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8.559150 - BOLCOM: Violin Sonatas Nos. 1-4
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William Bolcom (geb. 1938)
Sonaten für Violine und Klavier

Der in Seattle geborene Komponist und Pianist William Bolcom studierte an der University of Washington bei George Frederick McKay und John Verrall, am Mills College und am Conservatoire de Paris bei Darius Milhaud und machte seinen Doktor an der Stanford University. Seit 1973 unterrichtet er als Ross Lee Finney-Professor für Komposition an der Universität von Michigan. Er hat Aufträge von Organisationen und Personen aus aller Welt erfüllt und zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen erhalten; unter anderem gab es für seine Zwölf neuen Klavieretüden den Pulitzer-Preis des Jahres 1988 für Musik.

Bolcoms Werke werden häufig aufgeführt und aufgenommen. Sein OEuvre enthält unter anderem sieben Symphonien, mehrere Konzerte, drei Opern für die Lyric Opera von Chicago, drei Theater-Opern sowie eine Fülle an Kammermusik, Klavierwerken, Liedern und Chormusik. Im Laufe von mehr als dreißig Jahren hat William Bolcom seine Frau, die Mezzosopranistin Joan Morris, bei Bühnenauftritten und in mehr als zwei Dutzend Aufnahmen volkstümlicher amerikanischer Lieder begleitet. Zu seinen vier Violinsonaten gibt William Bolcom den folgenden Kommentar:

Seit ich klein war, haben mich zwei musikalische Klänge vor allen andern fasziniert: die der menschlichen Stimme und die der Violine. Ich kann nicht singen, obwohl ich bis vor kurzem über das sogenannte absolute Gehör verfügte – eine Gabe, die eher ein Fluch als ein Segen ist, denn anscheinend war es mir nicht möglich, meine Stimme mit dem in Einklang zu bringen, was mir mein Ohr als richtig erklärte. Zudem habe ich nie Ambitionen gezeigt, ein anderes Instrument als das Klavier zu spielen. (Als ich etwa zehn war, kramten wir die Stradivari-Imitation meines Großvaters mütterlicherseits hervor – ich glaube, sie kam aus der Tschechoslowakei –, und ich nahm ein paar nicht sonderlich erfolgreiche Stunden; dann wurde die Geige meinem Vater vom Rücksitz seines Buick gestohlen, und damit endete mein Unterricht auf diesem Instrument.)

Ich hatte damals jedoch das außerordentliche Glück, einen ausübenden Geiger am Orte kennenzulernen, der mich gründlich mit der Violinliteratur vertraut machte. Gene Nastri war damals Direktor für Streichinstrumente und Orchester an den Schulen der Industriestadt Everett, Washington, wo wir damals lebten, und er war so freundlich, die kleinen Melodien für Violine und Klavier zu spielen, die ich für ihn schrieb; dazwischen gab es lange Sitzungen mit den Violinsonaten von Beethoven und Mozart und vielen anderen. Um einen Nicht-Spieler mit der Geschichte und Psychologie des Instruments vertraut zu machen, kann ich mir keine bessere Methode vorstellen – und ich werde Gene für das, was er für mich getan hat, immer dankbar sein.

Die erste Violinsonate entstand 1956 während meines ersten Jahres an der University of Washington in Seattle. Ich schrieb sie für Peter Marsh und dessen damalige Frau Joanna, die das Stück nie gespielt hat. Im nächsten Frühjahr hoben die Geigerin Joy Aarset und ich die Sonate in einem Konzert an der Universität aus der Taufe. Die vorliegende Revision nahm ich für das Duo Hanley Daws – Katherine Faricy aus Saint Paul vor, die es dort 1984 uraufführten.

Gegenüber der ersten Fassung habe ich das Stück deutlich gestrafft (mehr als 200 Takte an Wiederholungspassagen sowie eine Fuge im Schluss- Satz wurden entfernt), doch ich habe nur wenig umgeschrieben und dabei versucht, die jugendliche Energie des Stückes zu bewahren. Lediglich drei Takte wurden ergänzt, und zwar im zweiten Satz, wo ich einen Übergang herstellte, der mir immer gefehlt hatte. Ich mag diese Sonate seit jeher und freue mich, sie in dieser neuen Fassung vorstellen zu können.

Die zweite Sonate ist 22 Jahre jünger als die erste und resultiert zum Teil aus dem Kontakt des Violinisten Sergiu Luca zu dem großen Jazzgeiger Joe Venuti. Luca war in den späten siebziger Jahren einer der ersten klassisch ausgebildeten Geiger, die sich für den Jazz zu interessieren begannen, und Venuti, die lebende Legende von über achtzig, hatte noch immer eine perfekte Intonation, eine blendende Technik und Dutzende neuer musikalischer Einfälle. An einem unvergesslichen Abend im April 1978 lud Joe in Michael’s Pub in New York zuerst Sergiu, dann meine Frau Joan Morris und mich ein, mit ihm, dem Bassisten Milt Hinton und dem Drummer Bobby Rosengarden zusammenzuspielen. (Ich weiß nicht mehr, was wir und wie wir es machten, da mir in der Aufregung, neben dem Meister zu sitzen, der Kopf schwirrte.) Sergiu hatte von der McKim-Stiftung der Library of Congress den Auftrag zu einem neuen Stück besorgt, das wir spielen sollten. Im Sommer begann ich als Composer in Residence des Festivals von Aspen mit der Arbeit an der Sonate. Dabei benutzte ich viele von Joes stilistischen Tricks – die abwechselnden Pizzikati der linken und rechten Hand, die Doppelgriff-Glissandi, das ganze Universum an Nuancen. An einem Tag im August 1978 rief mich Sergiu in Aspen an: Joe war gestorben, und die zweite Sonate wurde sein Denkmal.

