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8.559152 - COATES, G.: String Quartets Nos. 2-4, 7 and 8 (Kreutzer Quartet)
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Gloria Coates

Gloria Coates

Streichquartette Nr. 2, 3, 4, 7 und 8

 

Lassen Sie sich von der Musik überraschen, bevor Sie diesen Kommentar lesen! Gloria Coates’ Klangwelt ist bizarr und verblüffend – es ist eine Sprache, die sich total von anderen unterscheidet. Bei genauerer Untersuchung ihrer Methoden stellt sich jedoch heraus, dass sie einfacher sind, als man es vermutet hätte. Hinter diesen Glissandi, diesen sich auflösenden Texturen, die dem Hörer geradezu ein Gefühl der Höhenangst einjagen sollen, verbergen sich überraschend traditionelle Strukturen – Kanons, Palindrome, Ostinati und Zitate traditioneller Themen. Coates verwendet einfache, klare Stilmittel als Gerüst für waghalsige strukturelle Innovationen. Wenn man bereits im Voraus weiß, was man zu erwarten hat, lenkt es ab vom spontanen Erlebnis. Man sollte also zunächst in diese bizarre Klangwelt eintauchen und danach erfahren, mit welch eleganter Technik sie hervorgebracht wird.

 

Gloria Coates, 1938 in Wisconsin geboren, studierte bei Alexander Tscherepnin, einem russischen Emigranten, der die Neuntonleiter erfand, die heute als die Tscherepnin-Leiter bekannt ist. Zu ihren weiteren Lehrern gehörten Otto Luening und Jack Beeson an der Columbia-Universität. Sie erhielt ebenfalls eine Ausbildung als Sängerin und Kunstmalerin; ihre oft riesigen und farbtupfiger Bilder sind so surrealistisch und farbintensiv wie ihre Musik. Wichtiger jedoch ist, dass sie die weltweit bedeutendste Sinfonikerin ist. Vierzehn sinfonische Werke sind bisher entstanden, mehr als jede andere Frau je komponiert hat. Sie hat sich damit eine Gattung erobert, an die sich nur wenige Komponistinnen, auch solche mit orchestralen Ambitionen, herangewagt haben. Obwohl nicht in all ihren Werken gegenwärtig, ist das Glissando das Stilmittel, mit dem sie am meisten assoziiert wird – das langsam gleitende Auf- und Absteigen der Tonhöhe, das in ihren Sinfonien häufig die konventionelleren Holz- und Blechbläserphrasen verdrängt. Da das Glissando am leichtesten auf Streichinstrumenten auszuführen ist, war es fast vorhersehbar, dass Coates mit dieser Technik das Streichquartett-Repertoire bereichern würde, und das hat sie mit ihren acht bisher vollendeten Werken bestimmt getan.

 

Das Quartett Nr. 7 entstand im Jahr 2000 und wurde nur wenige Wochen nach dem Anschlag auf das World Trade Center uraufgeführt. Es trägt den Untertitel Angels (Engeln) und ist neben den Streichinstrumenten mit Orgel besetzt – das einzige mir bekannte Werk für diese Kombination. Coates bedient sich eindeutig modernistischer Ausdrucksmittel wie dissonanter Triller, Glissandi oder Orgelcluster, die an Bartók bzw. Xenakis erinnern. Was jedoch noch verblüffender ist, sind die Aspekte, die nicht verblüffend sind: die langsamen Fragmente von Liedzitate, die sich durch das Satzgefüge ziehen, z.B. Angels we have heard on high, Fragmente aus God rest ye merry, gentlemen, und schließlich As shepherds watched their flocks by night. Es handelt sich hier um ein im instrumentalen Repertoire nur selten anzutreffendes Weihnachtsstück; Schönbergs herrliche Weihnachtsmusik und John La Montaines Fantasie über Twelve Days of Christmas sind die einzigen anderen mir bekannten Beispiele. Die außerweltliche Atmosphäre beschwört die Erscheinung von Engeln herauf, und im gesamten Stück vermischen sich göttliche und weltliche Elemente in einer mystischen Meditation.

 

Das Quartett Nr. 2 (1972), das kürzeste der hier eingespielten Werke, beginnt mit einem Kanon, in dem jedes Instrument mit demselben Material einsetzt. Das Thema ist jedoch so erstaunlich heterogen mit seinen Glissandi, Trillern, tonalen und atonalen Phrasen, dass der kanonische Effekt nicht unmittelbar offensichtlich ist. Einer von Coates’ Lieblingseffekten ist die von einer bizarren Atmosphäre umgebene ergreifende traurige tonale Melodie, die wie eine Klage inmitten einer Schlacht anmutet. Ein von eckigen Phrasen und hektischen Improvisationen erzeugter Höhepunkt weicht am Ende der Klage, die gleichzeitig in verschiedenen Tonarten erklingt.

