About this Recording
8.559151 - CARTER: Piano Concerto / Symphony No. 1 / Holiday Overture
English  German 

Elliott Carter (geb. 1908)
Holiday Overture • Sinfonie Nr. 1 • Klavierkonzert

Während man sich schwerlich darauf einigen wird, wer Amerikas bedeutendster lebender Komponist, so gilt Elliott Carter weithin als der herausragendste. Heute 95 Jahre alt und seit acht Jahrzehnten kompositorisch tätig, umspannt Carter den Zeitraum eines gesamten Jahrhunderts. Seine höchst anspruchsvollen atonalen Partituren mit ihrer außerordentlich komplexen Rhythmik machten ihn berühmt und zu einem der Hauptprotagonisten der modernen Musik in den Vereinigten Staaten. Zu Carters wichtigsten Werken zählen das Doppelkonzert für Klavier und Cembalo mit zwei Kammerorchestern, das Strawinsky als Meisterwerk erkannte, das Konzert für Orchester, für dessen Verbreitung sich Bernstein einsetzte, das mit dem Grammy ausgezeichnete Violinkonzert und fünf Streichquartette, die man vielfach als die bedeutendsten Werke in dieser Gattung seit Bartók bezeichnet hat; für zwei dieser Werke erhielt Carter den Pulitzer-Preis. Zu seinen jüngsten Kompositionen zählen seine erste Oper, What Next?, und ein für Yo-Yo Ma geschriebenes Cellokonzert.

Die drei hier vorgestellten Orchesterwerke entstanden in dem für Carters lange Karriere relativ kurzen Zeitraum von zwei Jahrzehnten, und doch scheinen die Holiday Overture und die Sinfonie Nr. 1, beide in den 1940er Jahren entstanden, beim ersten Hören durch Welten getrennt sein. Die in dieser Einspielung vorgenommene Kombination zweier Werke aus Carters früher „populistischer“ Stilperiode mit einem der scheinbar unzugänglichsten Werke seines reifen Spätstils beweist jedoch, dass bereits der junge Carter höchst individuelle und komplexe Werke komponiert hat und dass der späte Carter verständlicher ist, als man zunächst annehmen könnte.

Jedes dieser Werke hält einen wichtigen Augenblick im Leben des Komponisten fest: die Holiday Overture ist die musikalische Feier der Befreiung Frankreichs durch die Alliierten; die 1. Sinfonie beschwört das Meer am Cape Cod und die Naturlandschaft Neu-Mexikos, wo die Musik komponiert wurde. Die Klangspaltungen des Klavierkonzerts waren eine direkte Antwort auf die Errichtung der Berliner Mauer. Mehrfaches Hören enthüllt viele Gemeinsamkeiten wie das Hervorgehen größerer Strukturen aus der Verbindung von einzelnen Episoden statt der traditionellen Durchführung, kammermusikalisch orientierte Instrumentierung an Stellen, wo die vielen Stimmen des Orchesters als Individuen funktioneren, eine Vorliebe für komplexe Polyphonie – nicht zuletzt das Resultat von Carters kompositorischen Studien bei der berühmten Nadia Boulanger in Paris – und Musik, die bei aller Rigorosität eines gelegentlichen Humors nicht entbehrt. Viele seiner Techniken gemahnen an Carters  Jugendmentor Charles Ives, dessen unkonformistische Werke bei aller Problematik stets eine unmittelbare Wirkung erzielten.

Die Holiday Overture entstand im Sommer 1944 auf Fire Island im Staat New York. Sie reflektiert den positiven Geist der amerikanischen Konzertmusik der Zeit. Die Befreiung Frankreichs – besonders bedeutsam für Carter, der drei Jahre in Paris gelebt hatte – stellte einen kriegsentscheidenden amerikanischer Sieg und einen Vorboten des alliierten Triumphs dar, der den 2. Weltkrieg im folgenden Jahr beendete. Eine triumphale Stimmung beherrscht denn auch die Holiday Overture, vielleicht Carters bravourösestes Stück. Und obwohl es geradezu wie eine Antithese zu der instrospektiven Vielschichtigkeit wirkt, die Carters Musik nur wenige Jahre später kennzeichnen sollte, sah der Komponist in ihm ein Werk des Übergangs. In seinem Essay The Orchestral Composer’s Point of View aus dem Jahr 1970 (Nachdruck in Collected Essays and Lectures, University of Rochester) behauptet Carter, dass er in dieser Ouvertüre erstmals „bewusst die Idee simultan kontrastierender Schichten musikalischer Aktivität formulierte, die die meisten meiner jüngeren Werke charakterisiert“. Synkopierte Themen, obwohl weit entfernt von der stupenden rhythmischen Komplexität späterer Werke, sperren sich schon hier gegen einen gleichmäßigen Taktfluss und flechten ein verschlungenes Netz von Gegenrhythmen und Dissonanzen. Ironischerweise fand die Uraufführung dieser Ouvertüre, die eine vernichtende deutsche Niederlage zum Thema hat, ausgerechnet in Deutschland statt. Als Gewinner des Independent Music Publishers Contest von 1945 sollte das Werk vom Boston Symphony Orchestra unter Koussevitsky (einem der Juroren) uraufgeführt werden; stattdessen fand die Premiere in Frankfurt unter Celibidache statt, wobei die Musiker von photokopiertem Material spielten. Frustriert über das monatelange vergebliche Warten auf die Uraufführung hatte Carter die Orchesterstimmen heimlich aus der Bibliothek des Bostoner Ochesters geschmuggelt und sie kopieren lassen. 1961 revidierte er die Partitur. Die Bostoner machten ihre Nachlässigkeit später mehr als gut, indem sie Carter mit der Komposition des Klavierkonzerts beauftragten und das Werk auch zur Uraufführung brachten.

