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8.559212 - BRUBECK: Chromatic Fantasy Sonata / Rising Sun
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Dave Brubeck (geb

Dave Brubeck (geb. 1920)

Chromatic Fantasy Sonata • Five Pieces from Two Part Adventures • Tritonis

The Salmon Strikes • Rising Sun

Anmerkungen des Komponisten

 

Eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird, lautet: „Was ist der Unterschied zwischen deinen Kompositionen und deinen Klavierimprovisationen?“ Die Antwort ist, dass ich zwischen beiden keine großen Unterschiede sehe – mit der Ausnahme, dass bei der niedergeschriebenen Komposition der Zeitfaktor keine Rolle spielt und die Möglichkeit der Korrektur, des Umschreibens und des Verbesserns besteht. Ich würde fast so weit gehen zu sagen, dass meine besten Kompositionen vermutlich nie schriftlich festgelegt oder aufgenommen wurden, sondern spontan für den Augenblick entstanden. Das ist das eigentliche Wesen der Improvisation. Es gibt eine Anekdote über ein Treffen von Mozart und Beethoven, bei dem der junge Beethoven Mozart seine Kompositionen vorspielte. Als Mozart unbeeindruckt den Raum verließ, soll Beethoven am Klavier sitzen geblieben sein und angefangen haben zu improvisieren, worauf Mozart ausrief: „Dieser junge Mann wird in der Welt noch für großes Aufsehen sorgen.“ Er hatte einen Einblick gewonnen vom kreativen Denkprozess eines  anderen Komponisten. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, in meinen Kompositionen etwas von dem spontanen Charakter einer Improvisation zu vermitteln.

 

Meine Zusammenarbeit mit dem Pianisten John Salmon begann vor über dreißig Jahren. Es fing an mit dem Brief eines jungen Mannes, der sowohl Jazz als auch klassisches Klavier spielte, und der meinen Rat bezüglich einer professionellen Musikkarriere suchte. Der Ton des Brief war so ehrlich, dass ich mich zu einer Antwort entschloss, in der ich ihm von meinen beiden Söhnen in seinem Alter erzählte, die gerade ins Berufsleben eintraten. Ich gab ihm eine Art väterlichen Rat und wünschte ihm Glück für die Zukunft. Sieben Jahre später erschien er in meiner Garderobe an der Universität Maryland, wo ich mich auf einen Auftritt mit meinem Quartett vorbereitete. Er war dort, um an einem Klavierwettbewerb teilzunehmen, der von der Universität veranstaltet wurde (und aus dem er als Preisträger hervorging!). In den folgenden Jahrzehnten schickten wir uns die üblichen Weihnachtskarten, und John erschien bei unseren Konzerten, wenn er zufällig in der Nähe war. 1992 interviewte er mich für einen Artikel, den er für die Zeitschrift American Music Teacher vorbereitete. Der Artikel trug den Titel „What Brubeck Got from Milhaud“, und nachdem ich ihn gelesen hatte, wusste ich, dass John ein ernsthafter Wissenschaftler und ein kompetenter Pianist war. Einmal rief er mich an, um mir mitzuteilen, dass er durch neue Fingersätze endlich einen Weg gefunden hatte, einige Passagen aus meiner Komposition Points of Jazz zu spielen. Ich selbst hielt diese Passagen für nahezu unspielbar, da es sich hier um die Reduktion eines ursprünglich für zwei Klaviere geschriebenen Stücks handelte. Ein Jahr später erhielt ich mit der Post das Tonband eines John Salmon-Klavierrecitals bei der Interlochen Arts Academy in Michigan. Seine Interpretation von Points of Jazz mit der heiklen Fuge setzte mich in Erstaunen. Wir begannen einen Briefwechsel, und es folgten weitere Artikel für Musikzeitschriften, bis ich schließlich mit der Bitte an ihn herantrat, meine Klaviermusik für die Veröffentlichung durch Warner Bros. Publications editorisch zu betreuen. Wie sehr ihm meine Musik am Herzen lag, spürte ich 1994. Er war eigens nach Deutschland gekommen, um den Festvortrag (zweisprachig, auf Deutsch und Englisch) zu halten, als mir von der Universität Duisburg die Ehrendoktorwürde verliehen wurde. Seit nunmehr zehn Jahren verlasse ich mich bei der Herausgabe meiner neuen Werke auf Johns Kompetenz.

