About this Recording
8.559154 - DIAMOND: Symphonies Nos. 2 and 4
English  German 

David Diamond (geb

David Diamond (geb. 1915): Symphonie Nr. 2 • Symphonie Nr. 4

 

„Ich bin der festen Ansicht, dass eine romantisch inspirierte zeitgenössische Musik, wenn sie sich mit den wieder erstarkten technischen Formeln der Klassik verbindet, den Ausweg aus dem gegenwärtigen schöpferischen Chaos der Musik zeigen wird ... Für mich ist der romantische Geist in der Musik so wichtig, weil er zeitlos ist.“

 

David Diamond, der composer-in-residence h.c. des Seattle Symphony Orchestra, formulierte diese Worte, in denen sich nicht nur sein eigenes Wesen widerspiegelt, sondern das Denken und Fühlen einer ganzen Generation amerikanischer Komponisten, die in der Zeit der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs ihre tief empfundene Musik schrieben. Dabei handelt es sich allerdings nicht nur um die Beschreibung einer vergangenen Ära, denn während des letzten Vierteljahrhunderts hat der romantische Geist wieder viel neue Nahrung erhalten. Nach 1945 hatten der post-webernsche Serialismus und seine Ableger den Lauf der zeitgenössischen Klassik rund dreißig Jahre lang dominiert. Diamond und andere neoromantische Stimmen wie Roy Harris, Samuel Barber, Howard Hanson, William Schuman und Walter Piston – um nur amerikanische Komponisten dieser Überzeugung zu nennen – wurden mit hoheitsvoller Gebärde und einem kurzen „unbedeutend“ aus dem Munde oder der Feder des ideologischen Puristen Pierre Boulez abgetan.

 

David Diamond lebte während der fünfziger Jahre in Italien und kehrte erst 1965 anlässlich seines 50. Geburtstags in die Vereinigten Staaten zurück: „Ich habe fast 16 Jahre in Italien gelebt,“ gestand er, „und die gesamte italienische Musikszene wurde von der fortschrittlichen Zwölfton-Avantgarde beherrscht. Wo immer ich meine Musik einreichte, wurde sie abgelehnt, weil man sie für altmodisch hielt.“

 

Nun sollte man keineswegs die vielen guten Werke schmähen, die Boulez und andere talentierte Komponisten auf ihrem keuschen Pfad des Serialismus verfassten. Doch die Zeit hat gezeigt, dass sie sich im Irrtum befanden, als sie Diamond und sein mutiges Eintreten für die Romantik auf die musikhistorischen Mülldeponien warfen. In der Musik führen, nicht anders als im Leben überhaupt, viele Wege zur Wahrheit, und der Takt, der den einen anzieht, wird den anderen abstoßen. Eins aber steht fest: Viele Komponisten haben sich wieder in die Arme des romantischen Geistes geworfen oder aber die Wärme seiner Umarmung niemals verlassen.

 

Zielstrebigkeit und Geduld haben sich für Diamond als nutzbringend erwiesen, und es ist ein Segen, dass er die jahrzehntelangen Angriffe und Missachtungen überstanden hat. Heute gilt er aus gutem Grund als ein nationales Gut, dessen künstlerische Schöpfungen in Amerika auf einen nicht nur nach spiritueller, sondern ebenso auch nach musikalischer Erfüllung dürstenden Seelenzustand treffen.

 

Seine zweite Symphonie schrieb Diamond in den Jahren 1942/43. Es war dies für den Komponisten eine Phase großer Probleme, denn sein Land befand sich im Krieg und er selbst lebte ohne jede solide Finanzgrundlage. Der Dirigent Dimitri Mitropoulos gab ihm den Rat, die Partitur Serge Koussevitzky zukommen zu lassen, dem für seine unablässige Förderung des zeitgenössischen Schaffens bekannten Leiter des Boston Symphony Orchestra. Nachdem die Symphonie in einer nicht öffentlichen Probe durchgespielt worden war, brachen die Musiker des Orchesters in spontanen Beifall aus. Die eigentliche Premiere fand dann am 22. Oktober 1944 statt.

 

Der erste Satz steht in ruhigen, wenn nicht gar düsteren Tönen der Pauken und Streicher. Nach und nach steigert sich die Dynamik, und die hohen Streicher exponieren im Unisono das liebevolle, weit ausgreifende erste Thema. Die anderen Streicher fallen ein und bereichern die Klangstruktur. Eine elegische Note prägt den gesamten Satz, dessen vorherrschende Texturen einerseits an Coplands „amerikanische“ Klänge erinnern, andererseits gelegentlich aber auch die sparsam orchestrierte Schönheit aus dem Adagio-Finale der neunten Symphonie von Mahler beschwören. Die von Bratschentrillern begleitete Solo-Oboe spielt das eindringliche zweite Thema, und die Pauken verwandeln die bislang elegische Stimmung in eine bedrohliche Atmosphäre. Die beiden Themen und das Material der Einleitungstakte werden durchgeführt und transformiert, und eine kurze Coda beendet den Satz.

