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8.559191 - BEACH: Songs
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Amy Beach (1867-1944): Lieder

Amy Beach (1867-1944): Lieder

 

Amy Beach, 1867 in Henniker im US-Bundesstaat New Hampshire als Amy Marcy Cheney geboren, war eine der produktivsten und vielseitigsten Komponistinnen Amerikas. Sie schuf Werke in fast allen musikalischen Gattungen, zu Lebzeiten machte sie sich jedoch in erster Linie als herausragende Liedkomponistin einen Namen, und viele ihrer Lieder gehörten zum Standardrepertoire der Zeit. Mit sechzehn Jahren begann sie eine Karriere als Konzertpianistin, als Achtzehnjährige heiratete sie den Bostoner Chirurgen Dr. Henry Harris Aubrey Beach. Ihre Ehejahre waren die produktivste Periode ihrer kompositorischen Laufbahn.

 

Nachdem ihr Mann 1910 und ihre Mutter 1911 gestorben waren, ging Amy Beach nach Europa, wo sie ihren Ruf als Interpretin und Komponistin festigte. In vielen deutschen Städten gab sie Konzerte, bei denen sie ihre eigenen Instrumentalwerke vorstellte und das Publikum mit ihren Liedern bekannt machte.

 

1914 in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, ließ sie sich in New York City nieder, von wo aus sie ihre Auftritte durch den gesamten nordamerikanischen Kontinent führten. Ab 1921 komponierte sie den überwiegenden Teil ihrer Werke als Fellow der MacDowell Colony, einem Künstlerzentrum in Peterborough (New Hampshire). Ihre aktive Mitgliedschaft in der Episkopalkirche St. Bartholomew in New York City inspirierte sie zur Komposition von geistlichen Werken.

 

Ihre weitgestreuten Interessen und Erfahrungen wusste Amy Beach auf äußerst intelligente Weise in ihre Werke einzubringen. Als Komponistin weitgehend Autodidakt, war sie die erste amerikanische Musikerin, die ihre Ausbildung ausschließlich in den Vereinigten Staaten erhalten hatte und auch die erste, die sich mit musikalischen Großformen beschäftigte. Als Komponistin gehört sie der Übergangsperiode zwischen der Zweiten Neuengland-Schule, zu deren Vertretern Horatio Parker und Edward MacDowell zählten, und den späteren amerikanischen Liedkomponisten wie Charles Ives an. Im Gegensatz zu anderen amerikanischen Komponisten ihrer Zeit machte sie sich über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus einen Namen.

 

Beachs 117 Kunstlieder zeugen von reifer kompositionstechnischer Meisterschaft und einem tiefen Textverständnis. Während ihrer gesamten Karriere blieb sie dem spätromantischen Idiom treu, wobei sich ihre Lieder an Vorbildern europäischer Komponisten orientierten. Darüber hinaus experimentierte sie mit musikalisch so diversen Stilrichtungen wie dem schottischen Volkslied und afro-amerikanischen Spirituals. Ihre Lieder sind technisch und musikalisch höchst anspruchsvoll und verlangen erfahrene Interpreten. Beach betrachtete das Lied als eine schöpferisch inspirierte, sowohl vom Intellekt als auch von der Emotion gesteuerte Antwort auf einen vorgegebenen Text. Die von ihr vertonte Lyrik spiegelte die vorherrschende Strömung der Zeit wider, in der die Kunst als Ausdruck des höchsten Idealismus galt. Ihr eklektischer literarischer Geschmack äußerte sich in dem weiten Spektrum der Autoren, deren Texte sie vertonte. Solist und Klavierbegleiter werden in ihren Liedern zu gleichberechtigten Partnern. Beach verfügte über absolutes Gehör und nutzte ihre synästhetische Begabung bei der Auswahl der Tonarten ihrer Lieder.

 

Bereits im Alter von zwölf Jahren verwendete sie Ideen namhafter Komponisten als Modell für ihre eigenen Stücke. So begegnet etwa das erste Thema des dritten Satzes von Beethovens Pathétique-Klaviersonate in The Rainy Day.

 

Ariette war eines der ersten Lieder, die Beach zu Popularität verhalfen; es ist ihrem Ehemann gewidmet. Die Texte zu When far from Her und Empress of Night stammen aus einer von Dr. Beach herausgegebenen Gedichtsammlung. Amy Beach verwendete die Melodie von Empress of Night später in ihrem Klavierkonzert. In einem anderen Klavierwerk, Les rêves de Colombine, griff sie auf das Lied Le Secret zurück.

