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8.559195 - KIRCHNER: Duo for Violin and Piano / Piano Trio / Piano Sonata / Triptych
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Leon Kirchner (geb.1919): Kammermusik

Die neue Musik in den Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg war eine lebhafte Bühne verschiedener Ideologien. Serialismus, Minimalismus, Indeterminismus, Neoromantik und andere musikalische Strömungen haben eine leidenschaftliche Anhängerschaft unter Komponisten und Hörern gefunden. Unter jenen Komponisten, die sich entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen, abseits vom wechselhaften Mainstream, ist Leon Kirchner eine Hauptfigur. Beharrlich seinen eigenen Vorstellungen folgend, entwickelte er einen kraftvollen, unnachahmlich Stil.

Kirchner wurde als Sohn russischer Juden im Jahr 1919 in Brooklyn geboren. Als er neun Jahre alt war, zog die Familie nach Los Angeles, jene Stadt, die sich in den dreißiger Jahren infolge des Zustroms hochrangiger Künstler aus dem von den Nazis geprägten Europa zu einem Zentrum der Kreativität entwickelte. Die Hoffnungen der Familie auf eine medizinische Karriere zerschlugen sich, als Kirchner der Zoologie den Rücken kehrte und in Arnold Schönbergs Klasse an der U.C.L.A. (University of California at Los Angeles) eintrat. An der University of California in Berkeley erwarb er nach Studien bei Ernest Bloch den Bachelor of Arts (B.A.) für Musik. Nach der Auszeichnung mit dem Prix de Paris 1942 wollte er eigentlich ins Ausland gehen, doch wegen des Krieges ließ er sich in New York nieder und studierte bei Roger Sessions. Nach dem Armeedienst kehrte Kirchner zu Graduiertenstudien nach Berkeley zurück. Er lehrte an der University of Southern California, am Mills College und von 1961 bis zur Pensionierung 1989 in Harvard.

Kirchner kennzeichnet ein außerordentlich weiter künstlerischer und intellektueller Horizont, auch war er ein scharfsinniger Lehrer von Komponisten wie Instrumentalisten. (Der Autor dieses Textes studierte bei ihm am Mills College). In Harvard begründete er ein einzigartiges musikanalytisch-aufführungspraktisches Kolleg, das enormen Einfluss auf angehende Berühmtheiten wie Yo-Yo Ma, Lynn Chang and James Oliver Buswell hatte. Als Pianist und Dirigent von seltenen Gaben war Kirchner Gastdirigent erstrangiger Orchester und auf zahlreichen Festivals präsent. Sein ganzer Stolz ist das Harvard Chamber Orchestra, das er zur Aufführung traditionellen und zeitgenössischen Repertoires gegründet hat.

Zu Kirchners Werken gehören die Oper Lily, zwei Klavierkonzerte, zwei Cellokonzerte, drei Streichquartette, das Konzert für Violine, Cello, zehn Blasinstrumente und Percussion, Musik für Orchester I und II, die Musik für Flöte und Orchester, der Liedzyklus The Twilight Stood, die monumentale Kantate Of Things Exactly As They Are und andere Orchester-, Kammer- und Solowerke. Zu den jüngeren Werken gehören ein zweites Trio für Violine, Cello und Klavier (1993), das Duo für Violine und Klavier (2002) und die Klaviersonate (2003). Kirchner erhielt zahlreiche bedeutende Kompositionsaufträge und Preise, darunter 1967 den Pulitzer und den 1994 Friedheim Award of the Kennedy Center.

Die Werke auf dieser CD umspannen vier Jahrzehnte. Obgleich die Musik Kirchners eine feinsinnige Entwicklung durchlaufen hat, sind die grundlegenden Merkmale seiner Musiksprache doch von Anfang an erkennbar. Seine Musik neigt dem Rhapsodischen zu, mit impulsiven Wendungen vom Lyrischen zum Dramatischen sowie asymmetrischer Rhythmisierung und Phrasierung. Die Stücke stellen ein organisches Ganzes dar. (So werden denn auch alle mehrsätzigen Werke dieser Aufnahme ohne Pause durchgespielt). Besonders in den früheren Kompositionen sind die Kontraste zwischen einzelnen Abschnitten scharf gesetzt und durch klare Tempowechsel verdeutlicht. In den späteren Werken gewinnt der strukturelle Zusammenhang an Homogenität, die Übergänge sind nun abgestuft und nahtlos. Die Tonsprache ist chromatisch, aber nicht seriell organisiert. Die Anweisungen des Komponisten in den Partituren sind detailliert und zuweilen ungewöhnlich: „Haltingly“ (zögerlich), „Wild“ (ausgelassen) oder „Coming from nowhere, almost out of control“ (aus dem Nirgendwo kommend, fast außer Kontrolle).

