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8.559031 - ADAMS: Shaker Loops / Wound Dresser / Short Ride in a Fast Machine
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John Adams (geb. 1947)
Short Ride in a Fast Machine • The Wound-Dresser • Shaker Loops • Berceuse Élégiaque

 

„Zwei Dinge waren es vor allem, die mich an Johns Musik faszinierten,“ sagt der Dirigent Simon Rattle: „Zum einen scheint sie sich immer wieder im Raum vorwärts zu bewegen, so dass es mir beim Hören vorkam, als flöge ich mit einem sehr schnellen, leichten Flugzeug dicht über dem Erdboden. Zum andern gibt es in fast allen seiner Stücke eine Mischung aus Ekstase und Traurigkeit.“ Diese Worte eines der bedeutendsten Dirigenten der Welt geben eine sehr schöne Zusammenfassung dessen, was die Anziehungskraft von John Adams’ Musik ausmacht: ihre Unmittelbarkeit, ihr Tempo (selbst wenn es langsam ist) und ihre Kraft, durch Niedergeschlagenheit, Verzweiflung oder gar wahnwitzige Bewegung eine Katharsis zu bewirken.

Die Biographie von John Adams ist die typisch amerikanische Geschichte eines fahrenden Wandergesellen, wie wir sie von Johnny Appleseed und Bob Dylan bis zurück zum anderen berühmten John Adams (1735-1826) kennen, der von 1797 bis 1801 der zweite amerikanische Präsident war. Unser Adams wuchs in Massachusetts auf und packte 1971 – am Ende der Flower Power-Bewegung – seine Sachen in einen VW Käfer, um sich nach San Francisco aufzumachen. Hier, in der Hochburg der mittlerweile schon wieder verblassenden Revolution, suchte er sich von seiner neo-europäischen Erziehung zu distanzieren. Er hatte in Harvard bei so berühmten Mentoren wie Leon Kirchner, David Del Tredici und Roger Sessions Komposition studiert und sich überdies mit dem Klarinettenspiel und dem Dirigieren befasst. Um aber seine kleinbürgerliche Ausbildung abzuschütteln und sich mit der Popmusik zu versöhnen, der er sich trotz seiner Beziehung zu den großen Universitäten des Ostens verbunden fühlte – deswegen ging er Kalifornien nicht aus dem Wege, sondern er fuhr ihm entgegen.

Dieser Bruch erklärt sehr gut das bisherige Gesamtwerk von John Adams. Wer anders als dieser polyglotte Komponist hätte den düsteren, ruhigen Wound-Dresser, die Oper I Was Looking at the Ceiling and then I Saw the Sky, die es mit dem Broadway- Musical Rent aufzunehmen versucht, oder auch das Midi-Keyboard-Stück Hoodoo Zephyr schreiben können? Als er an die Westküste kam, ging es mit seiner Karriere bergauf. Er schrieb Stücke für die verschiedensten Besetzungen – von Filmmusik und Opern bis zu Symphonien, Konzerten, Streichquartetten und Charakterstücken. Und es entstanden Werke wie Harmonielehre, Harmonium, The Chairman Dances (eine Suite aus seiner Oper Nixon in China) sowie zwei der Juwelen auf dieser CD, Short Ride in a Fast Machine und Shaker Loops – allesamt beinahe schon moderne Klassiker.

Adams wurde zu einem der berühmtesten Komponisten der Welt. Er erhielt (neben dem besonders erwähnenswerten Pulitzer-Preis des Jahres 2002) so viele Preise und Auszeichnungen, dass der hier vorhandene Raum zur Aufzählung nicht ausreichte, und immer neue Aufnahmen seiner Werke kommen auf den Markt. Er selbst dirigiert regelmäßig sowohl eigene als auch fremde Kompositionen und hat sich neben Philip Glass und Steve Reich seinen Platz im mächtigen Triumvirat der amerikanischen Minimalisten errungen.

Short Ride in a Fast Machine ist, wie der Titel sagt, ein tanzender Derwisch in Musik: Das riesige Orchester wird dabei durch die hartnäckigen Schläge eines Woodblocks in eine vierminütige Hochgeschwindigkeitsprozession gezwängt. Entstanden als Gegenstück zu der langsamen „Anti-Fanfare“ Tromba Lontana, ist dieses Feuerwerk eine Konzertoder CD-Ouvertüre, wie es kaum eine zweite gibt. Das Stück wurde 1986 von einem jungen Dirigenten namens Michael Tilson Thomas uraufgeführt, der später der musikalische Leiter der San Francisco Symphony wurde – desselben Orchesters, das John Adams zu seinem „Hauskomponisten“ ernannte.

