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8.559177 - BERNSTEIN, L.: On the Waterfront / Chichester Psalms / On the Town (Bournemouth Symphony Chorus and Orchestra, Alsop)
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Leonard Bernstein (1918-1990)

Leonard Bernstein (1918-1990)

Symphonische Suite aus dem Film On the Waterfront • Chichester Psalms • Three Dance Episodes aus On The Town

 

Leonard Bernstein war einer der erstaunlichsten Musiker, die Amerika je hervorgebracht hat. Sein rastloser Geist und sein unvergleichliches Charisma machten den Dirigenten, Instrumentalisten und Lehrer zu einer vollendeten Gestalt in der amerikanischen Musik. In den zwölf Jahren als musikalischer Leiter der New Yorker Philharmoniker sowie mit seinen Omnibus und Young People’s Concerts erschloss er unzähligen Menschen jeden Alters die Welt der Musik. Der Komponist Bernstein beschränkte sich nicht auf einen einzigen Stil; er widersetzte sich jeder musikalischen Kategorisierung und schuf auf diese Weise originelle Werke für die Bühne, die Leinwand, die Kirche und den Konzertsaal. Vielleicht hat kein anderer Musiker des 20. Jahrhunderts eine so umfassende, vielgestaltige Karriere gemacht und so viele Menschen mit seiner Liebe zur Musik angerührt wie er.

 

Die Musik zu Elia Kazans Streifen On the Waterfront (Die Faust im Nacken) aus dem Jahre 1954 ist Leonard Bernsteins einzige Originalfilmmusik. In den Hauptrollen spielten Marlon Brando, Eva-Marie Saint und weitere Stars der Leinwand. Es gab mehrere Oscars für diesen Film, der bis heute weithin als eine der größten Produktionen aller Zeiten gilt. Bernsteins oscar-nominierte Musik fängt die ganze Essenz der Stadt New York ein, in der der Komponist die meiste Zeit seines Lebens zu Hause war. Mochte der Film an sich auch noch so stimulierend sein, so fühlte sich Bernstein dennoch eingeengt. Er bedauerte all die Musik, die auf dem Fußboden des Synchronisationsstudios ihr Ende fand, und er schrieb seinem Freund Aaron Copland: „Hollywood ist genau, wie ich es erwartet habe, nur schlimmer.“ Ein Jahr nach der Filmmusik entstand eine sechssätzige Suite, in die Bernstein einige der zuvor gestrichenen Materialien hinüberrettete. Ein atmosphärisches Hornsolo beschwört zu Beginn die Dunkelheit einer urbanen Gegend, in der man die nebligen Docks am East River erlebt. Saxophone, gedämpfte Trompeten und Schlagzeug verleihen der Musik wirklich so etwas wie die Atmosphäre einer Stadt. In der Mitte und am Ende der Suite ist das Thema des Hafenarbeiters Terry (Marlon Brando) in kontrapunktischer Verknüpfung mit dem Anfangsmotiv zu hören. Immer wieder lässt Bernstein unruhige, zügellose Rhythmen auf lyrische, menschlichere Melodien treffen – eines der Markenzeichen seines reifen Stils. Die Suite hat Bernstein seinem Sohn gewidmet, der zu Ehren von Serge Koussevitsky, dem Direktor der Boston Symphony und Leonard Bernsteins Mentor, die Vornamen Alexander Serge trägt.

 

In der Spielzeit 1964-1965 wollte sich Leonard Bernstein ein Urlaubsjahr als Leiter der New Yorker Philharmoniker gönnen, um sich ganz aufs Komponieren verlegen zu können. Vor allem wollte er mit Betty Comden, Adolph Green und dem Choreographen Jerome Robbins eine Musical-Version von Thornton Wilders Schauspiel The Skin of Our Teeth (Wir sind noch einmal davongekommen) realisieren. Dieses Projekt kam zwar nicht zustande, doch zu Beginn des Jahres 1965 bot sich eine neue Gelegenheit: Walter Hussey, der Dekan der Kathedrale von Chichester im südenglischen Sussex bot dem Komponisten den Auftrag zu einem Werk an, das die vereinigten Kathedral-Chöre von Winchester, Salisbury und Chichester bei einem alljährlich stattfindenden Sommerfestival uraufführen sollten. Die Anfrage kam zu einem Zeitpunkt, als es im Leben des Musikers ausnahmsweise einmal etwas ruhiger zuging. Bernstein machte sich in seiner New Yorker Wohnung sofort an die Arbeit. Im Mai 1965 vollendete er in Fairfield, Connecticut, die Instrumentation des Werkes.