 

Das Quartett Nr. 8 (2001-2002) entstand zum Gedenken an die Opfer des 11. September; es besteht aus drei Sätzen, die von absoluter Instabilität zu einer Art hypnotischer Ruhe verlaufen. Der erste Satz, On wings of sound, besteht gänzlich aus Glissandi und besitzt keinen festen Bezugspunkt; es ist ein Kanon in der Form eines Palindroms und erzeugt das Gefühl eines unheimlichen Sich-Windens. Der zweite Satz, In falling timbers buried, deutet zwischen fallenden Glissandi und allmählich konvergierenden Stimmen von Violoncello und 1. Violine die Gegenwart des Menschen an. Die hier und dort erklingende Melodie stammt aus einem früheren Lied von Gloria Coates nach einem Gedicht vom Emily Dickinson über einen lebendig begrabenen Menschen:

 

                        Many things are fruitless

                        ’Tis a Baffling Earth

                        But there is no Gratitude

                        Like the grace of Death.

 

                        Vieles ist sinnlos

                        Die Welt ist rätselhaft

                        Aber es gibt keine Dankbarkeit

                        wie die Gnade des Todes.

 

Der letzte Satz, Prayer, ist ein Gebet, eingebettet in würdevolle Akkorde aus Quintparallelen, wobei die Achtton-Melodie bei ihrer Wiederkehr im Krebsgang erscheint. Das gesamte Quartett wird von einem Gefühl der Unruhe durchzogen, die durch den Vierteltonabstand zwischen Bratsche und Violoncello und Violinen hervorgerufen wird.

 

Eine Fläche ununterbrochener Glissandi beherrscht auch den Beginn des Quartetts Nr. 4 von 1976-77. Hier kommt es jedoch zu einem Beschleunigungsprozess, indem sich die einzelnen Stimmen schneller und schneller auf einen unerwartet ruhigen Schluss zubewegen. Das anschließende Adagio molto gleicht einer von Bartóks berühmten ‚Nachtmusik-Stücken’, basierend auf einem klaren Motiv in schwankender Tonalität. Das Finale hat Ostinato-Charakter – mit wiederholten Phrasen, die in jedem Instrument vollkommen unterschiedlich gestaltet sind, die aber zu einer gewiollt primitiven Textur führen, die sich beim Hören unschwer erschließt, da sie sich nach und nach entwickelt.

 

Das Quartett Nr. 3 von 1975 ähnelt dem Vierten in der Verwendung der Ostinatotechnik, kommt aber einem theatralischen Gestus näher als alle anderen Coates-Quartette: Wie etwa in Charles Ives’ Zweitem Quartett oder den Quartetten Elliott Carters werden die Instrumente kontrastiv eingesetzt. Alle spielen ihre eigenen wiederholten Ostinati, durch Transposition aufsteigend, bis schließlich die Violine in freien Glissandi schwebt und die Musik einem jähen Schluss zusteuert. Der zweite Satz ist ein Spiegelkanon in Glissandi, was nicht nur beinhaltet, dass die von den Violinen gespielten Linien einen Spiegelreflex Bratschen- und Cellostimme darstellen, sondern auch, dass der Satz als solcher (mit Ausnahme einer einzigen Note) als perfekter Spiegelkanon angelegt ist, wobei die zweite Hälfte eine Spiegelung der ersten ist. Das Finale beginnt mit einem wilden Ausbruch in der Bratsche, der schließlich in den anderen Stimmen zu einem tumultartigen Kampf führt. In konventioneller Hinsicht bietet dieser Abschnitt die größte Virtuosität, einschließlich einiger sehr schwieriger Doppelgriff-Glissandi.

 

Hinter der Verschiedenartigkeit dieser Techniken, ja sogar hinter der variierenden Verwendung ähnlicher Strukturen, verbirgt sich die Konstante der Ästhetik der Komponistin Gloria Coates: ihr Sinn jedes Satzes als einer einheitlichen Geste und ihre beinahe post-minimalistische Unidirectionality. Vor allem aber gilt: während Traurigkeit, Wut und Mystizismus in ihrem Werk mit stilisierter Klarheit zum Ausdruck gelangen, ordnen sie sich einer übergreifenden Atmosphäre der Ruhe unter, die oft das letzte Wort hat – und stets das ausschlaggebende.

 

Kyle Gann

 

Deutsche Fassung: Bernd Delfs

 

Kyle Gann ist Komponist und seit 1986 Musikkritiker der Village Voice. Er ist Autor von The Music of Conlon Nancarrow und American Music in the Twentieth Century. Er unterrichtet am Bard College.


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