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8.557983 - HILDEGARD VON BINGEN: Celestial Harmonies - Responsories and Antiphons (Oxford Camerata)
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Die Äbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179): Himmlische Harmonien:
Responsorien und Antiphonen von Symphoniae armonie celestium revelationum

 

Hildegard von Bingen war eine bemerkenswerte Gestalt. Über achteinhalb Jahrhunderte hinweg strahlt ihr Licht als Komponistin in unser postmodernes Europa, das sich immer wieder der Tatsache erinnern muss, dass auch Frauen zu inspirierter Musik in der Lage sind. Ähnlich sieht die Sache aus, wenn man das Verhältnis zu Wissenschaft, Religion und Diplomatie betrachtet: Was in der europäischen Gegenwart recht seltsame Bettgenossen sind, vermochte sie nicht nur zu versöhnen, sondern auch aktiv auf gemeinsame Wurzeln hin zu untersuchen. Angesichts der Leistungen, die in der Person der Hildegard auf ungewöhnliche Weise zusammentrafen, ist der tröstlichste Aspekt dieser heiligmäßigen Persönlichkeit, dass sie trotz aller Einzigartigkeit nicht nur eine Frau, sondern obendrein auch noch eine besonders weibliche war. Hildegard wurde 1098 als Tochter rheinischer Aristokraten geboren und kam, weil sie das zehnte Kind ihrer Eltern war, bereits als Achtjährige in ein Kloster. Den Rest ihrer achtzig Lebensjahre verbrachte sie als Nonne und die zweite Hälfte dieser Zeit als Äbtissin eines eigenen Konvents. Hildegard war nicht allenthalben beliebt: Die Gründung ihres Klosters auf dem Rupertsberg bei Bingen, wohin sie zwanzig Nonnen edler Herkunft zog, hatte etwas Elitäres. Dazu kam, dass Hildegards Gemeinschaft dem Herrn mit feinen Juwelen und prächtigem Kopfputz diente. Unsere stereotype Vorstellung von der bescheidenen mittelalterlichen Äbtissin in ihrem abgeschlossenen Orden dürfte an der Realität wohl gehörig vorbeigehen. Vielmehr scheint die Sinnlichkeit, der man in Hildegards Musik und Dichtung begegnet, einem individuellen Verständnis der Benediktinerregel entsprungen zu sein.

Ihre große musikalische und dichterische Kollektion hat Hildegard um 1150 abgeschlossen. Die Symphonia armonie celestium revelationum („Harmonischer Zusammenklang himmlischer Offenbarungen“) besteht aus 77 Liedern und einem musikalischen Schauspiel. Die Themen dieser Lieder bilden eine eigenartige Sammlung von Individuen und Gruppen: Die auf dieser CD enthaltenen Stücke wenden sich an den Schöpfer, den Erlöser, die Heilige Jungfrau Maria, den Evangelisten Johannes, die Apostel, Bekenner und Märtyrer. Die sechs Antiphonen fassen jeweils einen Psalmausschnitt ein (aus den Psalmen 22, 78, 23, 61, und 113), und in den Responsorien gibt es Refrains, wobei zwei Stücke nach dem Schema ABCB (O vos imitatores und O dulcis electe) und das O vis aeternitatis als ABCBDB angelegt sind.

Die Kritik ist sich bis heute darüber uneins, wie man Hildegards Befähigung zur Dichterin und Musikerin zu bewerten habe. Ihre farbige Bilderwelt und ihre kapriziösen Melodien können inspiriert oder auch ungeschliffen wirken, je nachdem, welchen Gesichtspunkt wir annehmen. Manch einer hört in den Liedern Wiederholungen und Formelwerk, andern hingegen sind sie schlüssige Werke eines Genies. Während nun Hildegards Mangel an förmlichem Lateinunterricht zu Stilbrüchen und schlechten Konstruktionen führte, entsteht aber gerade durch eben dieses Fehlen grammatikalischer Konventionen eine Fülle origineller Bilder, die die traditionellen poetischen Regelwerke umgehen.

Jeremy Summerly
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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