About this Recording
8.559148 - FLAGELLO: Symphony No. 1 / Theme, Variations and Fugue
English  French  German 

Nicolas Flagello (1928-1994)

Nicolas Flagello (1928-1994)

Sinfonie Nr. 1 • Sea Cliffs • Intermezzo • Thema, Variationen und Fuge

Nicolas Flagello war einer der letzten amerikanischen Komponisten, die sich am musikalischen Wertesystem der Romantik orientierten, unter Einbeziehung von harmonischen und rhythmischen Neuerungen der Moderne, aber ohne die Ironie oder die Distanz gegenüber der Tradition, wie sie für die Postmoderne typisch ist. Für ihn war Musik etwas Persönliches, ein Ausdrucksmittel für Gedanken und Emotionen. Ein Musikverständnis dieser Art war in den Jahren nach 1945, als sich das künstlerische Profil des jungen Komponisten herausbildete, alles andere als „zeitgemäß" - „Originalität" und „Experiment" waren die Markenzeichen eines musikalischen Umfeldes, in dem Flagello kaum Beachtung fand. Dennoch hielt er sein Leben lang an seinen Idealen fest. Zu seinem umfangreichen und vielfältigen Schaffen gehören sechs Opern, zwei Sinfonien, acht Konzerte und zahlreiche kleinere Orchesterwerke, Chormusik, Kammermusik und Lieder. Vieles davon ist zu seinen Lebzeiten nie aufgeführt worden, erst in den letzten rund zehn Jahren ist Flagellos Musik auf zunehmendes Interesse und Verständnis von seiten des Publikums, der Interpreten und der Musikkritik gestoßen.

Flagello wurde in eine musikalische Familie in New York City hineingeboren. Als Kind lernte er Klavier und Geige und begann mit kaum zehn Jahren, eigene Stücke zu komponieren. Er wurde Vittorio Giannini vorgestellt, einem damals hochgeschätzten Komponisten und Lehrer, der für seine traditionelle Ausrichtung bekannt war. Giannini wurde Flagellos Mentor in musikalischen Fragen, und im Laufe der Zeit schlossen beide eine enge Freundschaft, die bis zum Tod des Älteren im Jahre 1966 fortbestand. Im Jahre 1945 trat Flagello in die Manhattan School of Music ein, wo Giannini lehrte. Er legte das Examen zum Bachelor (1949) und zum Master (1950) ab und wurde nach Abschluss seines Studiums als Lehrkraft übernommen. Flagello blieb über 25 Jahre an der Einrichtung, in den 1960er Jahren lehrte er auch eine Zeit lang am Curtis Institute in Philadelphia. Nachdem er im Jahre 1955 das Fulbright Fellowship gewonnen hatte, ging er für ein Jahr nach Rom und studierte an der Accademia di Santa Cecilia bei Ildebrando Pizzetti.

Die ersten Aufnahmen von Flagellos Musik, die im Jahre 1964 entstanden, sind von einigen Kritikern durchaus positiv bewertet worden. Im Jahre 1974 wurde sein Oratorium The Passion of Martin Luther King (Die Leidensgeschichte des Martin Luther King) im Kennedy Center in Washington uraufgeführt; mit großem Erfolg, es wurde anschließend mehrfach in den Vereinigten Staaten und in Kanada aufgeführt und auch auf Schallplatte aufgenommen. Im Jahre 1982 wurde seine Oper The Judgment of St Francis (Das Urteil des heiligen Franziskus) in Assisi herausgebracht. Flagello war außerdem als Pianist und Dirigent tätig, er hat Dutzende von Werken vom Barock bis zur zeitgenössischen Musik auf Schallplatte eingespielt. Eine degenerative Krankheit setzte im Jahre 1985 seinem musikalischen Wirken ein vorzeitiges Ende. Flagello starb im Jahre 1994, im Alter von 66 Jahren.

