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8.559123 - BERLIN: Berlin for Brass
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Irving Berlin (1888-1989)

Im Laufe seines langen Lebens hat der große amerikanische Songschreiber Irving Berlin die meisten Großereignisse des 20. Jahrhundert miterlebt. Sein Weg führte ihn aus einer russischen Kleinstadt in ein Herrenhaus in Manhattan. Seine Biographie ist im wesentlichen die Geschichte eines Einwanderers, der die Möglichkeiten ergriff, die Amerika ihm bot und die er mit überreicher Kreativität zurückgab. Der Nachkomme einer jüdischen Kantorenfamilie wurde als Israel Baline in Weißrussland geboren. Auf der Flucht vor antisemitischen Ausschreitungen kam seine Familie in die USA, als Berlin fünf Jahre alt war. Die Familie, die nur Jiddisch sprach, wanderte über Ellis Island ein und kam in die übervölkerten Mietwohnungen an der Lower East Side von Manhattan. Hier zeigte Berlin erstmals seine außerordentliche Fähigkeit, sich an ein neues Land, eine neue Sprache und eine neue Kultur anzupassen. Diese Fähigkeit zeigte sich später auch in seiner Musik; er nutzte sie, um sich auf brillante Weise die meisten Popkultur-Trends anzuverwandeln.

Beim Tod seines Vaters war „Izzy" dreizehn Jahre alt. Er ergriff jede nur erdenkliche Arbeit, bis er sich schließlich als singender Kellner in einer Kaschemme in China-Town wiederfand. 1907 veröffentlichte er mit Erfolg den Song Marie From Sunny Italy, und 1909 fand man ihn regelmäßig in der Tin Pan Alley, dem Zentrum der New Yorker Pop-Industrie. 1911 entstand Alexander’s Rag Time Band, ein Hit von nationalen Proportionen. Es begann eine große Karriere.

Nachdem er zunächst mit Ragtimes im Stile der Tin Pan Alley für Furore gesorgt hatte, wandte er sich zunehmend der Komposition von Shows zu; beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges und Berlins Einberufung blieb dieser Schwung erhalten: Die Revue Yip! Yip! Yaphank war zur Aufstockung der Kriegskasse gedacht, doch es wurde ein solcher Erfolg, dass es von den Upton-Kasernen in Yaphank, New York, bis zum Broadway hinüberschwappte.

Revuen waren auch nach dem Krieg der Hit am Broadway. In den roaring twenties gründete Berlin mit einem Partner das New Yorker Music Box Theater. Hier konnte er eine Reihe bekannter Revuen herausbringen, darunter die bahnbrechende As Thousands Cheer von 1933. In den Zwanzigern ging Irving Berlin - dessen erste Frau schon 1912 kurz nach der Heirat gestorben war - ein zweites Mal die Ehe ein, und wieder sorgte er für Schlagzeilen: Er heiratete Ellin Mackay, eine katholische Schriftstellerin und Dame der feinsten Gesellschaft. 1934 ging Irving Berlin nach Hollywood, wo er „Klassiker" für die großen Musicals aus der Zeit der Depression schrieb, die mit den Hauptdarstellern Fred Astaire und Ginger Rogers besetzt waren.

Während des Zweiten Weltkrieges schuf der stets patriotische Berlin die Tournee-Revue This Is the Army, mit der er - oft unter schwierigen Umständen und bisweilen unter beträchtlicher persönlicher Gefahr - viele Kriegstheater besuchte. Sein für den Film Holiday Inn (1942) entstandener Klassiker White Christmas war ein wehmütiges Lieblingsstück der amerikanischen Soldaten in aller Welt und wurde als Notenausgabe das bestverkaufte Stück überhaupt.

In den optimistischen Nachkriegsjahren gehörten verschwenderische Musicals zu den Hauptpfeilern des Broadway, und wieder passte sich Berlin mit Hits wie Annie Get Your Gun (1946) der neuen Zeit an. Das konnte freilich nicht ewig so weitergehen. Sein letztes Musical, Mr. President von 1962, war kein Erfolg. Der Rock’n’Roll wurde die dominierende Musik der Popkultur; Berlin hörte Elvis Presleys Version von White Christmas und hasste sie leidenschaftlich.

Irving Berlin war seit jeher ein rastloser Mensch gewesen, klein von Statur, doch voll nervöser Energie. Unermüdlich bemühte er sich, mit der Zeit Schritt zu halten. Seine Karriere umfasste so viele Jahrzehnte und viele Stile, dass er sowohl Zeitgenosse von Victor Herbert als auch von Stephen Sondheim war. Trotz seines enormen Erfolgs fühlte er, dass sein Ruf nur bis zum nächsten Song währte. Gekränkt mußte er bemerken, dass er allmählich nicht mehr mitkam und sich wie ein Geschöpf aus einer alten Kulturepoche fühlte. Während der sechziger Jahre stellte er das Songschreiben ein und zog sich zunehmend verbittert zurück, bis er schließlich im Alter von 101 Jahren starb. Der Mann, der so hart daran gearbeitet hatte, mit den Zeiten Schritt zu halten, hatte nicht verstanden, dass sein Werk zeitlos geworden war.

