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8.559182 - ROCHBERG: Symphony No. 2 / Imago Mundi
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George Rochberg (1918–2005)
Symphonie Nr. 2 (1955–56) • Imago Mundi (1973)

George Rochberg wurde am 5. Juli 1918 in Paterson, New Jersey, geboren, und ist am 30. Mai 2005 in Newtown Square, sein 40-jahrige Heimat in die nähe von Philadelphia, gestorben. Seit 1951 war er Verlagsleiter bei dem Musikverlag Theodore Presser. 1960 wurde er Leiter der musikalischen Fakultät an der University of Pennsylvania. Von 1979 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1983 war er Annenberg-Professor für Geisteswissenschaften. Seit er seine ersten wichtigen Kompositionen schuf, wurde Rochberg mit Auszeichnungen bedacht. Seine Night Music erhielt 1953 den George Gershwin-Gedächtnispreis. Ferner gab es Naumberg Recording Awards, Guggenheim Fellowships und verschiedene Ehrendoktorwürden sowie ein Stipendium der Amerikanischen Akademie in Rom und ein Fulbright Stipendium für 1950/51 (aus diesem Jahr datiert die Freundschaft mit Luigi Dallapiccola); 2000 zeichnete ihn die ASCAP für sein Lebenswerk aus, und es folgte eine Fülle weiterer Ehrungen. Die Basler Paul Sacher-Stiftung erwarb 1996 Rochbergs Manuskripte und Aufzeichnungen für ihre Sammlung. George Rochberg starb am 29. Mai 2005, wenige Wochen vor seinem 87. Geburtstag.

Obwohl George Rochberg seine zweite Symphonie erst 1956 vollendete, handelt es sich dabei doch eindeutig um ein Werk der Kriegszeit. 1940/41 hatte der Komponist mit seiner jungen Frau Gene in New York gelebt, wo er den Lebensunterhalt mit Auftritten in Jazz-Bars und - Clubs verdiente, indessen er bei Hans Weisse, Leopold Mannes und George Szell an der Mannes School of Music studierte. Doch sein Studentenleben und die Idylle der frühen Ehejahre erlitten im November 1942 durch die Einberufung zur United States Army eine Unterbrechung. Es folgten drei schwere Jahre als Captain der Alliierten in Europa. Nachdem Rochberg bei der Ardennenschlacht, der sogenannten Battle of the Bulge, schwer verletzt worden war, dauerte es beinahe ein Jahr, bis er wiederhergestellt war. Nach Kriegsende konnte er seine Studien am Curtis Institute of Music in Philadelphia fortsetzen, wo er seine kontrapunktischen Fertigkeiten bei dem großen Rosario Scalero verfeinerte, der sechzig Jahre zuvor zum Wiener Brahms-Kreis gehört hatte.

Das erste großangelegte Werk, das daraus resultierte, war 1948/49 die einstündige erste Symphonie [die auf Naxos 8.559214 erscheinen wird] – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Zweiten. Die erste Symphonie, die erstmals die Kraft der Orchesterpalette erforscht, die die expressiven Bezirke und Aufgaben des Komponisten umreißt und eine kraftvolle, eigenständige, persönliche Sprache begründet, die ihrem Wesen nach noch immer „tonal” ist, dabei aber immer heftiger gegen die harmonischen Grenzen dieser Sprache drückt – diese Symphonie zeigt einen jungen Komponisten, der voller Selbstbewusstsein den Fehdehandschuh hinwirft.

Durch die in der ersten Symphonie vollzogene Verfeinerung einer reifen Technik war jetzt alles befreit, was sich während des Zweiten Weltkrieges an Wut und Schmerz angehäuft hatte, und konnte sich in entfesselter Spontaneität aufs Papier ergießen – eine Unmittelbarkeit der kompositorischen Vision, die womöglich noch durch die vier Jahre geschärft wurde, in denen die Partitur der Zweiten – zwischen der Arbeit an andern Werken – ihre Politur erhielt.