Der erste Satz, Summer Dreams, ist ein modifizierter Blues mit kontrastierendem Mittelteil. Brutal, schnell ist eine furiose Improvisation über ein kleines Intervall, das eine der härtesten Klavierpassagen enthält, die ich je geschrieben habe. Das anschließende Adagio ist ein rhapsodisches Arioso, das am Ende zu einer hymnenartigen Melodie führt. Das Finale In Memory of Joe Venuti ist so etwas wie eine Salsa à la Venuti und erinnert in vielem an seinen Stil.

Das Werk wurde am 12. Januar 1979 von Sergiu Luca und dem Komponisten im Coolidge Auditorium der Library of Congress von Washington, DC, uraufgeführt.

Mein langjähriger Librettist und Mitarbeiter Arnold Weinstein sagte mir, dass stramba im Italienischen so etwas wie „wunderlich“ oder „schrullig“ bedeutet, und „wunderlich“ ist die dritte Sonate gewiss. Ihre unheimliche Stimmung hielt mich durchweg gefangen, als ich an dem Werk arbeitete. Natürlich dachte ich während der Arbeit an das äußerst individuelle Geigenspiel von Nadja Salerno-Sonnenberg: Es war ein Vergnügen, in diesem Werk, das ich für sie schrieb, ihre dramatische, leidenschaftliche Persönlichkeit zu beschwören.

Der erste Satz bringt nach einer langen, äußerst theatralischen Einleitung die mexikanische Hymne „Guerra, guerra“ in seinem Hauptmotiv – obsessiv und unerbittlich wie es der Krieg in der Menschheitsgeschichte ist. Trotz seiner Gesanglichkeit bietet das Andante nach der tragischen Stimmung keine wirkliche Erholung. Like a shiver (Wie ein Schauern) ist ein Scherzino, das direkt zu einem Finale führt, dessen Stimmung irgendwo zwischen den dunkleren Tangos von Astor Piazzolla und der Musik Arabiens liegt. Keine dieser Stimmungen lässt sich ganz präzise definieren: Das gesamte Werk ist eben „stramba“.

Die dritte Sonate entstand im Auftrag des Aspen Music Festival mit Unterstützung der Debby and Martin Flug-Stiftung zum 75. Geburtstag der legendären Violinpädagogin Dorothy Delay. Die Uraufführung fand durch Nadja Salerno-Sonnenberg und den Komponisten am 12. Juli 1993 in Aspen statt.

Die vierte Sonate ist das Geschenk einer Ehefrau an ihren Mann. Cynthia Birdgenaw war vor etlichen Jahren Konzertmeisterin des Musikschul-Orchesters an der Universität von Michigan und heiratete den Geiger Henry Rubin, der Konzertmeister des Brooklyn Philharmonic gewesen war, bevor er als Lehrer an die Universität von Houston ging. Zum 50. Geburtstag ihres Mannes hatte Cynthia um ein technisch anspruchsvolles, brillantes Werk gebeten.

Der erste Satz repräsentiert im allgemeinen ein miniaturhaftes Sonaten-Allegro, worauf unmittelbar White Night folgt – eine Darstellung der Schlaflosigkeit: In der Mitte des Satzes erscheint eine weihnachtsliedartige Melodie, die, wie ich bemerke, einer traditionellen dänischen Weise ähnelt (was kein Wunder ist, da ich in Städten des Staates Washington aufwuchs, wo es einen hohen Anteil an Skandinaviern gibt). Während die Erinnerung an das Lied eigentlich hätte einschläfernd wirken sollen, hatte es bei mir den gegenteiligen Effekt. Wie das Finale der dritten Sonate, so hat auch hier der nächstfolgende Satz etwas Arabisches; er ist erfüllt von Tragik und Schicksalhaftigkeit (vielleicht eine Vorahnung der Stimmung, die gegenwärtig in der Welt herrscht?) und durchzogen von meiner Liebe zu dieser Art von Musik. Danach folgt eine abschließende Jota, ein spanischer Tanz mit maurischen Wurzeln.

Die vierte Sonate (1994) wurde am 26. Januar 1997 vom Komponisten und dem Geiger Henry Rubin an der Universität von Michigan in Ann Arbor, Michigan, uraufgeführt.

Ich freue mich sehr, dass das Ehepaar Solomia Soroka und Arthur Greene meine vier Violinsonaten aufgenommen hat. Dieses Team bringt ein besonderes Verständnis für die Werke mit und unterstreicht dabei die traditionellen Qualitäten, die – wie ich immer betont habe – im Zentrum aller vier Stücke stehen.

William Bolcom
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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