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8.557965 - CHRISTMAS WITH WINCHESTER COLLEGE CHAPEL CHOIR
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Weihnachten mit dem Winchester College Chapel Choir

Am Anfang des weihnachtlichen Programms, das der Winchester College Chapel Choir und das Philharmonische Orchester Hong Kong hier präsentieren, stehen mehrere Werke für Chor a capella. Zunächst gibt es mehrere Strophen aus der englischen Übersetzung des ambrosianischen Hymnus Veni, Redemptor gentium (O komm, Erlöser) zu der Melodie des Puer nobis nascitur (Ein Kind ist uns geboren), das der Wolfenbütteler Organist und Kapellmeister Michael Praetorius adaptierte, der bei der Entwicklung der lutherischen Kirchenmusik zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielte.

Es folgen drei Stücke des 20. Jahrhunderts. Deren erstes stammt von dem wandlungsfähigen englischen Komponisten Richard Rodney Bennett, ist die Vertonung eines anonymen Gedichts aus dem 15. Jahrhundert und gehört zu einem Zyklus von fünf Weihnachtsliedern, der 1967 veröffentlicht wurde. Danach ist das Gedicht The Lamb (Das Lamm) von William Blake in einer Vertonung zu hören, die der englische Zeitgenosse John Tavener 1982 für seinen jungen Neffen geschrieben hat. Es ist dies ein Satz von recht schlichter Struktur, der der scheinbaren Einfachheit des Textes entspricht. Die Gruppe unbegleiteter Chorwerke endet mit dem schottischen Gedicht Illuminare Jerusalem in der 1985 entstandenen Vertonung der britischen Komponistin Judith Weir, die einige Zeit bei John Tavener studiert hat. Ein unverzichtbarer musikalischer Begleiter der Weihnachtszeit ist der Titel O come, all ye faithful (Kommet, ihr Gläubigen), ein bekanntes Weihnachtslied aus dem 18. Jahrhundert, das wir auch in der lateinischen Version Adeste fideles kennen.

Johann Sebastian Bach wurde 1685 in Eisenach als Spross einer Musikerdynastie geboren. Nach dem Tode seines Vaters sorgte einer seiner älteren Brüder für eine Ausbildung, die es ihm ermöglichte, eine Karriere einzuschlagen, die ein hohes Maß an Wandlungsfähigkeit verlangte. Nachdem er zunächst mehrere Stellen als Organist bekleidet und dann am Hofe zu Weimar Dienst getan hatte, erhielt er den angesehenen Posten als Direktor der Hofmusik bei Fürst Leopold zu Anhalt-Köthen. Diese glückliche Zeit fand nach etwa sechs Jahren ihr Ende, als der junge Fürst eine Frau heiratete, die sich nicht für Musik interessierte. Daraufhin ging Bach von Köthen nach Leipzig, wo er als Kantor der Thomasschule nicht nur Kirchenmusik liefern mußte, sondern auch als Schulmeister geringere Dienste zu verrichten hatte, von denen sich immerhin einige delegieren ließen. Bis zu seinem Tode im Jahre 1750 blieb Bach in diesem Amt, das ihn stets den Forderungen des Leipziger Stadtrates unterwarf.

In seinem ersten Leipziger Jahr befasste sich Bach damit, Kantatenzyklen für das lutherische Kirchenjahr zu schreiben. Die Kantate Am Abend aber desselbigen Sabbats BWV 42 entstand für den ersten Sonntag nach Ostern, der gemeinhin als „Weißer Sonntag” bekannt ist, offiziell aber „Quasimodo” heißt, da der Introitus zur Messe des Tages mit den Worten „Quasi modo geniti infantes” (Wie neugeborene Kinder) beginnt. Die Kantate, die mit der hier eingespielten Sinfonia beginnt, wurde am 8. April 1725 uraufgeführt. Das Orchester besteht aus zwei Oboen, Fagott, Streichern und Continuo.

Wie andere Komponisten seiner Zeit pflegte auch Bach frühere Stücke wiederzuverwenden. Die lutherischen Messen, die damals noch am Kyrie und Gloria der traditionellen katholischen Messe festhielten, schrieb er Ende der dreißiger Jahre. Bei dem vierstimmigen, fugierten Kyrie der Messe G-dur BWV 236 bediente sich der Komponist seiner Kantate Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei BWV 179, die er im August 1723, mithin kurz nach seiner Ankunft in Leipzig, geschaffen hatte.

