdischen Daseins Kräfte in sich freisetzen, die es ihnen ermöglichen, auch die Nöte der Mitmenschen zu erkennen und sich ihrer anzunehmen. Besondere Aufmerksamkeit aber hat Georg Friedrich Händel den Chören gewidmet. In ihnen werden dem Hörenden in unterschiedlicher musikalischer Gestalt, sei es als Fuge, in Liedform oder als Rondo mit variantenreichen Verbindungen, die geistigen Strukturen vorgestellt, welche sich wie ein Himmel über das Geschehen spannen.

Charakteristisch ist der in Stille überleitende, wie zum Nachdenken auffordernde Schluß des letzten Chores, wie er sich bereits vielfach in den vorhergehenden Chören findet. Er vermittelt den Eindruck, als sehe uns Georg Friedrich Händel am Ende seiner Musik mit großen Augen an und frage, was wir, die Hörerinnen und Hörer, denn nun zu tun gedenken, da doch Herkules, in den Götterhimmel erhoben, sein Werk der Befreiung nicht mehr fortsetzen kann.

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Synopsis


CD 1.

1. Akt

Die erste Szene führt uns nach Thessalien in den weitläufigen Palast des Hercules zu Trachis. Lichas, sein Herold, berichtet, daß Dejanira, die Frau des Hercules, verzweifelt auf die Rückkehr ihres Mannes wartet, der sich seit langer Zeit auf einem Feldzug befindet und sie, die Familie und seinen Hofstaat bislang ohne jede Nachricht gelassen hat. Alle seine Bemühungen, die Unglückliche zu trösten, sind vergeblich; Dejanira ist gewiß, daß Hercules niemals mehr zurückkehrt.

Hyllus, ihrer beider Sohn, betritt die Szene; er hat das Orakel befragt und erzählt nun, daß der Tempel während der Opferzeremonie, durch ein heftiges Beben erschüttert, in tiefe Finsternis versunken sei; der Priester aber habe den Gipfel des naheliegenden Oeta in Flammen gesehen und den Tod des Hercules prophezeit.

Während dies Dejanira endgültig in ihren finsteren Ahnungen bestätigt und sie sich bereits träumerisch im Jenseits mit Hercules wiedervereint sieht, beschließt Hyllus, aufzubrechen, um nach dem Vater zu suchen, ihn heimzuholen oder selbst bei der Suche zugrunde zu gehen.

Der Hofstaat preist tief bewegt diesen Entschluß des Jünglings, doch just in diesem Augenblick stürzt Lichas herein, um zu verkünden, daß Hercules mit seinen Heerscharen zurückgekehrt sei, nachdem er die Stadt Oechalia belagert, gestürmt und dem Erdboden gleich gemacht habe. In seinem Gefolge führe er eine Schar mit Wunden bedeckter Gefangener, unter ihnen die wunderschöne Tochter des Königs von Oechalia, Iöle.

Hyllus ist von der Erzählung des Lichas tief berührt und spürt eine unerklärliche Zuneigung zu der jungen Frau, obwohl er sie noch gar nicht erblickt hat; er fragt nach den näheren Umständen ihrer Gefangennahme und erfährt, daß ihr Vater Eurytus, Herrscher von Oechalia, vor ihren Augen von Hercules im Zweikampf getötet worden sei.

Dejanira, zunächst fassungslos und überwältigt von ihrem Glück, fordert die Umstehenden auf, dem Heimgekehrten entgegen zu eilen und ihn zu begrüßen.

Den Betrachtungen des Lichas über die unberechenbaren Wechselfälle des Lebens schließt sich der Chor an: „Gib dich niemals der Verzweiflung anheim, vermögen doch die Kräfte des Himmels uns immer wieder dem Abgrund zu entreißen!“

Die folgende Szene zeigt uns Iöle inmitten ihrer Leidensgenossen; sie beklagt deren Schicksal, für das sie sich verantwortlich fühlt. Deren Zusicherung, Iöle bliebe gleichwohl ihre Herrin, weist sie mit den Worten zurück, daß die Gefangenschaft, wie der Tod, alle gesellschaftlichen Unterschiede aufhebe, und sie preist die Freiheit, die allein das menschliche Dasein lebenswert mache, als die Tochter der Götter.

Ihre Gedanken unterbricht der schmetternde Klang eines Marsches. Der Sieger naht.

Glücklich, mit dem Sieg über Oechalia Junos Rachedurst gestillt und mit dem Fall der Stadt ein weiteres Ruhmesblatt erworben zu haben, verspricht Hercules Iöle die Freiheit, doch diese läßt sich nicht trösten; sie trauert um ihren Vater, den Verlust ihrer Freunde und ihrer Heimat.

Hercules, der sich nicht gerade bescheiden als „the god of battle“ bezeichnet, wendet sich ab und eilt, begleitet vom Jubelchor der Trachinier, zu Dejanira.


CD 2.

2. Akt

Wir befinden uns mit Iöle in einem der Gemächer des Palastes. Die unglückselige junge Frau hadert mit ihrem Schicksal: Ist sie so hoher Abkunft, um nur umso tiefer zu stürzen? So beklagt sie ihr Schicksal, als Prinzessin geboren worden zu sein und nicht als arme Bäuerin.

Da tritt Dejanira ein; beim Anblick der in tiefe Melancholie versunkenen Iöle steigert sich ihr zuvor wohl nur leiser Verdacht – offenbar weiß sie um die vielen verwickelten Liebesgeschichten ihres Mannes und von dem Gerücht, daß die Schönheit der Prinzessin Hercules nach Oechalia gelockt habe – zu unbändiger Eifersucht, zumal sie spürt, daß alle Welt Mitleid und Sympathie für die vom Unglück Geschlagene empfindet.