Flagello komponierte seine Sinfonie Nr.1 in den Jahren 1964 bis 1968, sie wurde im Jahre 1971 durch das Sinfonieorchester der Manhattan School of Music unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt. Sie ist das größte und ambitionierteste seiner abstrakten Werke und legt in vielerlei Hinsicht sein Wesen als Komponist und Mensch offen. Gleichzeitig ist sie ein Werk vollendeter kompositorischer Meisterschaft und Disziplin, geradezu ein Lehrbuch der klassischen sinfonischen Technik. Da kann es nicht weiter überraschen, dass Brahms’ Vierte Sinfonie bei diesem Werk Pate gestanden hat, wie Flagello selbst eingestand, obwohl deren olympischer Ernst doch sehr weit von der Aufgewühltheit und Verzweiflung seiner eigenen Komposition entfernt ist.

Das Werk beginnt kraftvoll mit einem Dreitonmotiv, das die Grundlage für die gesamte Sinfonie bildet. Der erste Satz Allegro molto ist ein explosives Sonatenallegro, in dem ein leidenschaftlich bewegtes erstes Thema durch ein unruhig-grüblerisches zweites Thema ausgeglichen wird, das im Verlauf des Satzes einem großartigen Höhepunkt zugeführt wird. Das Konflikthafte, das den Charakter des Satzes ausmacht, wird durch häufige und scharf akzentuierte Taktwechsel erzeugt. Der zweite Satz Andante lento beginnt mit einer rezitativartigen Passage, die nach und nach zum Hauptteil des Satzes überleitet, einem breiten lyrischen Sich-Verströmen, das an- und abschwillt mit der Unmittelbarkeit einer Opernszene. Diese „Arie" für Orchester, in die das Dreitonmotiv eingewoben ist, steigert sich zu einem Höhepunkt, bevor es zu dem rezitativischen Beginn zurückfindet. Der dritte Satz Allegretto brusco ist ein ironisches Scherzo mit grotesken wie düsteren Untertönen. Er basiert auf der Umkehrung des Dreitonmotivs. Ein unheimlicher Trioabschnitt bringt einen kurzen Moment der Ruhe, die jedoch unsicher, trügerisch wirkt, bevor das Scherzo in veränderter Form wiederkehrt. Die Reprise des Scherzos mündet in eine Stretta, die in einem wild-dämonischen Ausbruch gipfelt, in dem alle musikalischen Gedanken des Satzes miteinander kombiniert werden. Das Scherzo endet ungewiss, quasi in Erwartung des gewaltigen Finales, das sich nun anschließt. Der vierte Satz Ciaccona: Maestoso andante beginnt mit der majestätischen Tutti-Vorstellung eines Themas, hinter dem sich eine Basslinie verbirgt, die aus dem Krebs des Dreitonmotivs gewonnen wurde. Die Chaconne (oder besser Passacaglia, obwohl die beiden Begriffe oft synonym verwendet werden) ist auf dieser Basslinie aufgebaut. Eine Folge von neunzehn Variationen in strenger Form schließt sich an, die so beginnt, wie man es gewöhnlich von einer Passacaglia erwartet, feierlich und ernst. Die Musik wird jedoch nach und nach erregter und führt zu einer Reprise des majestätischen Beginns des Satzes. Nun schließt sich, angeführt von der Oboe, eine Folge von freieren Variationen an, die wie ein schmerzliches, bitter-süßes Zwischenspiel wirken. Das Empfindsam-Zarte schlägt bald ins Bedrohlich-Spannungsgeladene um und leitet, nach insgesamt 26 Variationen, zu einer energischen Fuge über, deren Thema und Gegenthema Ableitungen der Basslinie der Chaconne darstellen. Im weiteren Verlauf der Fuge wird das gesamte thematische Material des Satzes verarbeitet, in zunehmend gedrängterer Form. Eine Stretta kulminiert in einer Terzenharmonisation des Passacagliathemas, die sowohl triumphal als auch trotzig wirkt, und bringt das Werk zu einem extrem schwer erkämpften Abschluss.

