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8.559084 - ROREM, N.: Selected Songs (Farley, Rorem)
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DIE LIEDER VON NED ROREM

Ned Rorem komponierte mehrere hundert Lieder und kann es hinsichtlich Quantität und Originalität durchaus mit Charles Ives aufnehmen. Aber hier stößt der Vergleich auch schon an seine Grenzen. Während Ives in seinen Liedern weitaus konservativer war als in seiner Kammermusik oder seinen Orchesterwerken, zeichnen sich diese Juwelen durch eine einzigartige und unverkennbare Ives-typische Respektlosigkeit aus. Rorems Lieder in den Bereich der Poesie. Als äußerst literarische und kultivierte Persönlichkeit stattet Rorem jedes seiner Lieder mit einer besonderen Sichtweise auf das jeweilige Gedicht aus. Seine Auswahl bestimmter Dichter und Gedichte enthüllt einiges über sein Denken.

In einem Essay von 1980 schrieb Ned Rorem folgendes:

„Wie wählt man Gedichte aus, um sie zu vertonen? Früher durch so genannte Inspiration, die Lust auf Selbst-Ausdruck, die nichts mit Talent zu tun hat. Heute wähle ich sie entsprechend der vorgegebenen Anforderungen aus. Meine Herangehensweise – schnell oder langsam, sanft oder laut – an ein vorgegebenes Gedicht hängt davon ab, für wen ich es vertone und ob es zu einer Reihe gehört oder für sich alleine steht. Ja, ich fühle mich zu der Dichtung hingezogen, die, wie wir Quaker sagen, zu meinen Voraussetzungen spricht, und was meine Lieder auch immer wert sein mögen, ich habe nie ein schlechtes Gedicht vertont".

Bereits 1959 veröffentlichte Ned Rorem Essays mit Titeln wie

„Song and Singer - Lied und Sänger" und „Writing Songs – Wie man Lieder schreibt", die seine Philosophie und Gedanken wiedergeben. Er beschreibt das komplizierte und zerbrechliche Verhältnis zwischen Musik und Text und den Einfluss von Prosodie, Stimmung und Rhythmus, aber auch der Metaphorik des Gedichts. Für Rorem wird das Endprodukt, das Lied, zu „einer größeren Einheit als der Text oder die Musik allein".

In den zahlreichen Folgen seiner Tagebücher, die unterhaltsam zu lesen sind und noch immer Jahr für Jahr veröffentlicht werden, demonstriert Rorem seine geradezu unheimliche Besessenheit für Details: Das Aroma eines Pariser Morgens der schon Jahrzehnte zurückliegt, das aufdringliche Parfum eines Unbekannten, die Augenfarbe eines Freundes, der Blick eines Fremden, den man nur einmal flüchtig gesehen hat. Wenn er über seine eigene Musik spricht, erwähnt Rorem oft das Datum und manchmal sogar die genaue Stunde der Komposition, das Wetter und die Stimmung, in der er sich zur Zeit der Komposition befand. Offensichtlich ist seine Musik eine ebenso persönliche Äußerung wie seine äußerst aufschlussreichen Tagebücher. In seiner Musik gibt es vieles, das der Einbildungskraft des Hörers überlassen bleibt. Der Interpret hat den Vorteil, dass er auf Rorems umfangreiche Erklärungen und seine Fähigkeit, seine musikalischen Absichten in klarer Prosa auszudrücken, zurückgreifen kann. Carole Farley hatte zudem den Vorteil, bei den Proben und Aufnahmen der Lieder eng mit dem Komponisten zusammenarbeiten zu können. Farley hatte bei Pierre Bernac, Poulencs engem Freund und Dolmetscher, studiert und die französische Liedkunst kennen gelernt und wurde somit einer der idealen musikalischen Partner Rorems. Ihre verschiedenen Aufnahmen mit Liedern von Debussy, Satie, Fauré, Poulenc und Milhaud, bereiteten sie weiter auf Rorems Idiom vor, ebenso wie ihre erst kürzlich gemachten Aufnahmen mit Liedern von Kurt Weill und Prokofieff.

Als das Time Magazine schrieb, dass Rorem „... zweifellos der beste lebende Komponist von Kunstliedern ist", lagen seine besten und kraftvollsten Werke noch vor ihm. Neben drei Sinfonien, sechs Opern, mehreren Konzerten und zahlreichen Werken für Gesang und Orchester, Chor- und Kammermusik, mehreren Balletten und Schauspielmusiken scheinen seine Lieder einen besonderen roten Faden darzustellen und immer wieder zwischen größeren Kompositionen aufzutauchen. Viele Lieder Rorems wurden von der Kunst großer Sänger inspiriert, darunter Ellen Faull, Donald Gramm, Phyllis Curtin und David Lloyd. Sein sehr individueller Stil offenbart eine Interesse an Polphonie, den Verstand und die Klarheit von Poulenc und Ravel und sogar Satie sowie ein gewissenhaftes Bemühen, eine Klavierbegleitung zu schreiben, die nicht nur ein kraftvolles Eigenleben hat, sondern sich auch deutlich von Lied zu Lied unterscheidet. Zählt man zu dieser Palette Rorems Schwäche für die häufige Verwendung der Klangfarben des Jazz, die Verwendung von Septim-, Nonen- und Duodecim-Akkorden, (As Adam Early in the Morning, Night Crow und Early in the Morning), sowie den Einfluss seiner langjährigen Verbindung mit Virgil Thompson, dann erhält man wahrhaft originale und amerikanische Musik, ein Schaffen, das im Laufe der Zeit immer mehr an Kraft gewinnt und schließlich zeitlos wird.

