About this Recording
8.559100 - BERNSTEIN: Symphony No. 1 / Concerto for Orchestra
English  German 

Leonard Bernstein (1918-1990)

Leonard Bernstein (1918-1990)

Sinfonie Nr. 1 ‘Jeremiah’ • Konzert für Orchester ‘Jubilee Games’

 

Leonard Bernsteins Debüt in der Carnegie Hall 1943 gehört mit Sicherheit zu den großen Wendepunkten in der Geschichte der amerikanischen Musik. Im letzten Moment war er für den erkrankten Bruno Walter eingesprungen und hatte die New Yorker Philharmoniker dirigiert. Das war der Hintergrund, vor dem Bernsteins Erste Sinfonie „Jeremiah“ zum ersten Mal erklang. Die ersten Skizzen zu dem Werk stammten aus dem Jahr 1939, als Bernstein nach dem Abschluss seines Studiums in Harvard nach New York gezogen war. Doch erst ein Wettbewerb, der von dem New England Conservatory of Music gefördert wurde, bewog den jungen Komponisten dazu, das Werk zu vollenden. Bernstein hatte herausgefunden, dass einer der Hauptjuroren Sergej Koussevitsky war, der legendäre Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra und Mentor des grünschnäbligen Dirigenten. Knapp zehn Tage, nachdem er von dem Wettbewerb erfahren hatte, war der Klavierauszug fertig. Erstaunlicher Weise griff Bernstein auf die Hilfe seiner Schwester Shirley und einiger Freunde zurück, die die schriftliche Ausarbeitung der Partitur vollendeten, während er an der Orchestrierung arbeitete. Dabei hielten sie ihn mit unzähligen Kannen Kaffee wach. Die Orchstrierung war dann nach drei weiteren Tagen und Nächten fertig. Da es jedoch schon zu spät war, um die Partitur bis zum 31. Dezember per Post einzureichen, nahm Bernstein den nächsten Zug nach Boston und übergab sie persönlich, nur wenige Stunden bevor die Abgabefrist ablief.

 

Dennoch errang die Sinfonie nicht den ersten Preis. Was aber auf alle Fälle der Uraufführung als auch der anschließenden Beliebtheit des Werkes half, waren zweifellos die Ereignisse vom 14. November 1943: Leonard Bernsteins Debüt in der Carnegie Hall, in dem er eines der ehrwürdigsten Institutionen der Musikwelt dirigierte. Dass sein Debüt als eines der denkwürdigsten Ereignisse in die Analen der amerikanischen Musikgeschichte einging, hatte sicherlich mit dem entfesselten Leben zu tun, das Bernstein der Musik einhauchte; eine interpretatorische Leidenschaft und Intensität, die über die Jahre noch reifen sollte. Die Presse verlor keine Zeit, zu betonen, dass Bernsteins Debüt das erste Mal gewesen sei, dass ein amerikanischer Dirigent die Philharmoniker dirigiert habe. Über Nacht war Bernstein zum ersten Gesprächsthema der Musikwelt geworden – da war er gerade mal 27 Jahre alt.

 

Es ist nicht verwunderlich, dass der Sinfonie aus vielen verschiedenen Richtungen Interesse entgegen gebracht wurde. Die erste Aufführung wurde von Bernstein mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra auf Einladung von Fritz Reiner am 28. Januar 1944 gegeben. Koussevitsky lud Bernstein kurz darauf ein, Jeremiah mit dem Boston Symphony Orchestra aufzuführen, und die New Yorker Philharmoniker folgten im Frühjahr mit vier weiteren Konzerten. 1944, dem Jahr, das wie so viele zu den Sturm-und-Drang-Jahren von Bernstein gehörte, gewann die Sinfonie den New York Music Critics’ Circle Award.

 

