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8.559049 - MACDOWELL: Piano Concertos Nos. 1 and 2 / Witches' Dance
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Edward MacDowell
Klavierkonzert Nr. 1 a-Moll op. 15 • Klavierkonzert Nr. 2 d-Moll op. 23 • Hexentanz für Klavier und Orchester op. 17 Nr. 2 • Romanze für Violoncello und Orchester op. 35

 

“Der große junge amerikanische Komponist wird nicht plötzlich mit einem unsterblichen Meisterwerk unter dem Arm aus dem Westen auftauchen, sondern er wird aus einer langen Linie unbedeutenderer Männer hervorgehen—Halb-Genies vielleicht—die den Weg bereiten.”Aaron Copland

Edward MacDowell wurde 1861 in New York geboren und genoss zu seinen Lebzeiten den Ruf, der bedeutendste amerikanische Komponist seiner Zeit zu sein. Er hatte in Deutschland Komposition bei Raff studiert, wurde als Klaviervirtuose gefeiert, dessen Fähigkeiten selbst von Liszt bewundert wurden, und schließlich wurde er der erste Musikprofessor an der Columbia University. Dort machte er sich einen Namen als inspirierender und fortschrittlicher Lehrer, musste aber 1904 designieren, nachdem es Unstimmigkeiten über den Inhalt seiner Kurse gegeben hatte. Kurz darauf wurde er in Boston von einer Pferdedroschke überfahren. Die Kopfverletzungen, die er nach dem Unfall zurück behalten hatte, beschleunigten wahrscheinlich seinen vorzeitigen Tod im Alter von 47 Jahren. In ihrem Sommerhaus in Petersborough, New Hampshire, richte seine Witwe ein Refugium für Musiker und Künstler ein. Die sogenannte MacDowell-Kolonie hat seither zahlreichen amerikanischen Musikern Raum zum Arbeiten gewährt, darunter Virgil Thompson, Leonard Bernstein und Aaron Copland (der dort einen Teil seines Werkes Appalachian Spring komponierte).

MacDowells Ruf überdauerte kaum seinen Tod, trotz der großen Popularität seiner Miniaturen wie z.B. To a Wild Rose, die noch heute in Tausenden Klavierschulen in ganz Amerika gespielt wird. Wie so oft hatte die neue Avantgarde wenig für die Werke vorausgegangener Generationen übrig, und MacDowell—wie viele andere romantische Komponisten/ Pianisten, z.B. Rubinstein und Rachmaninoff, erlebte heftige Ablehnung. Man warf ihm vor, sein Werk weise, ungeachtet seiner unzweifelhaften handwerklichen Perfektion, keine spezifisch nationalen Stilmerkmale oder Neuerungen auf. Über Jahrzehnte konnten sich lediglich die beiden Klavierkonzerte im Repertoire behaupten. Fast 100 Jahre später allerdings wird seine gut komponierte und zutiefst atmosphärische Musik endlich wiederentdeckt.

Bereits 1838 beklagte Ralph Waldo Emerson, dass ”das Markenzeichen der amerikanischen Errungenschaften…eine gewisse Anmut ohne Erhabenheit zu sein scheint, eine Vase von schönem Äußeren, aber ohne Inhalt.” In den 1890er Jahren hatte Dvorák die amerikanischen Komponisten aufgerufen, sich auf ihre ethnischen Volksmusikwurzeln als Inspirationsquelle zu besinnen, d.h. Spirituals und Lieder der verschiedenen Indianerstämme. Nationalismus um seiner selbst Willen interessiert MacDowell jedoch nur wenig: ”Rein nationale Musik hat in der Kunst keinen Platz. Was Negermelodien mit Amerikanismus zu tun haben, ist mir bisher ein Rätsel geblieben.”

Das bedeutete zwangsläufig, dass man weiterhin auf europäische Traditionen zurückgreifen musste. MacDowells Familie war irisch-schottischer Abstammung. Seine Mutter erkannte schon früh das Talent des ”Wunderkindes”, sorgte für gelegentliche Klavierstunden bei der bedeutenden venezolanischen Pianistin Teresa Carreño und ging schließlich mit ihm im Alter von 15 Jahren nach Frankreich, damit er am Pariser Conservatoire studieren konnte. (Zu seinen Studienkollegen gehörte übrigens Debussy.)

Dennoch fühlte sich MacDowell in Paris nicht wohl. Vielleicht hatte er Schwierigkeiten, dem Unterricht, der in Französisch gehalten wurde, zu folgen. Nachdem er Anton Rubinstein mit Tschaikowskys Klavierkonzert b-Moll gehört hatte, konnte er seine Mutter davon überzeugen, dass er in Frankreich dieses technische Niveau nie erreichen würde. Daher zogen sie nach Deutschland, und MacDowell studierte u.a. bei Joseph Joachim Raff Komposition und Klavier bei Carl Heymann. Der Wechsel wirkte sich durchaus positiv aus. Raff war ihm sehr verbunden und von den Fähigkeiten des jungen Amerikaners tief beeindruckt. Die Komposition des ersten Klavierkonzerts scheint besonders problemlos verlaufen zu sein:

”Raff fragte mich unvermittelt, was ich geschrieben hätte. Ich stammelte, kaum bewusst, was ich eigentlich sagte, dass ich ein Konzert habe. Er ging auf den Flur, drehte sich aber noch einmal um und sagte mir, dass ich es nächsten Sonntag mitbringen solle. Voller Verzweiflung, da ich nicht die leiseste Ahnung hatte, wie ich diese Aufgabe bewältigen sollte, arbeitete ich wie ein Besessener. Als der Sonntag kam, hatte ich erst den ersten Satz komponiert. Ich schrieb ihm eine Nachricht mit irgendeiner billigen Entschuldigung und verschob den Termin auf den nächsten Sonntag. Irgend etwas kam dann noch dazwischen, und Raff verschob ihn noch um zwei weitere Tage. Aber bis dahin hatte ich das Konzert fertig.”