“Meine Kriegserfahrung hatte sich tief in meine Seele eingebrannt. Nach dem Ende des Krieges wurde mir immer bewusster, dass ich in einer Welt lebte, die aus den Nähten ging und dem Abgrund immer näher kam. Mich beunruhigte das immer liederlichere, schlechtere Denken der Menschen und das noch schlechtere Benehmen; ich war angewidert von dem allseits zunehmenden Narzissmus, genauer von der Art, wie er in öffentlichen Kommentaren und Feststellungen damals führender Künstler und Schriftsteller an die Oberfläche trat, und mehr noch davon, wie er sich in den Werken zeigte, die in einem endlosen Strom aus schlechtem Geschmack, kläglichen Ideen und schlampigem Handwerk produziert wurden. Es gab für mich keine andere Möglichkeit als stur meine eigenen Ziele zu verfolgen, ansonsten aber praktisch alles und jeden unbeachtet zu lassen.”

Die zweite Symphonie ist überdies ein ausgewachsenes Zwölftonwerk – die erste dodekaphonische Symphonie eines Amerikaners und die logische Lösung der sprachlichen Spannungen, die der Komponist schon in seiner Ersten erkundet hatte.

„Ich musste eine Sprache finden, die expressiv genug war, um sagen zu können, was ich glaubte sagen zu müssen ... Ich fand Möglichkeiten, die auf Hexachorden basierende Reihe derart zu organisieren, dass ihre Transpositionen durch Inversion ein analoges Verhältnis zu tonalen Zentren annehmen konnten – durch locus ... [das heißt] ein Schema tonaler loci ... die den Rang von „Tonarten” im alten Sinne hatten.”

Dass Rochberg zur Zwölftontechnik gelangte, war auf keinen Fall den Zeitgenossen und Landsleuten zu danken, die sich ähnlicher Techniken befleißigten oder kurz davor waren, sich dieser zu bedienen. Diese weigerten sich, etwas von dem preiszugeben, was sie für ihre privaten Entdeckungen hielten, und es wollte Rochberg nicht gelingen, mit ihnen in Kontakt oder Dialog zu treten. Was ihn zu seiner äußerst persönlichen Ausdrucksweise im Umgang mit der neuen Sprache brachte, waren seine privaten Studien der Werke Schönbergs und Weberns und womöglich auch der Einfluss, den der Freund Luigi Dallapiccola in den Jahren 1950/51 ausübte, als Rochberg composer-in-residence an der Amerikanischen Akademie von Rom war. Was seine Ausdrucksweise in der Hauptsache auszeichnet, ist die Verbindung von Leidenschaft und scharfen Kanten. Sie ist diskursiv und dabei doch rigoros und sparsam, abwechselnd wild und elegisch – und doch immer unsentimental. Der Komponist bezeichnete diesen expressiven Stil später als „harte Romantik”.

Zusätzliche Eindringlichkeit gewinnt dieser Wutausbruch über die hässlichen und bösen Taten, derer die Menschheit fähig ist, durch das formale Schema der Symphonie – „im wesentlichen vier Sätze, die durch kurze Zwischenspiele zu einem ununterbrochenen musikalischen Ganzen von dreißig Minuten verbunden sind” 3. Und doch gibt es in dieser Musik, namentlich im Adagio-Satz, lange, sehnsüchtige Augenblicke der Schönheit. Wie Rochberg an anderer Stelle schrieb:

„Die Welt zu einem besseren Ort zu machen ist für einen Künstler kein Vorsatz. Sein Vorsatz ist es, das Feuer des Geistes auszudrücken, um – wie Robert Browning sagte – schöne Dinge zu machen, die ‘brennend in der göttlichen Hand gelegen haben’.”

