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8.559175 - IVES: Symphony No. 1 / Emerson Concerto
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Charles Ives (1874-1954)
Emerson Concerto • Symphonie Nr.1

 

Die erste Symphonie und das Emerson Concerto stehen für die beiden stilistischen Extremwerte des Charles Ives. Auf der einen Seite sehen wir das große jugendliche Talent, auf der anderen die Leidenschaftlichkeit des gereiften Komponisten – und doch befindet er sich immer in derselben Lage: an einem faszinierenden Haltepunkt auf einer Reise, die ihn woanders hinbringen soll. Hier scheint nun ein Hinweis angebracht: Charles Ives war in seinem Leben und seiner Kunst stets auf einem Weg irgendwohin – und dieser Weg führte für gewöhnlich über den Horizont hinaus. In der ersten Symphonie lernte der College-Student, was es heißt, Symphoniker zu sein. Der reife Ives dagegen verstand sich meisterhaft darauf, große Formen zu gestalten. Das Emerson Concerto war die Vorstufe eines bekannteren Werkes: Es wurde daraus der Kopfsatz der epischen Concord Sonata.

Nun ein zweiter Hinweis. Mehr noch als alle andern Werke von Charles Ives sind die verschiedenen Emerson-Stücke, die er geschrieben hat, ihrem Wesen nach unvollendet, deswegen aber keineswegs unheroische Entdeckungsreisen. In all ihren Stadien und Ausprägungen kommen jene Stücke, die Ives mit dem Namen des geliebten Philosophen versah, seiner innersten Vorstellung von Leben und Musik am nächsten. Und ein letzter Hinweis: Charles Ives’ Lebens- und Musikphilosophie waren identisch: „Musik“, so sagte er, „ist Leben“.

Während Ives in den 1890er Jahren in Yale Musik studierte, konnte er nur wenig Emerson anwenden. Horatio Parker, der Leiter der neuen Musikabteilung, war in Deutschland ausgebildet worden, und so waren seine Kurse ebenso streng wie konservativ. Die Ästhetik, die Parker seinen Schülern vermittelte, war spätromantisch, germanisch und zutiefst pedantisch. Der junge Charlie war kein glücklicher Student. Doch er machte seine Hausaufgaben.

Das alles ist nicht ohne Ironie. Inspiriert von seinem Vater, dem visionären Blaskapellmeister George Ives, hatte der Teenager bereits unerhörte musikalische Möglichkeiten erkundet – Polytonalität, freie Harmonik, Raummusik. Neue Klänge und neue Rhythmen sowie die Neugier eines Forschers gehörten ebenso zum musikalischen Bewusstsein des jungen Charles wie die Symphonien von Brahms und die Fugen von Bach. (Das Wunderkind auf der Orgel hatte schon mit vierzehn Jahren seine erste professionelle Anstellung erhalten.)

Als der Neuling im Jahre 1894 dann Horatio Parker ganz unschuldig eine Fuge in vier (gleichzeitigen) Tonarten vorlegte, erlebte seine experimentelle Seite eine schroffe und peinliche Abfuhr. Doch mochte Parker auch unfähig gewesen sein, die beispiellose Imagination seines Schülers zu begreifen, so wäre Ives ohne Parker nicht geworden, was er wurde. Sein Lehrer machte ihn zu einem wirklichen Symphoniker, und letzten Endes sollten die spätromantischen Ideale, die Parker repräsentierte, auch Ives in all seinen revolutionären Entdeckungen begleiten: Die Musik dient zur Veredlung des Geistes, zur Veränderung unseres Lebens und der Welt.

Auf den ersten Blick erscheint die erste Symphonie wie eine Hausarbeit, gewiss aber eine der bemerkenswertesten der gesamten Musikgeschichte. Ives schrieb das Werk als Prüfungsstück für Yale; es scheint aber zur Zeit seines Examens noch nicht abgeschlossen gewesen zu sein. Sowohl im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne schaute Horatio Parker seinem Schüler bei der Arbeit an dieser Symphonie über die Schulter. Schon die ersten Takte mit dem sehnsüchtigen, ein wenig schicksalhaften Klarinettenthema über murmelnden Streicherklängen sind hohe Romantik in der Tradition von Brahms, Tschaikowsky und vor allem Dvořák – und das gilt für die gesamte Symphonie.

Technisch gesehen ist das Werk nicht wirklich ausgereift. Die Musik schweift ab, schlingert, ist mit Einfällen vollgestopft. Doch für einen kaum mehr als zwanzigjährigen Komponisten ist es ein erstaunliches Stück: Hier erprobt ein junges Genie erstmals seine Muskeln im Umgang mit dem Orchester. Und es zeigt sich, dass Ives nicht einmal „ivisch“ sein muss, um eine kraftvolle, unverwechselbare Musik zu schreiben. Zu Beginn des ersten Satz intoniert die Klarinette ganz formgerecht das Hauptthema, und dieser musikalische Gedanke ist so attraktiv, dass wohl Dvořák selbst davon angetan gewesen wäre. Schon bald aber begibt sich Ives auf die Suche, und zwar in Gestalt rastloser Modulationen, die Horatio Parker in Aufregung versetzten, für Richard Wagner jedoch nichts neues gewesen wären. In der Mitte gibt es einen magischen, ruhigen Abschnitt, dessen aufsteigende Akkordwechsel den faszinierendsten Teil des Satzes bilden. Diese Harmonien hat Charles Ives in seinem letzten Werk, dem Psalm 90, wieder aufgegriffen.