Die Songs der vorliegenden Aufnahmen repräsentieren viele Facetten aus Berlins Karriere. Alexander’s Rag Time Band und That International Rag stammen aus seiner frühen Ragtime-Phase wie auch die sanfte, melancholische Ballade When I Lost You, die hier - ganz entgegen ihrem ursprünglichen Kontext - im Salsa-Stil interpretiert wird.

Daneben stehen Ausschnitte aus der Revue As Thousands Cheer und aus dem Musical Annie Get Your Gun. Das auf Schlagzeilen der dreißiger Jahre basierende As Thousands Cheer lässt sich heute schwer wiederbeleben, doch es enthält einige der größten Songs von Berlin. In Harlem On My Mind gibt eine amerikanische Sängerin ganz à la Josephine Baker in ihrer luxuriösen Pariser Wohnung ihrem Heimweh nach. Heat Wave wird in glühendem lateinamerikanischen Stil dargestellt. Berlin verstand es meisterhaft, in seinen Songs das allgemeine und besondere zu verbinden. Ethel Waters’ herzzerreißende Supper Time basiert auf der Schlagzeile über einen Lynchmord, ist dabei aber so gestaltet, dass praktisch jede Familie, die zerbrach, oder jede Liebe, die verging, sich darin wiederentdecken kann.

Der Posaunist Larry Zimmerman spielt They Say It’s Wonderful und There’s No Business Like Show Business aus Annie Get Your Gun. Das lärmende Triumphlied auf das Theater zeigt Berlins kompositorische Virtuosität; die ersten vier Takte des verse bildet er aus ganzen zwei Tönen, dann steigert er sich und nimmt für die ersten acht Takte des chorus ganze drei. Das bemerkenswerte, hauptsächlich in Moll stehende Blue Skies war ein Broadway-Hit, nicht aber in einem Musical von Berlin; vielmehr wurde es in letzter Minute in eine Show namens Betsy von Rodgers und Hart eingefügt.

Neben White Christmas gibt es Ausschnitte aus den beiden ersten Gemeinschaftsproduktionen mit Rogers und Astaire. Songs aus dem 1935 entstandenen Top Hat sind das sanfte Top Hat, White Tie and Tails und No Strings (I’m Fancy Free). Get Thee Behind Me, Satan, die humoristische Erzählung von einer jungen Frau, die eine halbherzige Schlacht gegen romantische, wenn nicht gar erotische Versuchungen führt, war für Top Hat gedacht, wanderte dann aber in Follow the Fleet (1936), wo sie Let Yourself Go Gesellschaft leistete.

Berlin schrieb zahlreiche Einzelstücke, die nicht im Zusammenhang mit größeren Produktionen standen. (I’ll See You In) C.U.B.A. zeigt sein scharfes Empfinden für unterschiedlichste Genres; das berühmte Puttin’ On the Ritz ist eine Studie von Synkopen und falsch platzierten Akzenten, die es mit Gershwins Fascinating Rhythm aufnimmt. Das anrührende What’ll I Do bringt hier das eloquente Flügelhorn von Susan Sexton zu Gehör, während Lazy und Listening glänzende Beispiele für die Myriaden unbekannterer Berlin-Songs sind, die größere Beachtung verdienten.

Wie bei vielen amerikanischen Songschreibern seit Stephen Foster war die musikalische Ausbildung von Irving Berlin dürftig. Er hatte eine dünne, piepsige Stimme, war nur bedingt in der Lage, Noten zu lesen und zu schreiben - und sein „pianistisches" Geschick konnte man vergessen. Er brauchte Assistenten, die seine Musik niederschrieben und ihm halfen, die richtigen Harmonien zu orten, die er vor seinem inneren Ohr hörte. Trotz dieser Handicaps aber hatte er kristallklare Visionen, und mit peinlicher Genauigkeit gab er seinen Songs den letzten Schliff.

Diese hohen Standards verleihen jedem Song eine eigene Persönlichkeit und eine strukturelle Integrität, die den Arrangeuren viel Freude bereitet. Berlins Songs scheinen unendlich dehnbar zu sein. Vielleicht ist die Ballade The Song Is Ended in der Vierertakt-Fassung von Ella Fitzgerald bekannt - ursprünglich war der Titel ein Walzer. Berlins eigenes Vergnügen am Spiel mit verschiedenen Gattungen haben die Arrangeure hier aufgegriffen. So gibt es unter anderem Einrichtungen in Jazz, Ragtime, Dixieland, Mambo, Calypso und Salsa.

Jay Krush

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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