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8.557963 - FINZI: Earth and Air and Rain / To a Poet / By Footpath and Stile (English Song, Vol. 15)
English  German 

Gerald Finzi (1901-1956)
Earth and Air and Rain • To a Poet • By Footpath and Stile

 

Gerald Finzi studierte bei Ernest Farrar (1885-1918), Sir Edward Bairstow (1874-1946) und Reginald Owen Morris (1886-1948). Aufmerksamkeit erregte er mit Werken wie der Orchesterminiatur A Severn Rhapsody (1923) und dem Liedzyklus By Footpath and Stile (1921/22) nach Gedichten von Thomas Hardy (1840-1928). In den dreißiger Jahren wuchs sein Ansehen durch Aufführungen zweier Folgen von Hardy-Vertonungen – A Young Man’s Exhortation (1926-29) und Earth and Air and Rain (1928-32) – und festigte sich mit der Premiere seiner Kantate Dies Natalis (1925-39) im Jahr 1940. Während des Zweiten Welt-kriegs arbeitete Finzi im Ministerium für Kriegs-transport und gründete ein vorzügliches, weitgehend aus Laien bestehendes Orchester: die Newsbury String Players. Zwei seiner populärsten Werke erschienen im Krieg: die Fünf Bagatellen für Klarinette (1920er Jahre, 1941-43) und die Shakespeare-Vertonungen Let us garlands bring (1938-40).

In die Nachkriegsjahre gehören die Festhymne Lo, the Full, Final Sacrifice (1946), die feierliche Ode For St Cecilia (1947) und ein weitere Folge von Hardy-Liedern, Before and After Summer (1932-49), das Klarinettenkonzert (1948/49) und Intimations of Immortality für Chor und Orchester (1936–38, 1949/50). Obwohl die letzten Jahre seines Lebens von einer unheilbaren Krankheit überschattet waren, vollendete er die Weihnachtsszene In Terra Pax (1951–54) und das Cellokonzert (1951-55).

Die Lieder sind das Herz von Finzis Oeuvre; er leistete einen signifikanten Beitrag zur britischen Musik des 20. Jahrhunderts in diesem Genre, vor allem mit seinen Thomas Hardy-Vertonungen, seinem bevorzugten Dichter, den er häufiger vertonte als jeden anderen. Sein Band mit Hardys Gesammelten Gedichten war ein wohlgehüteter Schatz.

An einen Freund schrieb er: „Ich habe ihn schon immer sehr geliebt; von den frühesten Tagen an fühlte ich nicht so sehr einen Einfluss als vielmehr eine Verwandtschaft.“

Die Lieder von Earth and Air and Rain op. 15 entstanden zwischen 1928 und 1932 und wurden 1936 publiziert. Einige der Lieder wurden bereits einzeln oder auch in Gruppen aufgeführt; erst am 23. März 1943 fand eine komplette Aufführung statt. Robert Irwin wurde von Howard Ferguson begleitet. Das Werk markiert eine signifikante Etappe in Finzis Entwicklung, da in der eindrucksvollen Skala von Emotionen seine reife Stimme zutage tritt.

In Summer Schemes erfasst Finzi trefflich den Kontrast zwischen der erwartungsvollen Vorwegnahme des Sommeridylls, das der Dichter für sich und seine Geliebte erträumt, und der wohl überlegten Mahnung in den letzten Zeilen einer jeden Strophe: … solange das Schicksal nicht eingreift. When I set out for Lyonesse erinnert an Hardys Reise nach Cornwall in jungen Jahren, als er sich in Emma Gifford verliebte, die dann seine erste Frau wurde. Der energische Marschrhythmus vermittelt ein Gefühl des Abenteuers, und das Lied gipfelt strahlend, als der Dichter mit Glanz in den Augen zurückkehrt.

Waiting both ist eine fiktive Konversation zwischen dem Dichter und einem Stern über die Bedeutung des Seins; Finzi vergegenwärtigt die Grenzenlosigkeit der Ewigkeit durch Verwendung der Extreme im Stimmumfang des Klaviers. In The phantom erinnert sich Hardy an seine verstorbene erste Frau, wie sie in der Zeit ihrer jungen Liebe an der Steilküste von Cornwall entlang reitet. Finzi reflektiert dieses Bild in der galoppierenden Gangart der Begleitung, das bis zur letzten Strophe mit ihren chromatischen Modulationen in der Gesangslinie zu einer obsessiven Fixierung im Bewusstsein des Dichters wird.

