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8.559215 - TOWER: Chamber and Solo Music
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Joan Tower (geb. 1938)
Instrumentalische musik

Joan Towers Stücke fangen oft mit ruhigen, langen Tönen an. Als müsste erst etwas Einfaches hingesetzt werden, bevor sie sich mit mehr Nachdruck durchsetzen können. Diese langen Töne stehen oft auf der unbetonten Taktzeit. Das hört man aber nicht, weil niemand auf dem betonten Taktteil spielt. Man kann nicht sagen, ob ein Ton genau auf den unausgesprochenen Puls fällt, während ein anderer Ton zögern und ein Haarbreit dahinter kommen könnte.

Doch dieses kleine Zögern und die kleinen Wellenbewegungen, die entstehen, wenn die Note kurz vor dem Schlag kommt – sie tun eine emotionale Wirkung. Sie machen die Musik unberechenbar und geschmeidig. Die Töne formen sich zu Melodielinien, und diese klingen frisch und neu, weil sie sich so frei entfalten.

Das ist aber nur der Anfang der Stücke. Später werden sie oft energischer; sie wachsen kraftvoll und entschlossen. Das sind zwei Seiten in Towers Musik. Sie kann ruhig und emotional sein, aber auch stark.

Tower wurde 1938 nördlich von New York City geboren. Aufgewachsen ist sie aber in Südamerika, wo ihr Vater als Bergbauingenieur arbeitete und sie ihre Liebe zum Rhythmus entdeckte. Sie ging ans Bennington College von Vermont und dann an die Columbia University, wo sie 1978 ihren Doktor in Komposition machte.

Die Columbia University war damals ein amerikanisches Zentrum der atonalen Musik. Und wie viele andere Komponisten geriet auch Tower in den Bann des Serialismus und der Atonalität. Das half ihr beim Aufbau subtiler musikalischer Konstruktionen, doch es tat ihrer Freude an beschwingten Rhythmen nicht gut. Sie musste ihre eigene Stimme finden, und dabei war Messiaen von großem Einfluss, besonders sein Quartett auf das Ende der Zeit, ein Stück, das sich mit völliger Freiheit entfaltet und nicht an irgendwelche Lehrmeinungen gebunden ist. Towers Musik wurde bald völlig individuell, erhielt scharfe, kräftige Dissonanzen, verwandte aber auch zartere Akkorde, pulsierende Rhythmen und sehnsüchtige Melodiefragmente, die aus tonalen Werken stammen könnten.

1969 gründete sie das später preisgekrönte Kammerensemble Da Capo Chamber Players, und das ist ein anderes Faktum ihrer Laufbahn. Sie ist ausübende Musikerin – Pianistin –, und sie schreibt Musik für andere Musiker. So ist ihre Musik eng mit den jeweiligen Instrumenten (und Instrumentalisten) verbunden, für die sie schreibt. Die vier Klavierstücke auf der vorliegenden CD huldigen dem Klavier; der Solopart der Oboe in Island Prelude dürfte jeden Oboisten faszinieren; und Wild Purple für Solobratsche bringt den scharfen, ungezähmten Ton der tiefsten Bratschensaite heraus.

Da überrascht es kaum, dass ihre Musik – mit all ihrer Freiheit und Gesanglichkeit und ihren lebhaften Rhythmen – einen solch großen Erfolg hat. Als eine der ersten Komponisten war Joan Tower composer in residence bei einem amerikanischen Orchester (der sehr guten St. Louis Symphony). Ihre Werke wurden von zahllosen andern Orchestern aufgeführt. Sie erhielt Aufträge von so bekannten Kammermusikensembles wie dem Emerson Quartet, dem Tokyo String Quartet und dem Muir Quartet sowie von der Kammermusikgesellschaft des Lincoln Center. Dazu kamen viele Auszeichnungen wie der internationale Grawemeyer Award, der womöglich angesehenste Preis, den ein Komponist gewinnen kann. Sie ist Mitglied der Akademie der Künste und Wissenschaften und der amerikanischen Akademie für Künste und Literatur. Seit 1972 ist sie Asher Edelman Professor of Music am Bard College. Jüngst wurde sie als erste Komponistin zur Teilnahme an „Made in America” eingeladen, einem bislang einzigartigen Programm, das Werke in Auftrag gibt, die dann von Orchestern in allen 50 amerikanischen Staaten aufgeführt werden sollen.

Diese biographischen Fakten können freilich nicht darstellen, wieviel Freude Tower machen kann und wie freimütig sie ist. Wenn die neue Musik vernachlässigt wird, so sagt sie, litten darunter sogar die großen Komponisten der Vergangenheit, weil die Leute deren Musik dann nicht mit dem kritischen Ohr hörten, das sie bei neuen Werken mitbringen. Wenn sie vor ihren Konzerten Einführungen in ihre Musik gibt, spricht sie oft von jenen Teilen ihrer Stücke, die sie selbst nicht mag, um das Publikum zu einer eigenen Meinung zu ermutigen.

