About this Recording
8.559174 - STILL, W.G.: Symphony No. 1, "Afro-American" / In Memoriam / Africa (Fort Smith Symphony, Jeter)
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William Grant Still (1895-1978)
Sinfonie Nr. 1 „Die Afroamerikanische“ (1930) • In Memoriam: The colored soldiers who died for democracy (1943) • Africa (1930)

Leben und Werk des afroamerikanischen Komponisten William Grant Still sind geradezu das Musterbeispiel einer amerikanischen Erfolgsstory. Der oft als Doyen der afroamerikanischen Komponisten bezeichnete Still wurde am 11. Mai 1895 in Woodville, Mississippi, in eine Familie mit schwarzem, indischem, spanischem, irischem und schottischem Blut geboren. Sein Vater – städtischer Kapellmeister – starb, als er drei Jahre alt war. Das beschleunigte den Umzug nach Little Rock, Arkansas, wo Stills Mutter unterrichtete. Dort sammelte er beim Violinunterricht erste musikalische Erfahrungen. Auf Drängen der Mutter begann er Medizin zu studieren, stieg jedoch aus, als die Musik zunehmende Anziehungskraft auf ihn ausübte. Er arbeitete zunächst als Arrangeur für verschiedene populäre Künstler, darunter W. C. Handy, Komponist des unsterblichen St Louis Blues, und Artie Shaw, dessen Hit Frenesi er orchestrierte. Das Musikstudium am Oberlin Conservatory of Music unterbrach der Dienst bei der Marine im Ersten Weltkrieg. Danach ging Still nach New York, wo er für Handy arbeitete und in Opernorchestern Oboe spielte. Währenddessen studierte er beim konservativen George Chadwick (1854–1931) (Naxos 8.559117) und beim ultramodernen Edgar Varèse (1883–1965) Komposition. Zur rechten Zeit in New York, hatte Still Teil am kulturellen Aufbruch der Afroamerikaner in den 1920er Jahren, bekannt als Harlem Renaissance. Am Ende des Jahrzehnts wandte er sich endgültig der klassischen Komposition zu. Ein Abstecher nach Los Angeles im Jahr 1930, um für Paul Whiteman zu arrangieren, erweiterte seinen Horizont auf Film und Radio, wobei er in dieser Zeit seine Reife als Komponist und die fruchtbarste Periode seines Schaffens erreichte. In dieses Jahr fällt auch die Entstehung der Sinfonie Nr. 1 „Die Afroamerikanische“, die seine Reputation begründete und das populärste und am häufigsten aufgenommene seiner Werke geblieben ist.

Wie bei vielen Afroamerikanern seiner Generation sind mit Still einige – im wahrsten Sinne des Wortes – Premieren verbunden: Er war der erste Afroamerikaner, von dem eine Sinfonie durch ein bedeutendes Symphonieorchester aufgeführt wurde (1935, New York Philharmonic, 1. Sinfonie); er dirigierte als erster ein renommiertes Orchester (1936, Los Angeles Philharmonic) und – mehr noch – als erster eines im tiefen Süden (1955, New Orleans Philharmonic). Nicht zuletzt war er der erste Afroamerikaner, dessen Oper von einem berühmten Haus produziert wurde (1949, Troubled Island, New York City Opera), und schließlich der erste, von dem eine Oper im Fernsehen gezeigt wurde (posthum 1981, A Bayou Legend, PBS). Still empfing viele Ehrungen, darunter ein Guggenheim-Stipendium und Ehrendoktorate (u.a. vom Oberlin). Er starb am 3. Dezember 1978 in Los Angeles.

Stills kennzeichnendste Werke sind national geprägt, er nutzt neben anderer ethnischer Musik Amerikas afroamerikanische Formen wie Blues, Spiritual und Jazz. Nach einem Flirt mit Avantgarde-Techniken in der Frühzeit seiner Karriere ist er zu einem neoromantischen Idiom zurückgekehrt – mit lyrischer Melodik und traditioneller Harmonik. Seinem Werk eignet eine Frische, die sich ganz unmittelbar mitteilt.

Von Stills nahezu 150 Werken in verschiedenen Genres hat die „afroamerikanische“ Sinfonie sein weltweites Ansehen begründet. Sie wurde im Jahr 1931 von Howard Hanson, dem unermüdlichen Streiter für seine Komponistenkollegen, und der Rochester (NY) Symphony erstmals aufgeführt. Sie fand schnell Eingang ins Repertoire, wurde vom New York Philharmonic in der Carnegie Hall und allein 1930 von 34 weiteren amerikanischen Orchestern aufgeführt. Still hat seine Absichten prägnant formuliert: „Ich wusste, dass ich eine Sinfonie schreiben wollte; ich wusste, dass es ein amerikanisches Werk sein sollte; und ich wollte zeigen, wie der Blues, der so oft als schlichte Ausdrucksform angesehen wird, auf höchstes musikalisches Niveau gehoben werden kann.“ Nach Vollendung des Werkes fügte Still Verse von Paul Lawrence Dunbar hinzu, um die Stimmung der einzelnen Sätze deutlich zu machen. Als tief religiöser Mensch widmete er dieses – wie auch jedes andere – Werk Gott, „der Quelle aller Inspiration“.