Die Kantate Meine Seel’ erhebt den Herren BWV 10 entstand zum 2. Juli 1724 für das Fest Mariae Heimsuchung. Der zweite Satz ist die Sopranarie Herr, Herr, der du stark und mächtig bist. Die Gruppe der hier aufgenommenen Bach-Werke endet mit dem beliebten Schluss-Satz aus der Kantate Herz und Mund und Tat und Leben BWV 147: Jesus bleibet meine Freude ist in einer Vielzahl unterschiedlichster Arrangements bekannt geworden. Auch diese Kantate entstand zum Feste Mariae Heimsuchung, allerdings für das Jahr 1723.

Georg Friedrich Händel wurde 1685 in Halle geboren. Er wirkte zunächst an der Oper von Hamburg, verbrachte dann einige Zeit in Italien und wurde anschließend vom Hof zu Hannover angestellt. Hier nahm er schon bald Urlaub, und am Ende ließ er sich in London nieder, wo er als Unternehmer eine der überragenden Figuren der italienischen Oper wurde. Noch viele Jahre nach seinem Tode im Jahre 1759 war seine beherrschende Stellung im englischen Musikleben unangefochten.

Händels Oratorium Der Messias fasst in seinen drei Teilen auf bemerkenswerte Weise die christliche Lehre zusammen. Das Werk wurde im April 1742 in Dublin aufgeführt und repräsentiert die große Leistung des Komponisten auf einem Gebiet, für dessen Entstehung er weitgehend verantwortlich zeichnete – das englische Oratorium, eine Gattung, in der sich die melodischen Erfindungen der italienischen Oper mit kunstvollen Chorsätzen zu einer glücklichen musikalischen Synthese aus Drama und Religion verbanden, die genau darauf berechnet war, das damalige englische Publikum in ihren Bann zu ziehen. Aus dem ersten Teil des Messias stammt der Weihnachtschor For unto us a child is born (Denn es ist uns ein Kind geborn). Darauf folgt die instrumentale Pastoralsinfonie in der seinerzeit üblichen Gestalt eines Siciliano, eines Hirtentanzes, den man in besonderem Maße mit dieser Jahreszeit in Verbindung brachte. Dem Secco-Rezitativ There were shepherds abiding in the field (Es waren Hirten beisammen auf dem Feld) folgt ein Accompagnato- Rezitativ, mithin ein solches, das nicht nur vom Cembalo begleitet wird: And lo! The angel of the Lord (Und sieh, der Engel des Herrn trat zu ihnen). Dieses findet seine Fortsetzung in einem weiteren Secco: And the angel said unto them (Und der Engel zu ihnen sprach). Im Anschluss daran gibt es wieder ein Accompagnato, And suddenly there was with the angel (Und alsobald war da bei dem Engel), das zu dem festlichen Chor Glory to God in the highest (Ehre sei Gott in der Höhe) hinleitet. Der Solosopran singt im Anschluss daran die Arie Rejoice greatly, O daughter of Zion (Frohlock und jauchze, du Tochter Zion), deren kontrastierender Mittelteil Frieden verheißt.

Als weitere Ausschnitte aus dem Oratorium Der Messias folgen verschiedene Sätze des zweiten Teils, in dem es um die Passion und Ostern geht. Zunächst erklingen die drängenden punktierten Rhythmen des Chores Surely he hath borne our griefs (Wahrlich, er hat unsre Qual und Schmerzen erlitten). Der Text stammt ebenso aus dem Buche Jesaia wie die Worte des fugierten And with his stripes we are healed (Durch seine Wunden sind wir geheilt) und des Chores All we like sheep have gone stray (Der Herde gleich, warn wir zerstreut), der bildhaft das Herumirren der metaphorischen Schafe beschreibt. Mit der Sopranarie I know that my Redeemer liveth (Ich weiß, daß mein Erlöser lebet), deren Textanfang aus dem Buch Hiob stammt, beginnt der dritte Teil des Oratoriums, das die Auferstehung feiert. In der vorliegenden Aufnahme folgt jetzt allerdings der Schlusschor des zweiten Teils, das rauschende Hallelujah.

Ein weihnachtliches Postskriptum stellt Joy to the world dar, das Werk des Amerikaners Lowell Mason, der bei der Entstehung der schulischen Musikerziehung in den USA eine recht wichtige Rolle spielte. Er schrieb eine Reihe von Hymnenmelodien, von denen viele angeblich nach den Werken berühmter europäischer Komponisten gestaltet waren. Für sein Antioch warb er damit, dass die Melodie, mit der er Isaac Watts’ Worte Joy to the world vertonte, nach einem Werke Händels entstanden sei. Diesem wurde es seither auch verschiedentlich zugeschrieben, was freilich ein Irrtum war.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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