Im Frühjahr 1882 schickte Raff MacDowell nach Weimar, um das Stück Franz Liszt vorzuspielen. Den zweiten Klavierpart übernahm Eugen d’Albert. Liszt war zu der Zeit bereits Europas erfahrenster Musikfachmann und hatte ein untrügliches Gespür für junge Talente. Er lobte sowohl die Fähigkeiten des jungen Komponisten als auch sein virtuoses Klavierspiel.

Darüber hinaus setzte er sich für eine öffentliche Aufführung früher Kompositionen von MacDowell ein und empfahl Breitkopf und Härtel nachdrücklich, das Klavierkonzert zu veröffentlichen. Das bedeutete für den 22-jährigen Komponisten eine bemerkenswerte Auszeichnung, und noch im selben Jahr konnte MacDowell das Konzert mit großem Erfolg in Zürich uraufführen. Das Werk umfasst drei Sätze, und die einleitende Kadenz ohne Orchesterbegleitung kündigt bereits unzweifelhaft MacDowells pianistische Virtuosität an. Der langsame Satz beruht zur Gänze auf einer sanften, volksliedhaften Melodie und erinnert mit seiner reizvollen Orchestrierung stark an Grieg. Im Mittelteil bringt ein pastoraler Abschnitt mit den Rufen der Hörner Entspannung. Der letzte Satz, Presto überschrieben, ist eine äußerst schwierige Tour de force für den Solisten, die einen Abschnitt beinhaltet, der impetuoso e rapido possibile—ungestüm und so schnell wie möglich überschrieben ist, und mit einem wilden Prestissimo endet.

1884 heiratete MacDowell heimlich seine Klavierschülerin Marian Nevins. Sie ließen sich für drei Jahre in Wiesbaden nieder, und hier begann MacDowell mit der Arbeit an seinem zweiten

Klavierkonzert. Während dieser Jahre waren sowohl Raff als auch Liszt gestorben, und 1888 entschloss sich MacDowell schweren Herzens, in die USA zurückzukehren. Mit Widerwillen sah er sich gezwungen, sein Einkommen als Komponist mit der Rückkehr auf das Konzertpodium aufzubessern.

Über einen Klavierabend bemerkte ein aufmerksamer Beobachter des Bostoner Publikums: ”die Geschwindigkeit seiner Finger war das beeindruckendste Merkmal seines Klavierspiels. Für ihn war es aber eher eine Nebensächlichkeit. Er bewegte sich im Prestissimo wie ein Fisch im Wasser. Er konnte genau genommen besser schnell spielen als langsam.”

Die Uraufführung des zweiten Klavierkonzerts erfolgte am 5. März 1889 in der Chickering Hall in New York im Rahmen eines Konzerts, in dem auch Tschaikowskys fünfte Sinfonie erstmals in Amerika aufgeführt wurde. Ein Kritiker lobte ”die brillante Komposition, so voller Poesie, so voller Feuer und Energie, dass man Anlass hat zu behaupten, sie müsse einen Platz an der Spitze aller Werke dieser Art von einem gebürtigen oder zugewanderten Bürger Amerikas erhalten.” Er behauptete weiter, dass ihm das Werk weit besser gefallen habe als die neue Sinfonie. Das Werk ist MacDowells ehemaliger Lehrerin Teresa Carreño gewidmet, die in ihrem schillernden Leben nicht nur als Konzertpianistin, sondern auch als Dirigentin und Opernsängerin Erfolge feierte und nicht zuletzt durch ihre vielen Heiraten (darunter auch mit Eugen d’Albert) mit ihrem Namen ständig in den Schlagzeilen war. Teresa Carreño hätte zweifellos die unkonventionelle Anlage des Stücks befürwortet. Der erste Satz, Larghetto calmato, z.B. ist der langsamste Satz mit einer schillernden, nahezu Wagnerianischen Einleitung, die allerdings bald vom virtuosen Einsatz des Solisten unterbrochen wird. Der zweite Satz ist ein leichtfüßiges, fast jazz-ähnliches Scherzo, und der dritte Satz entwickelt sich nach einer langsamen Einleitung zu einem temperamentvollen Walzer.

Der Hexentanz, ursprünglich für Klavier solo geschrieben, ist die zweite Fantasie aus den Zwei Fantasien op. 17 aus dem Jahr 1884. Das in mehreren Fassungen überlieferte Stück gehört zu den bekanntesten Kompositionen MacDowells und fand sogar den Weg in das Zugaben-Repertoire des großen Leopold Godowsky. Später war MacDowell mit dem Stück nicht mehr zufrieden und hielt es für zu seicht und oberflächlich—auch wenn er es um 1891 noch immer im Programm hatte.

Die kleine Romanze für Violoncello und Orchester op. 35 entstand 1888 kurz vor MacDowells Rückkehr nach Amerika und ist dem ehrwürdigen österreichischen Cellisten David Popper gewidmet. Sogar MacDowells zeitgenössischer Biograph Lawrence Gilman muste gestehen, dass es sich um ein seichtes Stück handelt, ”wenn auch nicht ohne einen gewissen einfachen Charme.”



Bill Lloyd
Übersetzung: Peter Noelke


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