About this Recording
8.557984 - Violin Recital: Simone Lamsma
English  German 

Edward Elgar (1857-1934)
Musik für Violine und Klavier

 

Die Vorstellung Sir Edward Elgars als eines Gentleman aus der Zeit König Eduards, der sich beim Rennen oder mit seinen Hunden wohler fühlte als im Konzertsaal oder im Umgang mit Musikern, ist überaus irritierend. Aufgrund seiner übermäßig bekannten Pomp and Circumstance- Märsche und anderer festlicher Gelegenheitswerke, die er für das Empire schrieb, sieht man ihn vor allem im Zusammenhang mit der Glanzzeit des britischen Imperialismus – als die musikalische Verkörperung einer britischen Epoche, die herabzuwürdigen modern geworden ist. Dieses Bild ist falsch. Nach Eduardischen Begriffen war Elgar nichts als ein „Koofmich“, ein Mann also von recht niederer Herkunft: Sein Vater war Gelegenheitsmusiker, hatte in Worcester einen Laden und heiratete später eine neun Jahre ältere Jungfer, die zwar nicht gerade helle war, als Tochter eines Generalmajors der indischen Armee jedoch über gute gesellschaftliche Beziehungen verfügte. Als Katholik in einer vornehmlich protestantischen, stark vorurteilsbehafteten Gemeinde dürfte Edward Elgar kaum eine Figur des Establishments gewesen sein – welche Maske er auch immer zu tragen beschloss, als sich sein Ruhm mehrte.

Die Anerkennung kam zunächst nur langsam. 1890 übersiedelten die Elgars nach London, doch schon ein Jahr darauf gingen sie wieder in die westenglische Heimat zurück. Sie bezogen ein Haus in Malvern, und Edward Elgar wandte sich erneut seiner Tätigkeit als Provinzmusiker zu, die ihm lediglich lokale Bekanntheit einbrachte. In den letzten zehn Jahren des Jahrhunderts schuf er vor allem Werke für die in seiner Heimat und im Norden Englands aufblühenden Chorvereinigungen aus Amateuren. Die 1899 vollendeten Enigma-Variationen machten ihn dann in London und damit im ganzen Land berühmt. Ein Jahr später folgte das Oratorium The Dream of Gerontius (Der Traum des Gerontius), das sich bei der Uraufführung in Birmingham als wenig erfolgreich erwies. Der Verlag Novello verhielt sich dem Komponisten gegenüber nicht gerade großzügig – wenngleich er mit der Unterstützung des Verlagslektors August Johannes Jaeger rechnen konnte, der in Elgars Partituren etwas entdeckte, das ihn an die Musik seiner deutschen Heimat erinnerte. Der Traum des Gerontius erlebte unter Richter in Manchester eine sehr schöne Aufführung, wurde 1904 schließlich auch von den Londoner Kritikern anerkannt, die sich womöglich über den auswärtigen Erfolg des Stückes ärgerten, und eroberte den Platz im englischen Chorrepertoire, den es bis heute innehat.

Mit der öffentlichen Anerkennung gingen viele Ehrungen einher. Endgültig bestätigt wurde seine Position, als er den Auftrag erhielt, die Musik zur Krönung Eduards VII. zu schreiben. Alte und neue Universitäten verliehen ihm ihre Ehrendoktorwürden, und 1904 empfing er den Ritterschlag. Später kamen weitere offizielle Ehrungen hinzu – unter anderem der Order of Merit durch König Georg V. und schließlich im Jahre 1931 die Baronetcy. Die Anerkennung durch das musikalische Establishment des Landes fand 1925 ihren Ausdruck in der Goldmedaille der Royal Philharmonic Society, die diese Auszeichnung zuvor Frederick Delius verliehen hatte.

Während der Jahre des Ersten Weltkrieges erfuhr Elgars Schaffen eine starke Veränderung. Diese Entwicklung wird in dem schmerzlichen Cellokonzert von 1919 offensichtlich. Mit dem Tod seiner Frau im April 1920 verlor er eine Stütze, auf die er sich lange Jahre hatte verlassen können, und in seinen letzten vierzehn Lebensjahren ließen Inspiration und Energie nach, während er als Dirigent weiterhin gefragt war und dieser Nachfrage sowohl im Konzertsaal wie auch im Studio entsprach. Edward Elgar starb 1934.

Die Violinsonate op. 82, ein Jahr älter als das Cellokonzert und in derselben Tonart wie dieses, ist das einzige Werk der Gattung, das von Elgar überliefert ist, nachdem er eine bereits 1887 entstandene Sonate vernichtete. Direkt nach dem Krieg wandte sich der Komponist, der sich inzwischen fest etabliert hatte, mit drei Kammermusikwerken – dem Streichquartett, dem Klavierquintett und der vorliegenden Sonate – wieder einem recht konservativen Idiom zu, ohne dass er versucht hätte, die schrofferen musikalischen Elemente der Zeit auf deren eigenem Terrain herauszufordern.

