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8.557981 - SZYMANOWSKI: Violin Concertos Nos. 1 and 2 / Nocturne and Tarantella
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Karol Szymanowski (1882–1937)
Violinkonzert Nr. 1 • Violinkonzert Nr. 2 • Nocturne und Tarantella op. 28

 

Wie im übrigen Europa führte das Erwachen des politischen Nationalbewußtseins im 19. Jahrhundert auch in Osteuropa zu einer Herausbildung verschiedener nationaler Musik-Schulen. In Polen hatte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Frédéric Chopin die Musik von west- und mitteleuropäischen Vorbilderrn emanzipiert, doch ein Stillstand der von Chopin initiierten Bewegung hatte die polnische Musik am Ende des Jahrhunderts in die provinzielle Rückständigkeit zurückfallen lassen. Mit Karol Szymanowski fand sich um die Jahrhundertwende eine Komponistenpersönlichkeit, die die poInische Musik nicht nur aus diesem Zustand des Niedergangs an die Schwelle der Moderne und erneut auf internationales Niveau führte, sondern mit seinen Werken auch neue Ziele und Wertmaßstäbe für die nachfolgenden Generationen polnischer Komponisten setzte.

Karol Szymanowski fand seinen eigenständigen künstlerischen Weg erst nach zahlreichen Umwegen. Er wurde 1882 in dem ukrainischen Dorf Tymoschówka geboren und wuchs auf dem Gutshof seiner Eltern in einer äußerst kunstsinnigen Atmosphäre auf. Den ersten Klavierunterricht erhielt Szymanowski von seinem Vater, dann übernahm der zur Verwandtschaft der Familie gehörende Gustav Neuhaus seine musikalische Erziehung. Bereits 1900 hatte er eine Reihe - zumeist hochvirtuoser - Klavierkompositionen geschrieben, darunter eine Sammlung von neun Präludien, die als sein op. 1 veröffentlicht wurden. Ab 1901 setzte er seine Studien bei Sigmund Noskowski am Konservatorium in Warschau fort. Hier entstand sein erstes Werk für Orchester, die Konzert-Ouvertüre E-dur op. 12 sowie die Klaviersonate c-moll op. 8, die beim Chopin-Wettbewerb in Lemberg den ersten Preis gewann. Obwohl Szymanowski zusammen mit anderen Komponisten und Musikern einem Kreis angehörte, der sich die Förderung neuer polnischer Musik zum Ziel gesetzt hatte und später als das “Junge Polen” bekannt wurde, standen seine ersten Kompositionen noch deutlich unter dem Einfluß der deutschen Spätromantik.

Durch ausgedehnte Reisen nach Berlin und Wien vertiefte Szymanowski in den folgenden jahren seine Auseinandersetzung mit der deutschen Musiktradition, vor allem mit den Werken von Max Reger und Richard Strauss. Darüber hinaus regte sich aber das Interesse an östlichen Kulturen und Weltanschauungen. Diese neuen Eindrücke fanden ihren Niederschlag in Szymanowskis künstlerischem Weltbild und spiegeln sich in den Werken, die in jenen Jahren entstanden. Das angestrebte Ideal der komplizierten, kontrapunktischen Schreibweise von Reger und Strauss findet sich in der ersten Sinfonie wieder, der Einfluß Alexander Scriabin wird in der zweiten Sinfonie und in der zweiten Klaviersonate offenkundig. Weitere Reisen führten Szymanowski nach Paris, wo er mit den impressionistischen Werken Ravels bekannt wurde, und über Sizilien bis nach Nordafrika. Durch die Beschäftigung mit der Antike, den mediterranen Kulturen und der orientalischen Mystik geriet der Einfluß der deutschen Musik zunehmend in den Hintergrund. Die Verbindung des farbigschillernden impressionistischen Stils mit antiken, christlich-byzantinischen und orientalisch-mystischen Geisteshaltungen kommt in den Werken wie Des Hafis Liebeslieder op. 24 (1914), dem Operneinakter Hagith op. 25 (1912/13) und vor allem der dritten Sinfonie “Das Lied von der Nacht” op. 27 zum Ausdruck.