Ende der 1950er Jahre wurde Flagello gebeten, eine Reihe von klassischen Stücken unterhaltenden Charakters für Streichorchester zu arrangieren, für eine Schallplattenaufnahme, die er selbst dirigieren sollte. Er beschloss, neben seinen Arrangements ein eigenes melodiöses Stück einzubringen, Sea Cliffs (Meeresklippen). Das Werk weist trotz seiner Kürze eine Vielfalt an Techniken auf, die dem Klang der Streicher besonders entgegenkommen. Es wurde auf die vorliegende CD als eine Art „Neutralisator" für den musikalischen Gaumen des Hörers aufgenommen, nach all dem Ätzenden der vorangegangenen Sinfonie.

Im Jahre 1969 erhielt Flagello von der Abteilung Studienvorbereitung der Manhattan School of Music den Auftrag, eine Oper für Kinder zu schreiben, für Kinder als Publikum wie auch als Interpreten. Er entschied sich dafür, Robert Brownings Gedicht The Pied Piper of Hamelin (Der Rattenfänger von Hameln) zu einem Opernlibretto umzuarbeiten und den Schluss zu ändern - keine Rache, sondern Erlösung; der Rattenfänger wird als ein beinahe Christus-ähnlicher „Geist der Musik" dargestellt. Im Endergebnis entstand eine dreiaktige Oper, die weniger als eine Stunde dauert. Die Premiere fand im Mai 1970 an der Manhattan School of Music statt, und in den folgenden Jahren erlebte die Oper eine Reihe erfolgreicher Neuinszenierungen.

Flagellos Musik zum „Rattenfänger von Hameln" besticht durch unmittelbare Verständlichkeit und Melodienreichtum, sie ist so geschrieben, dass sie von Kindern, mit Unterstützung von reiferen Interpreten, aufgeführt werden kann. Dem 3. Akt geht ein kurzes Intermezzo voraus, das die emotionale Lage an diesem Punkt der Oper mit rein musikalischen Mitteln darstellt. Der schwermütige Beginn bringt die Einsamkeit und Verzweiflung der Bürger der Stadt zum Ausdruck, die ihrer Kinder beraubt worden sind. Etwa in der Mitte des Intermezzos stellt die Klarinette ein zartes Motiv vor, das später in der Oper als Erlösungsthema wiederkehren wird.

Flagellos Thema, Variationen und Fuge bildet den Höhepunkt seines einjährigen Studiums bei Pizzetti an der Accademia di Santa Cecilia. Dennoch kann man es nicht einfach als die Arbeit eines Studenten bezeichnen, hatte doch der achtundzwanzigjährige Flagello bereits zwei Opern, Konzerte für Klavier und für Flöte und ein großes Chorwerk komponiert. Das Werk basiert auf einem düsteren Thema in b-Moll, das um eine fallende kleine Terz herum gebaut und in eine dichte chromatische, kontrapunktische Struktur eingewoben ist. Ein Nebenmotiv wird durch eine stufenweise fallende Bewegung charakterisiert. Die neun Variationen sind vielfältig in Stimmung und Charakter. Bemerkenswert ist, dass manche dieser Ausdruckscharaktere - launisch, grotesk, unbeschwert, komisch, unbeholfen - in Flagellos späteren Kompositionen nur noch selten eine Rolle spielen, während andere - klagend, energisch, innig-liebevoll - immer wieder neu gestaltet werden. Den Variationen folgt eine kunstvolle Fuge, deren schwungvolles Thema auf dem Hauptthema des Werkes basiert. Sie beginnt mit einer solide gearbeiteten, wenn auch konventionellen Exposition und Durchführung und wird immer ausdrucksstärker und sinfonischer im Charakter. Schließlich erscheint das Hauptthema in seiner ursprünglichen, düsteren Gestalt im Horn und in den Celli, kontrapunktiert von fortlaufenden Figuren der Violinen und Flöten, die nach und nach vom gesamten Orchester übernommen werden. Das Werk gipfelt in einer monumentalen Coda in B-Dur.

Walter Simmons

Deutsche Fassung: Tilo Kittel

Weitere Informationen im Internet: www.Flagello.com


Close the window