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8.559157 - DIAMOND: Symphony No. 1 / Violin Concerto No. 2 / Enormous Room
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David Diamond (geb. 1915): Sinfonie Nr. 1 • Violinkonzert Nr. 2

 

„Ich bin der festen Überzeugung, dass eine von der Romantik inspirierte, durch Neubesinnung auf technische Formeln der Klassik bereicherte Musik einen Ausweg aus dem schöpferischen Chaos der heutigen Musik darstellt.“

Diese Worte von David Diamond, Honorary Composer in Residence der Seattle Symphony, definieren nicht nur sein eigenes Werk, sondern das einer ganzen Generation amerikanischer Komponisten, deren Musik während der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs entstand. Anstatt jedoch lediglich eine vergangene Ära zu charakterisieren, hat der „romantische Geist“ während des vergangenen Vierteljahrhunderts vielmehr eine Wiedergeburt erlebt. Während einer Periode von dreißig Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmten die Apostel des post-Webernschen Serialismus und dessen Ableger die Richtung der zeitgenössischen klassischen Musik. Diamond und andere neoromantische Stimmen wie Roy Harris, Samuel Barber, Howard Hanson, William Schuman und Walter Piston, um nur einige Namen dieser Schule zu nennen, wurden von Ideologen wie dem Puristen Pierre Boulez mit akademischer Geringschätzung in Wort und Schrift als „irrelevant“ abgetan.

Ohne den Wert der vielen großartigen Werke eines Boulez oder anderer talentierter Komponisten, die auf den keuschen Pfaden des Serialismus wandeln, in irgendeiner Weise schmälern zu wollen: die Zeit hat ihnen Unrecht gegeben, Diamond und seine erfrischend reuelosen „Romantiker“ in den Papierkorb der Musikgeschichte zu werfen. Wie im Leben, so führen auch in der Musik mehrere Wege zur Wahrheit und gibt es verschiedene Trommeln, deren Rhythmen die einen begeistern und die anderen abstoßen. Eines ist sicher: zahlreiche Komponisten und Hörer haben den romantischen Geist entweder neu für sich entdeckt oder ihm nie abgeschworen.

Diamonds Geduld und Entschlossenheit haben ihm gute Dienste geleistet. Es ist ein Segen, dass ihm die Anfeindung oder gar Nichtbeachtung über mehrere Jahrzehnte nichts anhaben konnte, und heute gilt er mit gutem Grund in seinem Land als ein Großer, dessen Musik Ausdruck der amerikanischen Psyche ist, die in die Musik ein mit geistiger Erfüllung vergleichbares Erlebnis sucht.

Wie Anton Bruckner (mit dem ihn kein Geringerer als Arnold Schönberg verglichen hat), so begann auch David Diamond seine sinfonische Arbeit noch vor der ersten nummerierten Komposition in dieser ehrwürdigen Gattung. Zwei Sinfonien aus seiner Studentenzeit „ruhen jetzt sanft in der Freien Bibliothek in Philadelphia. Ich verbiete deren Aufführungen!“

1939, bevor die Nazis in Frankreich einmarschierten, verließ Diamond Paris, wo er bei Nadia Boulanger studiert hatte, und kehrte in die Vereinigten Staaten zurück. Hoch motiviert und vertrauend auf sein eigenes Können nach zwei Jahren Studium bei dieser legendären Pädagogin, wollte er nun, wie er selbst sagte, seine erste „echte“ Sinfonie schreiben. Nach Vollendung der Partitur wandte er sich in der Hoffnung auf eine Aufführung an drei Dirigenten. Als erster antwortete Dimitri Mitropoulos; er war es auch, der die New York Philharmonic-Symphony bei der Uraufführung am 21. Dezember 1941 dirigierte.

In seiner Werkeinführung zur Sinfonie Nr. 1 erklärt der Komponist den Aufbau des Werks:

„I. Allegro moderato con energia (4/4): Die e-Moll-Einleitung des ganzen Orchesters mit dem Dreitonmotiv (H,D,E) führt zur Exposition des d-Moll-Hauptthemas (poco meno mosso), das sich Oboe und Violinen teilen und das frei erweitert und vom Dreitonmotiv im stretto begleitet wird. Es folgt der erste Höhepunkt, der das Hauptthema für einen Augenblick ausschöpft. Das Nebenthema schließt sich in h-Moll an; es ist ein kantiges Thema, unterbrochen von schwankenden Akkorden, die von der Solotrompete gerundet und von den Streichern sostenuto entwickelt werden. Ein kurzer, auf dem Seitenthema basierender Durchführungsabschnitt dient als Überleitung zur Reprise des Hauptthemas mit einem weiteren Höhepunkt, sodann einer Weiterentwicklung des Motivs, des Haupt- und Nebenthemas.