Die Violinsonate beginnt mit einem kraftvoll exponierten romantischen Thema im Puls des Herzschlags, den Elgar besonders gern als Grundtempo verwandte. Das Thema erklingt zunächst in a-moll und wird dann vom Klavier in e-moll übernommen, worauf ein lyrischeres zweites Thema folgt. Eine geheimnisvolle, von Violinarpeggien begleitete Passage sowie weitere Durchführungen des thematischen Materials führen schließlich erwartungsgemäß zur Reprise, die das nebengeordnete Arpeggio- Element vor der abschließenden dramatischen Klimax aufgreift. Der zweite Satz, Romance, beginnt dramatisch und zerrissen; mit dem Übergang von der nur selten berührten Ausgangstonart a-moll nach B-dur folgt ein heiterer Abschnitt, der endlich durch die Wiederkehr der Anfangsstimmung und einer abschließenden Auflösung nach A-dur gekrönt wird. Der letzte Satz in E-dur beginnt recht heiter, bevor entschiedenere Rhythmen den nachfolgenden Abschnitt markieren. Nach Rückbezügen auf früheres Material endet die Sonate auf einem scheinbar optimistischen Höhepunkt.

Die andern Werke, die Elgar für Violine und Klavier schrieb, entstanden in früheren Jahren, und zwar vor allem in der Zeit, als er noch in der Provinz Geigenunterricht gab. Seine bezaubernd lyrische Romance op. 1 datiert von 1878: Damals nahm er Violinstunden bei Adolphe Pollitzer, wozu er nach London reisen musste. Der Verbindung zu dem als Interpret und Lehrer bekannten Pollitzer eröffnete ihm Kontakte, die sich für seine kompositorische Entwicklung als wichtig erwiesen. Die Romance ist dem Krämer und musikalisch ambitionierten Geigerkollegen Oswin Grainger gewidmet und wurde 1885 von Schott veröffentlicht.

Idyll, Pastourelle und Virelai wurden unter der Opuszahl 4 zusammengefasst, obwohl sie zu verschiedenen Zeiten entstanden – die beiden ersten Sätze 1884, der dritte 1890 – und auch nicht gleichzeitig veröffentlicht wurden. Das erste Stück trägt die Widmung „E. E. Inverness“ und erinnert an eine Ferienbegegnung, die nach Inverness und zum Great Glen geführt hatte. Hier konnte Elgar die inzwischen für immer verstummten Glocken der Fort Augustus Abbey hören und notieren. Außerdem hatte ihn seine Reise bis zu Fingals Höhle geführt. Die fröhlich trällernde Pastourelle ist Hilda Fitton, einer Freundin aus Malvern, gewidmet, das Virelai hingegen seinem Geigenschüler Frank Webb, der in Worcester ein Geschäft hatte.

Salut d’amour op. 12 ist in vielen Arrangements bekannt. Es hieß ursprünglich Liebesgrüss [sic!] und ist Elgars zukünftiger Frau Caroline Alice gewidmet. Elgar war nicht der erste Komponist, der den kommerziellen Erfolg eines Werkes nicht voraussah und die Rechte daran ein für allemal für wenig Geld verkaufte. Bei Chanson de Matin und Chanson de Nuit op. 15 von 1897, die er 1899 orchestrierte, war ihm daran gelegen, diesen Fehler nicht zu wiederholen, wie er seinem Verleger Novello bedeutete. Beide Stücke sind attraktive und recht einfache Beiträge zum Repertoire für Violine und Klavier. Das zweite Stück, das Elgar ursprünglich Evensong (Abendlied) oder Vesper hatte nennen wollen, ist einem weiteren Amateurgeiger aus Elgars Orchester in Worcester gewidmet. Mit seiner ernsten Stimmung bildet es einen Kontrast zu dem fröhlicheren Chanson de Matin.

Bizarrerie op. 13 Nr. 2 entstand 1889 und stellt mit seiner fröhlichen Sorglosigkeit größere technische Anforderungen. La Capricieuse op. 17 stammt aus dem Jahre 1891; auch diese fröhliche Übung in Staccati und Doppelgriffen ist einem Geigenschüler aus Worcester gewidmet. Offertoire – Andante religioso von 1893 wurde erst 1903 unter dem Pseudonym Gustav Franke veröffentlicht und ist ein kleines Stück von feierlich-religiöser Intensität. Die Mazurka op. 10 Nr. 1 dürfte in ihrer letzten Fassung von 1899 bekannter sein – als erstes der drei Charakteristischen Stücke für Orchester.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window