Über die Werke auf dieser CD:

Das Streichquartett In Memory entstand nach dem Tod von Margaret Shafer, einer engen Freundin. Doch dann, so sagt Joan Tower, „kam einen Monat später der 11. September, und die Intensität des Stückes wurde größer. Es pendelt zwischen Schmerz, Liebe und Wut.” Schmerz und Wut werden recht ungestüm; dennoch entsteht jeder Abschnitt des Stückes ganz natürlich aus dem, was zuvor geschah. Am Ende mündet das Stück in einen einzigen Ton, der in sanften, trauererfüllten Atemzügen pulsiert. Big Sky für Klaviertrio – Klavier, Violine und Violoncello – „enthält das Bild einer großen Landschaft,” sagt Tower, „einen Himmel wie in Montana und einen einsamen, wilden Hengst vielleicht, der frei umherstreift. Bisweilen schaut er zu dem friedlichen, riesigen, blauen Himmel empor, dann wieder stürmt er wild und ungebunden über die grünen Berge dahin.” Die Musik kann verzückt sein und intim, während das Klavier hohe, sehnsüchtige Geigentöne durchquert. Doch dann beginnt das Pferd zu rennen, und die Musik stürzt empor, um sich in glänzenden, schwankenden, rhythmischen Akkorden aufzulösen.

„Mir erscheint der Klang der Bratsche wie Purpur,” sagt Joan Tower. Das erklärt zum einen Teil den Titel ihres Bratschensolos Wild Purple. Und der andere Teil? „Ich wollte versuchen, ein recht virtuoses Bratschenstück zu schreiben,” sagt Tower, „und es gibt hier eine Bratschengeschichte für Insider, da man sich die Bratsche nie als besonders ,wild’ vorstellt.” Für gewöhnlich klingt die Bratsche verschleiert und zurückhaltend – hier aber nicht! Das Ganze beginnt sehr ruhig. Doch schon bald gibt es eine zerklüftete Unterbrechung. Als nächstes hören wir erstmals zwei Töne gleichzeitig, und dann bewegt sich das Stück in die Höhe. Es erobert einen neuen Raum und explodiert in Grausamkeit.

Als nächstes kommen vier Klavierstücke, die unabhängig voneinander entstanden, aber als Gruppe veröffentlicht wurden. Ihre Titel sind Zeilen aus dem Gedicht No Longer Very Clear von John Ashbery. Das erste Stück Holding a Daisy handelt von Georgia O’Keefes Blumenbildern, von denen Tower sagt, sie seien „so kraftvoll und beinahe erschreckend in ihrer Stärke.” Einfache Akkorde steigern sich zu etwas Großem und Starken. Das Ende ist dann wieder ruhig und klingt eher wie eine Pause als ein Abschluss.

Das nächste Stück, Or Like a...an Engine, ist in ständiger Bewegung. Versuchen Sie beim Hören doch zu erraten, was als nächstes geschieht! Es wird nicht leicht sein. Vast Antique Cubes erforscht auf sanfte und ruhige Weise, was Tower als „ausgebreitete Räume des Klaviers” bezeichnet. Das Stück bevorzugt die Aufwärtsbewegungen, erreicht aber klarere Bestimmungsorte als man erwarten sollte. Das letzte Klavierstück, Throbbing Still, ist nach Tower „ein weiteres motorisches Stück, das etwas von meinen Strawinsky- und Bach-Erinnerungen enthält.” Es ist voller Überraschungen und scheint an vielen Stellen in erregenden Rhythmen zu beben, während die Klaviertextur und die Harmonien dieselben bleiben und so – wie es der Titel vermuten lässt – der Eindruck entsteht, die Musik bewege sich irgendwie vorwärts, indessen sie gleichzeitig aber auch stillsteht.

Die CD endet mit Island Prelude für Oboe und Streichquartett. Von diesem Stück gibt es auch eine Fassung für Oboe und Streichorchester sowie eine weitere für Oboe und Holzbläser. Hier sollte die Oboe nach Towers Worten „wie ein großer solistischer Vogel” klingen. Sie schrieb die Musik für ihren Ehemann Jeff Litfin und suchte nach „etwas voller Liebe und Sinnlichkeit. Ich stellte mir als Schauplatz ein tropisches Eiland auf den Bahamas vor.” Die Oboe spielt schmerzliche, sehnsüchtige Melodien, doch sie erhebt sich auch in lebhafter, leidenschaftlicher Erregung. Zum Schluss scheint die Musik nicht wirklich ans Ende zu kommen: Sie hört einfach auf.

Greg Sandow
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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