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8.559086 - MOROSS: Frankie and Johnny / Those Everlasting Blues
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Jerome Moross (1913-1983)

Frankie and Johnny • Those Everlasting Blues • Willie the Weeper

Geboren in New York, erhielt Jerome Moross seinen ersten Klavierunterricht im Alter von fünf Jahren und begann bereits als Achtjähriger zu komponieren. In einer Kombination von musikalischer und logistischer Virtuosität gehörte er im Fach Dirigieren bereits zum Lehrkörper der Juilliard School of Music, während der sich noch an der New Yorker University School of Music auf sein Examen vorbereitete. 1947 und 1948 wurden ihm Fellowships der Guggenheim-Stiftung verliehen. In seinen frühen Jahren als Komponist schrieb er zahlreiche Werke für den Konzertsaal, darunter seine Sinfonie Nr. 1, die 1943 vom Seattle Symphony Orchestra unter Sir Thomas Beecham uraufgeführt wurde.

Moross’ Musik ist von unverwechselbar amerikanischem Charakter und blieb während seines gesamten Schaffens der Tonalität verpflichtet. Er liebte Volksmelodien und beliebte Songs seiner Zeit, und in den Jahren, die ihn als Komponisten prägten, beschäftigte er sich eingehend mit den musikalischen Quellen seines Landes.

Neben den Broadway-Musicals sowie Balletten und Konzertwerken arbeitetete Moross in Hollywood, wo er in den späten dreißiger und den vierziger Jahren zunächst Filmmusikpartituren instrumentierte und später selbst als Komponist tätig war. Von seinen siebzehn Filmmusiken erlangte The Big Country (1958) die größte Bekanntheit und gilt heute als „Western"-Klassiker.

The Ballad of the Scandalous Life

of Frankie and Johnny

Der populäre Song Frankie and Johnny, basierend auf einem tatsächlichen Vorfall, der sich 1899 in St. Louis abspielte, als eine Prostituierte ihren Zuhälter nach einem Streit erschoss, wurde 1904 in New York veröffentlicht. 1933 — Jerome Moross war kaum zwanzig Jahre alt — teilte er dem New York Evening Journal mit, das er eine Komposition über dieses Thema plane: „Ich habe vor, diejenigen Elemente zu nehmen, aus der sich eine gute Broadway-Show machen lässt, und sie dann im Opernstil zu bearbeiten. Ich werde den Jazz nehmen und ihn als Grundlage echter amerikanischer Musik verwenden."

1938 gründeten die Chicagoer Tänzer-Choreographen Ruth Page und Bently Stone die Page-Stone Ballet Company als Teil des Bundestheater-Projekts. Auf Anregung Aaron Coplands (Moross war ehemaliges Mitglied von dessen Young Composers’ Group), gab Ruth Page bei Jerome Moross eine Original-Ballettkomposition in Auftrag. Frankie and Johnny, das erste nach Form, Inhalt und Besetzung echte „amerikanische" Ballett , erlebte am 20. Juni 1938 am Great Northern Theater in Chicago seine Uraufführung. Ruth Page und Bently Stone tanzten die Titelfiguren, während Letzterer für den überwiegenden Teil der Choreographie verantwortlich zeichnete. In seinem Premierenbericht bezeichnete ein Kritiker die Aufführung als die „aufregendste und bedeutendste Tanzproduktion des gesamten Bundestheater-Projekts".

Moross komponierte Frankie and Johnnny als eine Ballett-Suite für Orchester und schrieb — in Zusammenarbeit mit Michael Blankford — auch das Libretto. Ein Vokal-Trio von Heilsarmee-Mädchen („Saving Susies") setzte er im Stil eines modernen griechischen Chores ein, der die Handlung kommentiert, wobei die Mädchen mit Tamburin, Basstrommel und Becken durch die einzelnen Szenen wandern. Moross amüsierte sich darüber, dass die Heilsarmee-Mädchen, deren eigentliche Aufgabe es ist, Seelen zu retten, hier den damals durchaus anrüchigen Text dieser Geschichte sangen.

In seinen Programmnotizen zur Uraufführung schrieb Moross: „Die treue Frankie ist total in Johnny verliebt. Auch Johnny liebt Frankie und nimmt gern das Geld, das sie bei anderen Männern verdient. Aber unmittelbar nach einem zarten Liebesduett mit ihr beginnt er mit Nellie Bly zu flirten. „Frankie goes down to the corner saloon to buy her a large glass of beer" („Frankie geht hinunter zum Ecksaloon und bestellt für sie ein großes Glas Bier"). Ihre Freunde bilden eine Gruppe um Nellie und Johnny, damit Frankie nicht sieht, was sich zwischen ihnen abspielt. Aber dem Barkeeper ist es eine Genugtuung, sie über die wahre Situation aufzuklären, was sie zunächst nicht glauben will.