 

Das Hauptwerk dieser Einspielung ist die Chromatic Fantasy Sonata, eine Komposition, die aus einem Auftragswerk für das Kammermusikensemble An die Musik (Violine, Viola, Violoncello, Oboe, Klavier) hervorging. Der ursprüngliche Auftrag bestand darin, das Werk mit einigen Takten eines meiner Lieblingskomponisten zu eröffnen. Ich entschied mich für Johann Sebastian Bach und die auf- und abjagenden Zweiunddreißigstel-Läufe seiner Chromatischen Fantasie und Fuge d-Moll (BWV 903) als Beginn meiner eigenen Chromatic Fantasy. Anspielungen auf die Tonfolge B-A-C-H begegnen, in direkter oder versteckter Form, im gesamten Werk, am auffälligsten im Allegro molto-Satz. Bachs Einfluss zeigt sich überdies in den einzelnen Satzüberschriften. Chorale beginnt vierstimmig und suggeriert damit den SATB-Chorsatz von Bachs eigenen Chorälen. Fugue ist eigentlich eine vierstimmige Tripelfuge, deren drei Themen sich durch die vier Sätze ziehen. Zwei dieser Themen bestehen aus Tonreihen, von denen eine als eine Art Umkehrung des B-A-C-H-Motivs beginnt. In der Chaconne erklingt die Melodie in der rechten Hand über einem Ostinato im Bass, ähnlich wie in meinem Stück Jazzanians für Jazzensemble. Mit seinen lebhaften Triolen und Blues-artigen Tonrepetitionen ist Chaconne der jazzigste der vier Sätze. Die Chromatic Fantasy Sonata wurde in einer Fassung für Streichquartett vom Brodsky Quartet für eine CD-Veröffentlichung aufgenommen. Später transkribierte John Salmon den Fugensatz der Streichquartettfassung für Soloklavier; diese Bearbeitung wurde hier eingespielt.

 

Bachs Einfluss spiegelt sich auch in der Auswahl aus meinen Two-Part Adventures wider, die von seinen zweistimmigen Inventionen BWV 772-786 inspiriert wurden. Bach Again ähnelt seinem c-Moll-Präludium aus Teil 1 des Wohltemperierten Klaviers. Gewidmet ist das Stück John Salmon, der in seinen Recitals gelegentlich beide Werke im Vergleich vorstellt. Brotherly Love wurde 1998 von meinem Quartett für die Telarc-CD So What’s New? ersteingespielt. Winter Ballad, aus meinem Album Jazz Impressions of New York, wurde ursprünglich von Paul Desmonds Altsaxophon als Oberstimme gespielt. The Eleven Disciples entstammt meiner Kantate Voice of the Holy Spirit, einem ursprünglich für Chor geschriebenen Werk. Chasin’ Yourself, in der Form einer kanonischen Imitation, gibt sich schwungvoll und leicht.

Tritonis hat wie so viele meiner längeren niedergeschriebenen Kompositionen eine bewegte Geschichte. Ursprünglich 1978 als Auftragswerk für Gitarre und Flöte komponiert, wurde es Teil meines Jazzquartett-Repertoires, wobei das Thema als Ausgangspunkt für Improvisationen diente. (Diese Fassung für Jazzquartett ist in der Columbia/Legacy CD-Box Time Signatures: A Career Retrospective erschienen.) In der Fassung für Soloklavier habe ich den zentralen harmonischen Einfall, die beiden Akkorde im Intervallabstand eines Tritonus, beibehalten, wie z.B. am Beginn, wo einem E-Dur-Arpeggio eines in B-Dur folgt. Der Tritonus hat in meinen Improvisationen immer eine wichtige Rolle gespielt, da er aus dem für den Blues wichtigen Intervall einer übermäßigen Quart besteht. Mein Kompositionslehrer Darius Milhaud hat häufig zwei Akkorde zusammengefügt, deren Grundton im Abstand eines Tritonus auseinander liegen, wodurch er eine polytonale Textur erzielte, die den erweiterten Harmonien der Bebop-Ära der Jazzmusik ähnelt. Da das Stück für Gitarre und Flöte konzipiert wurde, sind überall gitarrenartige Klänge wie die der leeren Saiten E-A-D-G-H-E zu hören, wodurch gelegentlich der Klang der Flamenco-Musik beschworen wird.

 

The Salmon Strikes entstand als Hommage an John. Der Titel bezieht sich sowohl auf seine starken Klavierattacken als auch auf meine eigenen Erinnerungen an eine Fischfang-Expedition in den Gewässern Alaskas, als ein echter Lachs (engl. salmon) um sein Leben kämpfte und endlich wieder in die Freiheit entsprang.             

 

The Rising Sun stammt aus meinem 1965 produzierten Album Jazz Impressions. Das Stück erinnert an meinen ersten Sonnenaufgang in Tokio nach einem langen Flug über den Pazifik. A Basho haiku ist Ausdruck der poetischen Absicht der Ballade.

A lovely morn! The summer night is gone,

How hushed and still is all the world

In wonder at the dawn.

 

Die hier eingespielten Stücke unterscheiden sich in Stimmung und Stil. Ich bin John Salmon außerordentich dankbar für seine Kunst, diese Musik so zu interpretieren, wie ich sie mir selbst vorstelle.

 

 

Dave Brubeck

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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