Der Komponist führte aus, dass seine Sinfonie von einer Krise des Glaubens handelt, einem Thema, das ihn sein Leben lang beschäftigte. Der biblische Jeremias predigte in Jerusalem rund 600 Jahre vor Christus, und seine Botschaft kreiste um religiöse Reformen in einer Zeit verworrener Moralität. Der erste Satz, Prophecy (Weissagung), schlägt den Ton langsamer, feierlicher Kontemplation an, der auch in dem gesamten Werk zu finden ist. Der Scherzo-Satz, Profanation (Entweihung), vermittelt einen Eindruck von der Zerstörung Jerusalems in den unruhigen Zeiten des Propheten. Die abschließende Lamentation ist der buchstäbliche Schrei Jeremias, der die geplünderte Stadt beklagt. Dieser Satz, der Jahre zuvor komponiert wurde, schockte die Zuhörer zu einer Zeit, als die Schrecken der Endlösung der Nationalsozialisten bekannt wurden. Als eines der vielen Werke Bernsteins, die sich mit jüdischen Themen auseinandersetzen, wurde dieses Werk Samuel Bernstein gewidmet, dem Vater des Komponisten, der geholfen hatte, seinen Glauben an seinen Sohn weiterzugeben. Das Werk verwendet Shkenazische hebräische Aussprache des Buchs der Lamentation. In Jeremiah kann man sicherlich Parallelen sehen zwischen dem Propheten und dem jungen Komponisten/Dirigenten/Pianisten, der trotz des Risikos immer wieder mutige und unpopuläre Positionen eingenommen hat.

 

Schon fast als Abschluss einer langen und schillernden Karriere bildet Jubilee Games ein passendes Gegenstück. Darüber hinaus steht es für eine weitere Demonstration des jüdischen Glaubens des Komponisten. 1986 feierte das Israel Philharmonic Orchestra sein 50. Jubiläum mit einer ausgedehnten Tournee, die durch zwei Kontinente führte. Auf dem Programm stand auch ein zweisätziges Werk mit dem Titel Jubilee Games, das von dem Orchester ein Jahr zuvor in Auftrag gegeben worden war. Bernstein bemerkte dazu, dass er hoffe, „eines Tages ein oder zwei weitere Sätze hinzufügen zu können“. Opening Prayer für Bariton und Orchester wurde geschrieben, um die Wiedereröffnung der Carnegie Hall im Dezember des Jahres zu feiern und wurde später den Jubilee Games hinzugefügt. Bernstein war aber immer noch nicht zufrieden und komponierte im Frühjahr 1989 die Seven Variations on an Octatonic Theme (Sieben Variationen über ein achttöniges Thema). In der Tradition von Bartóks großartigem Werk dirigierte Bernstein die Uraufführung des nun als Konzert für Orchester betitelten Werks in vier Sätzen in Tel Aviv im darauf folgenden April.

 

Der innovative erste Satz, Free-Style Events, bezieht freie Improvisation in weit stärkerem Maße ein als irgend ein anderes Stück von Bernstein, und zitiert das Alte Testament von Levitikus, in dem Moses sagt:

 

Und du sollst zählen sieben Sabbatjahre, siebenmal sieben Jahre, dass die Zeit der sieben Sabbatjahre neunundvierzig Jahre mache ... Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin wohnen.

 

Die Orchestermusiker unterstreichen die Bedeutung der Zahl sieben (sheva auf Hebräisch) dadurch, dass sie die Zahl sieben Mal flüstern oder laut rufen. Später folgen auf den Ausruf hamishim (fünfzig) Fanfaren-Signale der Blechbläser, die die Motive imitieren, die der shofar, dem traditionellen Widder-Horn, zugewiesen werden, um das fünfzigste Jahr als heiliges Jahr zu kennzeichnen. Eine Reihe dieser Fanfaren werden von bespielten Tonbändern abgespielt. Der Satz Thema und Variationen, geistreich Mixed doubles betitelt, ist langsam und asketisch, und kontrastiert Klangfarben mit paarweisen Instrumenten und nimmt Bezug auf den zweiten Satz aus Bartóks Werk.

 

Darüber hinaus instrumentalisiert Bernstein Zahlenbeziehungen in Diaspora Dances, die im 18/8 Takt beginnen und auf die Praxis anspielen, Zahlenwerte dem hebräischen Alphabet zuzuweisen. Das Wort hai entspricht der Zahl achtzehn und bedeutet übersetzt „Leben“. Er sagte, dass diese einzigartige Verehrung des chassidischen Geistes „vom Nahen Osten zurück in die Ghettos von Mitteleuropa reicht und voraus zu einer New Yorker Art des Jazz“. Der letzte Satz, nun mit dem Titel Benediction, verwendet eine Melodie, die erstmals ein halbes Jahrhundert zuvor in einem von Bernsteins Anniversaries für Klavier solo angewendet worden war. Der Satz, und somit das ganze Werk, schließt mit einem kurzen Segen des Baritons, und liefert eine passende Verbindung von Bernsteins jüdischem Glauben von Anfang bis Ende:

 

Der Herr segne dich und behüte dich;

der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden!

 

Sean Hickey

 

Deutsche Fassung: Peter Noelke


Close the window