Iöle wehrt die heftigen Vorwürfe als reine Unterstellungen ab; in ihrem Bemühen, das Gemüt der aufgeregten Dejanira zu beruhigen, weist sie auf die Gefahren hin, die aus der Eifersucht erwachsen können. Doch Dejanira ist nicht zu überzeugen; wutentbrannt stürzt sie davon, nicht ohne dem getreuen Lichas ihre zornige Verachtung für Hercules entgegenzuschleudern. Auch Lichas widerspricht und beschwört die unerschütterliche Treue seines Herrn, doch Dejanira bleibt bei ihren Anschuldigungen.

Der umstehende Hofstaat, fassungsloser Zeuge der heftigen Auseinandersetzung, beschreibt die verderbliche Kraft der Eifersucht, die jeden noch so nichtigen Anlaß und haltlosen Verdacht als unschlagbaren Beweis der Untreue wertet.

Iöle hat sich mit ihrem Kummer zurückgezogen. Da tritt Hyllus auf sie zu und gesteht ihr seine Liebe. Die junge Frau weist ihn mit entschiedenen Worten ab – wie sollte sie auch den Sohn des Mannes lieben können, der ihren Vater erschlagen hat? Hyllus ist verzweifelt, und um ihn auf andere Gedanken zu bringen, versucht Iöle, an seine kriegerischen Instinkte zu appellieren. Hyllus aber läßt sich nicht trösten und verweist auf die Kräfte der Liebe, die selbst die Götter dazu veranlaßt haben, den Olymp zu verlassen, um ihr Glück in irdischer Liebe zu suchen.

Der Chor an den „übermütigen Gott der Liebesflammen“ schließt diese Szene ab. Nun werden wir Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen Dejanira und Hercules. Dieser beteuert immer wieder seine durch nichts zu erschütternde Liebe zu Dejanira, sie aber begegnet jedem seiner Argumente mit zunehmender Bosheit. Hercules bricht den immer heftiger werdenden Streit kurzerhand ab; er zieht sich zurück, um sich auf die Opferzeremonie vorzubereiten, die seinen kriegerischen Triumph feiern soll.

Völlig verzweifelt ruft Dejanira die Hilfe der Sterne an, da Hercules einst seine Liebe bei den Gestirnen beschworen hatte. In ihrer Not erinnert sie sich, daß einst Nessus, ein vom Pfeil des Hercules getroffener Zentaur, ihr im Augenblick seines Todes sein blutgetränktes Gewand mit dem Hinweis übergeben hatte, diesem Kleid wohne ein Zauber inne, der in jedem wankelmütigen Gemüt das Feuer der Liebe neu entfachen könne. Sie sucht nach dem Gewand und gibt es Lichas mit der Bitte, es Hercules als Geschenk und Unterpfand ihrer verzeihenden Liebe und Versöhnung zu übergeben – nicht ahnend, daß es in Wirklichkeit ein todbringendes Gift enthält. Voller Glück über die vermeintliche Einsicht seiner Herrin eilt der Herold davon.

Unterdessen hat Iöle das Gemach betreten. Dejanira bezwingt ihre rasende Wut, entschuldigt sich für ihre heftigen Ausfälle und macht der jungen Frau weis, sie wolle sich mit ihr versöhnen und alles daransetzen, daß ihr die Freiheit und das Vaterland wiedergegeben werde. Überglücklich preist Iöle im Verbund mit dem Chor die vermeintlich wieder erstandene Eintracht der beiden Eheleute und beschwört gemeinsam mit Dejanira das Glück der Freiheit und die Kraft der Liebe. Ihrem Jubel schließt sich der Chor an und bittet den Gott der Liebe und den Gott der Ehe, das eheliche Band neu zu knüpfen.


CD 3.

3. Akt

Lichas stürzt in den Palast und verkündet dem Hofstaat die tückische Vergiftung und den bevorstehenden Tod des Hercules. Die Trauernden beklagen das schreckliche Ende, das der als Retter der Menschheit empfundene Herrscher gefunden hat.

Hyllus ist in den Tempel geeilt, um seinem Vater beizustehen. Hercules windet sich unter höllischen Schmerzen und fleht die Götter an, ihn von seinen Qualen zu erlösen. In einem kurzen Augenblick der Besinnung bittet er Hyllus, ihn auf den Gipfel des Berges Oeta zu tragen und dort auf einem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. So hofft er zu den Göttern zu gelangen.

Im Palast ist Dejanira dem Wahnsinn nahe. Ihr wird klar, daß ihre Eifersucht sie zur Vollstreckerin der Rache des Nessus hat werden lassen. Von den Furien verfolgt, bricht sie zusammen.

Iöle tritt hinzu. Das Leid der Dejanira läßt sie ihre eigene Trauer vergessen. Nun erkennt Dejanira, daß nicht Iöle, die vermeintliche Rivalin, sondern sie selbst in ihrer blinden Eifersucht die Ursache allen Unglücks ist.

Der Hofstaat versammelt sich um die beiden Frauen; auch Hyllus ist eingetroffen. Der Priester des Jupiter verkündet, daß auf dessen Geheiß ein Adler die Seele des Hercules zu den Göttern auf den Olymp getragen habe und Jupiter zudem wünsche, daß Iöle sich mit Hyllus verbinde.

Die beiden werden zusammengeführt und sehen ihre Zukunft nun in leuchtenden Farben vor sich liegen. Auf Geheiß des Priesters stimmt die Menge einen tanzenden Lobgesang auf Hercules an und preist ihn als denjenigen, der der Menschheit den Segen des Friedens und die Segnungen der Freiheit gebracht hat.


Joachim Carlos Martini


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