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8.559184 - COPLAND: Piano Sonata / Piano Fantasy / Piano Variations
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Aaron Copland (1900–1990)
Piano Sonata • Piano Fantasy

Neben seiner Orchestermusik machen die Kompositionen für Soloklavier den größten Teil des OEuvres Aaron Coplands aus. Zudem entstand diese Werkgruppe über die längste Zeitspanne seines Schaffens hinweg, angefangen mit dem Scherzo Homoristique: The Cat and the Mouse von 1920, einer Arbeit, die gegen Ende seiner Studien bei Rubin Goldmark entstand, bis hin zu Proclamation, seiner letzten eigenen Komposition, die er 1973 begann und erst neun Jahre später abschloss. Und obwohl es sich bei einer ganzen Reihe von Werken um Gelegenheitsarbeiten und Miniaturen handelt, können drei Kompositionen unter ihnen doch eine wichtige Stellung innerhalb seines Gesamtschaffens für sich beanspruchen. Zusammen ergeben sie einen aufschlussreichen Überblick dieser ausgesprochen ernsthaften Seite eines Komponisten, dessen ‚populärere’ Werke ihn für den größeren Teil der Öffentlichkeit unumstößlich charakterisieren.

Nachdem er in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre eine Verschmelzung von Jazz-Idiomen mit neoklassizistischen Techniken verfolgte, die er während seiner Studien bei Nadia Boulanger in Paris weiterentwickelt hatte, änderte Copland am Ende des Jahrzehnts seine künstlerische Ausrichtung, um einen anspruchsvollen, ebenso abstrakten wie konzentrierten Stil anzunehmen. Dieser kommt nirgendwo besser zur Geltung als in den Piano Variations, die Copland zwischen Januar und Oktober 1930 komponierte und die vom Komponisten selbst – der ein ausgezeichneter Pianist war – im Rahmen eines League of Composers Concert am 4. Januar des folgenden Jahres in New York uraufgeführt wurden. Die kompromisslose Strenge polarisierte dabei sowohl die Reaktionen des Publikums als auch die der Kritik. Vieles von dieser Schärfe und Prägnanz ist bereits im Thema angelegt, einem fünftönigen Motiv, das erstmals in der elf Takte umfassenden Idee erklingt, die das Werk eröffnet und bei der es sich – wie Copland hervorkehrte – eigentlich um die erste Variation handelt. Die zwanzig Variationen folgen aufeinander ohne große Unterbrüche, und Kontraste zwischen ihnen werden vom musikalischen Fluss gewissermaßen absorbiert, der unbeirrbar einer sich intensivierenden Bahn folgt. Große Wirkung erzielt Copland durch unterschiedliche Betonungen von vier- und fünftönigen Motiven sowie durch häufige Wechsel der Taktvorzeichnung. Die massiven Akkorde, die das Werk dann beschließen, bedürfen idealerweise des dritten Pedals, des Fortepedals also, um ihre Wucht voll entfalten zu können.

Coplands Wechsel zu einem populäreren und zugänglicheren Idiom Mitte der 30er Jahre ging einher mit einer in den Vereinigten Staaten in dieser Zeit sich ausbildenden sozial und kulturell umfassenderen Anschauung, was dazu führte, dass Copland bald als der führende amerikanische Komponist seiner Generation galt, versinnbildlicht durch Werke wie das orchestrale Schaustück El Salón México (1936), das Ballett Billy the Kid (1938) und die Tondichtung Quiet City (1939). 1939 begann er allerdings auch die Arbeit an einem Werk, dessen musikalische Aussage von ganz anderer Art war und dessen Vollendung Copland beinahe zwei Jahre kostete – ein Werk, das sich deutlich von den übrigen Kompositionen dieser Schaffensphase abhebt: Die Piano Sonata, die dem Dramatiker Clifford Odets zugeeignet ist und die Copland selbst am 21. Oktober 1941 in Buenos Aires zur Uraufführung brachte, gehört sicherlich zu den persönlichsten und am meisten nach innen gewandten musikalischen Aussagen des Komponisten.

