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8.559213 - CHADWICK: Symphony No. 2 / Symphonic Sketches
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George Whitefield Chadwick (1854-1931)
Sinfonie Nr. 2 in B-Dur, op. 21 • Sinfonische Skizzen (1895-1904)

Leben und Werdegang von George Chadwick lesen sich wie das Musterbeispiel einer amerikanischen Erfolgsgeschichte nach Horatio Alger. Chadwick, dessen Familienstammbaum sich bis in die 1630er Jahre zurückverfolgen lässt, wurde in Lowell, Massachusetts geboren, kam allerdings unter wenig glücklichen Umständen zur Welt. Da seine Mutter an den Folgen seiner Geburt starb, war das Verhältnis zu seinem Vater zeitlebens gespannt. In gewissem Sinne sollten diese frühen Schwierigkeiten dann freilich zur Grundlage seiner bedeutenden Leistungen werden. Einer seiner älteren Brüder vermittelte ihm das musikalische Grundwissen, so dass Chadwick mit 15 Jahren schon regelmäßig als Organist arbeiten konnte. Zwar beendete er die Highschool nicht, verdiente als Angestellter in der Versicherungsgesellschaft seines Vaters jedoch genug, um das New England Conservatory besuchen zu können. Der Notwendigkeit einer strengeren Ausbildung gewahr werdend, reiste er 1877 nach Leipzig, wo er am dortigen Konservatorium Komposition studierte und sogar verschiedene Auszeichnungen erhielt. Zusätzliche Studien in München sowie im französischen Giverny, erweiterten seinen Horizont, seine Fähigkeiten und sein Selbstvertrauen, so dass er, als er 1880 nach Boston zurückkehrte, sich als ‚fertiger’ Musiker ernsthaft seiner Karriere als Organist, Lehrer, Dirigent und Komponist widmen konnte. Seine Begabung als Lehrer kam seit 1882 voll zum Tragen, als er dem Lehrstab des New England Conservatory beitrat. Sein Lehrbuch Harmony: a Course of Study wurde zu einem Klassiker. Um 1890 galt Chadwick bereits als einer der herausragenden Komponisten Amerikas, wenn nicht sogar als der herausragendste. Sein Einfluss auf die amerikanische Musik ist kaum zu überschätzen. Nicht nur bildete er viele Komponisten der nachfolgenden Generation unmittelbar aus – er beeinflusste auch andere allein dadurch, dass er demonstrierte, dass es einen eigenständigen amerikanischen Stil innerhalb der klassischen Musik geben konnte, der von der Qualität her den europäischen Vorbildern in nichts nachstand. Mit dem Auftauchen komponierender Immigranten wie Gershwin, Copland und anderen in den 1920er Jahren verlor Chadwick zwischenzeitlich deutlich an Bedeutung. Das Wiederaufleben des Interesses an den Wurzeln der amerikanischen Musik rückte nach dem Zweiten Weltkrieg die Bedeutung Chadwicks freilich wieder ins rechte Licht.

Zweifellos war Chadwick der bedeutendste amerikanische Komponist in der Zeit zwischen dem Bürgerkrieg und den 1920er Jahren. Am charakteristischsten sind dabei seine Orchesterwerke, wobei die zwei für die vorliegende CD aufgenommenen Werke, die Zweite Sinfonie und die Sinfonischen Skizzen, nicht allein seine beliebtesten sinfonischen Werke sind, sondern zugleich beispielhaft die Eigenheiten seines Stils offenbaren. Die Zweite Sinfonie von 1886 entstand über einen Zeitraum von drei Jahren. Das Scherzo erklang separat und mit großem Erfolg erstmals 1884, und im darauffolgenden Jahr erschien dann der erste Satz, den man auch unter dem Titel Introduction and Allegro kennt. Durch Chadwicks Verständnis von sinfonischer Logik präsentiert sich die Sinfonie gleichwohl als ein homogenes Ganzes.

