About this Recording
8.559201 - HARTKE: Clarinet Concerto / Rose of the Winds / Pacific Rim
English  German 

Stephen Hartke (geb

Stephen Hartke (geb. 1952): Klarinettenkonzert

 

Stephen Hartke wurde 1952 in Orange, New Jersey, geboren. Er wuchs in Manhattan auf, und hier begann seine berufliche Laufbahn als Mitglied eines                  professionellen Knabenchores. Diese Tätigkeit brachte ihn in Kontakt mit vielen musikalischen Stilen, die sich später in seinem eigenen Schaffen niederschlagen sollten – vom Gregorianischen Choral über die mittelalterlichen Meister und die englische Musik der Tudor-Zeit bis hin zu Strawinsky und Britten. Nicht weniger bedeutend für seine kompositorische Entwicklung war, dass er Ende der 1960er Jahre in New York die Auseinandersetzungen zwischen den atonalen Strukturalisten à la Carter und Babbitt auf der einen sowie Cages Zufallsoperationen und Kaprows Happenings auf der andern Seite hautnah miterleben konnte. Vieles davon war zwar amüsant, doch Hartke erkannte, welch geringen expressiven Spielraum derartige Kompositionsweisen der Musik ließen. Seine eigene Antwort bestand nun allerdings nicht in einer Rückkehr zur Romantik. Vielmehr fand er eine sehr eigene Sprache, in der sich oft persönliche Erfahrungen spiegeln, die er als Rezipient unterschiedlichster musikalischer Stile und Welten gemacht hat.

 

Von den hier veröffentlichten Werken ist Pacific Rim das älteste – und zugleich eine sehr schöne Darstellung der Faszination, die die nicht-westliche Musik auf den Hörer Hartke auszuüben vermochte. Das Stück entstand 1988 zur 20. Konzertsaison des Los Angeles Chamber Orchestra, das Hartke kurz zuvor zu seinem neuen composer-in-residence ernannt hatte, und es ist so etwas wie das musikalische Portrait seiner Wahlheimat Los Angeles, wohin er 1987 übersiedelt war, um an der Thornton School of Music der Universität von Südkalifornien zu unterrichten. Pacific Rim ist ein recht schlichtes Stück. Es besteht aus Präludium und Fuge, in denen allerdings musikalische Elemente denkbar unterschiedlicher Herkunft miteinander kombiniert sind. So erinnert der erste Akkord, der zunächst in den Streichern und dann in den Bläsern dahingleitet, an die japanische Hofmusik gagaku. Wenn die beiden Oboen den fundamentalen melodischen Gedanken exponieren, so tun sie das in einer Skala, die aus dem javanisches gamelan stammen könnte, indessen der lebhafte rhythmische Schritt die Atmosphäre eines chinesischen Neujahrsumzugs atmet. Wie eine Erinnerung an verschiedene asiatische Hofmusiken wirken nicht nur die formellen        Strophen- und Refrainstrukturen der Musik, sondern auch das Schlagzeug, das beinahe wie in einem Ritus den Beginn neuer Phrasen markiert. All das kommt hier in einer Weise zusammen, die Hartke gern als „musikethnologische Fiktion“ bezeichnet. Doch plötzlich nimmt die Musik eine scharfe Wendung: In einem zarten Zwischenspiel der Streicher überquert sie den Pazifik wieder – und dann beginnt die Fuge, deren Thema auf überraschende Weise von zwei Kuhglocken exponiert wird. Die rhythmische Energie und die Schichtungstechnik des Satzes verweisen auf die Musik Lateinamerikas, und so gelingt es Hartke, uns in einem Stück von etwa zehn Minuten jenes komplexe kulturelle Wechselspiel zwischen asiatischen und lateinamerikanischen, aber auch zwischen europäischen und amerikanischen Elementen zu vermitteln, das die zweitgrößte Stadt der USA zu bieten hat.