In So I have fared überträgt Finzi die verschachtelte Syntax von Hardys Strophen in eine flexible, quasi rezitativartige Gesangslinie, die sich in der vorletzten Strophe zu einer Evokation des unaufhörlichen Vergehens der Zeit erweitert. Rollicum-Rorum ist ein Trinklied mit bravourös-ausgelassener Begleitung, das geschickt in der Mitte des Werks platziert ist, um so einen größtmöglichen Kontrast zu bilden. To Lizbie Browne, ein Gedicht des Bedauerns über vergebene Möglichkeiten, ist von berührender Einfachheit und hat einen sehnsuchtsvollen Refrain, den Finzi feinsinnig variiert. Das anspruchsvollste Lied ist The Clock of the Years, das in seiner kompakten Verbindung von Rezitativ, Arie und instrumentalem Kommentar einer kleinen Solokantate gleicht. Motivisch wird es vom Rhythmus der Worte „Agreed to that“ zusammengehalten. Es endet in tiefer Verzweiflung.

Auch In a churchyard hat eine breite Ausdrucksskala: Die empfindungsfähige Eibe vermittelt über einem teilnahmslos schlagenden Rhythmus die Ansicht, dass die Toten zufriedener sind als die Lebenden; in der letzten Strophe spiegelt sich die veränderte Wahrnehmung des Dichters in fließenden Klavierfigurationen und im Wechsel zu einer Dur-Tonart. Proud Songsters beginnt mit einer ausgedehnten Klavierintroduktion mit einer schwungvollen Appoggiatura-Figur, die das Lied einfasst und im Nachspiel wiederkehrt. Damit ist auch eine Art Schlusspunkt des gesamten Zyklus gesetzt. Das Lied ist in der Vertonung der zweiten Strophe, wo Finzis Lyrismus gleichsam ins Herz von Hardys Worten und seiner Philosophie trifft, mit unvergleichlich schöner Musik gesegnet.

Finzi hat rund zwei Dutzend vollendete Lieder hinterlassen. Howard Ferguson hat sie zusammen mit Finzis Witwe Joy und dem ältesten Sohn Christopher in vier Liederfolgen zusammengefasst, von denen To a poet op. 13a sechs Lieder verschiedener Dichter für Bariton vereinigt. John Carol Case und Ferguson gaben am 20. Februar 1959 die erste Aufführung. Die Lieder umspannen Finzis gesamte Schaffenszeit: To a poet a thousand years hence stammt aus den frühen 1920er Jahren, wurde allerdings 1940 revidiert. Das Lied ist voll von lyrischen Formulierungen, in denen Fleckers Worte exakt Finzis eigenes künstlerisches Credo treffen, dass nämlich ein Kunstwerk Zeit und Raum umspannt, um ein Band zu knüpfen zwischen dem Künstler und Individuen, die erst noch geboren werden müssen. Bemerkenswerter Weise vergrub Finzi dieses Lied in einer Kapsel unter seinem Haus, während es gebaut wurde.

On parent knees (1935) ist die Vertonung eines Epigramms aus dem Persischen, das dem Orientalisten William Jones aus dem 18. Jahrhundert zugeschrieben wird, obwohl Finzis gelehrte Fußnote eine andere Quelle angibt. Finzi balanciert die inhaltliche Struktur des Gedichts perfekt aus – ein schreiendes Baby wird von lächelnden Gesichtern betrachtet; ein Mann auf dem Totenbett lächelt friedlich, während die Umstehenden weinen –, indem er einen Takt Pause zwischen die beiden Hälften schaltet. Intrada vertont Worte aus Centuries of Meditation von Thomas Traherne in der Art eines Rezitativs. Es könnte aus den 1920er Jahren stammen, als Finzi für Dies Natalis auch andere Traherne-Texte vertonte.