Jeder Satz erwächst aus einer einzigen Idee. Die Themen sind – ganz charakteristisch – von suchendem, fragendem Charakter. Wie der Protagonist in einem Drama geht diese Idee gleichsam auf eine epische Reise, wobei sie in ihrem Streben nach Lösung und Erfüllung eine ganze Reihe gegensätzlicher seelischer Zustände durchlebt. Die Reise ist turbulent – in Form eines Bewusstseinsstroms werden wir mit vorwärts treibender Energie mitgerissen, bis wir eine Ebene ruhigen Nachdenkens erreichen, worauf die Energie erneut hervorbricht. Trotz dieser kraftvollen Linearität ist die Musik vielschichtig und voller Querverbindungen. Eine aus einem früheren Abschnitt in Erinnerung gerufene längere Passage oder auch nur ein einzelner Klang aktiviert unser Gedächtnis und schafft so eine mehrdimensionale Aufmerksamkeit, analog den bewussten und unbewussten Prozessen unseres Geistes. So erlebt man ein Werk als weitreichende Erfahrung, obwohl es von der Zeit her eigentlich gar nicht lang ist .

Kirchners früheste Kompositionen zeigen den Einfluss seiner Lehrer wie auch den Béla Bartóks und Alban Bergs. Gleichwohl hat er eine unverwechselbar eigene Sprache. Sein frühestes publiziertes Werk, das Duo für Violine und Klavier (1947), hat einen luftigen, verspielten Tonfall, doch erreicht der scheinbar unbeschwerte, scherzohafte musikalische Diskurs schließlich geheimnisvolle, transzendente Bereiche.

Die Klaviersonate (1948) folgt den Prinzipien des Sonatensatzes auf sehr originelle Weise. Der erste Satz etabliert eine regelmäßig wiederkehrende Sequenz zweier Qualitäten von Bewegung: ein deklamatorisches Thema in breitem Tempo, das allmählich an Schwung gewinnt, drängt zu einem schnellen, vorwärts treibenden Abschnitt. Jede Sequenz ist weiter entwickelt und stärker. Der Schlussabschnitt bringt keine Lösung; eine Reihe glockenartiger Klänge treibt den Satz zu einem letzten gewaltigen Akkord, aus dem der neue, ferne Glockenklang des Adagios erwächst. Über dem obsessiven Ostinato einer Note – offenkundig dem „Le gibet“ aus Ravels Gaspard de la nuit verpflichtet – entwickeln sich an Bartóks „Nachtmusik“ gemahnende melismatische Figuren zu einem dramatischen Gesang. Der dritte, rondoartige Satz beschließt energisch und vorwärtsdrängend das Werk als Ganzes, hält vor dem definitiven Ende jedoch inne, um über Teile der vorangehenden Sätze zu sinnieren.

In der Zeit, als das Trio für Violine, Cello und Klavier (1954) entstand, hatte Kirchner das traditionelle Schema individuell charakterisierter Sätze zugunsten einheitlicherer Strukturen aufgegeben. Hier gehen die beiden Sätze ineinander über. Der erste Satz entwickelt sich in einer der Klaviersonate ähnlichen Art, wobei der Wechsel zwischen dem vom Cello eingeführten langsamen, lyrischen Thema und kontrastierenden unruhigen Abschnitten komplexer und überraschender gestaltet ist. Der Satz endet gleichsam mit einem Fragezeichen. Die glockenartigen Akkorde des Klaviers bilden die Brücke zwischen den beiden Sätzen. Der zweite Satz nimmt die Momente verinnerlichter Ruhe aus dem ersten Satz wieder auf. Die aufsteigenden Gesten des ruhelosen ersten Satzes sind nun einem fallenden, tröstenden Motiv gewichen. Aufgewühltheit übernimmt dennoch allmählich die Vorherrschaft und führt das Werk energisch zu seinem kraftvollen Schluss.

„Flutings“ (1973) ist ein kurzes Solo aus der 1977 an der New York City Opera aufgeführten Oper Lily nach Saul Bellows Roman Henderson, the Rain King. Das Flötensolo eröffnet die Oper und evoziert ein exotisches Dschungel-Szenario. Es ist zugleich Teil eines kurzen Konzertwerkes für Sopran und elf Instrumente nach Motiven der Oper.

Triptych (1986/88) trat zunächst in einem anderen Gewand auf. Der erste Satz für Cello solo ist eigentlich eine Version des Stückes For Solo Violin. Kirchner fügte zwei Duo-Sätze hinzu, und in dieser Form wurde das Werk von Yo-Yo Ma und Lynn Chang uraufgeführt. Der introspektive erste Satz entwickelt sich aus dem seufzenden Eingangsmotiv und den vorausgehenden anmutigen Arpeggien. Der sehnsuchtsvolle Charakter des Motivs und seine ruhelose, tritonische Harmonisierung rufen gleichsam nach einer Auflösung, die allerdings vorläufig noch nicht erfolgt. Die folgenden Sätze führen die Suche fort und geben schließlich eine Antwort: Der kecke Einstieg der Violine bildet eine dynamische Erwiderung, die – mit gelegentlichen Rückblenden auf den ersten Satz – in dem finalen Presto kulminiert, einer ausgelassenen, tänzerischen Bestätigung von atemberaubender Virtuosität.

Cheryl Seltzer
© 2005 Continuum
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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