Die drei Sätze der Sonate folgen dem im 20. Jahr-hundert durchaus beliebten Schema langsam-schnell-langsam. Der erste Satz, Molto moderato, wird von zwei beherrschenden ‚Motto’- Ideen eröffnet, wobei das erste, absteigende Motiv ein lyrisches Thema hervorbringt, das dann die Funktion der zweiten Themengruppe innerhalb des im Grunde genommen der Sonatenform folgenden Satzes übernimmt. Die Durchführung entwickelt einen lebhafteren Charakter, ehe die Musik ihren nachdenklichen Anfangston wiederfindet. Der zweite Satz, Vivace, ist ein Scherzo, in dem Copland die Jazz-Einflüsse seiner früheren Jahre ebenso komplex wie subtil entwickelt. Das zentrale Trio ist eng mit den ersten Takten verwandt und wirkt trotz seiner stärkeren Innerlichkeit kaum der vorherrschenden Bewegung entgegen. Das Finale schließlich, ein Andante sostenuto, bedient sich Ideen der vorangegangenen Sätze, allerdings in einer getragenen Threnodie stiller Erhabenheit, die in eine Coda mündet, die sich deutlich von den ersten Takten des ersten Satzes ableitet und den harmonisch-rhythmischen Gehalt des Werkes in einer Aura transzendentaler Stille kristallisiert.

Im Jahrzehnt nach der Piano Sonata entstanden einige von Coplands erfolgreichsten Werken, darunter die Ballette Rodeo (1942) und Appalachian Spring (1944), das Clarinet Concerto (1948) sowie die beiden Sammlungen der Old American Songs (1944). Der Kulminationspunkt dieser vielleicht am passendsten mit Coplands amerikanischem Idiom umschriebenen Phase war dann die Oper The Tender Land (1954). Danach entstand eine Reihe von Werken, die serielle Techniken mit tonalen Verfahren in einer ebenso imaginativen wie individuellen Weise verschmolz, was zeigte, dass Copland unterdessen über einen erweiterten kosmopolitischen Horizont verfügte. Zu dieser Zeit entwickelte Copland die Idee eines Klavierkonzertes für den jungen amerikanischen Virtuosen William Kapell, die freilich durch Kapells Tod bei einem Flugzeugabsturz 1953 letztlich nicht realisiert wurde. Die bereits existierenden Skizzen fanden schließlich Eingang in die zwischen 1955 und 1957 entstandene Piano Fantasy, die dem Andenken Kapells gewidmet ist.

Mit knapp über einer halben Stunde Spielzeit gehört diese Komposition zu Coplands ambitioniertesten Werken überhaupt, wobei die Einsätzigkeit sowohl vom Interpreten Ausdauer als auch vom Zuhörer Konzentration verlangt. Da serielle Techniken frei eingesetzt werden, entsteht insgesamt der Eindruck wahrnehmbarer Tonalität, die allerdings weit davon entfernt ist, ‚klassisch’ zu sein. Zu Beginn erklingt eine Zehnton-Reihe (vier absteigende und sechs aufsteigende Noten), die – gemeinsam mit den beiden fehlenden Tönen der chromatischen Skala – die Funktion einer betonten Kadenz übernimmt und den motivischen Kern des gesamten Werkes bildet. Der erste Abschnitt dieses gewissermaßen dreiteiligen Werkes wird dann mit einer eher lyrischen Passage fortgesetzt, ehe ein schneller, an eine Toccata gemahnender Abschnitt folgt, der seinerseits von einer ruhigen Pastorale abgerundet wird. Der zweite Teil, ein ausgedehntes Scherzo, ist von einem rhythmischen Fluss, der an Coplands Musik aus den frühen 1930er Jahren erinnert das zentrale Trio mit seiner Verspieltheit täuscht über das anspruchsvolle Wechselspiel von rechter und linker Hand hinweg. Ein variiertes Wiederaufgreifen der Scherzo-Thematik führt dann direkt in den ebenso dynamischen wie emotionalen Scheitelpunkt des Werkes, auf den der dritte Teil folgt, der in einer alles andere als wörtlichen Reprise zum Material des ersten Teils zurückkehrt. Eine ruhige Coda streift Teile der anfänglichen Tonreihe, ehe das Werk dann still und erfüllt schließt.

Alle drei hier eingespielten Werke zeugen von Coplands geschärftem Bewusstsein der musikalischen Vergangenheit, die einhergeht mit einer intellektuellen Strenge, die – obschon sie sich niemals ausgesprochener Popularität erfreuen dürfte – doch ein klingender Beweis dafür ist, dass Copland zu den bedeutendsten kreativen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts gerechnet werden muss.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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