Nach dem ersten Weltkrieg kehrte Szymanowski nach Polen zurück und ließ sich in Warschau nieder. Ähnlich wie der Ungar Bartók und der Tscheche Janáãek begann er, Elemente der heimischen Folklore in seine Werke zu integrieren. Besuche in der polnischen Tatra brachten ihm die Volkslied- und Volkstanz-Tradition Polens nahe, und er entdeckte, daß die frei Verwendung melodischer und harmonischer Strukturen in der Volksmusik neue Wege in seinem kompositorischen Schaffen eröffneten. In diesem neuen nationalen Idiom entstanden Szymanowskis Meisterwerke wie die Oper König Roger, das Ballett Harnasie op. 55 und das Stabat mater op. 53. Mit diesen Werken fand Szymanowski die lang ersehnte nationale und internationale Anerkennung. 1926 wurde er zum Direktor des Warschauer Konservatoriums ernannt, mußte aber aus gesundheitlichen Gründen das Amt bereits nach drei Jahren wieder aufgeben. Da es trotz der allgemeinen Anerkennung um seine materielle Situation schlecht bestellt war, untemahm er in den dreifliger Jahren zahlreiche Konzertreísen kreuz und quer durch Europa. Die Strapazen dieser Tourneen untergruben jedoch seine ohnehin angegriffene Gesundheit zunehmend, und auch ein Aufenthalt in Südfrankreich verschaffte kaum Linderung. Szymanowski starb in einem Sanatorium in Lausanne am 28. März 1937.

Das erste der beiden Violinkonzerte von Karol Szymanowski wurde 1916 vollendet und entstand also etwa zeitgleich mit der monumentalen dritten Sinfonie, mit der es aber ansonsten wenig Gemeinsamkeiten aufweist. Es ist dem Freund Pavel Kochanski gewidmet, der es auch 1917 in St. Petersburg aufführte. Die Urauffüjrung 1916 in Warschau erfolgte allerdings durch den Geiger Józef Oziminski und das Warschauer Philharmonische Orchester unter Emil Mlynarski, während sich Kochanski in den USA aufhielt. In einem Brief an seinen Freund Stefan Spiess schrieb Szymanowski über das neue kleine Werk, daß es auf der einen Seite zu traditionellen Formen zurückkehrt, während es auf der anderen Seite in neue Klangregionen vorstößt. Das Neuartige dieses einsätzigen Konzerts, in dem die sinfonische Viersätzigkeit noch rudimentär erkennbar ist, liegt in der Ausarbeitung des melodischen Materials und der Klarheit seiner Struktur. In einer ekstatisch wirkenden Melodielinie mit oft chromatischen Passagen und Arabesquen erhebt sich die Solovioline über einem flirrenden Klangteppich, in dem kleine, ständig wechselnde Instrumentengruppen das musikalische Material immer wieder neu einfärben. Dem Konzert liegt eine programmatische Idee zugrunde, die aber, wie Szymanowski erklärte, keine Voraussetzung für das Verständnis des Werkes darstellt. Inspirirend soll das Gedicht Mainacht von Tadeusz Miciriski gewirkt haben, doch lag es sicher nicht in Szymanowskis Absicht, Programmusik zu komponieren.

Das zweite Violinkonzert wurde 1932, schon gegen Ende von Szymanowskis kreativer Schaffenszeit, geschrieben. Wie beim ersten Violinkonzert ging der unmittelbare Anstoß für das Werk von Pavel Kochanski aus, der im August 1932 Polen besuchte. Während eines gemeinsamen Aufenthalts in Zakopane arbeiteten die beiden Musiker fast vier Wochen intensiv zusammen und widmeten ihre Aufmerksamkeit vor allem der Solo-Stimme. Das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit waren grundlegende Skizzen, die Szymanowski im folgenden Jahr ausarbeitete und vollendete. Am 6. Oktober 1933 wurde das zweite Violinkonzert in Warschau durch Pavel Kochanski und das Warschauer Philharmonische Orchester unter Grzegorz Fitelberg uraufgeführt. Wie das erste Konzert ist das zweite Violinkonzert einsätzig angelegt. In dem zweiteiligen Aufbau verbindet Kochanskis ausschweifende Kadenz ein sonaten-ähnliches Allegro mit einem an die Rondo-Form angelehnten zweiten Teil. Das Konzert ist im wesentlichen typisch für Szymanowskis dritte Schaffensperiode, die nachhaltig von der folkloristischen Musiktradition, vor allem der Musik der Goralen, der Bergbauern der Tatra, beeinflußt ist. Diese Einflüsse sind hier in ein Idiom integriert, das dennoch ganz die eigene Sprache des Komponisten ist mit all ihren flirrenden Farben, zarten Lyrismen und ihrer formalen Klarheit.

Die zwei Sätze Nocturne und Tarantella op. 28 entstanden 1915 für Violine und Klavier und wurden hier in der Orchestrierung von Grzegorz Fitelberg eingespielt. Das ertse Stück greift auf spanische Volksmusik-Traditionen zurück und gibt dem Solisten dann in der neapolitanischen Fortsetzung Gelegenheit zu einern virtuosen Kabinett-Stück.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Peter NoeIke

 


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