 

Während seines Urlaubsjahres befasste sich Bernstein lange mit der Zwölftontechnik, doch schließlich wandte er sich von dieser orthodoxen Doktrin ab, die ihm nach eigenen Worten als nicht ehrenwert erschien. Voller Stolz bezeichnete er seine Chichester Psalms als „das B-dur-igste Stück, das ich je komponiert habe“ – wobei er von der Voraussetzung ausging, dass die Tonalität in seinem Werk ein Sinnbild des Optimismus sei. Es mag an der harmonischen Einfachheit und der Universalität der Texte liegen, dass die Chichester Psalms zu einem der meistgespielten Stücke Bernsteins wurden. Die Ehre der Uraufführung ging allerdings nicht an den Chor von Chichester: Im Juli 1965 brachten Bernstein und die New Yorker Philharmoniker zunächst eine leicht veränderte Version für gemischten Chor heraus, bevor noch im selben Monat die englische Premiere in der ursprünglichen Besetzung mit Knaben- und Männerstimmen stattfand. Die Partitur sieht neben Chor und Knabensolo ein Orchester aus Streichern, je drei Trompeten und Posaunen sowie zwei Harfen und Schlagzeug vor. Bernstein benutzt darin die hebräische Fassung von Psalmen und Psalm-Ausschnitten. Der erste Satz schwingt sich mit dem Anfang des Psalms 108 auf (Wacht auf, Harfe und Saitenspiel! Ich will das Morgenrot wecken) und schließt mit dem vollständigen Psalm 100 (Jauchzt vor dem Herrn, alle Länder der Erde!), der sich hier in einem tanzhaften Siebenvierteltakt bewegt, in dessen Verlauf der Chor vom farbenfrohen Schlagzeug ergänzt wird. In diesem Stück, das mit Bongo-Schlägen verklingt, hat Bernstein auf Material aus dem unvollendeten Thornton Wilder-Projekt zurückgegriffen.

 

Ein ruhiges A-dur bestimmt den zweiten Satz. Die zarte, von den zwei Harfen begleitete Knabenstimme intoniert den Psalm 23 (Der Herr ist mein Hirte). Plötzlich wird die Ruhe schroff durch ein brodelndes Allegro feroce unterbrochen: Über einem wie wahnsinnig sich gebärdenden Orchester schreit der Chor den Anfang des zweiten Psalms hinaus: La-mah ra-g-shu? (Warum toben die Völker). Hier verwendet der Komponist Musik aus dem Prolog der West Side Story, die allerdings so weit verändert wurde, dass sie zu den hebräischen Worten passt. Man kann sich unschwer vorstellen, wie die Banden der Sharks und der Jets sich zu dieser Musik gegenseitig provozieren! Doch schon bald kommt die klagende A-dur-Melodie zurück, und das Knabensolo fällt am Ende in die letzten ruhigen Zeilen des Chores ein.

 

Der letzte (und längste) Satz des Werkes beginnt mit spröden, ausgehaltenen Streicherakkorden, die von einem wellenförmig fließenden, quasi impressionistischen Zehnvierteltakt abgelöst werden. In der Coda verbinden sich die zuversichtlichen Worte des Psalms 133 (Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen) mit einer herrlichen, heiter bewegten Musik. Mit einem expressiven Amen auf dem Ton G markiert der geheimnisvoll-expressive Chor das Stück. Obwohl Bernstein in den Chichester Psalms auf die hebräische Textfassung der Psalmen zurückgriff, findet man kaum traditionelles musikalisches Material, anders als es früher in der ersten Symphonie („Jeremiah“), in Re’ena und in der dritten Symphonie („Kaddish“) und später sowohl in der Mass (1971) als auch in dem Ballett Dybbuk (1974) der Fall war – in Werken also, die allesamt vom Glauben des Komponisten sprechen.

 