 

In seinem Streicheroktett The Rose of the Winds hat sich Hartke (vielleicht auch nur vorläufig) von den breiten Farben und dem Überschwang seines Pacific Rim abgewandt. Das Stück entstand 1998 für das Kammermusikfestival Angel Fire, das bei Taos in New Mexico stattfand. Ein erster Besuch dieses Staates stand noch auf der Wunschliste des Komponisten, als er mit der Arbeit an dem Werk begann: „Während ich daran arbeitete, stand ein schöner Bildband über diese Landschaft auf meinem Schreibtisch, und aufgeschlagen hatte ich das Bild einer einzelnen Wüstenblume, die sich auf dem Kamm einer Düne in den blauen Himmel reckte.“ The Rose of Wind ist also die Reise in eine imaginäre Landschaft, deren ruhiger Raum von Naturklängen belebt wird – mal hört man Insekten, mal einen Vogel, dann wieder gehen Wind und Regen darüber hinweg. Am Ende bleibt eine heitere Gelassenheit.

 

Wie die vorigen Werke entstand auch das kleine Sextett Gradu-s anlässlich eines Jubiläums, und zwar zum 25. Geburtstag des New Yorker Ensembles Parnassus von Anthony Korf. Der Titel des Stückes spielt auf vielfache Weise mit dem berühmten Gradu-s ad Parnassum, auf dem man in der Antike zu den Musen gelangen konnte. Gradu-s ad Parnassum heißt auch das berühmte Lehrbuch des Barockkomponisten Johann Joseph Fux – und so ist der  Gradu-s, den Hartke gemeinsam mit dem Ensemble Parnassus beschreitet, eine moderne Reise, auf der es allerdings nicht nur apollinisch-klar, sondern auch dionysisch-rauschhaft zugeht.

 

Das jüngste und umfangreichste der hier eingespielten Werke dürfte die größte musikalische Reise von allen unternehmen. Es ist das 2001 entstandene Klarinettenkonzert Landscape with Blues, das von dem IRIS Chamber Orchestra für Richard Stoltzman in Auftrag gegeben wurde. Albert Pertalion, der leitende Direktor des Ensembles, bat ausdrücklich um ein Stück, in dem sich der Mississippi Delta-Blues spiegeln sollte, und er unternahm zu diesem Zweck mit Hartke eine kurze Reise in das Land des Blues, um ihm ein Gefühl für die Wiege dieser großen amerikanischen Tradition zu vermitteln. Das Resultat ging dann allerdings weit über diese Gegend hinaus. Es beginnt bei der großen westafrikanischen Erzähltradition der sogenannten griots (frz. = „Negersänger“), die eindeutig zu den Wurzeln des amerikanischen Blues gehört. Diese klaren offensichtlichen Beziehungen sind in den repetitiven Begleitmustern und den rhythmisch freien, deklamatorischen Gesangslinien zu hören, die üblicherweise hoch beginnen und dann allmählich in ein tieferes Register absteigen. Bei Hartke tritt die Soloklarinette als griot auf, indessen die Holzbläser eine Art von Ruf- oder Antwortchor anstimmen. All das spielt sich über einer unveränderlichen fünftönigen Basslinie ab.

 

Der zweite Satz, Delta Nights, beschwört einerseits Hartkes persönliche Eindrücke, andererseits aber auch den Roman Train Whistle Guitar von Albert Murray, der seine Kindheit in einer schwarzamerikanischen Gemeinde am Delta und die große Zeit der fahrenden Bluesmusiker beschreibt. Dazu der Komponist: „In Delta Nights erinnert der Solist an eine nächtliche Blues-Harmonika, und selbst die Form des Satzes orientiert sich ein wenig an der üblichen Folge von Blues chorusses. Einige solistische Wendungen stammen aus dem Anfangsmotiv des Cool Drink of Water Blues von Tommy Johnson, einem meiner Lieblingsbluesmusiker. Doch der wichtigste Einfluss waren Murrays Erinnerungen ...“

 

Auch der Titel des Finales Philamayork stammt von Albert Murray. Das Kunstwort bezeichnet die sagenhaften Städte des Nordens, in denen der Blues zu einer hektischen, urbanen Musik wurde. Hier zeigen sich deutlich die Wurzeln des New Yorkers Hartke. Der Satz entfaltet sich beinahe wie die Tanzfolge in einem Nachtclub: Am Anfang steht ein Blues, dann kommen eine schnelle Tanznummer und eine langsame, rauchige Ballade, bevor es auf der Zielgeraden dann recht munter zugeht.

 

P.F. Bapp

Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window