Der zweite Satz bietet ein Stück lyrisch-sentimentaler Romantik. Vielleicht hätte Ives in späteren Jahren angesichts dieser Musik aufgestöhnt, doch er hatte nichts gegen Sentimentalität einzuwenden, wenn sie denn nur ehrlich und ernstgemeint war. Der dritte Satz ist ein traditionelles symphonisches Scherzo von bemerkenswerter Frische, das mit einem behänden, geistreichen und brillant instrumentierten Kanon beginnt, indessen der Mittelteil von einer schönen, beinahe scheuen Lyrik erfüllt ist (man übersieht zu leicht, dass Ives als Melodiker erstklassig war).

Das wilde Finale folgt einerseits den Vorschriften Parkers, ist andererseits aber in seiner rhythmischen Vitalität und seinem durchgehenden Feuer echter Ives – allerdings mit einem Spritzer schicksalhafter Posaunenromantik. Das Werk endet mit einer Gebärde, die viele Elemente des späteren Schaffens vorwegnimmt: Es ist eine grandiose Begegnung verschiedener Themen, die in der Tradition der zyklischen Symphonik, dabei aber weitaus verrückter und amüsanter als in der Romantik behandelt werden.

Von hier aus gelangen wir in die ganz andere Welt des Emerson Concerto oder der Emerson Overture für Klavier und Orchester, wie Ives sagte. Das Stück ist in einer fortgeschrittenen Skizze erhalten, die nur noch ein oder zwei Stadien von einer vollständigen Partitur entfernt ist. Die vorliegende Aufführungsfassung wurde von dem Ives-Forscher David G. Porter hergestellt. Das Konzert sollte Teil einer Serie von Orchesterportraits mit dem Titel „Men of Literature” (Männer der Literatur) sein. Von diesem Projekt wurde allerdings nur die Robert Browning Overture mehr oder weniger vollendet. Ein Stück über Hawthorne, das als Konzert begann, ging dann ebenso in die Concord Sonata ein wie das Emerson Concerto, das schon vor seiner Vollendung im Jahre 1911 auf die Sonate zusteuerte. Ives legte die Konzertfassung beiseite und nahm sie sich nie wieder vor, obwohl es Hinweise darauf gibt, dass er das eigentlich geplant hatte. Nach der Concord Sonata konkretisierte sich dieser Ideenstrom in den Four Transcriptions from Emerson.

Im Emerson-Kapitel seiner Essays Before a Sonata, die die Concord Sonata begleiteten, beschrieb Ives, wie er sich diesen Philosophen vorstellte: „Emerson ist ... Amerikas tiefsinnigster Erforscher der spirituellen Unermesslichkeiten ... und [erkennt] aus dieser inneren Quelle heraus ..., dass „jedes letzte Faktum nur wiederum das erste einer neuen Reihe ist“ ... Wir sehen ihn – ihn, den Bergführer, der so intensiv nach dem Schweif seines Sterns Ausschau hält, dass er keine Zeit hat innezuhalten und seine Fußspuren zurückzuverfolgen.“

Damit gibt Ives Aufschluss über Bedeutung, Atmosphäre und Methode der Emerson-Stücke. Sie sind allesamt schroff, dissonant, suchend. Man stelle sich vor, wie Emerson auf dem Berggipfel die Unermesslichkeiten herausforderte: Er hatte keine Zeit, innezuhalten und seine Fußspuren zurückzuverfolgen. „Jedes letzte Faktum ist nur wiederum das erste einer neuen Reihe.“ Die Themen werden also nicht auf traditionelle Weise exponiert und durchgeführt. Nichts wiederholt sich. Alles ist eine sich endlos entwickelnde Durchführung. Dabei erinnert die dramatische Anlage des Stückes an die „heroischen“ Konzerte des 19. Jahrhunderts. Der Solist steht für Emerson, während das Orchester die Welt darstellt, der er sich gegenübersieht.

Das Emerson Concerto und seine späteren Manifestationen sind vielleicht die radikalsten Werke, die Ives je geschaffen hat. Die dissonante Sprache und der Verzicht auf jede wörtliche Wiederholung sind nur der oberflächliche Teil der Neuerungen. Unter dieser Oberfläche finden wir die innovativen Themen und Dimensionen des Werkes, in dem es zwei thematische Bereiche gibt – das Schroffe und Heroische (wobei immer wieder das Viertonmotiv aus Beethovens fünfter Symphonie einbezogen wird) sowie die Ruhe und Gesanglichkeit (eines dieser Elemente nannte Ives die „Melodie des menschlichen Glaubens“). Doch keines dieser miteinander kontrastierenden Themen hat ein definitives Aussehen: Alles ist in ständiger Bewegung. Besonders radikal war Ives’ Äußerung, wonach die Emerson-Musik weder abgeschlossen war noch je abgeschlossen werden sollte. Damit brach er die alte Vorstellung vom „Werk“ auf. „Emerson“ wurde zu einem Bild der endlosen, nie endenden Suche, die von Offenbarung zu Offenbarung geht. Die Wahrheit liegt in der Reise. Ives war der Ansicht, dass mit dem Ende des Suchens auch das Leben aufhörte.

Jan Swafford
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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