Bernsteins eindrucksvoller Beitrag zum amerikanischen Musiktheater begann 1944 mit On the Town. In dieser umfassenden Überarbeitung und Erweiterung des älteren Balletts Fancy Free geht es um die Erlebnisse dreier Matrosen, die ihren Landurlaub in New York verbringen. Handlung und Musik spiegeln den fröhlichen Geist der großen Stadt. Die Show lief zunächst in Boston. Wenig später folgte New York, und damit hatte sich Bernstein mit seinen Mitarbeitern Jerome Robbins, Betty Comden und Adolph Green als eine kraftvolle Gestalt der Musical-Bühne etabliert. Das erfolgreiche Stück kann für sich viele „Premieren“ beanspruchen: On the town war das erste amerikanische Musical eines „klassischen“ Komponisten; es war die erste Show, für die eine Filmgesellschaft die Filmrechte erwarb; und es war die erste Broadway-Show, in der schwarze und weiße Tänzer gemeinsam auf der Bühne standen. Aus einigen Teilen des Stückes formte der 26jährige Bernstein die Drei Tanzepisoden aus „On the Town“, wobei schon der Titel keinen Zweifel daran lässt, welch bedeutende Rolle das Tanzen in diesem Musical spielt. Die erste Episode, The Great Lover, etabliert die jazzig-überschwängliche Laune des Ganzen. Die zentrale Episode bringt mit Lovely Town eine der einprägsamsten Melodien des Komponisten. Zentrum der Suite ist jedoch die letzte Episode, Times Square, mit ihren lebhaft swingenden New Yorker Melodien: Der Times Square ist, so lange man denken kann, der Orientierungspunkt für alle, die dort leben. Deshalb heißt es auch in einem Song The Bronx is up but the Battery’s down – was sich letztlich schwer übersetzen lässt, denn Bronx und Battery sind nicht nur zwei New Yorker Stadtteile im Norden (up) bzw. im Süden (down), sondern Bronx ist unter anderem auch eine Art Cocktail, und „the Battery’s down“ bedeutet gleichermaßen, dass „die Batterie leer“ ist.

 

Sean Hickey

Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

 

Kommentar des Dirigenten

 

Als ich neun Jahre alt war, ging mein Vater mit mir in ein Konzert der New Yorker Philharmoniker, und damals erlag ich zum ersten Mal der Magie von Leonard Bernstein. Nie zuvor hatte ich eine so faszinierende, anregende Person gesehen, und nachdem ich ihn gehört hatte, da wusste ich sofort, dass auch ich Dirigent werden wollte. Dieser Gedanke hat mich nie verlassen.

 

Als Dirigierstipendiat in Tanglewood erlebte ich 1988 einen der glücklichsten Tage meines Lebens, da ich ausgewählt wurde, bei einem Konzert mit Leonard Bernstein ein Werk zu dirigieren. Von ihm lernen, mit ihm die Zeit verbringen zu können, ihn erzählen und leidenschaftlich von seinen Ansichten sprechen zu hören – das waren Ereignisse, die mein Leben veränderten und prägten und die ich nie vergessen werde. Selten genug hat man einen Helden. Doch wenn man einen Helden hat, der die eigenen Erwartungen so sehr übertrifft, dann ist das ein unvorstellbares Geschenk.

 

Wie könnte ich Bernsteins Größe beschreiben? Er war nicht nur ein vorzüglicher Dirigent, ein wunderbarer Komponist, ein brillanter Denker und eine charismatische Persönlichkeit („Armer Lenny, du kannst viel zu viel!“ schrieb Stephen Sondheim zu Bernsteins 70. Geburtstag). Was ich sah, war seine Fähigkeit, die einzelnen Punkte miteinander zu verbinden und jede seiner Erfahrungen auch auf andere Disziplinen zu übertragen. Seine grenzenlose Neugier auf alles und jedes war ebenso ansteckend wie seine unbeschränkte Großzügigkeit. Er war vor allem ein Mensch von großen Prinzipien, ein wirklicher Humanist, der für uns alle die Meßlatte sehr hoch gelegt hat.

 

Wie all seine Werke gewähren auch die Chichester Psalms einen Blick in seine Seele. Schon darin, dass er für die Church of England hebräische Texte wählte, ist ein Ausdruck des tiefen Wunsches, dass jedermann an diesem Erlebnis teilhaben soll. Und in der Auswahl biblischer Psalmen sehen wir, dass Bernstein jene archetypischen Bedürfnisse verstand, die wir alle teilen.

 

Die fröhlich-jazzige Einleitung „Psalter und Harfe, wacht auf“ ist entwaffnend und zieht uns sogleich in das Geschehen hinein. Der Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“ lässt uns einige sehr persönliche Augenblicke aus Bernsteins Kindheit nacherleben: Hier setzt der Komponist einen Knabensopran ein, indessen die engelsgleichen Frauenstimmen das Bild ergänzen und die herrliche Schlichtheit des Psalms zum Leben erwecken. Doch so einfach ist das Leben nicht: Der Moment der Ruhe wird durch eine Realität unterbrochen, für die der Mensch selbst verantwortlich ist: „Warum toben die Völker, warum machen die Nationen vergebliche Pläne?“

Ein Orchesterzwischenspiel spricht jene abstrakte Sprache, die uns alle miteinander verbindet und den Übergang zur Reumütigkeit bildet.

 

Die abschließenden a cappella-Augenblicke des Chichester Psalms („Seht doch, wie gut und schön es ist, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen“) stellen für mich die Essenz von Leonard Bernstein dar, und sie sind der Grund dafür, warum ich ihn so sehr vermisse.

 

Marin Alsop

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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