Zwischen Winter der 1955 und Frühling 1956 geschrieben (aber mit Skizzen von 1952), die 2e. Symphonie war in Cleveland den 26.Februar 1959 uraufgeführt. Mit dem erste Aufführung in New York im 1961 von George Szell und dem Cleveland Orchestra in der Carnegie Hall, George Rochberg sofort als einen der führenden Komponisten seiner Generation etabliert war. Sie ist bis heute ein von seiner anerkanntestes, repräsentativstes und in vieler Hinsicht noch immer eindringlichstes und bezwingendstes Werken – bis hin zu der Coda mit ihrer unvergleichlichen Trauer und Resignation, deren unaufgelöster Schlussakkord noch lange im Gedächtnis bleibt.

Imago Mundi kann man besser als Ritual denn als Symphonische Dichtung beschreiben, und war für den Baltimore Symphony Orchestra und Sergiu Commissiona geschrieben. Im Frühsommer 1973 hielt sich George Rochberg für drei Wochen in Japan auf, und was er hier sah, hörte und an kulturellen Eindrücken gewann, ging tiefer als alles, was ihm auf seinen sonstigen Reisen begegnete. Innerhalb der nächsten Monate entstand eine Gruppe von vier Werken, die miteinander in Beziehung stehen. Es sind dies die drei Kammerkompositionen Ukiyo-E – Pictures of the Floating World [Bilder der fließenden Welt], Slow Fires of Autumn (Ukiyo-E II) [Langsame Herbstfeuer] und Between Two Worlds (Ukiyo-E III) [Zwischen zwei Welten] sowie das hier vorliegende Imago Mundi (Bild der Welt) für großes Orchester. Im Mittelpunkt dieser Werkreihe geht es um die Erforschung von Methoden, mit denen sich die Welt wahrnehmen und darstellen lässt.

Ukiyo-E ist die traditionelle japanische Malschule, wie sie uns beispielhaft in der berühmten, vielfach reproduzierten Großen Welle an der Küste von Kanagawa und den 36 Ansichten des Berges Fuji des Meisters Hokusai oder auch in den Hundert Ansichten berühmter Orte in Edo [Tokio] des jüngeren Meisters Hiroshige sowie in Vogel- und Naturbildern begegnet. Die Klänge der koto, der shakuhachi, der sho und vor allem des Gagaku-Orchesters treten in den Werken, die Rochberg in diesem Jahr komponierte, gleichermaßen deutlich an die Oberfläche. Das gilt auch für seine plastische Beschreibung eines japanischen Doktors, der bei einem privaten Essen einen „in seiner Melancholie zutiefst bewegenden” Nô-Gesang vorführte. Vor allem aber für Gagaku, die Jahrhunderte alte private Hofmusik des Kaisers, die kein Fremder hören durfte, „eine Musik von machtvoller Präsenz ... nicht einfach exotische Klänge, sondern eine Musik von gemeißelten melodischen Linien und lebhaften Farben ... ich wählte ein ganz besonders ergreifendes Gagaku-Stück, das eine faszinierende Intensität hatte – eine langsame, zeremonielle, schroffe, cantus- und prozessionsartige Intensität.”

Das dritte Element, das diese vier Stücke in einer für das westliche Bewusstsein ungewöhnlichen Weise erforschen, ist das Element der Zeit (Rochberg war nach Japan gereist, um bei einer Konferenz ein Papier mit dem Titel Die Struktur der Zeit in der Musik vorzulegen). Besonders die Kammermusiken zeigen eine „deutliche Neigung zu bewegungsloser Bewegung und Stasis ... Gesten frei-flutender Klänge und Klangkomplexe.” Auch die Langsamkeit des Nô-Theaters, das einem „durch eine Art von intuitivem Verstehen unterhalb der sprachlichen Ebene erlaubt, ins Zentrum des Seins selbst hinabzureichen”, hat einen tiefen Einfluss auf diese Musik gehabt.

Imago Mundi, schreibt der Komponist abschließend in Five Lines and Four Spaces, „ist eine Zeichnung der äußeren Welt – doch nur insofern, als unsere Bilder von der Welt, die außerhalb unserer selbst liegt, Imaginationen sind, mentale Fiktionen, schattenhafte Reflexionen der ,Wirklichkeit’ vergangener wie auch gegenwärtiger Zeiten.”

Christopher Lyndon-Gee
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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