 

Ecstasy erlangte so große Popularität, dass das Gedicht in die Sammlung The Poetry Digest: Annual Anthology of Verse for 1939 aufgenommen wurde. Die Tantiemen reichten zum Erwerb eines Grundstücks für ein Ferienhaus auf Cape Cod. Das Gedicht Within thy Heart stammt ebenfalls von Dr. Beach. Sleep, Little Darling erschien zuerst in der Zeitschrift Harper’s Bazaar.

 

Nacht ist ein Beispiel für Beachs Vertonungen von französischen und deutschen Texten: es demonstriert ihre Meisterschaft der Wortausdeutung und ihr Verständnis für die Strömungen der zeitgenössischen europäischen Musik.

 

Die Verfasserin von Forgotten, Cora Randall Fabbri, galt als eines der bemerkenswertesten literarischen Talente ihrer Zeit. Sie starb im frühen Alter von zwanzig Jahren.

 

Die schottischen Texte von Dearie und Far Awa’ sind mit volksmusikalischen Mitteln vertont: punktierten Rhythmen, einfachen Akkordbegleitungen und häufigen Dur-Moll-Wechseln.

 

Die Three Browning Songs op. 44, Auftragskompositionen für die Browning Society of Boston, wurden zu Beachs beliebtesten Liedern und dauerhaftesten Erfolgen. The Year’s at the Spring gehörte zum eisernen Recital-Repertoire des frühen zwanzigsten Jahrhunderts; nicht selten musste es auf Wunsch des begeisterten Publikums mehrmals wiederholt werden.

 

Come, ah Come gehört zu den Four Songs for Mezzo-Soprano or Baritone, der ersten Liedgruppe, die Beach für tiefere Stimmlagen komponierte.

 

Canzonetta, Ich sagte nicht, Wir drei, Juni und Je demande à l’oiseau sind den Liedmodellen eines Richard Strauss und Jules Massenet verpflichtet. Die Textvorlagen für verschiedene dieser Lieder fand Beach in Zeitschriften; so war z.B. Go not too far ursprünglich in The Atlantic Monthly erschienen.

 

Shena Van ähnelt einem schottischen Volkslied. Die Begleitung imitiert den Klang eines Dudelsacks. Der Text stammt aus William Blakes Roman Yolande.

 

Als ihre Freundinnen Mütter wurden, ließ sich Beach zur Komposition von Wiegenliedern inspirieren. Das Lied Baby komponierte sie für die Zeitschrift Woman’s Home Companion. Hush, Baby Dear widmete sie der Verfasserin anlässlich der Geburt ihres Sohns, Beachs Patenkind.

 

Prelude ähnelt anderen Vertonungen von Texten ihres Ehemanns. Der Refrain von O Sweet Content besticht durch sein herrliches Melisma.

 

Ein Lied von Hugo Wolf diente als Modell für Ein altes Gebet. Die Klavierbegleitung führt ein Motiv ein, das impressionistisch anmutende Klänge vorwegnimmt, wie Beach sie in den Klavierbegleitungen ihrer späteren Lieder verwenden sollte.

 

Die Lieder op. 73, zu denen auch Der Totentanz gehört, sind Vertonungen von Texten, die vom Thema der Mutterschaft handeln. Beach widmete die Lieder der berühmten Altistin Ernestine Schumann-Heink.

 

Beachs uncharakteristischste und humorvollste Kompositionen, The Candy Lion und A Thanksgiving Fable entstanden für die amerikanische Sängerin und Schauspielerin Kitty Cheatham, die sich mit Volks- und Kinderliedern einen Namen gemacht hatte.

 

In the Twilight komponierte Beach für die Mezzosopranistin Emma Roberts anlässlich des Buffalo-Festivals 1921. Der anschauliche Text gestattete ihr die Verwendung lautmalerischer Effekte. Der dramatische Schluss des Lieds ist einzigartig in ihrem Oeuvre.

 

The Host zeigt Beachs Tendenz zu den kürzen, kompakteren Kompositionen ihrer späteren Jahre. Die aus Mississippi stammende Autorin Muna Lee war wie Beach 1924 Fellow an der MacDowell Colony.

 

May Flowers entstand auf Wunsch der Mezzosopranistin Lillian Buxbaum, während die Sopranistin Ruth Shaffner Widmungsträgerin von I Sought the Lord und Though I Take the Wings of Morning ist. Der Text von I Sought the Lord ist dem 1912 erschienenen Gesangbuch der Episkopalkirche entnommen. Mit den alternierenden Dur- und Mollakkorden verrät Though I Take the Wings of Morning, eine Paraphrase des 139. Psalms, den Einfluss des Jazz. Die Schlussworte dieses Lieds, der vermutlich letzten Komposition von Amy Beach, lauten bezeichnenderweise „bid me then, be still“.

 

Katherine Kelton

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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