Den Nixon aus Adams’ Oper Nixon in China sang Sanford Sylvan mit seiner goldenen Baritonstimme. Für ihn schrieb der Komponist auch die düstere Klage The Wound-Dresser auf den gleichnamigen Text von Walt Whitman. Dieser war während des Bürgerkrieges selbst als Sanitäter tätig gewesen und hatte in seinem unverwechselbaren elegischen Stil ganz offen von den Schrecken jener Jahre geschrieben, von dem „Armstumpf“ oder der „durchbohrten Schulter“ oder dem „zerschmetterten Schädel“ – all den entsetzlichen Szenen, die er bei Erfüllung seiner Pflicht ansehen musste. Bei der Komposition des Stückes betonte Adams die Feierlichkeit und Würde der Heldentaten, die von keiner Geschichtsschreibung erwähnt werden. Das Werk ist für Bariton und Orchester geschrieben und ist eines der langsamsten, nachdenklichsten Stücke in Adams’ bisherigem œuvre. Die Streicher beherrschen das Geschehen mit ihren sparsamen und dennoch gewichtigen Texturen. Ungeachtet der Dramatik und Brutalität der Worte weicht Adams von seinem ruhigen Grundtempo nicht ab. Eben diese bewundernswerte Zurückhaltung verleiht dem Vortrag des Werkes die Qualität einer Monodie, eines Gebetes oder eines Bußgesangs, dessen Text wunderbar über der Bewegung des Orchesters dahingleitet. Wie in jedem Stück von Adams gibt es hier auch einen Höhepunkt, doch dieser ist im vorliegenden Fall äußerst geschmackvoll zurückgenommen. Das Stück ist so etwas wie ein Schwesterwerk zu Harmonium, in dem Adams drei Gedichte von Emily Dickinson vertont hat. Beide Werke befassen sich auf unterschiedliche Weise mit dem 19. Jahrhundert, und beide Dichter sind wie auch Adams gewissermaßen das Salz der Erde, will sagen: in New England verwurzelt.

Viele kennen Shaker Loops, ein Stück, das Adams in der Mitte der siebziger Jahre geschrieben hat, als der Minimalismus in New York seine größte Blüte erlebte. Glass komponierte damals seine Music in Twelve Parts, Reich seine Music for 18 Musicians, die ebenfalls zu den wesentlichsten Stücken dieser Zeit gehören. Shaker Loops begann ursprünglich als ein Streichquartett mit dem Titel Wavemaker (Adams hat dieses Stück inzwischen zurückgezogen) und endet heute in der vorliegenden Fassung für Streichorchester. Grundlage der Komposition ist ein „Zittern“ oder „Schütteln“, das der Komponist sich in Triller und Tremoli übersetzte. Er schreibt: „Die Loops sind kleine melodische Fragmente, deren Enden sozusagen mit ihren Anfängen verbunden sind und so melodische Schleifen entstehen lassen – eine Technik, die aus der Tonbandmusik übernommen ist.“ Dabei bezieht er sich auf Steve Reichs monumentale Stücke wie Come Out und It’s Gonna Rain, bei denen kleine Tonbandfragmente in verschiedenen Tempi gespielt werden, bis nach einiger Zeit der Effekt einer Phasenverschiebung entsteht. Fernerhin spielt der Titel auf die Glaubensgemeinschaft der Shaker an, die sich im 18. Jahrhundert von den bekannteren Quäkern abgespalten und sich ganz in der Nähe von Adams’ Heimatstadt in New Hampshire angesiedelt hatten. „Ich versuchte mir vorzustellen,“ schreibt er, „wie solch eine Zeremonie der Shakers wohl ausgesehen haben könnte – wie diese ansonsten so ernsten Seelen plötzlich zu religiöser Ekstase hingerissen wurden und sich in sympathischen Schwingungen mit ihrem Schöpfer schüttelten.“

Das Stück besteht aus vier Sätzen mit den Titeln Shaking and Trembling, Hymning Slews, Loops and Verses und A Final Shaking. Der erste ist leidenschaftlich erregt, schnell und äußerst aufgeputscht. Der zweite unterbricht den vorherigen Wahnwitz vor allem durch glissandi und schürfende, gerundete und würdevolle Einwürfe der hohen Streicher, die sich in die üppigen Akkorde der tiefen Instrumente einmischen. Am Ende steht hier ein kollektives Flimmern. Der dritte Satz beginnt mit seiner langsamen Glut dort, wo der vorherige endete. Dann führt der Weg von einer tiefen, kehligen Cellomelodie zu einem Beben, zu einem gehetzten Drängen und zu einem allgemeinen Ausbruch, der sich schließlich in den höchsten, kristallinen Registern häutet. Das Finale enthält Hinweise auf den Kopfsatz, ist aber kühler und kontrollierter. Das abschließende Verklingen des Werkes ist genau kalkuliert.

Daniel Felsenfeld
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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