II. Andante maestoso (4/4): Dieser weit ausschwingende melodische Satz ist in dreiteiliger Liedform gestaltet, abwechselnd polyphon und homophon. Den ersten Abschnitt eröffnen die Streicher; Soloholzbläser und Blechblasinstrumente verleihen der Melodielinie, die das Dreitonmotiv verwendet (welches auch eine Begleitfunktion in den kontrapunktischen Abschnitten hat) zusätzliche Intensität. Der mittlere Teil (in D) wird vom Englisch-Horn eingeleitet und präsentiert Holz- und Blechbläser auf einem Streicherkissen; danach kehrt der erste Abschnitt zurück.

III. Maestoso – Adagio – Allegro vivo (überwiegend 3/4 und 4/4): In der feierlichen Eröffnung kristallisiert sich das Dreitonmotiv zu einer gerundeten melodischen Phrase, einer Art Halleluja im Unisono des Blechs. Sie erfährt in Streichern und Holzbläsern, mit einer auf den höhepunktartigen Passagen des 1. Satzes basierenden Hornfigur, ihre ausführliche Entwicklung. Eine Tempobeschleunigung führt zum rhythmisch kraftvollen allegro vivo mit seiner fallenden Sechzehntelskala, die die verschiedenen Abschnitte des Satzes (einer Art Rondo in A-B-C-A-B-A-Form) zu einer Einheit formt. Nach einer abschließenden, augmentierten Wiederholung der Eröffnungsphrase im Blech folgt die zweiteilige Coda. Sie enthält die Introduktion des 1. Satzes und beschließt das Werk mit einer Steigerung des Dreitonmotivs in Blech, Streichern und Schlagwerk.“

Diamonds Violinkonzert Nr. 2 entstand 1947 als Ergebnis eines vom Dirigenten Artur Rodzinski vermittelten Auftrags von Arthur Percival für dessen Frau, die Violinistin Dorotha Powers. Ein Kommentar des Komponisten benennt die Schwierigkeiten der Aufführungsgeschichte: „Das Konzert erlebte seine erste und bislang einzige Aufführung durch Ms. Powers und das von Jacques Singer geleitete Vancouver Symphony Orchestra am 29. Februar 1948. Probleme mit den Verwaltern des Percival-Nachlasses verhinderten weitere Aufführungen, bis Gerald Schwarz die US-Erstaufführung ermöglichte [6. Mai 1991].“

Diamond lieferte auch zu diesem Werk eine Einführung: „Der erste Satz (Allegro aperto) ist ein erweitertes, ausgesprochen gesanglich-lyrisches und expansives Sonaten-Allegro. Das folgende Adagio affettuoso in A-B-A-Form ist ein noch breiter angelegter, vokal empfundener Satz, der sich abwechselnd lyrisch und dramatisch gibt. Der dritte Satz (Allegro vivo) ist am virtuosesten – rhythmisch schwungvoll und mit Synkopierungen, aber auch mit einem ruhigeren Duktus als Kontrast und einem wiederum lyrischen Andante-Abschnitt, in dem Material aus den vorigen Sätzen in verschiedenen Formen zurückkehrt. Das ganze Finale könnte man als eine Art Rondo bezeichnen, mit einer kurzen Kadenz als Ruhepunkt, bevor die gehobene Stimmung zurückkehrt.“

In seinem 1922 erschienenen Buch The Enormous Room beschreibt der Schriftsteller E.E. Cummings seine Zeit in einem französischen Internierungslager während des Ersten Weltkriegs, nachdem seine Loyalität (er hatte in der französischen Armee als Fahrer eines Sanitäterwagens gedient), bezweifelt worden war. Der Titel bezieht sich auf einen ca. 100 Quadrametmeter großen Raum, in dem Cummings drei Monate festgehalten wurde – zusammen mit fünf Dutzend Männern verschiedener Nationalitäten. Inspiriert von den Worten und Taten des Schriftstellers, komponierte Diamond 1948 dieses Instrumentalwerk, in dem er „versuchte, literarische Ideen in musikalisch programmatischer Form zu interpretieren …Ich habe mich für einen natürlichen lyrischen Fluss entschieden, um Gefühlsregungen auszudrücken, die in geistiger Hinsicht mit Cummings’ bewegenden Worten verwandt sind … Es ist ein Buch über den menschlichen Geist, über das Individuum und seinen privaten Garten der Liebe.“

Die Partitur zitiert aus Cummings’ Buch: „Der riesige Raum ist mit einer neuen und schönen Dunkelheit erfüllt  – einer Dunkelheit des Schnees, wie er draußen fällt und fällt und fällt mit dem schweigenden und wahrhaftigen Ausdruck, der das geräuschlose Land meines Geistes berührt, wie ein Kind das Spielzeug berührt, das es liebt.“

Diamond beschreibt das Werk als „…freie Fantasieform. Das sich entfaltende Material besitzt zwei Hauptthemen. Die Entfaltung geschieht mehr oder weniger als Durchführung und erreicht am Ende des Stücks einen klimaktischen Höhepunkt … es ist in mehrfacher Hinsicht eine Fanstasie in freier Form…“

Steven Lowe
© 2003 Seattle Symphony
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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