 

Der zweite Satz der Symphonie gebärdet sich wie ein Scherzo. Sein Grundmaterial besteht nach den Worten des Komponisten aus einer rhythmischen Figur, die sich Fagott und Violoncelli spöttisch zuwerfen. Dieses Motiv ist als einheitsstiftendes Element aus dem zweiten Thema des ersten Satzes abgeleitet. Insgesamt ist die Stimmung hier von einer beinahe ungezügelten Wildheit, weit entfernt von der Innerlichkeit des voraufgegangenen Adagio funebre. Wenn sich der Komponist von diesem energiegeladenen Allegro vivo erholt hat, präsentiert er einen weiteren langsamen Satz, ein Andante espressivo, quasi adagio, in dem sich nun neues thematisches Material mit dem Nachklang des Anfangsmotivs aus dem ersten Satz verbindet. Es folgen die Melodie einer Soloklarinette sowie ein choralartiger Abschnitt der Streicher. Das Klarinettenthema erweist sich als der geeignete Stoff für ein Fugato der Hörner und Streicher und spielt der echten kontrapunktischen Begabung des Komponisten in die Hand. Der elegischen Natur des Kopfsatzes steht hier als Kontrast ein optimistisches, lebendiges Schlussrondo gegenüber, das von einem kecken, eindeutig „amerikanischen“ Thema zusammengehalten wird.

 

Im letzten Kriegsjahr 1945 schrieb Diamond seine Symphonien Nr. 3 und Nr. 4. Wieder setzte sich der Musikdirektor der Boston Symphony nachdrücklich für den Komponisten ein, der für das letztgenannte Werk einen Auftrag der Koussevitzky-Stiftung erhielt. Diamond widmete das Werk dem Gedächtnis von Natalie Koussevitzky, der verstorbenen Frau des Dirigenten. Die Premiere fand am 23. Januar 1948 statt, doch anstelle des indisponierten Koussevitzky dirigierte Leonard Bernstein die Boston Symphony.

 

Die vierte Symphonie ist ein ebenso kompaktes wie anspruchsvolles Werk und entstand in einer Zeit, als der Komponist sich intensiv mit der Idee der Sterblichkeit befasste. Diamond erinnert sich, dass die gesamte Symphonie auf Gustav Theodor Fechners Theorien zu Leben und Tod entstand: „I – ein dauernder Schlaf, II – der Wechsel zwischen Schlafen und Wachen und III – ewiges Wachen. Die Geburt ist dabei der Übergang von I zu II und der Tod der Durchgang von II zu III.“

 

Der erste Satz (Allegretto) beginnt mit einer wirbelnden Bewegung. Dann entsteht aus den urtümlichen Klangnebeln ein modales Thema. Der zweite Gedanke, ein faszinierendes, nachdenkliches Pastoralthema, ist zunächst den sordinierten Streichern sowie der Klarinette und der Bassklarinette anvertraut, bevor es in einer Variante der hohen, ungedämpften Streicher erklingt. Ein weiteres, von der Oboe exponiertes Thema hellt die Atmosphäre auf. Der Höhepunkt des Satzes verschmilzt die Themen in einem gesprächigen Kontrapunkt, bevor eine kurze Coda den Satz mit vergleichsweise zarten Tönen beendet.

 

Der zweite Satz (Adagio–Andante) beginnt mit einem „choralartigen, religiösen Thema in der Art einer Fürbitte“. Anfangs erweist sich dieses Thema als recht unnachgiebig, doch bei der Wiederholung durch die Streicher verliert es etwas von der ursprünglichen Härte. Das zweite, modale und zurückhaltende Thema entfaltet seinen langen Atem in zwei Abschnitten, deren erster den Bläsern, deren zweiter den Violinen zugewiesen ist. Die Coda greift das Choralthema des Anfangs wieder auf, und der Satz findet in den Violinen ein delikates Ende.

 

Das schroffe, bejahende Finale wird von perkussivem Klavier, schreienden Blechbläsern, gehetzten Holzbläsern und hämmernden Trommeln angetrieben und kommt auf Wellen des manischen Überschwangs daher. Die Musik atmet die frische Luft amerikanischer Landschaften, und dabei ist es ganz gleich, ob es sich um reale oder imaginäre Geographien handelt.

 

Steven Lowe

Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window