Es folgt „Frankie was a good girl as everybody knows" (Frankie war ein gutes Mädchen, wie jeder weiß); aber als sie zu Nellies Zimmer hinaufschaut und schließlich sieht, dass Johnny tatsächlich bei ihr ist, „A-lovin-up Nellie Bly" (Nellie Bly liebend), gerät sie in helle Eifersucht und erschießt ihn melodramatisch „root-a-toot-toot-toot-toot". Alle ihre Freunde haben Spaß bei der Totenwache. Frankie versucht sich an einem Laternenpfahl zu erhängen, aber Nellie rettet sie. Schließlich bleibt Frankie allein mit ihrem im Sarg liegenden Liebhaber zurück. Die Heilsarmee-Mädchen singen die philosophischen Worte:

Diese Geschichte hat keine Moral,

Oh, diese Geschichte hat kein Ende,

Oh, diese Geschichte beweist einmal wieder,

Dass man keinem Mann trauen kann.

Those Everlasting Blues

Those Everlasting Blues komponierte der neunzehnjährige Moross in den Sommermonaten des Jahres 1932, begonnen in Wien und vollendet in Cagnes-sur-Mer in Frankreich. Das Werk wurde am 4. November desselben Jahres in New York bei einem von Henry Cowell geleiteten Konzert der Pan American Association of Composers uraufgeführt; den Solopart sang die Altistin Paula Jean Lawrence. Texte des amerikanischen Dichters Alfred Kreymborg wurden von vielen Kollegen Moross’ vertont; bei seiner eigenen Komposition ging es ihm um ein Stück im Stil des populären „Negro Songs". Noch immer unter dem Einfluss der Musiksprache seiner Mentoren Charles Ives und Henry Cowell, schweifte Moross regelmäßig in Jazz-Gefilde ab. Er verwendet ein bescheidenes Ensemble aus Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn, Trompete, Klavier, Schlagzeug und Streichern als Begleitung eines tiefen Alts oder Baritons. Die Vokalpartie geht nur selten über den Umfang einer Oktave hinaus und verlässt sich hauptsächlich auf zwei Tritonus-Intervalle am Beginn, ein gelegentliches „gutturales Vibrato" sowie den Effekt des Sprechgesangs. Die Kantate besteht aus drei miteinander verbundenen Abschnitten: Sad and slow, faster and very fast (Traurig und langsam, Schneller und Sehr schnell.

Willie the Weeper

Ballet Ballads, die erste gemeinsame Arbeit von Jerome Moross und dem Librettisten John Latouche (1914-1956), wurde erstmals im Frühjahr 1948 aufgeführt, bevor es im Mai desselben Jahres vom Broadway übernommen wurde. Die drei einaktigen Tanz-Kantaten Susanna and the Elders, Willie the Weeper und The Eccentricities of Davy Crockett kombinieren Tanz, Gesang und Handlung in durchkomponierter dramatischer Form ohne gesprochenen Dialog. Ein geplantes viertes Stück, Red Riding Hood, wurde zwar skizziert, aber nie vollendet.

Im Erstdruck der Partitur der Ballet Ballads erläutern die Partner ihr Produktionskonzept: „Die Ballet Ballads wurden in New York als Tanz-Opern inszeniert; sie sollten die Elemente von Text, Musik und Tanz zu einer neuen dramatischen Einheit verschmelzen […] Gesang und Tanz sollten so ineinander übergehen, dass man nicht merken konnte, wo der Gesang aufhört und wo der Tanz beginnt", sagte Moross in einem Interview von 1978. Die folgende Moross & Latouche-Produktion, The Golden Apple, die diese Form weiter vervollkommnete, erschien 1954 am Broadway und hatte ebenfalls keinen gesprochenen Dialog. Beide Produktionen erhielten Traumkritiken; The Golden Apple wurde 1954 vom New York Drama Critics Circle mit der Auszeichnung „Bestes Musical" bedacht.

Moross war nie jemand, der eine gute Idee verschenkte: einige Elemente seiner früheren Arbeiten kehren in Willie the Weeper zurück. Die Melodie eines Songs, den er 1932 schrieb (ebenfalls mit dem Titel Willie the Weeper) wird in der Eröffnungssequenz voll entwickelt, während ein längerer Abschnitt der Cocain-Lil-Sequenz aus seinem früheren Musical A Cow in the Trailer stammt.

Sämtliche Aufführungen der Ballet Ballads (einschließlich derjenigen am Broadway) zu Moross’ Lebzeiten wurden lediglich mit dem Klavierauszug realisiert. Dass Moross beabsichtigte, die Partitur zu instrumentieren, geht aus seinen im Klavierauszug erschienenen Anmerkunge hervor, in denen er eine Orchersterfassung ankündigt. 1966 zahlte CBS Moross ein Honorar für die Instrumentierung der Ballet Ballads für eine geplante Fernsehprodultion (zu der es schließlich nie kam). So fand die Uraufführung der orchestrierten Fassung von Willie the Weeper erst im Juni 2000 beim Hot Springs Music Festival statt.

Laura and Richard Rosenberg

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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