Das Werk hebt an mit einer Melodie im unbegleiteten Horn, die in romantischer Tradition als Motto der gesamten Sinfonie dient. Eine aus der Volksmusik her geläufige pentatonische Fünftonskala verleiht diesem Motto einen gleichsam amerikanischen Anstrich, der entfernt an afroamerikanische Vorbilder oder die Musik der amerikanischen Ureinwohner erinnert. Eine aus dem Motto abgeleitete rhythmische Figur gibt den Anstoß, der in den schnelleren Hauptteil des Satzes überleitet. Das Allegro folgt dabei erwartungsgemäß der Sonatenform, wobei es mancherlei Anklänge an romantische Vorbilder wie namentlich Schuberts Fünfte und Schumanns Frühlings-Sinfonie gibt, die ebenfalls in B-Dur stehen. Die frische Offenheit der Musik wird durch die Jagdrufe der Hörner noch verstärkt. Das Solo-Horn präsentiert dann auch das kontrastierende zweite Thema, das wiederum auffällig pentatonisch gefärbt ist. In der Reprise übernimmt die Solo-Trompete dann dieses Thema. Die Musik ist durchweg von einer wunderbaren Leichtigkeit und lebhaften Anmut geprägt, wozu auch Chadwicks gekonnte Instrumentierung ihren Teil beiträgt. Der Satz schließt mit einer schnelleren, im Charakter ebenso bestimmten wie freudigen Coda.

Im nachfolgenden Scherzo – dem ausgeprägtesten und originellsten Satz der Sinfonie – zeigt sich einmal mehr Chadwicks Talent, leichte, elfengleiche Musik im Stile Mendelssohns zu komponieren. Das Hauptthema, das wiederum auf einer pentatonischen Skala basiert, wird zunächst von der Solo-Oboe, dann auch von anderen Bläsern präsentiert. William Foster Apthorp hat das Wesen dieses Satzes sehr treffend umschrieben, als er ihn ein „Juwel“ nannte. Die Themen seinen „originell“ und gerade das Hauptthema besitze einen „quasi-irischen Humor“ („es blinzelt einen geradezu an“). Die lebhaft-witzige Atmosphäre wird dabei durch die ebenso gewandte wie bezaubernde Instrumentierung unterstrichen.

Am emotional tiefsten präsentiert sich der langsame Satz, der den Einfluss Tschaikovskijs nicht verleugnen kann. Zu Beginn steigert sich eine trübsinnige Melodie zu Blechfanfaren und einen an Dvořák gemahnenden Bläsersatz. Der deutlich schnellere Mittelteil wird dann von prächtigen Blechsätzen und einem noblen Thema in den Streichern geprägt. Die Rückkehr der Anfangsstimmung wird von einer choralartigen Coda gekrönt, aus der man Chadwicks Vertrautheit mit der protestantischen Hymnodie Neu-Englands heraushören kann.

Das Finale kehrt dann zur positiven Extrovertiertheit der vorangegangenen Sätze zurück. Der wiederum in Sonatenform gehaltene Satz hebt zunächst mit einer erregten Eröffnung mit ineinandergeschachtelten Streicherfiguren an, ehe ein zweites Thema in den tiefen Streichern und mit gleichsam atemlos-synkopierter Begleitung Raum gewinnt. So, wie die Musik in ihrer Frische und ihrer offensiven Friedfertigkeit auf den Schluss zusteuert, erinnert der Satz an das Finale aus Schumanns Frühlings-Sinfonie. Mit der Zweiten Sinfonie bestätigte Chadwick seinen Ruf als einer der bedeutendsten amerikanischen Komponisten. Philip Hale bezeichnete sie als „das Werk eines Musikers von Geburt und Erziehung. Es gereicht nicht allein ihm zur Ehre, sondern auch seinem Land.“

Wie schon die Zweite Sinfonie, brauchten auch die Sinfonischen Skizzen eine gewisse Zeit der Reife. Jubilee und Noel entstanden 1895, A Vagrom Ballad im darauffolgenden Jahr und Hobgoblin dann 1904. Es handelt sich dabei nicht nur um das erfolgreichste Werk Chadwicks, sondern wohl auch um sein Bestes, das – dem Titel zum Trotz – eigentlich eine Sinfonie ist und darüber hinaus das amerikanischste all seiner Werke, werden doch im Stile Norman Rockwells Szenen des zeitgenössischen amerikanischen Lebens dargestellt. Zudem ist es ein typisches Beispiel für Chadwicks Spätstil, der durch Einsprengsel von zeitgenössischen Modernismen noch an Intensität gewann. Jedem Satz vorangestellt sind Gedichte, die die in der Musik zum Ausdruck kommende Stimmung oder Szenerie voratellen.