Teile der 1942 in Santa Fe vollendeten Sinfonie Nr. 1 entstanden bereits Mitte der 1930er Jahre und gehörten zunächst zur Ballettpartitur Pocahontas, einem der frühesten von Carter selbst anerkannten Werke. Andere Teile der Sinfonie wie die üppigen Streicherakkorde, die den ersten Satz einleiten, stammen aus der 1954 vorgenommenen Revision, nachdem der Komponist sein musikalisches Idiom bereits einer radikalen Transformation unterzogen hatte. Trotz ihrer Bezeichnung Sinfonie Nr. 1 ist bis zum heutigen Zeitpunkt keine Nr. 2 entstanden. Das Wort „Sinfonie“ begegnet nur noch in zwei anderen Carter-Titeln: in A Symphony of Three Orchestras (1977) und seinem neueren Orchester-Tryptichon Symphonia: sum fluxae pretium spei (1993-96). Im Vergleich mit diesen kolossalen Werken gibt sich die Sinfonie Nr. 1 wesentlich bescheidener. Geschrieben für kleines Orchester und unter Verwendung eines meist diatonischen harmonischen Vokabulars, ist das Werk weit entfernt von Carters späteren musikalischen Interessen. Doch wie bereits in der Holiday Overture sind auch hier Anklänge an seinen Spätstil nicht zu überhören. – Der erste Satz wird von zwei simultanen Impulsen charakterisiert, die zu Gegenrhythmen im Verhältnis 3/2 führen. Tempi werden konstant verändert, eine Technik, aus der später die für Carter typische metrische Modulation entstand, in der die Geschwindigkeit durch Übereinanderschichtung verschiedener Tempi, von denen eines wieder verschwindet, transformiert wird. Der zweite Satz stellt eine lange, weit ausgeschwungene Melodie vor, die anschwillt, ohne sich zu entwickeln – eine Vorwegnahme der extrem langen, unentwickelten Melodien in Carters späterer Musik. Das Finale, vermutlich der am frühesten entstandene der drei Sätze, ist mit seinem jazzigen Klarinettensolo und den Square Dance-Anklängen im Violinpart stärker als die anderen Sätze auf äußere Wirkung angelegt.

Carters Klavierkonzert, Strawinsky zu dessen 85. Geburtstag gewidmet, entstand eine ganze Generation nach der 1. Sinfonie und der Holiday Overture. Dieses früheste Solokonzert Carters ist von seinen konzertanten Werken vielleicht das am wenigsten konzertmäßige. Mitte der 1960er Jahre hatte Carter in Kammermusikwerken bereits die Grundlagen einer gänzlich neuen Musik geschaffen, in der verschiedene musikalische Strukturen simultan als Kontrast präsentiert werden und wo die Unterschiede zwischen Instrumentallinien stärker hervortreten als ihre Gemeinsamkeiten. Carters Ambitionen, mit dieser Idee auch in größeren Orchesterwerken zu experimentieren, scheiterten am institutionellen Charakter des Orchesters.

Zwischen der Holiday Overture und dem Klavierkonzert komponierte Carter nur wenige Orchesterwerke, das Ballett The Minotaur, die Elegy for Strings (die orchestrale Bearbeitung eines Kammermusikwerks), die Variations for Orchestra mit ihrer dissonanten harmonischen Sprache, aber relativ unkomplizierten Rhythmik und Instrumentierung, sowie das revolutionäre Doppelkonzert mit seiner total neuen Aufstellung der einzelnen Orchestergruppen und der Art, wie sie miteinander interagieren, resultierend in einer Musik, die eher einem großformatigen Kammermusik-werk als einem Orchesterwerk ähnelt. Das Klavierkonzert sublimiert die im Doppelkonzert begonnene Herangehensweise. Anstatt das Klavier direkt mit dem Orchester (von Carter als „Klanggesellschaft“ bezeichnet) zu konfrontieren, wird das Soloinstrument durch eine aus Flöte, Englischhorn, Bassklarinette, Solovioline, Solobratsche, Solocello und Solokontrabass bestehende Concertinogruppe („Vermittler“) gewissermaßen gegen das Orchester abgeschirmt. Diese Gruppe spielt ähnliches Material wie der Solist, dessen Schnellfeuermusik einen scharfen Kontrast zu den lang ausgehaltenen Harmonien des restlichen Orchesters bildet, die aus völlig anderen Dreiklängen abgeleitet sind. Dies bedeutet jedoch nicht, dass das Orchester wie ein Monolith funktioniert, denn stellenweise werden bis zu 72 verschiedene Partien gleichzeitig gespielt, die bis zu acht unterschiedliche rhythmische Schichten mit gleichzeitiger Beschleunigung und Zurücknahme des Tempos enthalten. Das aus zwei ungefähr gleich langen Sätzen bestehende Konzert beginnt und endet unbegleitet im Klavier. Im ersten Satz entsteht ein Dialog zwischen Concertino und Klavier mit gelegentlichen Einwürfen des meist zurückhaltend agierenden Orchesters. Im zweiten Satz explodiert das Orchester in einem brutalen Klangausbruch, bevor es schließlich schweigt und nur das Klavier und die Concertinogruppe zurückbleiben. Der ruhige Schluss ist allein dem Klavier vorbehalten. Obwohl es sich hier um eine von Carters radikalsten Kompositionen handelt, stellt es sich im direkten Kontext seiner früheren, zugänglicheren Arbeiten in einem neuen Licht dar. Wie die früheren Werke ist es von geballter Energie gekennzeichnet. Unter der Oberfläche der verschiedenen Schichten verbirgt sich eine kraftvolle, tief bewegende Tour de force.

Frank J. Oteri
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


Close the window