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8.559069 - COPLAND: Appalachian Spring / Clarinet Concerto / Quiet City
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Aaron Copland (1900-1990) Appalachian Spring (Ballet Suite) • Klarinettenkonzert

Aaron Copland (1900-1990) Appalachian Spring (Ballet Suite) • Klarinettenkonzert

Aaron Copland wurde in Brooklyn geboren, er war das fünfte und jüngste Kind russisch-jüdischer Einwanderer. Den ersten Musikunterricht erhielt er bei einer seiner Schwestern. Bald hatte er nicht nur die Grundlagen des Klavierspiels erlernt, sondern eine Welt kennengelernt, die vom Ragtime bis zur großen Oper reichte. Er besuchte die Konzerte der New Yorker Philharmoniker, er sah und hörte Paderewski, Isadora Duncan, das Diaghilew-Ballett. Nachdem er die Highschool abgeschlossen hatte, studierte er Harmonielehre, Kontrapunkt und Sonatenform bei Rubin Goldmark, der sich bemühte, seinen jungen Studenten davor zu bewahren, von der neuen Musik eines Skrjabin, Scott oder Ives „verdorben" zu werden - ohne Erfolg. Mit zwanzig Jahren hatte sich Copland so viel Geld zusammengespart, dass er nach Paris gehen konnte. Er schrieb sich am Amerikanischen Konservatorium in Fontainebleau ein, arbeitete an der Verfeinerung seiner pianistischen Fähigkeiten und studierte Komposition bei der berühmten Nadia Boulanger. Seine Lehrerin versuchte nicht, seine „Ecken und Kanten" zu glätten, vielmehr ermutigte sie ihn, seine eigene Stimme zu finden und sich mit den neuesten musikalischen Ideen auseinanderzusetzen. Während seiner vier Jahre in Europa vertiefte sich Copland in den Reichtum an traditioneller wie moderner Musik, von dem er umgeben war, er lernte Prokofjew, Milhaud und Kussewitzky kennen und fand schließlich den Weg, den er gehen wollte - einen musikalischen Stil zu entwickeln, der künstlerisch auf höchstem Niveau und zugleich unverkennbar amerikanisch ist.

Wer im Musikleben des Amerika zwischen den beiden Weltkriegen bestehen wollte, musste flexibel und kreativ sein; Copland und seine Musik haben sich weiterentwickelt. Dabei blieb seine Stimme jedoch in den Grundzügen unverändert und unverwechselbar - kontrastierende Metren und Akzente sowie tonal orientierte, mild dissonante Klangstrukturen. Als der führende amerikanische Komponist seiner Zeit, als der er damals galt, war Copland in den vierziger Jahren viel in Zentral- und Südamerika unterwegs gewesen, im Auftrag des Koordinators für interamerikanische Angelegenheiten (1941) und im Auftrag des Außenministeriums (1947). Die Formen, Harmonien und Rhythmen, die er dort kennenlernte, waren unerschöpfliche Quellen für neues musikalisches Material; sie waren anders, aber dennoch vertraut genug, um in sein ohnehin schon riesiges musikalisches Vokabular einzugehen.

Paisaje Mexicano (Mexikanische Landschaft) und Danza de Jalisco (Tanz aus Jalisco, einem Staat im Nordwesten Mexikos) entstanden Anfang 1959 in Acapulco, bald aber kam Copland zu der Ansicht, die beiden Werke seien zu kurz, um sich im Konzertrepertoire halten zu können. André Kostelanetz bat ihn im Jahre 1971 um ein drittes Stück, das Ergebnis war Estribillo (der Name bezeichnet eine besondere Refrainform). Zusammengestellt zu Three Latin American Sketches (Drei lateinamerikanische Skizzen) wurden die Stücke im Jahre 1972 durch die New Yorker Philharmoniker unter André Kostelanetz uraufgeführt. Estribillo, übrigens Coplands letzte Komposition für Orchester, ist ein kraftvolles, scharf akzentuiertes Werk. Es basiert auf einem Melodiefragment, das Copland in Venezuela gehört hatte. Das kontrastierende zweite Stück ist poetisch und lyrisch, es reflektiert die weichen Konturen der Melodien wie auch der Landschaft Mexikos. Der abschließende lebhafte Tanz bringt wechselnde, kontrastierende Rhythmen, wie sie für einen Großteil der lateinamerikanischen Musik typisch sind.

Quiet City (Die ruhige Stadt, 1940) ist ebenfalls ein kurzes Werk, aber vollkommen anders im Charakter. In den Jahren um 1930 komponierte Copland abstrakte Musik, aber immer öfter mit dem Gefühl, in einem Vakuum zu arbeiten. Schließlich beschloss er, sich einer neuen Herausforderung zu stellen - „zu sehen, ob ich nicht das, was ich zu sagen hatte, so einfach wie nur irgend möglich sagen könnte". Er ging den riskanten Weg aus dem Konzertsaal hinein in Ballettkompanien, Filme, Schulen, ins Radio und in die Theater. Harold Clurman bat Copland, die Schauspielmusik für ein experimentelles Theaterstück von Irwin Shaw zu komponieren. Wie sich Copland erinnert, war dieses „eine realistische Fantasie über die Nachtgedanken vieler verschiedener Arten von Menschen in einer großen Stadt", und in seiner Musik spielte die einsame Stimme des Trompeters, der versucht, das Gewissen seiner Freunde wachzurufen, eine besondere Rolle.