Finzi hatte geplant, eine Liedfolge nach Gedichten von Walter de la Mare zu komponieren: eines wurde 1920 vollendet, das nächste, The birthnight, 36 Jahre später, drei Monate vor seinem Tod. Besonders effektvoll ist das Ende dieses ruhigen Liedes mit seinem Tonartwechsel, der menschliche Wärme und Freude über die Ankunft des Neugeborenen herbeiführt, nachdem zuvor eine eisige Nacht im Freien evoziert worden war. In June on Castle Hill (1940) überträgt Finzi Lucas’ Bild der beladenen Biene, die in ein bombenbeladenes Flugzeug verwandelt wird, in synkopierte, hämmernde Akkorde der Begleitung – schwer von böser Vorahnung. Ode on the rejection of St Cecilia war ein Kompositionsauftrag der BBC von 1948. Sechs neue Gedichte sollten von verschiedenen Komponisten vertont werden für ein Programm über Formen der Wortvertonung. Nur Finzi erfüllte den Auftrag eines szenenartigen Liedes mit weit gefächerten Stimmungen, das „Ungestüm und Größe“ der Dichtung George Barkers einfängt.

By Footpath and Stile op. 2 für Bariton und Streichquartett ist Finzis früheste Sammlung von Hardy- Vertonungen, begonnen 1921 und vollendet im Jahr darauf. Sie wurde am 24. Oktober 1923 von Summer Austin und dem Charles Woodhouse String Quartett aufgeführt und zwei Jahre später veröffentlicht. Dennoch zog Finzi das Werk in der Absicht zurück, es zu revidieren und einige Lieder durch andere zu ersetzen; er überarbeitete 1940 das erste und das dritte Lied, unternahm aber weiter nichts. Im Jahr 1981 bearbeitete Finzis Freund Howard Ferguson (1908-1999) das Werk für die Wiederveröffentlichung, indem er vor allem dynamische Bezeichnungen hinzufügte, die in Finzis früher Partitur unzureichend waren. Anders als die meisten Liedsammlungen Finzis ist dieses Werk als geschlossener Zyklus konzipiert – es zeigt ihn auf der Suche nach seiner eigenen Identität als Komponist. So haben zum Beispiel die Melodien selten den Duktus seines reifen Stils. Charakteristisch ist jedoch die Beschäftigung mit dem Thema Tod und Vergänglichkeit des Lebens – Finzi war in jener Zeit mehrfach mit dem Tod konfrontiert, hatte er doch seinen Vaters, drei Brüder und seinen geliebten Lehrer Ernest Farrar verloren.

Paying calls entwickelt sich aus einer ruhigen, lyrischen modalen Phrase der ersten Violine; am Beginn der zweiten Strophe blitzt kurz einmal Finzis reife Stimme auf. Die oszillierenden Akkorde am Ende von Where the picnic was erinnern an Clun aus On Wenlock Edge von Vaughan Williams, der in jener Zeit einen wichtigen Einfluss auf Finzi ausübte. Dieser ist auch in der Verwendung harmonischer Eigenheiten des 16. und 17. Jahrhunderts in The oxen erkennbar, das ebenfalls von einem verbindenden Refrain zusammengehalten wird. The master and the leaves bildet mit der Bezeichnung Presto und dem lebhaften Kontrapunkt einen markanten Kontrast zu den vorherrschenden langsamen Tempi. Die letzte Strophe hat eine an Gustav Holst gemahnende marschartige Basslinie, die Finzi in späteren Werken oft verwendet hat.

Dieses Gedicht und das folgende Voices from things growing in a churchyard veranschaulichen Hardys pantheistische Philosophie, nach der die Toten als Zweige, Blätter und Früchte von Bäumen und Pflanzen wiederkehren. Letzteres ist das ambitionierteste und eindrucksvollste Lied des gesamten Zyklus, fast eine Szene, in der Finzi geschickt die verschiedenen Teilnehmer dieses Totentanzes, wie sie nach einander auftreten, charakterisiert. Mit Exeunt omnes schließt sich der Kreis dieses Zyklus, indem Themen aus den vorigen Liedern wiederkehren. Gegen Ende wird die Melodie des ersten Liedes nochmals erreicht, worauf die Musik in den wiegenden Frieden der Ewigkeit versinkt.

Andrew Burn
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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