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8.559117 - CHADWICK: Thalia / Melpomene / Euterpe
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George Whitefield Chadwick (1854-1931)

Thalia • Melpomene • Euterpe • Der Todesengel • Aphrodite

George Whitefield Chadwick war einer der ersten Komponisten von Konzertmusik, deren Werke den Schwung, den Witz und die Unabhängigkeit Amerikas hatten. Als junger Mann hörte er die Uraufführung von Paines Erster Sinfonie - der Gedanke, dass ein Amerikaner Sinfonien komponieren konnte, inspirierte ihn. Gegen den Willen seines puritanischen Vaters beschäftigte er sich ernsthaft mit Musik und ließ auch nicht davon ab, als er aus der Schule genommen wurde, um im Versicherungsbüro seines Vaters zu arbeiten. Während er als Musiklehrer tätig war, bildete er sich autodidaktisch weiter und entwickelte einen feinen Geschmack in künstlerischen Fragen. Sein Studium in Leipzig bei Jadassohn sowie in München bei Rheinberger (1877-1880) gab ihm den letzten professionellen Schliff. Frühzeitig machte er mit seiner Ouvertüre Rip van Winkle von sich reden, die sowohl in Deutschland als auch in Amerika aufgeführt wurde.

Chadwick ließ sich in Boston nieder und blieb hier ein halbes Jahrhundert lang, bis zu seinem Tod. Er modernisierte das New England Conservatory während seiner Zeit als Direktor der Einrichtung (1897-1930) und eröffnete somit den amerikanischen Musikern, auch Frauen und rassischen Minderheiten, die Möglichkeit, im eigenen Land eine professionelle Hochschulausbildung zu erhalten. Er unterrichtete Generationen amerikanischer Komponisten, dirigierte und - was das Bedeutendste von allem war - komponierte in nahezu allen Gattungen und Formen. Seine besondere Begabung für heitere Musik war von Anfang an zu erkennen; hier war Chadwick am meisten „amerikanisch". Seine Kompositionen orientierten sich zunächst an solchen Meistern, wie Beethoven, Schumann, Brahms und Wagner, später kamen französische Einflüsse hinzu. In Chadwicks Personalstil verschmelzen diese Einflüsse mit der Unterhaltungsmusik, mit den Kirchenliedern und den Volkstänzen seines Landes, mit denen er bestens vertraut war.

Obwohl er keine abgeschlossene Schulbildung hatte, wurde Chadwick ein willkommenes Mitglied der kulturellen Gemeinschaft Bostons. Dennoch mag er so manchen Werktitel - Titel, die sich auf das klassische Altertum beziehen - aus dem Gefühl heraus gewählt haben, seinen Kollegen etwas beweisen zu müssen; viele waren Absolventen der Harvard University. Nicht weniger als drei seiner Konzert-Ouvertüren sind nach einer der Musen benannt: Thalia (1883) nach der Muse der Komödie, Melpomene (1887) nach der Muse der Tragödie, und Euterpe (1903) nach der Muse der Musik.

Chadwick bezeichnete Thalia als eine Ouvertüre, die „das Gefühl, den Witz und die dramatische Handlung einer imaginären emotionalen Komödie" zum Ausdruck bringen soll. Die Boston Transcript schrieb über die Uraufführung am 13. Januar 1883 durch das Boston Symphony Orchestra, das Werk habe „die Herzen im Sturm genommen". Seltsam nur, dass es zu Chadwicks Lebzeiten nie wieder gespielt worden ist. Letztlich hat er einige musikalische Gedanken in dem 1910 entstandenen Theaterstück Everywoman (Jedefrau) wiederverwendet. Eine kunstvolle Kadenz der Klarinette leitet eine Melodie im Horn ein, die später noch von Bedeutung sein wird. Wie das schnelle Tempo erreicht ist, erscheint das Hauptthema in Gestalt eines fröhlichen Tanzes. Die Hörner bringen ein marschartiges zweites Thema, das von den Streichern kontrapunktiert wird. Das thematische Material erfährt eine energische Durchführung. Das nachdenkliche Thema aus der Einleitung kehrt zurück, es verknüpft das Unbeschwerte mit dem Gefühlvollen und klingt schließlich triumphal aus.