Die in den ersten zwei Strophen des Jubilee vorangestellten Gedichtes zum Ausdruck gebrachte Dichotomie bestimmt bereits die Form, ja sogar die Instrumentation der Musik. Schnelle, laute und extrem farbenfrohe Musik wird im Rondo-Stil kontrastierend langsamerer, kontemplativer Musik gegenübergestellt. Horatio Parker, ein Student und enger Freund Chadwicks, meinte in den schnellen Abschnitten den Einfluss von ‚Neger-Liedern‘ herauszuhören und ‚Amerikanismus‘‚ in den ebenso erhabenen wie flüchtigen Stimmungen … der vollkommenen Rauheit und dem Durcheinander in den erfülltesten Momenten‘. Ein Habanera-Rhythmus stützt eine pentatonische Melodie, die entfernt an Camptown Races erinnert, wobei der Orchestersatz an die Klänge von Harmonika und Gitarre gemahnt. Auch die abrupte Gegenüberstellung der beiden Stimmungen dünkte Parker ‚amerikanisch‘.

In Noel entwirft Chadwick ein Bild, das eines Currier oder einem Ives würdig gewesen wäre. Die weihnachtliche Krippen-Szene erinnerte Chadwick an seine geliebte Frau und ihren zweiten Sohn, Noel, weshalb die Musik dann auch sehr einfühlsam und emotional daherkommt. Das langsame Tempo, die vielen ausgehaltenen Töne und die im Legato geführten gedämpften Streicher, über denen das Englisch-Horn – eines von Chadwicks Lieblingsinstrumenten – seine Melodie entspinnt, beschwören das Bild einer statischen, winterlichen Landschaft herauf. Die leidenschaftliche, warme Stimmung klingt dann aus im mütterlichen Frieden, für den Harfe und Solo-Violine stehen.

Hobgoblin, dem ein Verspaar aus dem Sommernachtstraum vorangestellt ist, erinnert zunächst an Mendelssohns großartiges Scherzo. Victor Yellin, Chadwicks Biograph, aber bemerkt zu Recht, dass er vielmehr ‚einen ins oktoberliche Massachusetts übergesiedelten englischen Puck‘ hören würde. In der Tat handelt es sich um eine Halloween-Musik von phantastischer Farbenpracht im Orchestersatz und knackigen Rhythmen.

A Vagrom Ballad ist idiomatisch und von der Darstellung her insgesamt der gewagteste Satz. Beschrieben wird ein Landstreicher beziehungsweise die Parodie eines ‚Tippelbruders‘ aus den Tagen des Vaudeville. Eine kummervolle Kadenz der Bass- Klarinette – eine Parodie auf das Solo aus dem fünften Akt aus Meyerbeers Les Huguenots – lanciert höchst unwahrscheinlich eine ‚Soft-Shoe‘-Melodie in Fagott und Bass-Klarinette. Verschiedene Unterbrechungen, unter anderem von Trompete, kleiner Trommel, Schlagzeug-Salven und einem Xylophon-Solo, trachten danach, die Musik gleichsam auseinanderzubrechen, was nach Parker für das amerikanische ‚Herumalbern‘ steht. Die Musik rast kopfüber in einen langsamen Abschnitt, in dem impressionistische Effekte wie Harfen-Glissandi, Triller in den Holzbläsern oder auch Ponticello-Spiel eine von falschem Pathos erfüllte Transformation der Melodie zeichnen. Mit dem Absinken in tiefere Register taucht die Kadenz der Bass- Klarinette wieder auf. Ohne Vorwarnung kehrt dann im prestissimo der Anfang zurück, und der Schauspieler, der seinen Betrachtern Emotionen abgerungen hat, verabschiedet sich mit einem Zwinkern, wobei er zum Gruß an den Hut tippt.

David Ciucevich
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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