In ihrem Essay über Rorem erklärt Carole Farley, dass „... Sänger eine Vorliebe für seine beredte Musik haben, weil sich seine Lieder für die Stimme angenehm anfühlen. Die Zuhörer fühlen sich einbezogen, weil die Texte klar und verständlich sind, ihre Gefühle durch die Musik noch gesteigert werden. Komponisten der verschiedenen Schulen respektieren und bewundern sein Schaffen, weil er eine Tradition am Leben erhält, die ansonsten zumeist dem Musiktheater oder populären Liedern überlassen wird. Rorems Stärken liegen in seiner unheimlichen Leichtigkeit im Umgang mit der Sprache, seinem tiefen Verständnis des Textes, und seiner Fähigkeit, fließende ausgesprochen singbare Vokallinien zu komponieren".

1923 in Indiana geboren, studierte Ned Rorem an der Northwestern University, dem Curtis Institute of Music und der Juliard School. 1949 ging er für die Sommerferien nach Paris und blieb acht Jahre. Während er in Frankreich war, erhielt er ein Fulbright-Stipendium und später ein Guggenheim-Stipendium. Nach seiner Rückkehr nach Amerika 1958, war er composer-in-residence an den Universitäten von Buffalo und Utah und unterrichtete mehrere Jahre Komposition am Curtis Institute of Music. Seine Musik wurde von fast allen großen Orchestern weltweit aufgeführt, unter Dirigenten wie Stokowski, Bernstein, Ormandy, Mitropolous, Reiner, Previn und Serebrier. Er erhielt den Pulitzer-Preis und 2000 wurde er zum Präsidenten der American Academy and Institute of Arts and Lettres ernannt. Seine schriftstellerische Karriere war ebenfalls sehr erfolgreich und brachte folgende Bestseller hervor: The Paris Diary, The New York Diary, The Nantucket Diary, Music and People sowie als letzte Veröffentlichung Lies.

Vom Beginn dieser Produktion an lag Rorem sehr viel daran, zum ersten Mal die vollständige Sammlung der Roethke-Lieder mit einzubeziehen. Auch viele der anderen Lieder dieser Aufnahmen gehen auf seine Vorschläge zurück, um Carole Farleys dramatischen Ausdrucksqualitäten gerecht zu werden. Die Reihenfolge der Lieder wurde von beiden Künstlern festgelegt. Die Collection umschließt vier Jahrzehnte, von den ersten Liedern des Jahres 1947 bis 1990. Die folgende Liste gibt das Entstehungsdatum der Komposition und den Namen des Textdichters an:

The Waking (Theodore Roethke) 1959

Root Cellar (Theodore Roethke) 1959

My Papa's Waltz (Theodore Roethke) 1959

I Strolled Across an Open Field (Theodore Roethke) 1959

Memory (Theodore Roethke) 1959

Orchids (Theodore Roethke) 1959

The Serpent (Theodore Roethke) 1970-72

Night Crow (Theodore Roethke) 1959

Snake (Theodore Roethke) 1959

Little Elegy (Elinor Wylie) 1948

The Nightingale (1500 AD) 1951

Nantucket (William Carlos Williams) 1978-79

Lullaby of the Woman of the Mountain (Padhraic Pearse) 1951

Love in a Life (Robert Browning) 1951

What if some little pain... (Edmund Spenser) 1949

Visits to St. Elizabeth's (Elizabeth Bishop) 1957

Stopping by Woods on a Snowy Evening (Robert Frost) 1947

Spring (Gerard Manley Hopkins) 1947

See how they love me (Howard Moss) 1956

Now Sleeps the Crimson Petal (Alfred Lord Tennyson) 1963

I am Rose (Gertrude Stein) 1963

Ask me no more (Alfred Lord Tennyson) 1963

Far- Far- Away (Alfred Lord Tennyson) 1963

Early in the morning (Robert Hillyer) 1958

Alleluia 1946

Such Beauty as Hurts to Behold (Paul Goodman) 1957

Sally's Smile (Paul Goodman) 1953

Youth, Day, Old Age, and Night (Walt Whitman) 1954

O you Whom I Often and Silently Come (Walt Whitman) 1957

Full of Life Now (Walt Whitman) 1989

As Adam Early in the Morning (Walt Whitman) 1957

Are you the New Person? (Walt Whitman) 1989

Herbert Kraft

Übersetzung: Peter Noelke


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