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8.559134 - BARBER: Knoxville: Summer of 1915 / Essays for Orchestra Nos. 2 and 3
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Samuel Barber (1910-1981)

Samuel Barber (1910-1981)

Knoxville: Summer of 1915 • Toccata Festiva

 

Samuel Barbers Musik entzieht sich seit jeher kritischen und wissenschaftlichen Betrachtungen, und das vor allem deshalb, weil er inmitten eines tumultuösen Jahrhunderts, dessen Komponisten sich vor allem durch ihre Zugehörigkeit zu künstlerischen Lagern definierten, nie einer bestimmten Schule, Ästhetik oder Dogmatik angehört hat. Gern wird Barber das bequeme, eingrenzende Etikett des Neoklassizisten angeheftet, doch in Wirklichkeit gibt es an ihm nichts, was man als „neo“ bezeichnen könnte. Vielmehr war Samuel Barber der letzte echte Romantiker, das amerikanische Pendant zu Sibelius und Elgar – wobei seine Musik eine größere handwerkliche Fertigkeit, eine kantigere Oberfläche und eine weitreichende Neugier verrät.

 

\Barber wurde im März 1910 in Westchester, Pennsylvania, geboren und zeigte schon früh ein vielversprechendes Talent. Unter der Anleitung des Komponisten Sidney Homer, der ganz nebenbei sein Onkel war, schrieb er einige recht eindrucksvolle große Werke. 1924 wurde er Schüler des eben gegründeten Curtis Institute of Music von Philadelphia, wo er nicht nur Komposition und Klavier studierte, sondern sich auch zu einem recht ansehnlichen Bariton entwickelte. Er war so beeindruckend, dass seine Mitstudenten ohne alle Ironie von den „B’s“ Bach, Beethoven und Barber sprachen.

 

Barber wurde zu einem der erfolgreichsten Komponisten seiner Zeit. Er erhielt zwei Pulitzer-Preise sowie den Prix de Rome, und die bedeutendsten musikalischen Institutionen der Welt bestellten Musik bei ihm – unter anderem die Metropolitan Opera, wo allerdings seine zweite Oper Antony and Cleopatra einen katastrophalen Durchfall erlebte. Dieses Desaster setzte seiner beachtlichen Kreativität einen deutlichen Dämpfer auf, und am Ende seines Lebens musste er den Aufstieg nach-webernscher Komponisten wie Boulez und Carter mit ansehen, während er selbst immer mehr in Vergessenheit geriet und zu einem beinahe tragischen Einsiedler wurde. Er starb im Januar 1981 in New York City.

 

1942 erhielt Barber von Bruno Walter den Auftrag zu einem Werk für die New Yorker Philharmoniker. So entstand der Second Essay for Orchestra, der allgemein als die eindringlichste und straffste der drei gleichnamigen Kompositionen gilt. Gelegentlich findet man sogar die Ansicht, dass es sich dabei eher um eine einsätzige Symphonie denn einen Essay handelt, denn das Stück ist so dicht gefügt, dass sich in seiner kaum zehnminütigen Aufführungsdauer mehr ereignet als in anderen Werken, die eine halbe Stunde in Anspruch nehmen. Die gesamte Partitur basiert auf dem Flötenmotiv, das zu Beginn in der Art einer ruhigen Fanfare erklingt und in ein zweites Thema übergeht, dessen sparsam gesetzte, kraftvolle Gestalt im Kontrast zu dem lyrischen Anfang steht. Schließlich spinnt Barber aus dem Flötenmotiv eine flinke Fuge, und in einer tour de force kombiniert er alle drei Gedanken zu einem rauschenden Finale. Kulminationspunkt ist eine Coda, in der der Beginn des Werkes nachklingt – im Ende liegt der Anfang, der Kreis schließt sich. In diesem Essay zeigt sich Barber von seiner besten Seite, und zwar nicht nur aufgrund seiner makellosen technischen Fähigkeiten, sondern auch dank einer besonders gesunden, echten Musikalität.

 

Fünf Jahre vor seinem Tod unterhielt sich Barber mit Eugene Ormandy, dem damaligen musikalischen Direktor des Philadelphia Orchestra, über den möglichen Auftrag für ein neues Orchesterwerk. So entstand sein dritter Essay for Orchestra – eine Form, die Barber selbst einige Jahrzehnte vorher kreiert hatte. Das Stück hat den orchestralen Schwung einer Symphonie, besteht aber aus einem einzigen, fest gefügten Satz (sämtliche Materialien sind aus der Schlagzeugfigur des Anfangs abgeleitet) und ist für eine recht große Besetzung geschrieben. Zwar gibt es auch in dieser Komposition lyrische Momente, doch insgesamt ist der dritte Essay weniger melodisch als seine beiden mehr als 30 Jahre älteren Geschwister.

 

Es ist eigentlich kein Wunder, dass Barber sich mit der lyrischen Prosa von James Agee anfreundete, dessen rhythmische, nostalgische Worte er in einem seiner beliebtesten Werke vertonte: Knoxville: Summer of 1915. Die Dichtung beschwört ruhigere, unschuldigere Zeiten, und da die Komposition zwei Jahre nach dem fürchterlichen Ende des Zweiten Weltkriegs entstand, traf Barber damit den Nerv einer Generation, die zumindest im Westen auf eine optimistischere, weniger gewalttätige Zeit hoffte. Doch hinter der Einfachheit der musikalischen Texturen lauert die Bedrohung, die Zerstörung der Unschuld ... und so überrascht es nicht, dass Barber das Werk komponierte, als sein Vater, dem Knoxville gewidmet ist, einen langsamen Tod starb.

 

Das Stück ist für Sopran und Streichquartett, Harfe, Flöte und Klarinette geschrieben, und Barber gelang damit eine Komposition, die die Größe eines Orchesterwerkes mit der Intimität der Kammermusik verbindet: Er selbst nannte es eine „lyrische Rhapsodie“. Den Auftrag dazu hatte ihm seine Freundin und langjährige Verehrerin Eleanor Steber erteilt, die im April 1948 unter der Leitung von Serge Koussevitzky beim Boston Symphony Orchestra auch die Uraufführung sang.

 

1960 machte die reiche Musikmäzenin Mary Zimbalist das Angebot, für Philadelphia eine neue Orgel zu finanzieren, und dieses Anerbieten verband sie zur großen Freude von Eugene Ormandy mit dem Auftrag an Samuel Barber, für eben dieses neue Instrument ein geeignetes Einweihungsstück zu schreiben. So entstand die Toccata Festiva für Orgel und mittelgroßes Orchester, das alle technischen Möglichkeiten der ungemein willkommenen Spende zur Entfaltung bringen sollte.

 

Das Orchester dient hier nicht als bloße Begleitung, sondern fungiert als eine Art von „Über-Orgel“, doch der wirkliche Star ist natürlich der Solist, der zunächst eine schnelle, furiose Einleitungsfanfare zu spielen hat und dann unter anderem in einer Kadenz brillieren kann, die nur für Pedal geschrieben ist – ein Kunststück, das selbst die vorzüglichsten Musiker in Staunen versetzt.

Daniel Felsenfeld

 

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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