Der erste Satz Longing beginnt mit der Hauptmelodie, einem zwölftaktigen Blues, vorgestellt vom Englischhorn. Dieser Klang ruft unweigerlich das nostalgische Solo desselben Instruments in Dvořáks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ in Erinnerung. Still unterzieht diese Melodie im gesamten Werk einer thematischen Transformation in der Tradition von Liszt – und dies mit außerordentlichem Geschick. Den ganzen Satz hindurch dient die zugrunde liegende harmonische Drei-Akkord- Struktur des Blues als kraftvoller Untergrund für Stimmungen des Grübelns wie des Jubelns. Das zweite Thema in der Oboe repräsentiert ein zweites Hauptgenre afroamerikanischer Musik, das Spiritual. Eine energische Durchführung dieses Materials führt zu seiner Rekapitulation in umgekehrter Folge. Der letzte Auftritt des Bluesthemas, nun in voller Orchestrierung, führt zu einem bejahenden Schluss in Dur. Der langsame Satz Sorrow beschreibt die Stärke unterdrückter Menschen: verdammt, aber nicht gebrochen. Die Solooboe präsentiert, begleitet von Flöte und Streichern, das Hauptthema. Das Bluesthema des ersten Satzes kehrt später in der Flöte wieder, schwankend zwischen Dur und Moll. Langsame Arpeggios der Harfe begleiten eine Verwandlung des Oboenthemas. Beide Themen kehren in umgekehrter Reihenfolge wieder, um den Satz abzuschließen. Der dritte Satz hat die Funktion des Scherzos. Mit der Bezeichnung Humor versehen, ist er der populärste der vier Sätze und wird des öfteren auch separat aufgeführt. Das dritte Hauptgenre afroamerikanischer Musik, die Tanzmusik – d.h. Ragtime und Jazz –, wird hier in Gestalt charakteristischer synkopierter Rhythmen und „Backbeat“-Figuren umgesetzt. Die Einbeziehung eines Banjos – erstmals in einer Sinfonie – fügt der festlichen Atmosphäre Lokalkolorit hinzu. Hier erklingt eine entfernt an Gershwins I Got Rhythm erinnernde Melodie. Stills Melodie ist indessen älter als jene von Gershwin und geht auf eine Improvisation der 1920er Jahre zurück, als er in der Broadwayshow Shuffle Along auftrat. Als einander Zeitgenossen, die in denselben Kreisen verkehrten und wertschätzten, beeinflussten sie sich bewusst und unbewusst. Das Finale Aspiration bildet eine prächtige Zusammenfassung, indem es die Themen und Stile der vorangehenden Sätze vereint und zeigt, dass hier eine charakteristisch amerikanische Stimme mit der Musik und den Beiträgen der Afroamerikaner wahrhaft verwachsen ist.

Das kurze Orchesterwerk In Memoriam: Die farbigen Soldaten, die für die Denokratie gestorben sind ist das erfolgreichste einer Reihe von Werken zu patriotischen Themen, welche die League of Composers während des Zweiten Weltkrieges in Auftrag gegeben hat. Es wurde erstmals am 5. Januar 1944 vom New York Philharmonic unter Artur Rodzinski aufgeführt. Der Kritiker der New York Times, Olin Downes, bemerkte die kraftvolle „Einfachheit und Empfindung ohne Affektiertheit und Pose“. Die Formulierung des Titels enthält einen ironischen Aspekt, der darauf abhebt, dass die Afroamerikaner auf den Kriegsschauplätzen für Freiheit und Zivilisation kämpften, während sie diese Freiheiten im eigenen Land entbehren mussten.

Africa ist eines von Stills Meisterwerken. Die Tondichtung in drei Sätzen hat eine verwickelte Genese. Still begann 1924 an ihr zu arbeiten als erstem Teil einer Trilogie, welche die afroamerikanische Erfahrung beschreibt. Africa beschreibt die Wurzeln, die „afroamerikanische“ Sinfonie das Leben in Amerika und die Sinfonie Nr. 2 „Saga of a New Race“ die Vision einer Gesellschaft ohne Rassentrennung. Das Werk ist ursprünglich für Kammerorchester geschrieben und dem großartigen französischen Flötisten George Barrère gewidmet, dem Widmungsträger von Varèses Density 21.5, der die erste Aufführung mit der Barrère Little Symphony gab. Still verfeinerte das Werk ständig und orchestrierte es für volles Orchester. Die Premiere dieser Fassung leitete am 24. Oktober 1930 in Rochester, New York, wiederum Howard Hanson. Im folgenden Jahr gab es erfolgreiche Aufführungen in Deutschland und Paris, die Stills Ansehen weiter festigten. Dennoch war der Komponist nicht vollends zufrieden, revidierte das Werk sechsmal, bevor er es merkwürdigerweise zurückzog und unpubliziert ließ.

In Africa entwirft Still ein Bild der afrikanischen Geschichte im Stile der exotisierenden Orchesterwerke von Rimsky-Korsakov. Der erste Satz Land of Peace hat zwei Themen, die das Ländliche und das Spirituelle beschreiben. Der zweite Satz Land of Romance reflektiert Traurigkeit und führt am Ende zu leidenschaftlicher Sehnsucht. Das Finale Land of Superstition drückt – mit den Worten von Stills Frau Verna Arvey – „unausgesprochene Ängste und lauernde Schrecken“ aus. Das Eingangsthema spiegelt afrikanische Naturreligion und führt zu einem orientalischen Motiv, das sich auf Nordafrika und muslimische Einflüsse bezieht. Still entfaltet im gesamten Werk eine ungewöhnliche Kreativität, um ein facettenreiches Bild des lebendigen afrikanischen Geistes zu vermitteln.

David Ciucevich
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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