Das Stück wurde nach zwei Kostümproben abgesetzt, Copland komponierte im darauf folgenden Jahr eine Suite auf der Grundlage des thematischen Materials aus der Bühnenmusik. Dabei veränderte er die Instrumentation, die ursprünglich auf die normale Besetzung eines Theaterorchesters zugeschnitten war, vollkommen, sodass nur noch Trompete, Englischhorn und Streicher übrig blieben. Das Ergebnis ist ein höchst originelles, atmosphärisches, einsätziges Werk, das ähnliche Emotionen hervorruft wie das Theaterstück - obwohl man vom Publikum kaum erwarten kann, dass es irgend etwas über dieses Theaterstück weiß. Quiet City zeigt uns Copland, der übrigens gern spät nachts komponierte, von seiner introspektiven Seite. Das Werk wurde im Jahre 1942 durch Kussewitzky und die New Yorker Philharmoniker uraufgeführt, und seitdem ist der Erfolg dieses musikalischen Kleinods ungebrochen.

Das Klarinettenkonzert, das im Jahre 1947 von Benny Goodman in Auftrag gegeben worden war, hat sich ebenfalls als ein Meisterwerk erwiesen, das von dauerhaftem Erfolg gekrönt ist. Es ist zweisätzig, wie Coplands Klavierkonzert aus dem Jahr 1926 (nur diese beiden Konzertwerke hat er komponiert), in der Folge langsam-schnell, verbunden durch eine Solokadenz. Der lyrische erste Satz ist einer seiner romantischsten Sätze, und er gehört zu den Kompositionen, von denen Copland selbst am meisten hielt: „Ich glaube, er wird jeden zum Weinen bringen". Die Solokadenz ist bis ins Detail auskomponiert, sie bringt Jazzelemente und Anklänge an den zweiten Satz. Dieser ist stilistisch vollkommen gegensätzlich - ein spitziges, bruchstückhaftes, synkopiertes Rondo, in dem, wie Copland sagt, „unbewusst eine Verschmelzung von Elementen" stattgefunden hat, „die eindeutig mit der Unterhaltungsmusik Nordamerikas und Südamerikas verwandt sind - Charleston-Rhythmus, Boogie-Woogie und brasilianische Volksweisen". Das Konzert endet so, wie Gershwins Rhapsody in Blue beginnt, mit einem „schmierigen" Klarinettenglissando.

Die Schwierigkeiten in der Solokadenz und im schnellen Satz machten Goodman ernsthaft Sorgen; er sei doch „nur ein Jazzer", sagte er zu Copland, und vielleicht habe er gar nicht die Technik, um das Werk zu bewältigen. Obwohl ihm Copland immer wieder Mut zusprach, zögerte Goodman, und die Aufführung ließ auf sich warten. So kümmerte sich Copland schließlich selbst um eine Aufführung durch das Philadelphia Orchestra, die am 28. November 1950 stattfinden sollte, kurz nachdem Goodmans zweijähriges Exklusivrecht abgelanfen sein würde. Goodman hörte davon und reagierte - am 6. November spielte er selbst die Uraufführung des Konzerts im Rahmen einer Radiosendung, gemeinsam mit dem NBC Symphony Orchestra unter Fritz Reiner. Er sollte das Werk noch viele Male auf Schallplatte einspielen, zweimal unter Coplands Leitung.

Copland komponierte das Ballett Appalachian Spring (Frühling in den Appalachen) im Jahre 1944 für Martha Grahams Tanztruppe. Die Handlung des Balletts spielt Anfang des 19. Jahrhunderts in den Bergen von Pennsylvania und dreht sich um die Hochzeit und die Einweihung des neuen Hauses eines jungen Pionier-Paares. Der Stil seiner Ballettmusik, so Copland, war von der Persönlichkeit Martha Grahams inspiriert worden: „Martha ist eher leidenschaftslos und beherrscht, einfach, aber stark, und entsprechend direkt ist ihr Tanzstil." Die Suite aus dem Ballett, uraufgeführt am 4. Oktober 1945 durch Artur Rodzinski und die New Yorker Philharmoniker, gilt als das bedeutendste und beeindruckendste seiner Werke „in Landessprache", wie es Copland selbst ausdrückte. Die Rhythmen, Harmonien und Melodien wirken „typisch amerikanisch", obwohl Copland nur eine echte Volksweise zitiert, „Simple Gifts" (Einfache Gaben). Die Suite aus Appalachian Spring wurde mit dem Pulitzer-Preis und mit dem Preis des New York Critics’ Circle ausgezeichnet, und sie ist das Werk, das Copland zum ersten amerikanischen Komponisten machte, der weltweite Anerkennung und Popularität genoss.

Viola Roth

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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