Melpomene, ein „Vorspiel zu einer imaginären Tragödie", ist das Pendant zu Thalia. Zu der Zeit, als das Werk uraufgeführt wurde (Heiligabend 1887), sah man in Chadwick vor allem den Meister des Scherzos. Und dennoch, Melpomene wurde das Werk, das zu seinen Lebzeiten am häufigsten gespielt und am meisten geschätzt wurde, und das gerade weil es nichts Humoristisches oder Komödiantisches an sich hatte. Hier hat Chadwick gezeigt, dass er absolut ernst sein konnte, und die Kunst musste wohl ernst sein, um von seinen Zeitgenossen als groß anerkannt zu werden. Der Beginn der Ouvertüre ist eine deutliche Anspielung auf die berühmt-berüchtigtste musikalische Tragödie (das heißt Musikdrama) dieser Zeit, Wagners Tristan. Chadwicks Tempobezeichnung Lento e dolente entspricht Wagners Langsam und schmachtend; die Geste zu Beginn umfasst die Töne A-F, gefolgt von einem ausdrucksstarken Akkord; genau wie bei Wagner. Diese Anspielung macht Chadwick jedoch nur, um zu zeigen, dass er im Anschluss vollkommen anders weitergehen kann und will, dass er ganz er selbst ist.

Die letzte der Musen-Ouvertüren kam sechzehn Jahre später; sie offenbart eine ganz andere ästhetische Einstellung. Euterpe entstand im Oktober 1903 und wurde am 23. April 1904 vom Boston Symphony Orchestra uraufgeführt. Die Ouvertüre beginnt düster, mit einer klagenden Trompetenmelodie. Nach und nach beschleunigt das Tempo; kurze Figuren leiten zu einem lebhaften Allegro über. Eine plötzliche Pause, ein Hornakkord; eine neue Tonart wird eingeführt und gefestigt, bevor das zweite Thema erscheint, eine lieblichere, weniger düstere Variante des Hauptthemas. Chadwick entwickelt ein lebhaftes Wechselspiel der Themen, wobei selbst den nachdenklichen Passagen ein humoristischer Zug innewohnt. Wie die Ouvertüre ihre Coda erreicht, wird klar, dass Euterpe eine amerikanische Muse ist, die sich mit einem fröhlichen Winken von der Alten Welt verabschiedet.

Zwei große Kompositionen Chadwicks waren von plastischen Werken inspiriert worden. Anregung für die Komposition von Aphrodite (1910-11) war eine antike Büste der Göttin, die Chadwick im Bostoner Museum der Schönen Künste gesehen hatte. Die Musik versucht nicht, die Abenteuer der Aphrodite, wie sie aus der Mythologie überliefert sind, nachzuerzählen. Chadwick notierte in seiner Partitur: „Im Altertum stellte man Statuen der Aphrodite, der Göttin der Liebe und der Seeleute, direkt an der Küste oder nicht weit entfernt davon auf. Diese sinfonische Fantasie oder sinfonische Dichtung ist ein Versuch, die poetischen und tragischen Szenen, die sich vor den blicklosen Augen einer solchen Göttin abgespielt haben mögen, musikalisch darzustellen." Aphrodite ist also ein Panorama in Musik, eine Folge musikalischer Bilder, die durch ein Thema, das die Göttin symbolisiert, zusammengehalten wird: Mondschein über dem Meer, Sturm, Requiem, Die Liebenden (Solistenduo Violine und Horn), Spielende Kinder, Das Heranrücken einer großen Armee, Hymne an Aphrodite, Mondschein (teilweise Wiederholung), Finale.

Die letzten zehn Jahre seines Lebens waren von Krankheit überschattet; in dieser Zeit hat Chadwick kaum noch komponiert. The Angel of Death (Der Todesengel) ist sein letztes programmatisches Orchesterwerk; es war von einem Flachrelief inspiriert worden, das der Bildhauer Daniel Chester French für das Grabmal seines Berufskollegen Martin Milmore geschaffen hatte. Chadwick vollendete sein Werk am 3. Januar 1918, die Uraufführung fand am 9. Februar 1919 im Rahmen eines Gedenkkonzerts für Theodore Roosevelt statt. Walter Damrosch leitete die New York Symphony Society. Die Anlage des Werkes ähnelt derjenigen von Richard Strauss’ Tod und Verklärung, obwohl hier der Künstler nicht auf dem Totenbett liegt, sondern arbeitet: French stellt einen Bildhauer dar, der den Hammer erhebt, um mit einem letzten Schlag auf den Meißel sein Werk zu vollenden; der Todesengel jedoch, der über ihm schwebt, hält seinen Arm gefasst, sodass das Meisterwerk unvollendet bleibt. Der lebhafte Beginn des Orchesterwerkes stellt den Künstler bei der Arbeit dar, immer wieder jedoch fällt ein Choral der tiefen Blechbläser ein. Der Künstler hat eine Vision seines fertigen Meisterwerkes; bevor er sie in die Tat umsetzen kann, wird er vom Bläserchoral überwältigt, ein Trommelwirbel markiert den fatalen Augenblick. Der Künstler stirbt, nach einem Moment des Schweigens jedoch steigt ein Thema der Bassklarinette aus der Tiefe empor - Symbol des Kunstwerks, das die Zeiten überdauert - und steigert sich zu einem groß angelegten Schlussteil. Vita brevis - ars longa.

Steven Ledbetter

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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